Spuren der Nerthus-Verehrung im Ostseeraum

Spuren der Nerthus-Verehrung im Ostseeraum. Von Rolf Speckner, Hamburg.

 

Einige Beobachtungen, die ich im Juni 2010 während einer Reise mit Freunden nach Gotland machen konnte, haben den heutigen Vortrag veranlasst. Meine Bemerkungen zur Nerthus sind aphoristisch gemeint und nicht als fertige Erkenntnisse.

Gotlands Geschichte ist auf der Insel allgegenwärtig. Beinahe 100 romanische Kirchen sind erhalten. Manche sind seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wieder instand gesetzt worden. Wir haben in 10 Tagen etwa 30 Kirchen besichtigt. Der Autor Uwe Lembke war zeitweilig unser führender Begleiter.

Berühmt sind die gotländischen Kirchen wegen ihrer Taufsteine. Überall in Norddeutschland findet man gotländische Taufsteine aus der Zeit 1100-1300.

Nun fiel mir als erstes auf, dass häufig in Gotland auf den Taufsteinen die Geburt Jesu dargestellt ist, oft zweifach, das heißt, die Szene mit den Hirten nach Lukas und die Szene mit den Königen nach Matthäus. Markus und Johannes sagen ja über die Geburt nichts, sondern beginnen gleich mit der Taufe.

Drei Könige. ~ 1180. Steenkyrka. Taufstein.
Drei Könige. 1200~ Taufstein von Meister Sigraf. Gotland, Grotlingbo Kyrka.
Drei Könige. Vall Kyrka.

Das war umso auffälliger, als fast an jeder Kirche, deren Eingang mit Reliefplastik verziert ist, auch am Eingang diese beiden Szenen dargestellt sind. Der große Unterschied zwischen den beiden Erzählungen scheint die Künstler nicht gestört zu haben.

Drei Könige. Visby. Kirchenportal.
Lärbro. Westportal, linkes Gewände. Anbetung der Könige.

So drängte sich mir das Rätsel auf, wieso auf Gotland, mitten in der Ostsee, die Darstellung der Geburt Jesu und der Jungfrau, die gebären wird oder schon geboren hat, so deutlich im Mittelpunkt der christlichen Kunst stand. Das hatte natürlich zur Folge, dass auch das Volk damit intensiv beschäftigt war.

Nun brachte des Erlebnis des schwedischen Johannifestes, das ja in Schweden so intensiv gefeiert wird wie bei uns Weihnachten, die für den unkundigen deutschen Gast überraschende Beobachtung, dass im Mittelpunkt dieses Festes die jungen Mädchen und Frauen, ihre natürliche Schönheit, die im Sommer zur Reife kommt, steht. Die Mädchen und Frauen der Stadt schmücken sich und ziehen in einem Umzug durch die Stadt zum „Maibaum“, der hier im Juni errichtet wird, aber den deutschen Namen noch trägt. Um den Maibaum wird dann getanzt. Zunächst sind es die kleinen Mädchen, doch nach und nach reihen sich die jugendlichen ein und schließlich trauen sich auch die jungen Frauen. Die ganze Familie sitzt dabei und freut sich an der Schönheit der Frauen, die in der voll aufgeblühten Natur wunderbar zur Geltung kommt.

Derartige Maibäume, um die zu Johanni zunächst die Jugend und nach und nach alle Alterskreise tanzen, stehen überall auf Gotland und in Schweden. Das ganze Volk atmet zu dieser Zeit aus und fühlt sich von der liebenden Natur aufgenommen. So wie sie aufblüht – im Juni erblühen in Gotland gleichzeitig nebeneinander Frühlings- und Sommerblumen – so blühen auch die Schönheiten des Menschengeschlechts auf. Und wenn das Tanzen dann auch zu anderen intimeren Begegnungen führt, ist das nur natürlich und niemand stört sich daran. Die schwedische Gesellschaft ist ja für ihre Freizügigkeit in den Beziehungen der Geschlechter bekannt. Aber es ist etwas anderes, was man im Norden wahrnehmen kann, als wenn man dasselbe in Deutschland beobachten könnte.

An diesem Fest ging mir auf, dass die Gotländer und vermutlich weite Teile der schwedischen Bevölkerung die reine Jungfrau schon immer verehrt haben und dass die Verehrung der Nerthus und die Verehrung der Jungfrau im Menschen und die der Maria nur drei Seiten derselben Religiosität sind.

In Gotland, in Schweden und wahrscheinlich in weiten Teilen des Ostseeraums ist die Jungfrau verehrt worden. Die Menschen interessierten sich für die Geburtsgeheimnisse.

Tacitus spricht von der Nerthus als er über die Langobarden und die in ihrer Nähe siedelnden Stämme spricht. Die Langobarden siedelten im Bereich der Unterelbe bei Lüneburg. Im Großen gesehen ist das nahe der südlichen Ostseeküste. Das große Kultzentrum der Nerthus sei auf einer „Insel des Ozeans“. Friede und Freude herrschten, wenn die Göttin auf ihrem Wagen durch die Lande fuhr, gezogen von Kühen. Sie brachte die Fruchtbarkeit der Erde zurück – und es ist wohl nicht zu gewagt, wenn wir uns die Stimmung, die sie verbreitete, ähnlich derjenigen vorstellen, die auf dem schwedischen Sommerfest noch heute herrscht. Am Schluss wurde der Wagen und mit ihm die Göttin in einem See gebadet, die Badehelfer im See versenkt.

