Der Misraim-Ritus aus französischer Sicht

Der Vortrag von Jean-Lambert Renders über Entstehung und Entwicklung des Misraim-Ordens fasst einen Großteil des bekannten Wissens über die Vorgänge seit etwa 1750 zusammen. Unverkennbar ist, dass die Entwicklung aus der Sicht eines französischen Freimaurers erzählt ist. Nicht alle Fäden, die Renders selbst auffindet, greift er auf, aber alle, die nach Frankreich führen. Das soll nicht kritisiert werden, denn er steht ja selbst in der Tradition der französischen Memphis-Misraim Strömung und erzählt seinen Brüdern in Lille, woher ihre Loge kommt.

Der nichtfranzösische Leser möchte aber natürlich gern auch etwas über die Vorgeschichte der italienischen Misraim-Maurerei wissen oder der deutschen, worüber Renders nur Andeutungen macht. Diese Geschichte ist also bei weitem nicht vollständig.

Auch ist das Datum des 12.2.1814 keineswegs das Geburtsdatum des Misraim-Ritus. Es bezeichnet aber den Tag, an dem die französische Abteilung sich eine Corporation schuf.

 

Jean-Lambert Renders führt uns mit Eleganz und Humor durch 200 Jahre Geschichte. Sein Abriss ist in der deutschen Freimaurer-Wiki in einer englischen Übersetzung eingerückt. Ich sehe darin eine Anerkennung dieser Arbeit von kompetenter Seite.

 

In der PDF-Version habe ich Anmerkungen hinzugefügt. Von Renders in runden Klammern eingefügte Bemerkungen habe ich im Text ebenfalls in runden Klammern stehen gelassen. Kurze, den Sinn erläuternde Zusätze habe ich dann und wann in eckigen Klammern [ ] in den Text eingefügt. 

Jean Lambert Renders: Der Ritus von Misraim

Der Regel, dass man den Freimaurerorden legendäre Ursprünge zuspricht, entgeht der Ritus von Misraim nicht. Er hat im Ganzen der freimaurerischen Familie einen besonderen Platz, den er hauptsächlich einer stufenweisen Belehrung verdankt, die in 90 Graden erfolgt. Marc Bedarride, einer der drei Brüder, die den Ritus in Frankreich verbreitet haben, geht in seinem Buch ‚L’Ordre maçonnique de Misraim‘ von 1848 soweit zu sagen, dass die Maurerei so alt ist wie die Welt. Das ist, wenn wir unsere Verpflichtung wohl bedenken, nichtsdestotrotz eigentlich weit entfernt davon absurd zu sein. Er beruft sich dafür auf das Alte Testament. Nach ihm ist es Adam selbst, der mit seinen Kindern die erste Loge der Menschheit geschaffen hat; Seth folgte seinem Vater nach; Noah liess sie der Flut entgehen; Cham richtete sie in Ägypten ein unter dem Namen Mitzraim, das heißt „der Ägypter“[1] (Ich werde auf die Etymologie von Misraim etwas später zurückkommen).  Daher muss die geheime Tradition der Esoterik allein von diesem Volk kommen.

Und weiter ist nach Marc Bedarride und seinen Brüdern das letzte Glied dieser ununterbrochenen Kette gewiss ihr eigener Vater gewesen, Gad Bedarride, ein im Jahre 1771 zu Avignon eingeweihter Maurer, der im Jahre 1782 den Besuch eines geheimnisvollen ägyptischen Einweihenden in Cavaillon empfing, von dem man nicht mehr weiß als den mystischen Namen „der Weise Ananiah“. Dieser Gesandte machte ihn empfänglich für die Ägyptische Maurerei und übertrug ihm eine ganze Reihe von „hohen Graden“. Das war nicht der erste historische Hinweis auf die Durchreise eines unbekannten Oberen der ägyptischen Maurerei. Der Bruder Vernhes wies schon in seinem Plaidoyer für den Ritus von Misraim, erschienen 1822, auf die 1782 erfolgte Reise des Ideen verbreitenden Sendboten Ananiah durch Südfrankreich hin. Wir betonen, dass, selbst wenn die Version „Bedarride“, soweit es die Ursprünge der ägyptischen Maurerei betrifft, reine Phantasie ist, der ägyptische Strom in der Geschichte der esoterischen Traditionen ein ursprünglicher ist, völlig unabhängig (distinct) von dem jüdischen und von dem jüdisch-christlichen Strom, und man wird verstehen, dass jeder maurerische Autor versucht, sich an eine Quelle, die so alt wie möglich ist, anzuschließen. Man erinnere sich daran, dass Ägypten bekannt ist seit den Kreuzzügen und dass das Interesse für die ägyptische Überlieferung und deren ‚Mysterien‘ praktisch nie nachgelassen hat. Die Platonische Akademie in Florenz, in der Ägypten und die Ägypter mit viel Gelehrsamkeit behandelt wurden, wurde um 1450 gegründet. Im Jahre 1471 durch Marsilio Ficino zum ersten Male aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzt, beanspruchte das Corpus Hermeticum, eine Sammlung von Texten, die dem Hermes zugeschrieben wurden, und von denen das berühmteste bekannt ist unter dem Titel „Tabula Smaragdina“, die antike ägyptische Weisheit zu enthüllen. Diese Texte sicherten das Aufblühen derjenigen Wissenschaften, die später die hermetischen (d.h.:„die von Hermes“) genannt wurden, nämlich: der Magie, der Alchemie und der Astrologie.

