Englische Einflüsse auf das Rosenkreuzertum

Im Juni 2008 konnte ich in Dornach / Schweiz ein Referat zum Thema "Englische Einflüsse auf das Rosenkreuzertum" halten. Das Geschah in der Arbeitsgruppe von Frau Dr. Virginia Sease, die sich mit dem Wirken des Christian Rosenkreuz im Verlauf der Geschichte befasste. Der folgende Text ist eine überarbeitete Fassung dieses kurzen Referates.

Frances A.Yates Auffassung des Rosenkreuzertums

 

Die Anschauung vieler Kulturwissenschaftler der Gegenwart ist, dass es Christian Rosenkreutz gar nicht gegeben habe, dass er eine literarische Erfindung sei, und dass die sogenannten „echten Rosenkreuzerschriften“1   von anderen sich verbergenden Persönlichkeiten verfasst worden seien.2 Vor diesem Hintergrund ist die Frage danach, wo die „eigentlichen“ Ursprünge des Rosenkreuzertums zu finden seien, eine verständliche und berechtigte. 

    John Yarker hat eine Fülle von okkultistischer Literatur aus dem 17.Jahrhundert zusammengetragen und unter Einfügung von Zitaten charakterisiert, die er als rosenkreuzerische Werke ansieht. Sein Buch ‚Notes on the Scientific and religious Mysteries of Antiquity; the Gnosis and Secret Schools of the Middle Ages; Modern Rosicrucianism and the various rites and degrees of Free and Accepted Masonry” (London 1872) gibt in dem Rosenkreuzerkapitel einen guten Überblick über die Fülle der englischen okkulten Literatur zwischen 1600 und 1700. Dabei fällt auf, dass die drei sogenannten  “echten” Rosenkreuzerschriften, die doch 1614-1616 in Kassel, Frankfurt und Straßburg erschienen sind, erst nach Jahrzehnten ins Englische übersetzt wurden. Während die Fama fast gleichzeitig in Deutsch (1614), Holländisch(1615) und Lateinisch(1615) in die Welt trat, erschien erst 1652 eine englische und französische Ausgabe. Die Chymische Hochzeit erschien auf Deutsch 1616, eine englische Übersetzung gar erst 1690. Es gab offensichtlich in England einen weitverbreiteten Okkultismus, der aber auch dazu führte, dass man das Neue des Rosenkreuzertums gerade nicht sah, sondern darin nur das, was man schon selbst besaß, wiederfand.

   Miss Frances A. Yates, deren ‚Rosicrucian Enlightenment‘ 1972 erschien und eine wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Renaissance-Okkultismus auslöste, wie sie vorher undenkbar war, gelang das, indem sie das Wort Rosenkreuzertum aller esoterischen Konnotationen entkleidete: „Dieses Wort ist mit falschen Assoziationen verbunden auf Grund der kritiklosen Annahmen von Okkultisten bezüglich der Existenz einer Sekte oder Geheimgesellschaft, die sich selbst Rosenkreuzer genannt habe, und deren Geschichte und Zugehörigkeit sie zu besitzen behaupten. ... Das Wort könnte, so empfehle ich, angewendet werden auf einen bestimmten Denkstil, der historisch nachweisbar ist, ohne die Frage aufzuwerfen, ob ein Denker im rosenkreuzerischen Stil zu einer Geheimgesellschaft gehört habe.“3 Indem sie nur auf den Denkstil achtete, bekam sie eher das Ähnliche als das Unterscheidende verschiedener Okkultisten und Strömungen in den Blick. Denn die okkulte Welt ist nur eine und wird daher weitgehend ähnlich beschrieben, auf welchem Wege auch die Erkenntnisse gewonnen sind.