Nerthus war als Jörd eine Gattin Odins. Ihr Name ist keltischen Ursprungs und bedeutet soviel wie ‚Kraft‘ oder ‚Naturtrieb‘. Zu dieser Zeit ist Odin der Gott der Dichter, der die Naturkräfte sich im Wort offenbaren lässt. Später führt Odin den Norden in die Anfänge einer abstrakten Gedankenkultur: er führt die Runen ein. Zu dieser Zeit verliert er Jörd oder Nerthus. Indem er sich mit den Gedankenkräften verbindet, kann er sich nicht mehr völlig mit den Naturkräften vereinen. Es tritt eine Spaltung zwischen den Gedankenkräften und den Naturkräften ein.

Das findet eine Parallele in der Entwicklung der ersten drei Jahrsiebte des Menschen. Ursprünglich ist im Kinde ein lebendiges Wissen. Sein ganzes Wissen lebt im weisheitsvollen Aufbau des Leibes. Dieses ‚Wissen‘ ist aber nicht abstrakt, das Kind könnte es nie aussprechen, aber es weiß, wie es seinen Leib gestalten muss. Mit der Schulreife lösen sich Teile der Lebenskräfte, die im Bilden der Leibesform tätig waren, aus diesem Tun, das einen ersten Abschluss gefunden hat. Diese Kräfte stehen jetzt dem Denken im Kopf zur Verfügung. Das Schulkind lernt nun auch die Welt noch einmal nachbilden. Das findet einen gewissen Höhepunkt im Alter der Pubertät. Bei der Geschlechtsreife entwickeln sich nochmals Kräfte in zwei Richtungen auseinander: einerseits stehen die Bildekräfte dem geschlechtsreifen Menschen zur Bildung eines weiteren Menschenleibes zur Verfügung, andererseits beginnt die Erkenntnistätigkeit eine ganz persönliche zu werden und damit auch eine ganz abstrakte. Das Erkennen führt zu lebenslosem Wissen, das Pubertieren zu einem wissenlosen Leben, das ebenfalls sein Recht fordert. Zwischen 14 und 20 entfaltet der junge Mensch lebenloses Wissen und wissenloses Leben.

In den ursprünglichen Kulturen war das eine Einheit. Die Weissagungen der Seherinnen kamen in rhythmischen Dichtungen zum Vorschein, aber die Seherinnen ‚wussten‘ nicht, was sie sagten. Es waren auch lebendige Bilder, oft wie Märchen.

Diesen Weg sehen wir in Odins Entwicklung widergespiegelt. Und der Weg vom Heidentum zum Christentum führte auch aus dem wundervollen Erleben der Naturgewalten in ein als Selbst erlebtes Innensein. Dieser Weg führte aus den heiligen Wäldern in die gotischen Säulenhallen, aus der Himmelsbeobachtung in das Kalenderwesen. Wenn der Mensch zu sich kommen will, muss er Mauern um sich errichten oder Höhlen aufsuchen! Der äußere Tempel, die Kirche sind auch ein Bild für die Höhle, die der Mensch eigentlich sucht.

Odin führte die Menschheit des Nordens auf diesem Weg, er führte sie in die Götterdämmerung, die ja darin bestand, dass der Mensch die Welt als geschlossene Wand erlebte.

Merkwürdigerweise erzählt auch die Geburtsgeschichte Jesu von dieser Aufspaltung der Menschenseele, die sie zu ihrer Menschwerdung braucht. Die beiden Evangelisten erzählen zwei völlig verschiedene Geschichten. Lukas spricht von einem Knaben, in dem das wissenlose Leben ansehbar wird. Matthäus spricht von einem Knaben, in dem höchste Weisheitskräfte entfaltet sind.

Matthäus erzählt, dass Jesus von dem weisen König Salomo stamme.

            Lukas erzählt, er stamme von Salomos Bruder, dem                       frommen Priester Nathan ab.

Matthäus lässt die Weisen aus dem Morgenland zu dem Kinde kommen, und zwar in ein prachtvolles Haus,

Lukas spricht davon, dass die braven herzensguten Hirten zu ihm gekommen wären, und zwar in den Stall.

Matthäus lässt einen Engel erscheinen, der die Könige warnt zu Herodes zu gehen, sie sollen das Land auf Umwegen verlassen.

            Lukas schickt seine Hirten nach Jerusalem, damit sie alles                 „dem Herrn" anzeigen.

Matthäus schickt Maria und Joseph für viele Jahre nach Ägypten, um dem betlehemitischen Kindermord zu entgehen.

            Lukas schickt Maria mit dem Kind in den Tempel nach                     Jerusalem, wo es beschnitten wird.

Matthäus lässt die Heilige Familie nach mehreren Jahren nach Nazareth zurückkehren.