 

Später interessierte man sich mehr und mehr für die Hieroglyphen. Es wird heute oft vergessen, dass um 1650 der Abt Athanasius Kircher eine Erklärung der Inschriften vorgeschlagen hat, die auf den wichtigsten aus Ägypten bekanntgewordenen Obelisken gefunden worden waren. Sein großes Werk ist zusammengestellt in den vier Bänden des Oedipus Aegyptiacus. Doch sollten seine Übersetzungen sich in der Folge als ungenau erweisen. All dies aus der Griechisch-Aegyptischen Epoche wieder Hervorgetretene ist aber kaum älter als unsere Ära. Das alte Ägypten musste auf Bonaparte warten, auf den Feldzug nach Ägypten und damit auf die Entdeckung des Steins von Rosette, benannt nach dem Ort, wo ihn Captain Bouchard gefunden hat, der ein Dekret, in drei Sprachen geschrieben, trägt: eingraviert in Hieroglyphen, in demotischem Ägyptisch, das heißt in einer Fließschrift, und in Griechisch. Durch den Vergleich dieser drei Texte konnte Champollion, Linguist und Kenner der orientalischen Sprachen (allgemein in unseren Tagen bezeichnet als tote Sprachen) die Hieroglyphen entziffern und ihren Sinn übersetzen. Auf diese Weise eröffnete er die Wissenschaft des pharaonischen Ägypten.

Auch auf andere Weise, muss man sagen, ist die Vorzeit sehr mit der spekulativen Freimaurerei des 18. Jahrhunderts verbunden, und zwar in einem der Bestandteile des maurerischen Diskurses (im selben Sinne wie das Rittertum oder der Kult der Freundschaft). Es ist wohl nicht nötig, Sie zu erinnern unter anderem und besonders an die „Zauberflöte“ unseres Bruders Mozart, jene Oper, die die alten einweihenden Mysterien Ägyptens wieder erweckt hat.

Am Ende jenes Jahrhunderts sieht man daher eine neue Religionswissenschaft auftreten, mit Autoren wie Court de Gébelin, Charles-François Dupuis oder Alexandre Lenoir, die durch riesige Enzyklopädien gezeigt haben, dass der Ursprung aller Religionen in Ägypten zu finden ist. Diese Werke, von Maurern geschrieben, waren in ihrer Epoche ein großer Erfolg.

Die ägyptische Mode wurde in der Revolution in hohem Maße angeheizt, als es mehrere Versuche gab, eine neue laizistische Universalreligion zu kreieren, indem man sich auf die ägyptischen Mythen stützte. Sie wurde hernach auf die Spitze getrieben durch Napoleons Feldzug nach Ägypten. Der Feldzug stellte die Verbindung mit dem Land Ägypten durch die sinnliche Erfahrung wieder her. Aber der ägyptische Feldzug hatte noch eine andere Folge. Der Enthusiasmus, diesmal ganz allgemein, für Ägypten, brachte es mit sich, dass zahlreiche maurerische Logen auf dem Kontinent den weltlichen Rahmen veränderten, in dem die englischen Maurer die Rituale und Tafelarbeiten organisierten. Die von den Briten eingeführte Maurerei, die sich nicht in den Tempeln versammelten sondern in Restaurants, begnügte sich damit, bei den Eröffnungen die Rituale auswendig zu rezitieren und sie mit Liedern zu beschließen. Wichtige Arbeiten des Mundes[2] folgten.

Der Feldzug nach Ägypten begünstigte eine Bewegung, die auf dem Kontinent schon vorhanden war, deren Streben auf die Ausübung wirksamer Riten gerichtet war, und zwar dadurch dass die an einem Ort versammelten Eingeweihten die antiken Tempel vergegenwärtigten. Man begann den Eingeweihten  als einen lebenden Stein zu verstehen, dessen Behauen [Arbeit an sich selbst] sich im Kern der Arbeit auswirkte, und zwar  in einer Grundstimmung des Erkenntniswillens und des gegenseitigen Wohlwollens. Nach einem maurerischen Plan aus dem Ende des 18. Jahrhunderts existierten in Frankreich gewisse kleinere ägyptische Riten, die heute verschwunden sind. Wir führen an:

den Ritus der Afrikanischen Bauherren, geschaffen in Deutschland, der aber eine Zweiggruppe in  

Bordeaux hatte;

den Ägyptischen Ritus von Cagliostro;

den Heiligen Ritus der Sophisen;

die Vollkommenen Eingeweihten von Ägypten;

die Souveräne Pyramide der Freunde der Wüste von Toulouse.

 

Wirkliche Freimaurermärchen waren über Ägypten im Schwange. Seine priesterlichen Einweihungen wurden in romanhaft wunderbarer und unwahrscheinlicher Weise beschrieben.

Schon im 17.Jahrhundert ging ein geheimes Traktat über die ägyptische Initiation herum, das leicht durchschaubare Anspielungen auf das ‚Große Werk‘ enthielt. Diese Abhandlung war gegen 1760 in deutschen freimaurerischen Kreisen bekannt unter dem Namen Crata Repoa, wo man sie sich als eine wahrhafte ägyptische Initiation dachte. Übersetzt und veröffentlicht in Frankreich  im Jahr 1821 durch den Bruder Antoine Bailleul, beschrieb die Abhandlung eine antike Initiation, die in der Großen Pyramide [von Gizeh] durchgeführt worden war. Sie ist getreulich wiedergegeben durch eine symbolische Aufnahme in sieben aufeinander folgenden Graden, und man kann darin, wenn man sie so gelesen hat, einen genügsam vertrauten regelmäßigen Weg vollständig wiedererkennen. Gleichwohl musste diese Mode der „Einweihung nach ägyptischer Art“, die aus einer anderen Ursache Paris erobert hatte, bei den maurerischen Autoritäten der Zeit Unruhe hervorrufen, später außerdem die strengste Reaktion. Maurerische Autoritäten verschanzten sich im Grand Orient. Das erklärt zum Teil das strenge Urteil, dessen Opfer im Verlauf der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unser Misraim-Ritus wurde, bei dem ich nunmehr angekommen bin.

