Anthroposophie

Lieber Leser,

Aus der Vielfalt meiner Arbeiten habe ich hier einige ausgesucht, die mein Verhältnis zur Anthroposophie besonders klar beleuchten und die dann und wann Interesse gefunden haben. Es ist möglich, diese Arbeiten herunter zu laden und sich auszudrucken.

Die Rosenkreuzmeditation nach Rudolf Steiner

Einleitung

Was hat die Rosenkreuz-Meditation mit der Chymischen Hochzeit zu tun? Tatsächlich kommt sie darin nicht vor. Aber ich habe mir seit langem die Frage gestellt, was hat Christian Rosenkreutz eigentlich am Karfreitag abend, am Beginn des Geschehens der Chymischen Hochzeit, getan? Was hat er meditiert? Über den Inhalt seiner Meditation sagt der Wortlaut der Erzählung scheinbar nichts aus. Doch war das Ergebnis dieser Meditation, dass er aus seinem Leibe so weit heraustreten konnte, dass er den Engelsboten wahrnehmen konnte, der ihm die Einladung überbrachte.

Vielleicht gibt uns eine nähere Betrachtung der Rosenkreuz-Meditation, und zwar in der Weise, wie Rudolf Steiner sie pflegte, darüber Aufschluß.

 

Die Rosenkreuz-Meditation ist in der Form, in der sie Rudolf Steiner vermittelt hat, eine der am weitesten verbreiteten Meditationen des Westens geworden. Sie ist geeignet, das Spezifische der anthroposophischen Art des Meditierens anschaulich zu machen. Ihre Methode rekapituliert auch den ganzen Weg der abendländischen Geistanschauung. Schließlich ist sie ein geeignetes Mittel, sich von der Realität des Wesens Christian Rosenkreutz zu überzeugen. Denn ihr Gehalt ist ein wesentlicher Bestandteil des Seelen- und Geisteslebens von Christian Rosenkreutz.

Alter und Ursprung der Rosenkreuz-Meditation

Doch stammt die Rosenkreuz-Meditation nicht von Rudolf Steiner. Das bezeugt beispielsweise der Theosoph und spätere Anthroposoph Michael Bauer. Michael Bauer war einer der fortgeschrittensten Schüler Rudolf Steiners, ein Freund Christian Morgensterns und „ein Bürger beider Welten“, wie es Margareta Morgenstern ausdrückte. Der 1879 geborene Anthroposoph wurde im Juli/August 1904, also gleich zu Beginn derselben, Mitglied der Esoterischen Schule Rudolf Steiners. Später leitete er den Nürnberger Kreis der esoterischen Schüler Steiners. Vermutlich gehörte er auch zu dem damals bestehenden Zwölferkreis, dem höchsten Gremium der E.S. in der deutschen Sektion. Michael Bauer berichtet nun aus seiner Studentenzeit, die er seit etwa 1897 in München verlebte, das folgende: „Mein Schicksal wollte es, dass ich damals auch mit einer Somnambulen bekannt wurde. Ihre Fähigkeiten konnten mich nur in der Gewißheit bestärken, daß in der Seele des Menschen vieles schlummert, was aufgeweckt zu werden wert ist. Aus ihrem Munde hörte ich zum erstenmal von den Rosen am Kreuz sprechen. Sie gab auch noch die beste Anleitung, wie das Üben zu geschehen habe. Im Verfolg ihrer Ratschläge machte ich selber die ersten vereinzelten übersinnlichen Erfahrungen.“[1] Das war zwischen 1897 und 1901, also zu einer Zeit als Rudolf Steiner noch keinerlei okkulten Unterricht gab.


[1] Zitiert nach Margareta Morgenstern. Michael Bauer. Ein Bürger beider Welten. R.Piper Verlag, München. 1950. S.46. 

Wie alt diese Übung ist, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Schon Goethes 1784/85 entstandenes Gedicht ‚Die Geheimnisse‘ verdankt sich einer rosenkreuzerischen Inspiration, und zwar aus der Michael-Schule. Goethe kennzeichnet sein Gedicht in diesem Sinne, indem er über dem Tor des abgelegenen Heiligtums, zu dem der Bruder Markus im Gebirge den Weg findet, ein Rosenkreuz anbringt:

„Und auf dem Bogen der geschloßnen Pforte

Erblickt er ein geheimnisvolles Bild.

Er steht und sinnt, was hat das zu bedeuten?

Das Zeichen sieht er prächtig aufgerichtet,

Das aller Welt zu Trost und Hoffnung steht,

Zu dem, viel tausend Geister sich verpflichtet,

Zu dem viel tausend Herzen warm gefleht,

Doch von ganz neuem Sinn wird er durchdrungen,

Es steht das Kreuz mit Rosen dicht umschlungen.

Wer hat dem Kreuze Rosen zugesellt?“ [1]

 

Bruder Markus findet, wie Steiner zusammenfasst, „da das Kreuz, aber in besonderer Art: das Kreuz von Rosen umwunden. Und er spricht da ein bedeutungsvolles Wort, das nur derjenige verstehen kann, der da weiß, wie oft und oft jenes Kennwort in den geheimen Bruderschaften gesprochen worden ist: ‚Wer hat dem Kreuze Rosen zugesellt?‘ Und in der Mitte des Kreuzes sieht er drei Strahlen wie von der Sonne ausgehen. Er braucht sich nicht in Begriffen die Bedeutung dieses tiefen Symbolums vor die Seele zu rufen. Es lebt in seiner Seele, seiner reifen Seele, Empfindung und Gefühl dafür. Seine reife Seele kennt alles, was darin liegt.“[2]

Wenn Goethe das Bild des Kreuzes mit den Rosen als Symbol über der Eingangstür anbrachte, dann maß er ihm einen hohen und zwar den Kreis der Bewohner des Hauses kennzeichnenden Charakter bei. Er sah es als ein Symbol an, dass für diesen erdichteten aber nicht nur erdichteten Kreis eine starke Symbolkraft hat.


[1] J.W.Goethe, Die Geheimnisse. Goethes Werke. Band II (Hamburger Ausgabe). Textkritisch durchgesehen und kommentiert von Erich Trunz. C.H.Beck, München. S.271-281, hier S.272-3.

[2] Rudolf Steiner. ‚Die Geheimnisse‘ ein Weihnachts- und Ostergedicht von Goethe. Köln 25.12.1907.  In: G.A.98, S. 66.