Sie kam denn auch zu dem Ergebnis: „Ich stürzte mich in den Morast der rosenkreuzerischen Literatur, um darin zu entdecken, dass der hauptsächliche hinter der deutschen Rosenkreuzerbewegung stehende Einfluss von John Dee ausging.“ 4

Sie beschreibt dann weiter, dass zur englischen Färbung der deutschen Bewegung auch schon der Name ‚Rosenkreuz‘ gehöre, der von dem roten Kreuz des Heiligen Georg und anderen englischen Rittertraditionen stamme. Sie weist ferner auf das Titelblatt von John Dees ‚Monas Hieroglyphica‘ (1564) hin, auf welchem das Symbol zu sehen ist, das 50 Jahre später in der ‚Chymischen Hochzeit‘ (1616) den Einladungsbrief zur Hochzeit ziert. Tatsächlich finden wir dasselbe Symbol aber auch auf dem Kontinent wieder in einer Schrift von 1567 über das Haus Habsburg, die Maximilian II. gewidmet war wie auch John Dees Werk.

Auf allgemeinste Ähnlichkeiten wie die Lehre von den Übereinstimmungen zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos, etc.. sowie auf winzige vergleichbare Details wie die „Monas-Hieroglyphe“, wie sie seither genannt wird, stützt sich ihre Behauptung, durch John Dee und später durch Michael Maier sei das Rosenkreuzertum von England auf den Kontinent gebracht worden. Die Verfasserin vergisst dabei, dass die von ihr angeführten Parallelen in der Weltanschauung Allgemeingut der europäischen Kultur waren, und dass sie in Deutschland durch Paracelsus sogar an mehreren Hochschulen zum öffentlichen Lehrgegenstand geworden waren.

Dass der Boden, auf dem Yates baute, ein recht dünner war, hat nicht verhindert, dass sich eine umfangreiche spekulative, z. t. auch von nationalen Empfindungen getönte Literatur daran geknüpft hat. Obwohl seither in verschiedenen Werken5 der Versuch gemacht wurde, Yates zu hinterfragen, hält sich die Behauptung hartnäckig, das Rosenkreuzertum sei durch Michael Maier von England nach Deutschland gebracht worden. Dass diese Behauptung nicht aus der Kenntnis seiner Werke geschöpft ist, wird dadurch deutlich, dass Maier 1617 ausdrücklich bestreitet, dass er die Kenntnis aus England mitgebracht habe. In meiner Übersetzung lautet der lateinische Text aus der ‚Aurea Tabula‘ so:

Jene Fama der besagten Bruderschaft, um die hier vor den Augen und Ohren der allermeisten schon vormals viel Lärm gemacht worden ist, und die, nachdem sie weit und breit im Umlauf war, bis an die äußersten Küsten geeilt ist, drang auch an mein Ohr, der ich damals in England tätig war und mich ausschließlich mit Chymischen Angelegenheiten befasste, und zwar durch einige unglaubliche Gerüchte, die weit übertrieben waren gegenüber der Wahrheit. Ich behandelte sie [die Fama] in erster Reaktion mit Zweifeln, wegen meines Vertrauens zu dem Berichterstatter. Zu jener Zeit [1613] wurden aus dem Berberland* einige wundersame Neuigkeiten überbracht, auf welche Weise nahe an Marokko und Fez ein gewisser Prophet sich aus der Zahl der Weisen erhoben hatte mit Namen Mullei Om Hamet Ben Abdela , der die meisten okkulten Zeichen [occulta signa] an sich [in se] demonstrierte [vorwies?] und den König dieser Region, Mullei Sidan, der mit einem genügend großen Heer ausgerüstet war, fast unbewaffnet mit einer sehr kleinen Schar angegriffen, niedergeworfen (profligit) und besiegt hat, sowie den Sitz des Königs eingenommen. Weil aber auch diese Brüder nach unbestätigten Gerüchten aus dem Berberland nach [über] Spanien gekommen sein sollen, hat man geglaubt, dass sie und der Berber-Prophet dieselben Künste und Einrichtungen besäßen. Nachdem das Buch selbst über die Fama und Confession derselben [der Brüder] herausgegeben worden war [Frankfurt Herbstmarkt 1616] und durch Fügung des Geschicks seinen Weg zu mir fand, bin ich [soweit] unterrichtet, dass ich ein bei weitem anderes Urteil über sie verbreite. Es ist in der Tat eine große Sache, die von jenen betrieben wird und fast unglaublich; wenn sie sich als erfolgreich herausstellt und sich durch sich in der Lebenspraxis [usus] als ganz wahr erweist, werden wir ein Leben lang genug haben, über das wir staunen können, und für das wir uns in Wort und Tat mit allen Kräften einsetzen können. Einstweilen, während sie alles gemäß jedem vernünftigen Urteil und hinsichtlich der Möglichkeit der Sache beantworten, und nichts an ihnen gefunden wird, was der wahren Frömmigkeit, der Natur, den Menschen jedweden Standes und schließlich weder der Tugend noch der Gerechtigkeit entgegensteht, sondern jedes Einzelne auf das Lob des Schöpfers zielt, auf die Enthüllung (Offenbarung) der Natur und auf den Nutzen der Geschöpfe gerichtet ist, werden wir das, was geschehen wird, durch unsere frommen und gebührenden Gebete von diesem lobenswerten Orden erwarten.“6