 

[1] Genitiv, im Sinne von: „von den Ägyptern“.

[2] Der Übersetzer ins Englische setzt hier statt der originalen französischen Worte ‚travaux de bouche‘ in seiner Übersetzung in Klammern die Worte ‚travaux de table‘. Während J.-L. Renders doppeldeutig offen lässt, ob es sich um wichtige Reden, Gerede oder ums Essen handelt, macht der Übersetzer ins Englische daraus einen terminus technicus: ‚Tafelarbeiten‘.

Entstehungsgeschichte des Ritus

Nach dieser kurzen Einleitung kommen wir zur Geschichte dieses Ritus von Misraim, der oft als ein unrechtmäßig gezeugter und mysteriöser Ritus angesehen wird, der viele Male in der Vergangenheit in Verruf gebracht worden ist, und dennoch alle traditionellen Grundsätze der Freimaurerei respektiert hat und respektiert und der immer seine spezifische Eigenheit bewahrt hat.

Jetzt, da wir dazu kommen, das 18. Jahrhundert zu verlassen, richten wir den Blick natürlich auf den Anfang des 19. Jahrhunderts, weniger als 200 Jahre vor unserer Zeit. Befragen wir einige der Zeitgenossen und vernehmen, was sie in dem Moment, als er im Begriff war, in Frankreich heimisch zu werden, von dem Misraim-Ritus wussten. Ich sage bewusst „heimisch werden“ und Sie werden später sehen, dass der Ausdruck aufgrund seines Verwachsenseins mit der Epoche nicht zu stark ist. 

Levesque, der 1821 einen „Kurzgefassten Überblick über die allgemeine Geschichte“ der freimaurerischen Ströme seiner Zeit abgefasst hat, spricht sich wie folgt aus: „Es ist, ich glaube, fünf oder sechs Jahre her, dass der Misraim-Ritus gekommen ist um sich in Paris einzurichten. Er kam aus der Mitte Italiens und genoss einiges Ansehen auf den Ionischen Inseln und an den Ufern der Adria.

Er nahm seinen Ausgang aus Ägypten.“

Sehen wir, was der Bruder Thory gesagt hat, der in den beiden Bänden der „Acta Latomorum“ und besonders in seinem „Verzeichnis der sämtlichen Kunstausdrücke der wichtigsten Riten“ genau angegeben hat: „Diese Einrichtung (Misraim), die in Frankreich nicht älter als ein paar Jahre ist, wirkte in ihrer vollen Kraft in Venedig und auf den Ionischen Inseln. Es gibt mehrere Kapitel von Misraim in den Abruzzen und in Apulien.“ Überlassen wir gleich das Wort dem freimaurerischen Historiker Clavel (ebenso Mitglied von Misraim wie sein Vater), der in seiner „Illustrierten Geschichte der Maurerei“ von 1843, die nach dem heutigen Stand meines Wissens mir eine der „sicheren Quellen“ unseres Ritus zu sein scheint, schreibt: „Die Grade des Unterrichts von Misraim waren entlehnt aus der Schottischen Maurerei, aus dem Martinismus, der Hermetischen Maurerei und aus verschiedenen früheren Reformen, in Deutschland und Frankreich in Kraft, von denen die Papiere sich nur noch in den Archiven irgendwelcher Raritätensammler finden. Es war im Jahre 1805 als mehrere Brüder, die nicht mehr zugelassen werden konnten in der Zusammensetzung des Suprême Conseil Ecossais, das in jenem Jahr in Mailand gegründet worden war, sich die Misraim-Einrichtung ausdachten. Ein Bruder Lechangeur wurde beauftragt, die Elemente zusammenzutragen, sie nach Klassen zu ordnen, sie zu koordinieren und einen Entwurf allgemeiner Statuten aufzusetzen. Am Anfang konnten die eifrigen Bewerber nicht weiter kommen als bis zum 87o Grad. Die drei anderen Grade, die das System vervollständigten, waren den Unbekannten Oberen vorbehalten und selbst die Bezeichnung dieser Grade war den Brüdern der unteren Grade verborgen. Mit dieser Organisation hat sich der Ritus von Misraim über das Königreich Italien und das Königreich Neapel ausgebreitet. Er ist adoptiert worden namentlich von einem Kapitel des Rosen+Kreuzes, genannt „La Concorde“, das seinen Sitz in den Abruzzen hatte. Am Ende eines Diploms, das im Jahre 1811 von diesem Kapitel dem Bruder B. Clavel, einem Kriegskommissar, ausgehändigt worden ist (wie es scheint, handelt es sich um den Vater des Schriftstellers), ist die Unterschrift eines der wirklichen Oberhäupter des Ritus, des Bruders Marc Bedarride, der damals nur den 77o Grad hatte. – Die Brüder... Joly und Bedarride trugen im Jahre 1814 den Misraim-Dienst nach Frankreich. Er ist später in Belgien, Irland und in der Schweiz propagiert worden.“

Ich habe diesen Auszug einer Vorlesung entnommen, die Gérard Galtier 1986 über die Ursprünge des Ritus von Misraim in der Forschungsloge Constant Chevillon des Ordens Memphis-Misraim gehalten hat. Seitdem hat Bruder Galtier die Initiation empfangen und 1989 seine „Maçonnerie Egyptienne, Rose-Croix et Néo-Chevalerie“ veröffentlicht, ein Werk, von dem ein Teil heute als Auskunftgeber für die Kenntnis der Riten von Misraim und Memphis gilt. Eine andere Quelle lenkt unsere Aufmerksamkeit noch einmal auf einen früheren Punkt des Vortrags. Als ich in der Einleitung sagte, dass die

Version von Marc Bedarride, die es ausmacht, den Ursprung der Maurerei und des Ritus bis zu Adam zurückzulegen, phantastisch scheine, ja sogar närrisch, da galt das [nur] bis zur Filiation von Gad Bedarride, seinem Vater. Es scheint, dass dieser [wirklich] ein Vorläufer des Ritus gewesen ist. Bereits ein Maurer wie man ihn selten findet, wurde er eingeweiht in die ägyptischen Geheimnisse durch den Weisen Patriarchen Ananiah, den Ägyptischen Groß-Bewahrer und weit Reisenden bis zu seiner Durchreise durch Cavaillon im Jahre 1782. Er [Gad Bedarride] übertrug seinen drei „jungen Wölfen“, seinen Söhnen Marc, Michel und Joseph, mit einem Teil seines Wissens zugleich die Neigung zur esoterischen Forschung.