    Vor der Abfassung dieser Dichtung hatte Goethe anregende Gespräche, und zwar mit Johann Gottfried Herder und Frau von Stein.[1] Herders große historischen Ideen hatten Goethe begeistert. Herder hatte schon 1774 die Geistesgeschichte als eine „Epopee Gottes durch alle Jahrtausende, Weltteile und Menschengeschlechte“ begriffen, als einen „Gang Gottes über die Nationen“.[2] Indem Herder 1781 den Menschen zum höchsten Geschöpf in der „großen Gestaltenkette der Naturwesen“[3] machte, wurde der Mensch ihm zugleich zum untersten Glied einer Welt geistiger Wesen. Ein Mittelwesen wurde er. Auf dem fruchtbaren Acker solcher Gedanken konnte die Imagination der Zwölf, die durch den Dreizehnten in ihrer Mitte unter dem Zeichen des Rosenkreuzes geeint wurden, Gestalt annehmen. Denn die zwölf, zu denen Bruder Markus kommt, sollten nach Goethes Worten Repräsentanten der großen Kulturen und ihrer Religionen sein, die wiederum Ausdruck der Vielfalt der geistigen Welt waren. Goethe lebte in dieser Zeit in einem Kreis von Menschen, die von derselben Geistigkeit inspiriert waren wie er. 


[1] Erich Trunz. Kommentar zu ‚Die Geheimnisse‘. In: Goethes Werke (sog. Hamburger Ausgabe). Bd. II, München 1976. S.653.

[2] Johann Gottfried Herder. Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit. 1774

[3] Johann Gottfried Herder. Drei Gespräche über die Seelenwanderung. …. 1781.

    Nun bezeichnet Rudolf Steiner die Frage ‚Wer hat dem Kreuze Rosen zugesellt?‘ ausdrücklich als ein Kennwort in den geheimen Bruderschaften. Wenn er das zu Recht sagt, muss er selbst das Kennwort kennen. Vor allem aber muss auch Goethe es gekannt haben. Und in der Tat ist Goethe 1780 von J.J.C. Bode in Weimar in die Loge Amalia aufgenommen worden.[1] 1782, also zwei Jahre vor der Abfassung der ‚Geheimnisse‘, ist er in einer Loge der Templerischen Strikten Observanz in Weimar in die Rittergrade erhoben worden. Da in den Rittergraden tatsächlich ein Raum, der dem von Goethe beschriebenen recht ähnlich ist, genutzt wurde, zeigt sich, dass Goethe einerseits seinen Genius an den Ideen seiner Freunde entzündete, aber andererseits auch an Erlebnissen, die er in einer Freimaurerloge gehabt hat. Diese Inspirationen flossen – sich gegenseitig ergänzend und beleuchtend – 1785 in ein einheitlich geformtes Kunstwerk ein: ‚Die Geheimnisse‘.

    Dabei ist zu berücksichtigen, dass damals das Wort ‚Geheimnisse‘ synonym gebraucht wurde mit dem Wort ‚Mysterien‘. So wurden z.B. die Mysterien von Eleusis vielfach als die Geheimnisse von Eleusis bezeichnet.[2] Unter diesem Gesichtspunkt könnten Goethes Stanzen auch den Titel tragen ‚Die Mysterien‘.


[1] Susanne B.Kellner (Hrsg.). Königliche Kunst. Freimaurerei in Hamburg seit 1737. Hamburg 2009. S.24

[2] Vgl. z.B.: [Anonym] Über die alten und neuen Mysterien. Berlin 1782. – Der Verfasser ist nach eigenem Bekunden an anderer Stelle der evangelische Konsistorialrat und Freimaurer Johann August Starck (1741-1816). In den beiden Kapiteln über Eleusis unterscheidet er die großen und die kleinen ‚Geheimnisse‘.

Das Bild der zwölf Repräsentanten der großen Strömungen des menschlichen Geisteslebens, die von einem Dreizehnten in Harmonie gebracht werden, ruft natürlich das Bild des Abendmahls wach; aber es weckt auch die Erinnerung an die Initiation des Christian Rosenkreutz in der Mitte des 13. Jahrhunderts[1] und dessen Wiederkehr hundert Jahre später, um mit den Schülern der Zwölfe die Arbeit fortzusetzen.[2] Was von diesem Kreis als Symbolik erarbeitet worden ist, wurde im 17. Jahrhundert von Hinricus Madathanus Theosophus gesammelt und 150 Jahre später 1785 – eben zur Zeit der Abfassung der ‚Geheimnisse‘ – in Altona, das damals noch Dänisch war, veröffentlicht.[3] Auf den Tafeln dieses Druckwerks ist allerdings kein Kreuz mit sieben Rosen zu finden. Lediglich auf dem Titelblatt des ersten Heftes findet sich ein goldenes Kreuz mit einer Rose. Es ist dennoch mit einem erheblichen Alter der Rosenkreuz-Meditation zu rechnen, ja sie könnte aus den Anfangszeiten des Rosenkreuzertums, vielleicht sogar direkt von Christian Rosenkreutz stammen. Denn sowohl in der ‚Chymischen Hochzeit‘ tritt der Name Rosenkreuz auf wie auch in den ‚Geheimen Figuren‘.


[1] Rudolf Steiner. 27.9.1911 in Neuchâtel. In G.A. 130. Das esoterische Christentum und die geistige Führung der Menschheit. Dornach 1962. S.57-68. Hier S.61

[2] Rudolf Steiner. 28.9.1911 in Neuchâtel. In G.A. 130. Das esoterische Christentum und die geistige Führung der Menschheit. Dornach 1962. S.69-79. Hier S.69

[3] Die Lehren der Rosenkreuzer aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Erstes Heft. Aus einem alten Mscpt zum erstenmal ans Licht gestellt. Altona 1785. Neu hrsg. Von Walter Schneider. Verlag Engel & Co., Stuttgart 2006.

Rudolf Steiner als Rosenkreuzer

Rudolf Steiner hat nie eine andere okkulte Bewegung inaugurieren wollen als eine abendländisch-christliche, und zwar eine rosenkreuzerische. Er hat seine Absicht, eine mitteleuropäische okkulte Bewegung ins Leben zu rufen oder zumindest zu erneuern, auch vor niemandem verborgen gehalten. Als er innerhalb der durch Helena Blavatsky zunächst buddhistisch tingierten Theosophischen Gesellschaft seine Geisteswissenschaft entwickelte, mit der er an den mitteleuropäisch rosenkreuzerischen Okkultismus der Zeit um 1800 anknüpfte, wurde das von Anfang an in Europa und in Adyar (Indien) bemerkt.