 

König Jakob I. und das Rosenkreuzertum

 

     Ich frage mich - nicht nur rhetorisch - ob nicht die Tatsache der Veranlagung der westlichen Völker, sich auf dem Wege durch die Sinneswelt der geistigen Welt zu nähern, hier eine Rolle spielt.

    Ein Ausdruck dieser Veranlagung ist Shakespeares „Sturm“ (The Tempest). Darin beschreibt Shakespeare das Schicksal eines Herzogs von Mailand namens Prospero, der seine Regierungsgeschäfte zu Gunsten magischer Studien vernachlässigt hatte und auf Grund dessen von seinem Bruder Alonso gestürzt werden konnte. Prospero konnte sich und seine Tochter Miranda auf eine kleine Insel retten. Seine Zauberkräfte machen ihn zum Herrn der Insel. Ariel ein Windgeist und Caliban, Sohn einer gestorbenen Hexe, dienen ihm. Als die Tochter herangewachsen ist, verschlägt ein von Prospero verursachter Sturm seinen Bruder Antonio sowie den Sohn des Königs von Neapel, der seinem Bruder bei seinem Putsch geholfen hatte, auf die Insel. Die Liebe des neapolitanischen Thronanwärters und der Herzogstochter überwindet alle Rachegelüste Prosperos. Am Ende verzichtet Prospero auf seine magischen Kenntnise und Kräfte und wird von allen erneut als Herzog anerkannt. Der Hochzeit Mirandas und Ferdinands steht nichts mehr im Wege.

   Auch König Jakob selbst wurde ja, als er nach Dänemark fuhr, um seine Braut abzuholen von einem Sturm verschlagen und erreichte Kopenhagen erst auf Umwegen. Es heißt, auf dem Rückwege habe er sich des Wohlwollens der Luftgeister versichert, bevor er das Schiff bestieg. Diese Geschichte werden nur wenige Ernst nehmen. Unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt sagt die Tatsache, dass diese Geschichte entstehen konnte, aber etwas über das englische Volk aus.

    Wird vielleicht die auf dem „uralten Naturweg“ (Paracelsus) gewonnene Einsicht in die Innenseite der Natur mit „rosenkreuzerisch“ Gewonnenem verwechselt? Maiers Worte machen jedenfalls deutlich, dass damals in England unter den Alchemisten, mit denen er verkehrte, kein Wissen von dem Neuen, das die Rosenkreuzer zu bringen gedachten, vorhanden war.