 

Die Familie Bedarride gehörte der jüdischen Religion an. Außerhalb der Epoche, vor der Revolution, und bevor sie mit Frankreich wiederverbunden werden sollte, war Cavaillon eine von den vier Städten der Grafschaft Venaissin, in denen die Juden das Niederlassungsrecht besaßen.

Die Studien der Kabbala standen daher in den jüdischen Gemeinden des Komitat in hohen Ehren und die Hermetisch-Maurerischen Riten waren in der Blüte, namentlich der Ritus der Elus Cohen von Martinez de Pasqually, in den, wie mir scheint, Gad Bedarride eingeweiht worden ist? Der Ritus der Illuminierten von Pernety? Und der Philosophisch Schottische Ritus.

 

Eine dritte Quelle lässt den Ritus zum ersten Mal erscheinen in Venedig im Jahr 1788, wo eine Gruppe von sozinianischen (protestantische Sekte, antitrinitär) Freimaurern von Cagliostro ein Konstitutionspatent erbat, und zwar zur Zeit seines Aufenthaltes in der Stadt. (Man kann daher ohne weiteres annehmen, dass der Bruder Tassoni, über den ich im Folgenden sprechen werde, ein Mitwisser [Kenner, Teilnehmer] dieser esoterischen venezianischen Loge war.)

Jedenfalls wollten die Mitglieder dieser Gruppe das magisch-kabbalistische Ritual Cagliostros nicht praktizieren und zogen es vor, in den ersten Graden des Templerritus zu arbeiten. Cagliostro  gab ihnen also allein das maurerische Licht; er war im Besitz der drei ersten Grade der englischen Maurerei, und der Hochgrade der deutschen Maurerei, die stark von der templerischen Tradition geprägt sind. Es ist oftmals gesagt worden, dass der Name Misraim nur der Plural von „d’egyptien“ [„des Ägypters“] ist. Darüberhinaus ist es der Plural von „d’Egypte“ [„der beiden Ägypten“], im Sinne der beiden Länder, der beiden Königreiche, in der Kopfbedeckung des Pharaohs  symbolisch dargestellt durch die Kobra, den Uraeus, für das rote Nordreich von Buto und durch den Geier für das weiße Südreich von El Kab.

Damals war der Name von Misraim die einzige Beziehung des Ritus zu Ägypten, außer in den „hohen Graden“, wie die Bezeichnung einer Epoche war, die ganz vom Militarismus imprägniert war.  Unglücklicherweise nennen noch in unseren Tagen einige diese Einrichtungen mit einer gewissen Emphase die „Hochgrade“, obwohl sie doch nur der Weg der Perfektion sind - Grad für Grad - für jene, die ein Bedürfnis danach haben. Wenigstens sehe ich es so.

Der Misraim-Ritus griff schnell über auf Mailand, Genua und Neapel, und erschien in Frankreich mit einem der Brüder Bedarride (Marc oder Michel?), der die meisterlichen Fähigkeiten [pouvoir magistraux] 1810 entweder in Neapel vom Bruder De Lassalle oder in Mailand vom Bruder Cerbes empfangen hatte. Meine Literaturstudien und aktuellen eigenen Forschungen erlauben mir nicht, das eine oder das andere vorzuziehen.

Diesen drei Quellen folgend kann man mit genügender Sicherheit und namentlich benennend die Geburt des Ritus [wie folgt] rekonstruieren:

  • Zuerst der Bruder Tassoni (Italiener), der in Venedig einen kleinen Misraim-Ritus eingeführt hatte: errichtet seit 1750 und gegliedert in 10-20 Grade.

  • Hernach der Bruder Lechangeur (Franzose, wohnhaft in Italien), Initiator des Misraim-Ritus in 70 Graden mit Einlagen unter anderem von Graden im „schottischen Stil“, und ein Freund von Tassoni.

  • Hierauf De Lassalle (französisch), Großmeister von Misraim für das Königreich Neapel. Selbst Mitglied alter neapolitanischer Riten, hat er dem Misraimritus auch neapolitanische Grade eingefügt, in denen, wie vom Bruder Galtier erwähnt, die „Arcana Arcanorum“ des 87ten bis 90ten Grades inbegriffen sind.

  • Schließlich Cerbes (Franzose), Großmeister von Misraim für Mailand (die Hauptstadt des Cisalpinischen Staates), der seine Macht [seine Fähigkeiten] vom Bruder Lechangeur erhalten hat. Er ist es, der

  • Michel Bedarride das Patent erteilt hat, das in der Folge die Gründung der Großloge von Misraim in Frankreich ermöglicht hat. 

Wie man sieht, ist der Ursprung des Misraim-Ritus zweifellos lateinisch. Hören wir unseren Bruder Galtier mit seiner Erläuterung zur Entstehung von Misraim. Man muss sich bewusst machen, dass es in Italien eine ziemlich alte hermetische Tradition gegeben hat, die in Frankreich unbeachtet blieb. Man kann diese Tradition neuplatonisch und pythagoräisch nennen. Italien ist nicht weit entfernt von Griechenland (und beherbergte selbst bedeutende griechische Kolonien) und diese alten Überlieferungen haben sich im 18.Jahrhundert großenteils vermengt mit der italienischen Freimaurerei. 