1902 hat er in London erklärt, die deutsche Sektion, die er leiten solle, werde an die deutschen Theosophen vor hundert Jahren anknüpfen, an Goethe und Fichte, an Schiller und Hegel. 1904 hat er Annie Besant in Hamburg deutlich gemacht, dass er auch in der Esoterischen Schule an den gewaltigen okkulten Impuls der Goethezeit anknüpfen werde, nicht an die indische Theosophie und deren Übungswege. Und 1906 hat er im Gegensatz zu Annie Besant, die dem Freimaurerorden ‚Le Droit Humaine‘ beigetreten war, und im Begriffe war, dessen Obödienz im Gefolge der Theosophical Society über die ganze Welt zu verbreiten, seine der Freimaurerei ähnlichen Rituale in den Rahmen der Memphis-Misraim Strömung eingebunden, deren Wirkensweise Steiner auf den Prinzen Carl von Hessen, den Grafen Saint Germain und auf Guiseppe Balsamo, genannt Cagliostro, zurückführte.

John Yarker hatte die beiden ägyptischen Maurereien von Memphis und von Misraim vereinigt. In den 32o dieser Maurerei hatte Yarker auch Helena Blavatzky adoptiert. Indem Rudolf Steiner, den Theodor Reuß ebenfalls als einen Bruder im 32o anerkannte, die Esoterische Schule wieder ihrer Aufgabe übergab, die ersten Schritte zu einer esoterischen Entwicklung zu ermöglichen, und daran die Grade der ägyptischen Maurerei anschloss, stellte er die esoterische Schule Blavatzkys in ihrer ursprünglichen Form wieder her, die ebenfalls nach der ersten Stufe der E.S. die freimaurerischen Rituale umfasste – wahrscheinlich diejenigen, die John Yarker geschaffen hatte.

Allerdings hat Rudolf Steiner gemäß der inneren Notwendigkeit des menschheitlichen Verwandlungsstrebens die Rituale in freier Weise neu gestaltet. Sein Buch ‚Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?‘ bricht an einer Stelle ab, an der es keine allgemein verbindlichen weiteren Schritte mehr gibt. Der Eingeweihte ist der wahre ‚Freie Mensch‘. Die sich zur Freiheit empor ringende Seele ist es, die wenn sie in der Freiheit der Willkür entsagt, gemäß der erlebten und geliebten Notwendigkeit des inneren Weges Rituale schaffen kann, deren Wirksamkeit ihre Berechtigung wiederspiegelt. Demgegenüber erscheint das ängstliche Festhalten an Ritualen, deren ehemalige Wirksamkeit auf Grund vieler kleinerer und größerer willkürlicher Veränderungen verloren gegangen ist, und die nurmehr einen ästhetischen Abglanz ihrer ursprünglichen Bedeutung zu geben vermögen, gegenüber der weiter bestehenden Aufgabe solcher Vorgänge unzureichend. Mut und Demut sind die Schlüssel zum Verständnis der Arbeit Rudolf Steiners an der Erneuerung des freimaurerischen Strebens. In dessen Mitte steht die Tempel-Legende, deren Formulierung Rudolf Steiner ebenfalls Christian Rosenkreutz zuschrieb.

Kurz, Rudolf Steiner galt in der Theosophical Society als „der“ Rosenkreuzer.[1] Es ist daher nicht verwunderlich, dass die zentrale Meditation, die Rudolf Steiner in seinem Hauptwerk, der ‚Geheimwissenschaft im Umriß‘, 1910 beschrieben hat, das Rosenkreuz zum Inhalt hat.

 


[1] Wie die Entstehung von Max Heindels Werk vor diesem Hintergrund anzusehen ist, wäre eine Untersuchung wert, der sich Schüler des Lectorium Rosicrucianum und Anthroposophen einmal gemeinsam widmen sollten. So wie es französisch deutsche Schulbuch-Kommissionen gibt, könnte ich mir auch eine gemischte Arbeitsgruppe vorstellen, die dieses leidige Thema aufarbeiten könnte. Ich  bin dazu bereit.

Die Rosenkreuz-Meditation

Nach einem europäischen Kongress in München 1907 löste sich Rudolf Steiner auch im Rahmen der Esoterischen Schule (E.S.) aus der dort noch bestehenden Abhängigkeit von Annie Besant. Dies geschah ausdrücklich unter Berufung darauf, dass er einen christlich rosenkreuzerischen Weg gehe, der nicht der Weg der östlichen E.S. sei. Annie Besant war an Stelle der Verbundenheit H. P. Blavatskys mit dem Buddha-Impuls eine Verbindung mit dem viel älteren Hinduismus eingegangen. Während das Wirken Buddhas als eine notwendige Vorbereitung der Menschheit auf den sich inkarnierenden Christus verstanden werden kann, gelangte Annie Besant in eine ablehnende Haltung gegenüber dem Christentum. Besant erkannte aber Steiner als einen guten Lehrer auf seinem Wege an und trat ihm gewissermaßen die rosenkreuzerisch-christliche Abteilung der E.S. ab.

Vor und nach dem europäischen Kongress der Europäischen Theosophischen Sektion in München hat Rudolf Steiner in vielen Städten „Die Theosophie des Rosenkreuzers“[1] dargestellt sowie die Lehre von den drei Wegen in die Geistige Welt: dem östlichen, dem christlichen und dem christlich-rosenkreuzerischen. 


[1] München (22.5.-6.6.1907), Kassel (16.-29.6.1907) sowie viele Einzelvorträge. Parallel dazu beginnt er die Geisteswissenschaft in Anknüpfung das Johannes-Evangelium darzustellen: Berlin (19.2.-5.3.1905) München (27.10.-6.11.1906), München (22.4.-15.5.1907), Basel (16.-25.11.1907), Hamburg (18.-31.5.1908), Nürnberg (17.-30.6.1908) usw.