    Das große Rätsel Jakob I. von England kann bei diesem Thema nicht unerwähnt bleiben.7 Michael Maier schrieb ihm zu Weihnachten 1611 ein Figurengedicht in Form einer achtblättrigen Blüte. Er bat um eine Audienz, die er aber nicht erhielt. Es kam, obwohl Maier von Mitte 1612 bis Anfang 1613 in England war, so viel wir wissen, zu keiner Begegnung.

    Der König, den Rudolf Steiner als „einen der größten, der gigantischen Geister des britischen Reiches“8 charakterisiert hat, sieht die europäische Auseinandersetzung zwischen jesuitisch gewordenem Katholizismus und (überwiegend) protestantischem Rosenkreuzertum. Seit der Jahreswende 1612-1613 ist der Pfalzgraf bei Rhein, Friedrich V., der Führer des protestantischen Lagers, Jakobs Schwiegersohn. Mit welchem Aufwand wird Friedrich V. in London empfangen! Friedrich wird als Jason empfangen, der das goldene Fließ sucht.

Friedrich V., Pfalzgraf bei Rhein, trifft 1612 auf der Argo in London ein, um das Goldene Fliess zu holen. Aus: Beschreibung der Reiss. 1613.

Und wie wird das Paar auf dem ganzen Wege zurück den Rhein aufwärts gefeiert.  Überall werden der spätere Winterkönig und seine Frau mit Triumphbögen empfangen! Jakob I. gibt seine einzige Tochter Elisabeth dem Kurfürsten Friedrich V. zur Frau, greift aber, als dieser von den Böhmen zum König erwählt und von den Habsburgern deswegen mit Krieg überzogen wird, nicht in die Anfänge des sich daraus entwickelnden 30jährigen Krieg ein. Während die katholischen Mächte das Rosenkreuzertum vernichten, sieht er zu. Ja er bahnt eine Hochzeit seines Sohnes Karl mit einer spanischen Infantin an. Diese Pläne zerschlagen sich zwar, weil der spanische Hof ihm auf eine sehr vornehme Weise die kalte Schulter zeigte, aber er war offensichtlich bereit seinen Frieden mit dem Hause Habsburg zu schließen, während die allerchristlichsten Herrscher Europa mit Zwang rekatholisieren wollen.

Triumphbogen in Oppenheim für das Hochzeitspaar Friedrich V., Pfalzgraf bei Rhein, und Elisabeth von England am 2.Juni 1613.

Rudolf Steiner sieht in Jakob I. „einen der bedeutendsten okkultistischen Menschen“9. Kann man Jakob I. unter diesen Umständen als einen rosenkreuzerischen Eingeweihten ansehen? Wenn aber nicht, was heißt: ein Eingeweihter des Angelsachsentums? Sind Jakob englische Sonderinteressen wichtiger als die Menschheitsinteressen Mitteleuropas? Oder ist ihm die Erhaltung des Friedens oberstes Ziel? Ich muß diese Frage so stehen lassen.

 

Die Aneignung rosenkreuzerischen Wissens

 

Schließlich ist noch auf eine merkwürdige Äußerung Rudolf Steiners hinzusehen. Er sagt : “Es war ja mit diesem mitteleuropäischen Okkultismus früher schon etwas anderes geschehen ... Es haben schon namentlich innerhalb der okkulten Orden, außerordentlich bedeutende Leute gelebt, die vor allen Dingen mit großer Klugheit ausgestattet waren, und mit Hilfe dieser Klugheit ist es dahin gekommen, dass man eigentlich so ziemlich alles, was man äußerlich übernehmen konnte von dem mitteleuropäischen Okkultismus, hinübergenommen hat nach England, so dass das wiederauflebt in England in einer allerdings äußerlichen, exoterischen, aber doch umfangreichen Literatur. – Für denjenigen, der die Dinge kennt, wie sie sind, ist es ganz klar, wenn er irgendetwas nimmt von Wynn-Westcott, oder von denjenigen englischen Okkultisten, die etwas wissen, sogar wenn er intimer verfolgt die Schriften von Laurence Oliphant, worum es sich beim Produzieren dieser englischen okkulten Literatur handelt: dass man sich anschickt, demjenigen, was in Mitteleuropa erzeugt worden ist und was zunächst zurücktreten musste in Mitteleuropa, weil eine mehr materialistische Entwicklung Platz griff, ein englisches, ein westeuropäisches Gewand zu geben...“10