Andererseits gab es seit dieser Epoche Logen von liberalem Geist und Logen von esoterischem Geist. Nun waren aber in Italien die Logen des esoterischen Geistes im Wesentlichen in Venedig und in Neapel. Beides sind, wie man gesehen hat, Städte, die für den Ritus von Misraim wichtig waren.

Es ist interessant zu sehen, dass diese Venezianischen und Neapolitanischen Logen sich verbanden mit allen großen okkulten und Templer-Systemen der Zeit, als da sind der templerischen Strikten Observanz, oder dem Rectifizierten Schottischen Ritus von Lyon, dem Ritus der Schottischen Mutterloge von Marseille, oder dem Schottischen Philosophischen Ritus von Avignon.

 

So kam es, dass am Vorabend der Französischen Revolution gewisse Logen zu einem Depot geworden waren einer ganzen Serie von Graden. Man sieht daraus, dass der Ritus von Misraim zum Teil hervorgegangen ist aus der Synthese derjenigen Systeme, die gearbeitet wurden in diesen Logen von Venedig und Neapel.

Erinnern Sie sich bitte, dass wir am Ende des 18. und Anfang des 19.Jahrhunderts sind, dass Italien aus unabhängigen Staaten besteht, und dass seine Einheit erst hundert Jahre später eingetreten ist. Die Eigentümlichkeit des Misraim-Ritus aus der Epoche, bevor er sich ‚Ägyptisch‘ genannt hat, wurde seit dieser Zeit strikt bewahrt, und beruht auf seinen 90 Graden, eingeteilt in 17 Klassen und 4 Serien:

1. 1o  bis  33o Grad                  1. -  6.  Klasse                         „symbolische“ Serie

2.  34o bis 66o Grad                 7. - 10. Klasse                    „philosophische“ Serie

3.  67o bis 77o Grad                 11.-14. Klasse                             „mystische“ Serie

4.  78o bis 90o Grad                 15.-17. Klasse  „esoterische/hermetische“ Serie (und wie bekannt vom 87o bis 90o Grad die Arcana Arcanorum des Regimes von Neapel.)

Misraim in Frankreich im 19.Jahrhundert

Sehen wir jetzt die Entwicklung des Ritus in Frankreich im 19.Jahrhundert.

Die Daten für das erste Auftauchen und das nachherige Sesshaftwerden des Ritus in Frankreich weichen von einem Autor zum anderen ein wenig ab.

Sicher ist, dass von 1803 an Michel, Marc und Joseph Bedarride mehrere symbolische Arbeitsstätten schufen und im Besonderen den Rat der Großritter Kadosh (65o). Muß ich Ihnen beweisen, daß ihre Erhebung ihnen noch nicht gestattet hat, darüber hinaus zu gehen? Nach 1810-1813 entwickelten die drei Brüder Bedarride den Ritus erfolgreich und zwar gewissermaßen unter dem Schutze des Schottischen Ritus. Das bewirkte, daß der Ritus berühmte masonische Namen an seiner Spitze zählte: den Comte Muraire, Souveränen Großkommandeur des alten und angenommenen Schottischen Ritus, den Duc Decazes, den Herzog von Sachsen-Weimar, den Earl of Leicester, den General-Lieutenant Baron Teste, usw.

1813 finden wir die Großloge „de l’Arc en Ciel“, Orient Paris, sich öffentlich zu dem Ritus von Misraim  bekennen. Ihr Großmeister ist der Illustre Bruder Hayere. Die Zahl der Ateliers beträgt drei (Buisson Ardent und Pyramides).

 

Ich erinnere Sie daran, dass bis in unsre Tage drei Logen eine Großloge bilden können. Und am 12. Februar 1814 haben der Comte Muraire und eine gewisse Zahl von Großwürdenträgern, alle 33o Grades, vom R.E.A.A. für Frankreich, sich bei Marc Bedarride versammelt, damals wohnhaft im Hotel des Indes, Rue du Mail, um den Allgemeinen Obersten Großrat des 90o Grades des Misraim Ritus zu schaffen. Aber erst am 9. April 1815 wurde offiziell entschieden, dass von diesem Tag an der Supreme Grand Council General des Sages, bestehend aus Großmeistern ad-vitam, 90o Grad, ein-gerichtet und im Tal von Paris konstituiert worden ist, um den Freimaurerischen Orden von Misraim in Frankreich zu regieren.

Indem ich meiner Vorstellungskraft einmal freien Lauf lasse, stelle ich mir vor, dass der Ritus unter dem Konsulat in Frankreich angekommen ist, im [Napoleonischen] Kaiserreich Boden gewonnen und sich während der hundert Tage konstituiert hat. Wie wir sehen: nicht sehr königstreu das Ganze! Der Ritus wurde schnell ein großer Erfolg und 1822 umfasste die Gruppe Logen und Consilien in 24 französischen Städten, 22 in Paris, darunter unsere Mutterloge Arc en Ciel, sechs in Lyon, sechs in Metz, fünf in Toulouse, drei in Bordeaux, eine in Lille, St.Omer, Marseille, Rouen, Straßburg, Clermont-Ferrand, Nancy, Besancon, Montpellier, Carcassonne, Montauban, Moissac, Roanne, Tarare, Nantes, Sedan, Nimes, wie auch in England, der Schweiz und Belgien.