Nach 1907 hat Rudolf Steiner in den ersten Zweigräumen auch unter dem Symbol eines Rosenkreuzes gesprochen. Abbildungen des Arbeitsraumes des Pythagoras-Zweiges in Hamburg zeigen beispielsweise ein Rednerpult, hinter dem ein Durchgang in einen Nebenraum führt. Oberhalb des Türrahmens und damit über dem Kopf des Redners war ein gleichschenkliges Dreieck aus Holz angebracht, dessen Grundseite die Breite des Türrahmens hatte. Darin war ein stehendes Oval eingelegt, in dem ein schwarzes Kreuz mit sieben Rosen um die Mitte zu sehen war. Der Raum befand sich im Curiohaus an der Rothenbaumchaussee. Öffentliche Vorträge fanden in Hamburg damals im Haus der Patriotischen Gesellschaft statt. Dort war bei solchen Gelegenheiten hoch über dem Pult ein quadratischer Rahmen angebracht, in den ein von hinten illuminierter Fünfstern (kein Fünfeck) eingefügt war. Auf den Fünfstern war das schwarze Kreuz gemalt, um dessen Mitte wieder die sieben roten Rosen angeordnet waren.

Saal im Patriotischen Gebäude, hergerichtet für einen Vortrag Rudolf Steiners. ~1910. Foto aus dem Nachlaß von Hans Wilde.

Auch auf einigen Titelblättern von Büchern Rudolf Steiners erschien in dieser Zeit das Rosenkreuz. Der Verleger Max Gysi, der die Rechte für die autorisierten Übersetzungen Steiners ins Englische besaß, druckte auf das Titelblatt derartiger Werke ein schwarzes Kreuz mit sieben roten Rosen, hinter dem sich ein Fünfstern befand, von dessen unbezeichneter Mitte Strahlen in alle Richtungen ausströmten, die von einem Kreisrund, das durch die Spitzen des Fünfsterns verlief, eingefasst wurden.[1] Am Innenrand standen die Buchstaben: EDN. ICM. PSSR. Hinter den Buchstaben verbergen sich die drei lateinischen Sätze: „Ex Deo nascimur. In Christo morimur. Per spiritum sanctum reviviscimus.“ In deutscher Sprache heißt das: „Aus Gott sind wir geboren. In Christo sterben wir. Durch den Heiligen Geist werden wir wiedergeboren.“


[1] Z.B. auf ‚Mystics oft the Renaissance and their relation to modern thought’. By Rudolf Steiner, Ph.D.(Vienna). Authorised Translation from the German  by Bertram Keightley, M.A. (Cantabr.). London, The Theosophical Publishing Society. 1911.

Titelblatt von 'Mystics of the Renaissance', der englischen Übersetzung von 'Die Mystik im Aufgang des neuzeitlichen Geisteslebens...'

Die Beschreibung der Rosenkreuz-Meditation in der ‚Geheimwissenschaft im Umriß‘ (S.309-313) beginnt mit dem sogenannten ‚Aufbau des Bildes‘. Er dient dazu alle Seelenvermögen und alle Wesensglieder an der Meditation zu beteiligen. Der ganze Mensch erlebt denselben Inhalt mit jedem Wesensglied in je verschiedener Weise. Dadurch wird die Vielfalt des sog. natürlichen von den Hierarchien geschaffenen Geschöpfes zu einer vom Individuum verantworteten Einheit umgeschmolzen. Der maßgebliche Text lautet: 

Zunächst muss eine solche Vorstellung erst in der Seele aufgebaut werden. Das kann in folgender Art geschehen:

Man stelle sich eine Pflanze vor, wie sie im Boden wurzelt, wie sie Blatt nach Blatt treibt, wie sie sich zur Blüte entfaltet.“

Das scheint zunächst ganz einfach. Doch ist die Beschreibung eine außerordentlich genaue und erfordert eine gewisse Beobachtung des Vorgangs vor Augen. Diese Beobachtung kann z.B. an einer keimenden Bohne erfolgen, die als erstes die Wurzel ausstreckt, zur Seite biegt und in die Erde versenkt. Dann hebt der Keim den Stengel hoch, wirft die Reste der Schale ab und entfaltet das erste oder die ersten Blätter. Der Stil strebt weiter nach oben, entfaltet weitere Blätter, zieht sich erneut zusammen und bringt die Blüte hervor. Stellt man sich diesen Prozess lebendig vor, „wie“ die Pflanze im Boden wurzelt, „wie“ sie Blatt nach Blatt treibt, „wie“ sie sich zur Blüte entfaltet, dann wird man die Auseinandersetzung eines Wesens gewahr, das sich geradezu spielerisch mit Licht und Finsternis auseinandersetzt. Ohne irgendwelchen Gefährdungen ausgesetzt zu sein, vertraut sie sich ganz der Schwere der Erde an, und öffnet sich ganz den Wirkungen des Lichts.

Es ist bemerkenswert, dass in diese erste Tätigkeit noch die Sinne eingebunden sind. Nachdem man aber beobachtet hat, wie sich der Vorgang abspielt, löst man sich davon und stellt ihn nur vor. Es ist der Übergang vom Leib zur Seele, vom Empfindungsleib zur Empfindungsseele, der in diesem ersten Akt geschieht.   

Und nun denke man sich neben diese Pflanze einen Menschen hingestellt.

Man mache den Gedanken in seiner Seele lebendig, wie der Mensch Eigenschaften und Fähigkeiten hat, welche denen der Pflanze gegenüber vollkommener genannt werden können.

Man bedenke, wie er sich seinen Gefühlen und seinem Willen gemäß da und dorthin begeben kann, während die Pflanze an den Boden gefesselt ist."

Neben die erste Vorstellung soll der Betrachter nun eine zweite Vorstellung setzen: Nicht einen ichhaft tätigen, sondern einen ‚hingestellten‘ Menschen. Damit ist auf den natürlichen Menschen mit seinen angeborenen Fähigkeiten gedeutet.

Während es im ersten Schritt allein um das sachgemäße Vorstellen ging, fordert uns das Nebeneinander der zwei Vorstellungen zum Vergleich auf. Die Natur hat dem Menschen weit mehr Möglichkeiten und Fähigkeiten anvertraut als der Pflanze. Indem wir vergleichen, gehen wir über von der Empfindungsseele zur Verstandes- und Gemütsseele. Wir ziehen denkend Fäden von Ding zu Ding. Und das Gemüt beginnt auf dem gedachten Zusammenhang, den wir nicht sinnlich wahrnehmen können, der nur in uns auffindbar ist, zu ruhen und dessen Tragweite und Tiefe zu erleben. Der Meditant darf sich freuen über seine geschöpfliche Auszeichnung.

