Das Geheimnis der Externsteine

Das Wort Geheimnis wurde in der Goethezeit synonym mit dem Begriff Mysterien verwendet. "Die Geheimnisse von Eleusis" bedeutete "Die Mysterien von Eleusis". Der Titel des 2000 erschienenen Buches, das ich gemeinsam mit dem Fotografen Christian Stamm geschaffen habe, will daher nicht allein auf das Stimmungsmäßige der Externsteine hinweisen sondern zugleich auf die Externsteine als Initiationsstätte. 

   In den beiden Werken "Corvey und die Externsteine" und "Das Relief an den Externsteinen" wurde dargelegt, warum an den Externsteinen am Ende des 8.Jahrhunderts ein bedeutendes Heiligtum der Sachsen bestanden haben muß. Dessen Bedeutung dürfte etwa der des späteren Klosters Corvey entsprochen haben, das ja nach Adelhard Gerke OSB "das Heiligtum Westfalens und ganz Sachsens" war. Denn man gründete oft die zentralen christlichen Kirchen und Klöster an den Orten, die auch vorher als die zentralen Plätze der Himmelsverehrung aufgesucht worden waren. Bedenkt man, dass der Prager Veitsdom seine Reliquien von Corvey bekommen hat und der erste Missionar Skandinaviens Ansgar von Corvey über Hamburg nach Dänemark und Schweden gegangen ist, wird deutlich, dass Corveys Wirkungskreis erheblich über das Sachsenland hinausreichte.  

   Ferner enthielt das Relief der Kreuzabnahme Hinweise auf das Grals-Christentum, das zu jener Zeit noch unangefochten im Rahmen der Kirche leben konnte. Die Szene der Kreuzabnahme verbindet ja zwei Initiierte, den vorchristlichen Geistesschüler Nikodemus, der zu Christus "bei der Nacht" kam und ihn fragte, wie er das ewige Leben gewinnen könne, und den ersten christlichen Initierten Joseph von Arimathia, der das Gralsblut in einem Kelch aufgefangen hat und hier als "Christusträger" dargestellt ist. Der ganze Vorgang der Kreuzabnahme wird hier zugleich zum Bild der Übergabe des Christusleibes aus der Hand eines vorchristlichen Eingeweihten - gekennzeichnet als solcher durch die Irminsul auf die er steigen kann - in die Hand des ersten christlichen Eingeweihten Joseph von Arimathia. Es wurde also in dem Relief neben der Erzählung der Geschehnisse von Palästina ein imaginatives Bild aus der inneren Geschichte  des Menschengeistes dargestellt: der Mensch wird vom Verehrer Christi zum Träger Christi. Der Übergang von den heidnischen zu den christlichen Mysterien ist damit gekennzeichnet.

   Stellt man sich die Frage, warum solch ein Inhalt ausgerechnet an der abgelegenen Felsenstätte im Teutoburger Wald dargestellt worden ist, dann wird man das wohl mit der Tatsache des heidnischen Heiligtums in Verbindung bringen müssen. Es mußte sinnvoll sein, hier diesen Übergang darzustellen. Die Auftraggeber und Künstler müssen damit gerechnet haben, dass Menschen kommen können, die den Sinn verstehen. Das war aber vor allem an einer alten Mysterienstätte zu erwarten. 

    Deshalb wird in "Das Geheimnis der Externsteine" untersucht, ob es sich bei diesem Ort um eine Mysterienstätte gehandelt haben könnte. Es fanden sich die Belege in hinreichender Zahl. 

    Einige seien hier kurz genannt: an drei Stellen wurden Einrichtungen auf den Aufgangspunkt der Sonne am Tag der Sommersonnenwende ausgerichtet: in der Höhenkammer (sog. Sazellum) ist ein Rundfenster auf diesen Punkt am Horizont ausgerichtet. In der Höhlenanlage ist der schmale Lichtschlitz, der auch im Felsenrelief zu sehen ist, auf diese Himmelsrichtung gewandt und die menschenförmige Wanne im Sargstein hat ebenfalls diese Ausrichtung und zwar so, daß die Füße eines in der grabförmigen Vertiefung liegenden auf den Punkt 348 Grad Nordost weisen. Gäbe es nur die Ausrichtung des sog. "Sonnenloches" im Sazellum, könnte man an einen Zufall glauben. Dass aber an drei Stellen derselbe ZUfall waltet, ist unglaubhaft. Demnach wurden hier Verrichtungen durchgeführt, für die das Licht der aufgehenden Sonne am Tag der Sommersonnenwende nötig war.

    Im altnorwegischen "Traumlied vom Olaf Asteson" wird eine Himmelsreise der Seele in den zwölf heiligen Nächten, das heißt zwischen dem 24.Dezember und dem 6.Januar berichtet. Olav erwacht nach der zwölften Nacht "als die Sonne über die Halde ging", das heißt, als sie über den Horizont kam. Man war der Überzeugung, dass die Seele mit dem Licht der aufgehenden Sonne wieder in ihren Leib zurückgetragen wird.

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© Rolf Speckner