Ich habe, betreffend Lille, einen Arbeitsbericht vorliegen (Auszug aus dem Goldenen Buch von Misraim) unter dem Datum 29.Tag des zweiten Monats 5826, das entspricht dem 29.April 1822. Er lautet: „Der Repräsentant der R.Loge hat von der Souveränen Leitung erbeten, dass die Loge im Großen Goldenen Buch regulär eingetragen werde mit der unterscheidenden Bezeichnung ‚d’Osiris‘ im Tal von Lille. Der Vorschlag wurde einstimmig angenommen.“

Das erklärt, warum ich Wert darauf legte, dass gelegentlich unserer Installation als gerechte und vollkommene Loge unserem Namen „de Kemet“ derjenige „d’Osiris“ beigefügt werden solle, damit wir auf diese Weise eine Brücke bilden zu unseren Brüdern jener Epoche.

Ich nutze die Gelegenheit,  Ihnen im Vorbeigehen die Bedeutung des Wortes Kemit zu geben. Im Gegensatz zu ‚Desret‘, aus dem unser désert entstanden ist, rote trockene Erde, handelt es sich bei Kemet oder Kemit um die schwarze Schwemmlanderde, abgelagert bei Gelegenheit der Nilhochwasser. Und da diese Hochwasser das Nildelta [befruchtend] überschwemmen, schien es mir nicht zu gewagt, ‚Kemet‘ zu übersetzen als „fruchtbares Land im Norden“. Das schien mir ein gutes Vorzeichen zu sein für die Verheißung der Wiedereinpflanzung [Misraims] unter dem nördlichen Sternenhimmel.

 

Kehren wir zu unserem Gegenstand zurück. Was die Zusammensetzung dieser Logen und Consilien betrifft, ist die Rekrutierung [der Mitglieder] buntscheckig genug. Da findet man – wie wir gesehen haben – hohe Persönlichkeiten, durchgehend Würdenträger des Schottischen Ritus, ferner Liebhaber der esoterischen Lehren oder der „Hochgrade“, angezogen von der „Hierarchie“ der 90 Grade und von dem mutmaßlichen ägyptischen Ursprung des Ritus, schließlich auch Bonapartisten und Republikaner, mitunter Carbonari auf der Suche nach einem Deckmantel.

 

Man darf bezweifeln, ob das dem Grand Orient de France gefallen hat, der es in die Hand genommen hat, das ganze Ensemble der französischen Maurerei zu kontrollieren, und der dem System der „Hochgrade“ und der esoterischen Forschung feindlich gegenüberstand, und Sorge hatte, dass die Regierung Ludwig des XVIII. die Freimaurerei untersagen könnte, weil sie eine politische Bewegung gegen die Monarchie sei. Von Anfang an hat der Grand Orient dementsprechend eine starke Gegnerschaft gegen den Ritus von Misraim gezeigt. Schon 1817 untersagte der Marschall von Burnonville, Großmeister des Grand-Orient dessen Mitgliedern jeden Kontakt mit denen von Misraim unter Androhung ihres Ausschlusses. 

Darüber hinaus, und das ist auch etwas, was ganz und gar betrüblich alltäglich in unseren Tagen ist, kommen damals zerstörende Meinungsverschiedenheiten in der Mitte des Ritus zum Ausbruch. Der Bruder Joly, in Italien in Misraim eingeweiht, beanspruchte das Großmeistertum des Ritus in Frankreich für sich und wurde zudem von Jean-Marie Ragon unterstützt. Auch haben gewisse Brüder den Bedarride vorgeworfen, Misraim zu benutzen als wäre er ihr persönlicher Besitz. Aber die größten Sorgen kamen immer von der [jeweiligen] Staatsregierung.

Im Großen gesehen handelt es sich um die Epoche, in der sich die Carbonari [Köhler] in ganz Südeuropa und in Frankreich entwickeln.

Ich werde ihnen mit wenigen Worten in Erinnerung rufen, was die Bewegung der Carbonari war. Es handelte sich um eine politische Geheimgesellschaft, gebildet in Italien (Ist das nicht seltsam?), die den Sieg der liberalen Ideen zum Ziele hatte. In dieser Gesellschaft fanden sich zahlreiche Gelehrte und Mitglieder freier Berufe zusammen, die das tätigste Element bildeten auf der Ebene der Organisation und der Propaganda. Die Gesellschaft der Carbonari [„Charbonnerie“] wollte die Monarchie umstürzen, eine konstituierende Versammlung einberufen, Garantien der Freiheit und freie Wahlen zu Wege bringen, die jährliche Abstimmung über die Steuerhöhe fordern, die Unabhängigkeit der Justiz, und natürlich die Freiheit der Presse und der Religionsausübung.

 

Nach Denunziationen und dem ‚Rapport‘ [Bericht] von Duplay (Simon Duplay war ein höherer Beamter der Polizei, aber ich habe nicht nachgeforscht, welchen Rang er in der Hierarchie hatte), der den Ritus unter die Geheimgesellschaften, die die Charbonnerie wesentlich begründet haben, einrückte, beschuldigte man Misraim, eine der hauptsächlichen Deckorganisationen, die von den Carbonari genutzt würden, zu sein, und im Jahre 1823 - fast im Augenblick der Verschwörung der vier Sergeanten zu La Rochelle und deren Verurteilung - ist der Orden in Frankreich verboten worden. Die Tatsache, dass eindeutig vorausgesetzt wurde, dass jeder der Brüder Bedarride ein Carbonari gewesen sei, erklärt die Bemerkung von Pierre Mariel, die lautet: „Die überspannten Auffassungen von den Ursprüngen des Ritus von Misraim machen das beunruhigendste Rätsel der französischen Maurerei aus, denn, wie es Gaston Martin nahelegt: Ich frage mich, ob dies absurde Gespinst nicht nur ein Scherz war, der eine ganz andere Absicht verbergen sollte. Tatsächlich hat sich der Ritus von MIsraim mitten aus den angesehensten Maurern rekrutiert. … es scheint, als stünden wir einer Maurerei mit geheimen Zielen gegenüber, ohne Zweifel politisch (sicherlich bonapartistisch).“  Ich bin froh, sicher zu sein, dass all das im Gegensatz zu jener maurerischen Ethik steht, die mir so wert ist, vor allem im Zusammenhang einer Rede aus dieser nervösen Zeit.