Nun aber sage man sich auch:

ja, gewiss ist der Mensch vollkommener als die Pflanze; aber mir treten dafür auch an ihm  Eigenschaften entgegen, welche ich an der Pflanze nicht wahrnehme, und durch deren Nichtvorhandensein sie mir in gewisser Hinsicht vollkommener als der Mensch erscheinen kann.

Der Mensch ist erfüllt von Begierden und Leidenschaften; diesen folgt er bei seinem Verhalten. Ich kann bei ihm von Verirrungen durch seine Triebe und Leidenschaften sprechen.

Bei der Pflanze sehe ich, wie sie den reinen Gesetzen des Wachstums folgt von Blatt zu Blatt, wie sie die Blüte leidenschaftslos dem keuschen Sonnenstrahl öffnet."

Zu der natürlichen Freude an der eigenen Überlegenheit tritt die besonnene Betrachtung der eigenen Fehler hinzu, die durch den daraus erwachsenden Ernst das Gleichgewicht der Seele wiederherstellt. Wir betrachten uns ganz von außen und sehen uns an als wären wir ein Fremder. Wir bemerken, dass wir Eigenschaften haben, die uns nicht gefallen, ja die wir verurteilen müssen. Dazu ist nötig, dass in die Seele, wenn auch unbewusst bereits ein höheres Bild von uns selbst, ein Ideal, hereinleuchtet. Doch ist es noch nicht vollbewußter Seeleninhalt sondern wird zunächst an der Ablehnung dessen, was nicht zu diesem Bild passt, erlebt. Sich sich selbst gegenüber stellen können, ist ein Kennzeichen der Bewußtseinsseele. Wir beginnen uns selbst als Zweiheit zu erleben: das irdisch verwirklichte Ich und das himmlisch wirken wollende ‚Ich‘. Und nun spricht der eine zum andern, ich zu mir:

Ich kann mir sagen: der Mensch hat eine gewisse Vollkommenheit vor der Pflanze voraus; aber er hat diese Vollkommenheit dadurch erkauft, dass er zu den mir rein erscheinenden Kräften der Pflanze in seinem Wesen hat hinzutreten lassen Triebe, Begierden und Leidenschaften.

Ich stelle mir nun vor, dass der grüne Farbensaft durch die Pflanze fließt und dass dieser der Ausdruck ist für die reinen, leidenschaftslosen Wachstumsgesetze.

Und dann stelle ich mir vor, wie das rote Blut durch die Adern des Menschen fließt und wie dieses der Ausdruck ist für die Triebe, Begierden und Leidenschaften.

Das alles lasse ich als einen lebhaften Gedanken in meiner Seele erstehen.“

Derselbe grundlegende Dreischritt wird nun wiederholt, indem die Aufmerksamkeit auf das entwicklungsfähige Wesen gelenkt wird: ich stelle mir vor – ich denke mir – ich nehme das Bild als Ausdruck. Was der Meditant sich jetzt vorstellt, ist ganz Ausdruck des Geistselbst. Erst ist es der Blick auf die Erfahrung vergangener Läuterungs-Taten. Dann folgt der Blick auf den eigentlichen nur im dauernden Jetzt zu erlebenden Umwandlungsprozeß. Und schließlich wird hingeblickt auf das Zukunftsideal oder -bild des menschlichen Blutes, den verwandelten Ich-Träger.

Was nun geschieht, „kann“ ich mir sagen, ich muß es nicht. Ich bringe meine Befindlichkeit in ein Sinnbild. Die Farbe Grün lässt in den meisten Changierungen den Betrachter weitgehend in Ruhe. Das wird eben beim Spazierengehen so angenehm erlebt. Man stelle sich vor, alle Blätter wären rot! Wir erleben an dem Grün der Pflanzen tatsächlich etwas von ihrem absichtslosen, uneigennützigen Leben. Dadurch, dass wir die beiden Eigenschaften, die der Pflanze und die des Menschen, so verdichten, kann in der Seele die Sehnsucht aufkeimen, es möchte die Unruhe des menschlichen Blutes der Ruhe des grünen Pflanzensaftes ähnlicher werden. Darin erlebt das Gemüt das nächst höhere Wesensglied, das Geistselbst. Es ist noch nicht so, dass das Geistselbst zu sich kommt, aber das Gemüt wird davon berührt.    

Dann stelle ich mir weiter vor, wie der Mensch entwicklungsfähig ist; wie er seine Triebe und Leidenschaften durch seine höheren Seelenfähigkeiten läutern und reinigen kann.

Ich denke mir, wie dadurch ein Niederes in diesen Trieben und Leidenschaften vernichtet wird und diese auf einer höheren Stufe wiedergeboren werden.

Dann wird das Blut vorgestellt werden dürfen als der Ausdruck der gereinigten und geläuterten Triebe und Leidenschaften.“

„Ich blicke nun z.B. im Geiste auf die Rose und sage mir: in dem roten Rosensaft sehe ich die Farbe des grünen Pflanzensaft umgewandelt in das Rot; und die rote Rose folgt wie das grüne Blatt den reinen, leidenschaftslosen Gesetzen des Wachstums.

Das Rot der Rose möge mir nun werden das Sinnbild eines solchen Blutes, das der Ausdruck ist von geläuterten Trieben und Leidenschaften, welche das Niedere abgestreift haben und in ihrer Reinheit gleichen den Kräften, welche in der roten Rose wirken.“

An dieser Stelle geschieht etwas im Verborgenen, was Rudolf Steiner nie ausspricht, aber immer anspricht. Es ist das Erwachen des freien Menschenwesens. Der Meditierende stellt auf Grund des Rates Rudolf Steiners Bilder vor sich, die dazu führen können, dass das Höhere Ich im Menschen erwacht, dass es seiner selbst inne wird und sich in diesem Bild erkennt: „Ich erkennet Sich.“ Aus Liebe zu dem eigenen Ideal verbindet sich der Geist mit dem Selbst, lässt sich das Selbst vom Geist durchdringen. Das Geist-Selbst tritt in die Bewußtseinsseele ein. Das eigene menschliche Ideal will sich selbst. Deshalb sagt Rudolf Steiner nur: „Das Rot der Rose möge mir nun werden …“. Diesen Schritt kann man nicht fordern, nur erwarten. Wenn er aber eintritt wird die Bewußtseins-Seele zur Selbstbewußtseins-Seele. In diesem einen Ideal ist das Geistselbst wirklich im Leibe anwesend und beginnt sich zu verkörpern.