    LukasMaria kehrt mit dem Kind sogleich nach                   der Darbringung im Tempel nach Nazareth zurück.

Matthäus spricht von dem weisesten Menschen, den die Sternenweisen verehrten.

              Lukas schildert ein Kind, das durch Berührung heilen,         aber nicht richtig sprechen konnte. Lukas Kind ist nicht ganz erdenreif, aber mit heilendem Leben erfüllt.

Man kann der Überzeugung sein, dass diese Geschichten so widersprüchlich sind, dass beide oder zumindest eine von ihnen falsch sein müsse. Das Mittelalter hat sie nebeneinander stehen gelassen. Es hielt offensichtlich beide für wahr.

Es war aber unübersehbar, dass es sich nicht um dieselbe Maria handeln konnte. Sowohl die Maria als auch ihr Kind wurden recht verschieden dargestellt. Die Maria nach Matthäus war eine thronende Madonna, in einem reichen Haus, herrscherlich in Kleidung, Gestus und Antlitz, manchmal gekrönt. Sie hat den Knaben auf ihrem Schoß stehen, er ist den Weisen zugewendet, grüßt sie und schaut sie wach an. Die Maria nach Lukas ist ein Mädchen im ärmlichen Stall, ohne Habe und Gut, zwischen Ochs und Esel. Ihr Kind liegt – nackt oder gewickelt - entweder auf dem Boden oder in der Krippe, und schläft oder schaut die Mutter an. Die Hirten scheint es nicht wahrzunehmen. Wenn Maler oder Bildhauer diese Szene in wochenlanger Arbeit gebildet haben, kann ihnen der Unterschied nicht entgangen sein. Wie konnten sie damit leben?

In den germanischen Mythen kommt noch eine Szene nach der Götterdämmerung. Widar, der schweigsame Ase, sorgt dafür, dass aus der untergangenen Erde – sie war wüst und leer – wieder neues Leben entsprießt. Widar schweigt, weil die untergegangene Welt ihm nichts mehr sagt. Sie schweigt – und er muss schweigen lernen, um in der Stille das Leben des Geistes neu zu entzünden. Widar lässt aus dem lebenlosen Wissen durch sein schweigendes Ruhen darauf wieder Leben ersprießen. Er verbindet das ehemals Getrennte neu.

In Palästina wurden die beiden Knaben, die nun in Nazareth wohnten, im zwölften Lebensjahr in den Tempel gebracht, wo sie Rede und Antwort stehen mussten. Man kann sich vorstellen, dass das dem von Salomo abstammenden Knaben leicht fallen musste, während es dem von Lukas geschilderten schwer werden würde. Seltsamer Weise wird von hier an nur mehr von einem Knaben berichtet. Allerdings erstaunt dieser Knabe die Priester im Tempel durch seine Klugheit und sie können gar nicht lange genug mit ihm sprechen. Und seine Eltern, die sich schon auf den Rückweg gemacht hatten, weil sie ihr Kind in der Nähe wähnten, müssen zurückkehren und finden ihn im Tempel. Sie sind ebenfalls erstaunt darüber, wie weise ihr Kind plötzlich ist. Wären es die Eltern des weisen Kindes, bräuchten sie nicht zu staunen. Das andere Kind ist also plötzlich weise geworden. Ab nun ist nur noch ein Kind da: es ist das Kind der lukanischen Maria, aber es hat die Fähigkeiten des anderen Kindes.

Das Geheimnis, das sich hier andeutet, ist von den gotländischen Künstlern und von vielen anderen gewusst und dargestellt worden. Sie zeigen zwei Jesusknaben im Tempel, der eine thront wie einst die Mutter des weisen Kindes und antwortet. Der andere ist vollkommen gleich gekleidet und verlässt blass und krank den Saal. In einer gotländischen Darstellung lehrt der eine Knabe, während der andere rechts tot auf dem Schoß der Mutter liegt. Links stehen die über die Weisheit ihres Kindes staunenden Eltern.

Rudolf Steiner erklärt dazu, dass die Seele des weisen Kindes, die von den persischen Magiern verehrt worden ist, in den Leib des anderen Kindes übergegangen sei. So wurden auch hier Weisheits- und Liebeskräfte wieder vereint.

Auf diese Weise wurde der reinste Leib mit der weisesten Seele verbunden. Und dieser Mensch ging in seinem 30.Jahr an den Jordan und ließ sich – zu Johanni – taufen. Dabei zog der Christus in den Leib des Jesus ein und vom Himmel tönte es: „Heute habe ich meinen Sohn gezeugt!“

Rolf Speckner: Spuren der Nerthusverehrung im Ostseeraum
Die Nerthusverehrung war in ein besonderes Erleben der im Frühjahr aufblühenden Natur eingebettet, so wie es heute die Bewunderung der Schönheit der Frauen und Mädchen beim schwedischen Johannifest ist. Vor diesem Hintergrund wird die besondere Rolle, die die Marienverehrung im Ostseeraum spielte und immer noch spielt, ein Erinnerungszeichen der ehemals hier gepflegten Nerthus-Mysterien.
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