Zutiefst antiklerikal, aber doch von Grund aus deistisch und spiritualistisch, antiroyalistisch und mehrheitlich bonapartistisch [wie der Orden nun einmal war], fiel es der Polizei der Restaurationszeit nicht schwer, die Auflösung des Ritus zu verlangen. Unerlaubt während 15 Jahren, wurde er 1838 wiederhergestellt. Dieses Jahr sah die Schöpfung des Ritus von Memphis durch Jacques Etienne Marconis de Negre.

Auf unsicherem Boden mich bewegend, erlauben mir meine Lektüre und die mir bekannten Dokumente, zu denken, dass es sich um eine Abspaltung von Misraim gehandelt hat, da Marconis de Negre schon zweimal vorher [nachweislich] Mitglied von Misraim gewesen ist. Ein erstes Mal zu Paris im Jahr 1833 und ein zweites Mal zu Lyon in den Jahren 1835 bis 1838 in der Loge „La Bienveillance“ [das Wohlwollen], diesmal zudem als Ehrwürdiger Meister.

Gemäß unserem verstorbenen Bruder Albert Cools war sein [Marconis de Negres] Vater Gabriel Mathieu schon selbst Groß-Hierophant von Misraim im Jahr 1816 und außerdem Gründer der [Misraim-]Loge „Les Disciples de Memphis“ von Montauban.

 

Nach dem Tod von Marc Bedarride im Jahr 1846 und von Michel Bedarride 1856 wurde deren Nachfolger der Bruder Hayere, der dem Ritus von Misraim neuen Schwung verlieh und ihm einen rein initiierenden Charakter zu geben wusste. Initiierenden Charakter hatte der Ritus bis dahin gar nicht oder nur wenig.

Seit den Arbeiten, die in dem Großen Goldenen Buch eingetragen sind, das ich schon früher erwähnt habe [d.h. seit ca.1822], ist immer wieder die Aufforderung an die erhobenen oder in einem höheren Grad empfangenen Brüder ergangen, sich einer Loge des Ritus zu affilieren. 1862 sandte der Marschall Magnan, Großmeister des Grand Orient de France, in Abstimmung mit seinem Ordensrat ein Zirkular an alle Obödienzen mit dem Ziel einer freimaurerischen Einheit in Frankreich. Der Bruder Hayere, Oberster Großkonservator und Großmeister des Ritus von Misraim, der die Aufforderung zur Vereinigung empfangen hatte, antwortete ihm: „Der Ritus von Misraim hält an seiner Unabhängigkeit fest, anstatt Eure Gewalt anzuerkennen und sich Eurer Herrschaft zu untergeben. Auch wenn der Kaiser glaubt, uns unterdrücken zu müssen, wenn der Orden dies machen würde, werden wir uns dennoch nie unterwerfen.“

Gewiss wurden durch diese formvollendete und stolze Antwort die Beziehungen zum Groß Orient nicht leichter, und in der Kunst, einen Freund zu gewinnen, kann man es wirklich besser anstellen! (Es ist anzumerken, dass Memphis auf die Forderung eingegangen ist und dass seit dieser Epoche die Bande zwischen den zwei Orden [Memphis und Grand Orient de France] sich erhalten haben, bis heute, wo es Memphis-Misraim ist.)

Heutigentags, nach gewissen Gerüchten, derer ich mir nicht ganz sicher bin, sollen die Beziehungen nicht mehr ganz und gar dieselben sein, der Grand Orient ist beunruhigt über die Richtung, die der Memphis-Misraim-Orden genommen hat, der in drei Strömungen (Gérard Kloppel, Georges Vieilledent und Marcel Laperruque) auseinander gebrochen ist, wohingegen unser Ritus „geduldet“ wird. Ist das nicht schön, diese maurerische Toleranz? Was für ein Glück wir haben!

Nach dem Tod des Bruders Hayere im Jahr 1876 folgte ihm der Bruder Girault  bis 1884, dann der Bruder Osselin(Vater). Der letzte war sehr verbunden mit dem Großkommandeur des Alten und Angenommenen Schottischen Ritus [R.E.A.A.] Louis Proal, und verstand es, ihn den Ritus von Misraim anerkennen zu lassen, praktisch zum ersten Mal auf gleicher Augenhöhe. Und als am 4.August 1889 der Ritus seine Ordensfeier beging, geschah das in Gegenwart der Brüder Proal und Opportun (der einen bezeichnenden Namen hat), einem Mitglied des Ordensrates vom Grand Orient. Im selben Jahr zählte der Ritus 3 Logen in Paris, 8 in der Provinz, 2 in New York, 1 in Buenos-Aires und 1 in Alexandria. Alle unter der französischen Jurisdiktion, ohne die italienische Jurisdiktion mit zu zählen, die zu jener Zeit selbständig war.

Aber im Jahr 1890 brach [im frz. Misraim-Orden] ein neuer Streit aus zwischen einer Minorität von Spiritualisten und einer Majorität von Laizisten, die geleitet von dem Großsekretär Henri Chailloux sich dem Grand Orient anschlossen. Der Bruder Chailloux hatte in einer Rede wirkungsvoll angekündigt: „Wenn man in unserer Erklärung der Grundsätze [Declaration des principes], gedruckt 1885, lesen kann: grundlegende und unveränderliche Basis ist die Existenz des höchsten Wesens, die Unsterblichkeit der Seele und die Liebe zum Nächsten, kann man heute in unserer reformierten Konstitution lesen: Autonomie der menschlichen Person, Gerechtigkeit und Altruismus.