Ich versuche nun, solche Gedanken nicht nur in meinem Verstande zu verarbeiten, sondern in meiner Empfindung lebendig werden zu lassen.

Ich kann eine beseligende Empfindung haben, wenn ich die Reinheit und Leidenschaftslosigkeit der wachsenden Pflanze mir vorstelle; ich kann das Gefühl in mir erzeugen, wie gewisse höhere Vollkommenheiten erkauft werden müssen durch die Erwerbung der Triebe und Begierden.

Das kann die Beseligung, die ich vorher empfunden habe, in ein ernstes Gefühl verwandeln; und dann kann ein Gefühl eines befreienden Glückes in mir sich regen, wenn ich mich hingebe dem Gedanken an das rote Blut, das Träger werden kann von innerlich reinen Erlebnissen wie der rote Saft der Rose. Es kommt darauf an, dass man nicht gefühllos sich den Gedanken gegenüberstelle, welche zum Aufbau einer sinnbildlichen Vorstellung dienen.

Den Anfang macht das höhere Selbst damit, dass es sein inneres Selbsterleben in den Erlebnissen der Sinne verankert. Die Erlebnisfähigkeit, die es an dem eigenen Ideal geübt hat, streckt es in die Sinnestätigkeit hinein und beginnt die Sinneswelt anders zu erleben, zunächst nur die vorgestellte Sinneswelt. Dadurch wird aber nach und nach auch der Sinnesapparat verwandelt. Der Beginn der Verkörperung des höheren Ich, des Geistselbstes, beginnt also – anthroposophisch gesprochen - mit einer Läuterung des Empfindungsleibes durch die Empfindungsseele.

Der Mensch darf zu der Freude am natürlichen Geschöpf und zu den ernsten Gefühlen, die sich an das Gewahrwerden der mißlichen Eigenschaften, die mit dem Selbständigwerden erworben werden, anschliessen, nun das Glück erleben, dass es in seiner Kraft liegt, die mißlichen Eigenschaften zu verwandeln. Der Wille, diese Verwandlung in Angriff zu nehmen und trotz des damit verbundenen Sterbeprozesses zu Ende zu führen bildet sich: 

Nachdem man sich in solchen Gedanken und Gefühlen ergangen hat, verwandle man sich dieselben in folgende sinnbildliche Vorstellung.

Man stelle sich ein schwarzes Kreuz vor.

Dieses sei Sinnbild für das vernichtete Niedere der Triebe und Leidenschaften; und da, wo sich die Balken des Kreuzes schneiden, denke man sich sieben rote strahlende Rosen im Kreise angeordnet. Diese Rosen seien das Sinnbild für ein Blut, das Ausdruck ist für geläuterte, gereinigte Leidenschaften und Triebe.

Eine solche sinnbildliche Vorstellung soll es nun sein, die man sich in der Art vor die Seele ruft, wie es oben an einer Erinnerungsvorstellung veranschaulicht ist.

Eine solche Vorstellung hat eine seelenweckende Kraft, wenn man sich in innerlicher Versenkung ihr hingibt. Jede andere Vorstellung muss man versuchen, während der Versenkung auszuschließen. Lediglich das charakterisierte Sinnbild soll im Geiste vor der Seele schweben, so lebhaft als dies möglich ist.-“

Die Umwandlung in ein Sinnbild ist der Schlussakt des Mysteriendramas, das der Meditierende mit sich selbst ausmachen muß. In dem Sinnbild steht der zukünftige Mensch vor sich selbst wie vor einem Spiegelbild. An diesem Bild erkennt er sich und erwacht zu sich.

Die eigentliche Kraft des Ich, die Kraft des „Ich bin der Ich-bin“ erwacht und kann immer mehr und mehr zur tragenden Kraft des inkarnierten Menschen werden.

Nicht Christus hängt an diesem Kreuz, aber das Sinnbild des verchristlichten Menschen. Das Aufblühen der sieben Rosen, der sieben geläuterten Wesensglieder verdankt der Mensch dem Hängen am Kreuz, dem angeschmiedet sein an seine Leiblichkeit.

Auch hier regt Rudolf Steiner nur an und fordert nichts. Er sagt, was man tun kann und wie es am wirksamsten gemacht wird; er sagt nicht: „Das mußt Du aus moralischen Gründen tun, wenn Du ein Christ, ein zur Schule des Rosenkreuzes gehöriger oder ein Anthroposoph sein willst!“ Keine moralische Forderung spricht er aus.

Langsam verlässt Rudolf Steiner diesen Höhepunkt seiner Beschreibung, indem er rückblickend noch einige Ratschläge und Hinweise gibt:

Was es heißen soll, dass das Sinnbild zum Zeichen wird, ist mir noch ein Rätsel. Ich vermute, dass es mit „Zeichen, Griff und Wort“ zu tun hat. Zwar kann man diese als willkürlich zu verabredende gegenseitige Erkennungsmittel verwenden. Doch müssen sie nicht so aufgefasst werden. Mir scheint, dass Rudolf Steiner hier darauf hinweisen will, dass die Empfindung so von der geläuterten Seele durchdrungen werden kann, dass sie als ‚Griff‘ erlebt wird: als Begegnung zweier Wesen an einer Fläche. Wenn man die Empfindung ansieht als zustande kommend in der Begegnung des Begreifenden und des Begriffenen, dann wird die Empfindung zum „Griff“. Das Bild wird zum Zeichen dadurch dass es Sinnbild wird. Ich mache es zum Zeichen, indem es Ausdruck meiner selbstgeschaffenen Individualität wird: wie eine Unterschrift. Über das Wort sagt Steiner hier nichts.

Rudolf Steiner sagt nicht: „Man darf das Sinnbild nicht ohne Aufbau vor die Seele stellen.“ Er begründet vielmehr, warum man das besser nicht tut, ohne zu sagen, dass man es nicht tun soll. Er gibt nicht eine Anweisung ohne Begründung sondern eine Begründung ohne Anweisung. Die Anweisung mag sich jeder selbst geben. Die Wirkung des Sinnbildes, das heißt auch der Entschluss ihm zu folgen, hängt deswegen vom Aufbau ab, weil durch den Aufbau der ganze Mensch in die Meditation einbezogen wird. Der Inhalt der Meditation, die Verwandlung des ganzen Menschen, die Umwandlung der sieben Wesensglieder durch die Vernichtung der niederen Elemente, wird im Vollzug der Meditation bereits begonnen. Inhalt und Form der Meditation stimmen überein. Der Vollzug der Meditation in der vorgeschlagenen Weise ist bereits der Anfang der Erfüllung des vorgestellten Sinnbildes. Dies ist die Ich-Form des Meditierens.

Es ist nicht bedeutungslos, dass dieses Sinnbild nicht einfach als eine weckende Vorstellung hier angeführt worden ist, sondern dass es erst durch gewisse Vorstellungen über Pflanze und Mensch aufgebaut worden ist. Denn es hängt die Wirkung eines solchen Sinnbildes davon ab, dass man es sich in der geschilderten Art zusammengestellt hat, bevor man es zur inneren Versenkung verwendet.

Stellt man es sich vor ohne einen solchen Aufbau erst in der eigenen Seele durchgemacht zu haben, so bleibt es kalt und viel unwirksamer, als wenn es durch die Vorbereitung seine seelenbeleuchtende Kraft erhalten hat.

Während der Versenkung soll man jedoch sich alle die vorbereitenden Gedanken nicht in die Seele rufen, sondern lediglich das Bild lebhaft vor sich im Geiste schweben haben und dabei jene Empfindung mitschwingen lassen, die sich als Ergebnis durch die vorbereitenden Gedanken eingestellt hat.

So wird das Sinnbild zum Zeichen neben dem Empfindungserlebnis.

Und in dem Verweilen der Seele in diesem Erlebnis liegt das Wirksame. Je länger man verweilen kann, ohne dass eine störende andere Vorstellung sich einmischt, desto wirksamer ist der ganze Vorgang.“

Wenn man die sieben Rosen als sieben Wesensglieder oder auch nur als sieben Lebensprozesse versteht, dann werden diese sieben Bereiche des Menschen durch ihre Läuterung zu Wahrnehmungsorganen. In ihnen spiegeln sich sieben Grundprozesse des Alls. Das Wort ‚Spiegeln‘ trifft es nicht genau. Man müßte eher sagen: sie werden durchsichtig und empfänglich für sieben Grundprozesse des Alls. Man kann daher das Rosenkreuz auch auf einen kosmischen Prozess beziehen, nicht nur auf einen innermenschlichen. Rudolf Steiner führt auch diesen kosmischen Bezug einmal 1913 durch:

Nach dieser Schilderung fügt Rudolf Steiner hinzu, dass es gut sei, „wenn man sich außer der Zeit, welche man der eigentlichen Versenkung widmet, öfters durch Gedanken und Gefühle der oben geschilderten Art den Aufbau des Bildes wiederholt.“  Den Aufbau möge man sich wiederholen, nicht die Versenkung in den Alltag tragen.

Makrokosmos - Mikrokosmos

Wenn man die sieben Rosen als sieben Wesensglieder oder auch nur als sieben Lebensprozesse versteht, dann werden diese sieben Bereiche des Menschen durch ihre Läuterung zu Wahrnehmungsorganen. In ihnen spiegeln sich sieben Grundprozesse des Alls. Das Wort ‚Spiegeln‘ trifft es nicht genau. Man müßte eher sagen: sie werden durchsichtig und empfänglich für sieben Grundprozesse des Alls. Man kann daher das Rosenkreuz auch auf einen kosmischen Prozess beziehen, nicht nur auf einen innermenschlichen. Rudolf Steiner führt auch diesen kosmischen Bezug einmal 1913 durch:

So sehen wir sieben Gestirne im Weltenraum: Die sieben Rosen des Himmelsraumes, wie wir sie sehen in unserem Symbolum, dem Rosenkreuz, als sozusagen Achtes die dreifache Sonne.“

Die in der letzten esoterischen Stunde hier gegebenen mantrischen Sätze kann man meditieren in dem Sinne und mit den Empfindungen, die sich aus dem heute Gesagten ergeben haben. Diese geistigste Sonne, den Christus, immer mehr und mehr zu erfassen, ihn immer stärker in sich zu erwecken und zu empfinden, das muß die Aufgabe eines jeden Esoterikers sein. Es gab einen Eingeweihten der nachchristlichen Zeit, der nicht hinauf konnte zu diesem Christus, der ihn nicht erfassen konnte und dessen tragisches Ende dieser Tatsache zugrunde liegt. Es war Julian Apostata.“

So müssen wir dahin gelangen, durch meditatives Nachdenken dessen, was in dieser Stunde gegeben ist, immer mehr und mehr zu verstehen die Worte unseres Rosenkreuzerspruches: Ex Deo nascimur - In Christo morimur - Per Spiritum Sanctum reviviscimus - und desjenigen Spruches, den uns gegeben die Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen [und den wir] am Ende einer jeden esoterischen Stunde [hören]: Im Geiste lag der Keim meines Leibes ... In meinem Leibe liegt des Geistes Keim...[1]


[1] Rudolf Steiner. Esoterische Stunde in Stuttgart, 18.5.1913. In: R. Steiner. Aus den Inhalten der Esoterischen Stunden. Gedächtnisaufzeichnungen von Teilnehmern … Band III. Gesamtausgabe Band 266 / 3, Dornach 1998. S.132.

Was Rudolf Steiner hier die achte Rose in der Mitte nennt, „die dreifache Sonne“, entspricht ebenfalls uraltem Rosenkreuzerwissen. Doch macht Rudolf Steiner uns diesen Sachverhalt verständlich, was früher aus einem bestimmten Grunde wohl nicht möglich war.

Rudolf Steiner sagt nämlich[1]: Das, was wir von der Sonne am Himmel sehen, ist nur eine Sinneserscheinung, etwas, was die Augen sehen können. Es tritt von außen an uns heran. Das Wesenhafte, das sich in dieser Erscheinung zeigt, das ist an einer ganz anderen Stelle erfahrbar, nämlich da, wo der Mensch seine Freiheit erlebt. Das Wesen, das sich als Träger einer moralischen Intuition erlebt, das erfüllt ist von einer moralischen Intuition, erlebt nicht etwas räumliches, sondern es erlebt den unausgesprochenen Gedankengehalt, der keine Bildform hat, keine Erzählform, also weder im Raum noch in der Zeit sich befindet, sondern nur anwest, nur in sie hineinwest.