Eine derartige Stellungnahme im völligen Gegensatz zu den Statuten und Grundsätzen des Ritus [von Misraim] schloss durch sich selbst deren Verfasser aus. Trotzdem dauerte der Ritus von Misraim fort, geleitet durch den Großpräsidenten Osselin und mit einer einzigen Loge ‚Arc en Ciel‘, der Mutterloge des Ritus, und das bis zum Anfang dieses Jahrhunderts. Es gab unter den Mitgliedern Esoteriker von hohem Wert, und unter seiner Patronage erschien zu dieser Zeit die „Bibliotheque Rosicrucienne“, die eine gewisse Anzahl der großen Klassiker des Okkulten wieder herausgab.  

In dieser Zeit  wurden auch eine Zahl von Martinisten Mitglieder. Im besonderen Sedir und Marc Haven. Papus (Dr.Gerard Encausse) suchte im Jahr 1896 und 1897 zweimal um seine Zulassung an. Sie wurde ihm jedes Mal verweigert. Seine martinistischen Überzeugungen (nach Louis Claude de Saint Martin, dem ‚Philosophe Inconnu‘ benannt) brachten ihn in Gegensatz zu den Martinesischen (nach Martines de Pasqualy) des Ehrwürdigen Meisters Abel Haatan. Sedir, Marc Haven und einige andere Martinisten verließen damals den Misraim-Orden und schlossen sich wieder Memphis-Misraim an (wovon Papus im Jahr 1908 Großmeister wurde).

Misraim in Frankreich im 20.Jahrhundert

Einige Worte zur Entstehung von Memphis-Misraim werden Ihnen dienen, das aktuelle Dasein von Misraim besser zu verstehen. Im Jahr 1881 hat es eine Allianz gegeben zwischen den Souveränen Sanktuarien von Memphis in den Vereinigten Staaten, in Groß-Britannien und Rumänien und dem Souveränen Sanctuarium von Misraim in Neapel unter der Leitung von Jean-Baptiste Pessina. Der General Joseph Garibaldi wurde als Groß Hierophant der ganzen Obödienz benannt. Das dauerte nur kurz, weil er im Jahr 1882 starb. Diese Union erreichte zuerst die Wiedervereinigung von Memphis und von Misraim, hernach die Schöpfung des Ritus von Memphis-Misraim. Der französische Zweig des Ritus von Misraïm hat nun aber nicht an diesem Werk teilgenommen und seine Unabhängigkeit bewahrt.

Die Tatsache, dass Misraïm seit dem Anfang unseres Jahrhunderts in Schlaf versetzt worden ist, hat diese Tatsache dem Vergessen preis gegeben, und man hat sich daran gewöhnt, zu denken, dass allein Memphis-Misraïm noch existiert.

 

Unser aktuelles Erwachen verdanken wir der Begeisterung unseres Bruders Robert Ambelain, des Großkonservators der Vereinigten Riten von Misraim und Memphis, von denen er 1994 auch Patente an Jean-Marc Font, den aktuellen Allerhöchsten General Großmeister und Passé Maîstre Immediat der Loge ‚Arc en Ciel‘ in Paris erteilt hat. Es ist jedoch zu beachten, dass zwischen 1973 und 1978 eine Loge ‚Les Sergents de la Rochelle‘ den Ritus von Misraim im Herzen der Obödienz von Memphis-Misraim bearbeitet hat, deren erster Vorsitzender [Président] auch Robert Ambelain war.

Indem Misraim fortfährt, damit ein Paradox zu pflegen, sind wir stolz darauf, zugleich Mitglieder eines der ältesten Riten und aus diesem Grund Träger einer alten und reichen Erbschaft zu sein und Mitglieder der zweifellos jüngsten Obödienz. Die Gegenwart kann der Zukunft nicht sehend begegnen ohne die Lehren der Vergangenheit. Es ist die Vergangenheit, die uns interessiert, um zu vermeiden, dass unsere Zukunft nichts anderes sein kann als die Wiederholung von Irrtümern. Unsere Ordnung der Gebräuche und Zeremonien, entsprossen unserem Ritus, muss ihren initiatorischen Willen fortsetzen. Und wir Mitglieder dieser edlen Einrichtung müssen uns alle engagieren das Credo dieser schönen und einfachen Maurerei zu berücksichtigen, das aus nicht selektiver brüderlicher Toleranz und umfassender und eifriger Forschung besteht. Die ganze Besonderheit von Misraim , die übertriebene Ägyptisierung, von der unsere Rituale der drei ersten Grade heute geprägt sind, existieren jedenfalls immer in den „Hochgraden“, die den Perfektionsgraden vom 4o bis zum 33o folgen, aber für diesen Punkt ist es nicht die Stunde und nicht das Alter, darüber zu sprechen.

Wie unser Bruder Rudyard Kipling sagte: „Dies ist eine andere Geschichte“.

Jean Lambert Renders, GLMM, Der Ritus von Misraim.
Über Memphis-Misraim gibt es keine neuere deutschsprachige Literatur. Doch gibt es französische und italienische Veröffentlichungen in großer Zahl. Deshalb habe ich den französichen Vortrag von Jean Lambert Renders übersetzt, den er am 25.1.1997 in Lille-Ronchin, in der Loge ‚Kemet‘ gehalten hat. Nachdem er die ersten Anfänge skizziert hat, erzählt Renders seinen französischen Brüdern insbesondere, wie sich Misraim, aus Italien kommend in Frankreich ausgebreitet hat, was seine französischen Hörer natürlich am meisten interessiert hat. Ich habe versucht zu jeder von ihm genannten Person ein biografisches Kurzportrait zu zeichnen
Jean Lambert Renders. GLMM. Der Ritus vo[...]
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