[1] Rudolf Steiner. Vortrag vom 18.12.1920, In: R. Steiner. Die Brücke zwischen der Weltgeistigkeit und dem Physischen des Menschen. Gesamtausgabe Bd. 202, besonders S.195-198.

Diese moralische Intuition erhellt ihm aber seine konkrete Lebenssituation. Sie beschreibt etwas, was nicht ist, sondern sein soll. Es stammt nicht aus dem bereits Vorhandenen, sondern will das vorhandene umformen.

 

Sie ist nicht nur der Quell eines situationserhellenden Lichtes, sondern auch der Wärme, die uns instandsetzt das Eingesehene zu tun.

 

In unserem Innersten werden wir das Innere der Sonne gewahr: den Quell des Lichtes und der Wärme. Mit den Augen sehen wir nur das äußere Bild der Sonne, die glänzende Scheibe, mit dem Herzen werden wir das Innere des Sonnenwesens gewahr.

Die erste Sonne, das ist das Bild der Sonne am Himmel; dort werden wir nur das Bild gewahr.

Die zweite Sonne, das ist das Geschöpf der Sonne in der Erde: das Metall Gold. Wie die Strahlen der Sonne in das Innere der Erde fließen, dort in der Mitte ein Zentralfeuer bewirken und zurückprallen, das beschreibt der Chemiker und Alchymist Rudolf Glauber recht genau.[1] Beim Zurückprallen verteilen sich die Strahlen im Erdreich und aus dieser Begegnung entstehen die Metalle, die die Sonnenkräfte tragen, insbesondere das Gold. Die tiefste Wahrnehmung des Wesens der Sonne geschieht im Herzen des Menschen. Da begegnen wir dem Sonnenwesen. Wir begegnen dem Sonnenwesen, weil wir selbst Sonnenwesen sind.


[1] ­Johannis Rudolphi Glaubers... O P E R I S   M I N E R A L I S. Ander Theil: Vom Ursprung und Herkommen aller Metallen. In:  Opera Chymica, Bücher und Schriften, soviel deren von ihme bißhero an Tag gegeben worden. Franckfurt am Mayn. 1658, S.337, 339, 340 ff.

Michael Maier stellte im August 1616 in seiner Schrift ‚De circulo physico quadrato‘ die Beziehung zwischen dem Gold, dem Herzen und der Sonne dar. Das Gold nimmt unter den Metallen den wichtigsten Platz ein, es ist das wichtigste Heilmittel für das Herz. Zwischen dem Gold, dem perfekten Zentrum der Metalle, dem Herzen als dem Zentrum des menschlichen Leibes und der Sonne, dem Zentrum des Planetensystems, besteht eine Übereinstimmung. Sie hängen in einem kreisförmigen Lebensstrom miteinander zusammen, so dass Mensch und Gott einander berühren. Die Sonne erhält von ihrem Zentralwesen Stärke und Kraft. Sie lässt in den Tiefen der Erde die Metalle zu Gold reifen. Das Gold stärkt in Form des Aureum potabilis das menschliche Herz. Aus dem menschlichen Herzen ergießt sich die Kraft der Liebe und der Einsicht in die Welt, steigt die Dankbarkeit und Frommheit zur Sonne auf. Dieser Kreislauf ermöglicht dem Menschen das Leben. Nach dem Tode trägt ihn der Kreislauf hinauf in die Himmel zu den geistig sonnenhaften Wesen.

Schluß

Man kann diese Meditation, die von einer elementaren Betrachtung der Natur ausgeht, um aus dieser Betrachtung Gedanken zu gewinnen, die ein Sinnbild aufbauen können, als unwissenschaftlich ansehen. Doch sind die Gedanken hier nicht verwendet worden, um eine exakte, gar an den Aussagen der materialistischen Spielart der Naturerkenntnis orientierte Beschreibung von Naturvorgängen zu geben, sondern als Hilfen zu gewissen seelischen Einsichten zu kommen. Rudolf Steiner sagt in einer kleinen Anmerkung :  „Solche Gedanken haben ja doch auch ihre Bedeutung neben den in anderer Beziehung nicht minder bedeutsamen theoretischen Vorstellungen über die Dinge der Außenwelt.“

Die anthroposophische Form der Meditation geht vom freien Individuum aus und versucht,  den ganzen Menschen einzubeziehen. Indem sie ihn an der Verwandlung seines physischen Leibes mitarbeiten lässt, erweist sich, dass sie etwas oder sogar sehr viel mit der Kraft des Auferstandenen zu tun hat.

Auch eine Betrachtung des Inhalts ergibt, daß diese Meditation,  obwohl sie nur von einer Betrachtung von Naturtatsachen ausgeht, doch einen tief christlichen Charakter hat. Der Sinn der Weltentwicklung, der Sinn, den wir ihr geben, kommt auch ohne ein äußeres Wissen von Golgatha zu haben, in dem schwarzen Kreuz, an dem sich die sieben lauteren Rosen emporwinden, zum Ausdruck.

Könnte es nicht sein, dass die Stufen dieser Meditation aufblühen können zu den sieben Tagen der chymischen Hochzeit?

Jedenfalls erfahren wir durch diese Meditation etwas über oder von Christian Rosenkreutz. Der Mensch, welchen bürgerlichen Namen er auch getragen haben mag, wes Standes er gewesen sein mag und welches seine bürgerlichen Schicksale auch immer waren, der diese Meditation zuerst durchgeführt hat, wurde dadurch zum Inhalt seines Sinnbildes. Er wurde Christian Rosenkreutz.

Die Rosenkreuzmeditation nach Rudolf Steiner
Die Rosenkreuzmeditation kann als die zentrale Meditation des anthroposophischen Erkenntnispfades angesehen werden. Ihr Aufbau, ihr Ziel und ihre Wirkungsweise werden in diesem Vortrag dargestellt. Es ergibt sich daraus auch etwas über den Mann, der den Namen dieser Meditation trägt.
Die Rosenkreuzmeditation nach Rudolf Ste[...]
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© Rolf Speckner