 

Rudolf Steiner spricht hier meines Erachtens vorwiegend vom Okkultismus des 19.Jahrhunderts. Doch lässt sich das von ihm beschriebene Verfahren schon früher beobachten. Im Jahre 1616 veröffentlichte der Frankfurter Verleger J. Bringer einen kurzen Bericht des Arztes Dr. Georg Molther über dessen Begegnung mit einem Rosenkreuzer in Hagenau (Elsaß). Im selben kleinen Bändchen druckt er auch eine deutschsprachige ‚Responsio Fr. R. C.‘ ab. Sie beginnt: „Ein jeder begert von Natur güldene und silberne Schätze, Edlgestein und Reichthumb, und für der Welt groß und hoch zu seyn. ...“11 Die Unterschrift lautet: E.D.F.O.C.R.sen. Verstehen wir O.C.R. als Ordinis Crucis Roseae, was heißt „des Ordens vom Rosenkreuz“, dann könnten E.D.F. die Initialen des ungenannten rosenkreuzerischen Verfassers des Briefes sein.

    Fünfunddreißig Jahre später, im Jahre 1651, erschien in London Thomas Vaughans trotz seines lateinischen Titels englischsprachiges Buch ‚Lumen de Lumine‘, in welchem er den genannten Brief eines Rosenkreuzers abdruckte ohne irgendeine genaue Quellenangabe und ohne die eben genannte Unterschrift.   

   Er nennt ihn “A Letter from the Brothers of R.C.” und druckt den lateinischen Originaltext mitten in seinem englischen Wortlaut ab. Er nimmt demnach nicht in Anspruch, den Brief geschrieben zu haben, sondern nennt ihn den Brief eines Bruders vom Rosenkreuz und unterscheidet immerhin seine lateinische Quelle von der englischen Übersetzung. Dieser Brief beginnt im lateinischen Originaltext: “Unusquisque natura desyderat esse Dux, habere Aureos et Argenteos Thesauros & magnus videri coram Mundi … “12 Vor diesen Text setzt Thomas Vaughan einen Kupferstich von Robert Vaughan, der den Inhalt des Briefes illustriert:

Der Berg im Zentrum der Erde. Kupferstich aus Thomas Vaughan. Lumen de Lumine. London 1651. Von Robert Vaughan.

Thomas Vaughan gibt den Text zusätzlich in englischer Sprache, da er die Kenntnis des Lateinischen schon damals nicht mehr voraussetzen konnte: „Every man naturally desires a superiority, to have treasures of gold and silver, and to seem great in the eyes of the world....“13 Am Ende des 17. Jahrhunderts wurden Vaughans Werke ins Deutsche übersetzt und auch der ‚Brief eines Rosenkreuzers‘ möglicherweise bereits als Vaughans Text angesehen und aus dem Englischen ins Deutsche rückübersetzt.14

 

    John Yarker zitiert 1872 den Brief, hat aber scheinbar nicht den geringsten Zweifel, wer ihn verfasst hat. Er stellt lediglich fest, dass die Sprache des Werkes an Zeremonien der gegenwärtigen Rosenkreuzer-Gesellschaft erinnert. Als Beispiel  gibt er eben den Brief an, der gar nicht von Vaughan ist! Dass Vaughan ihn einem „Rosenkreuzer“ zuschreibt, würdigt er keines Wortes.

    Selbst Arthur Edward Waite, der Herausgeber der gesammelten Werke Vaughans von 1919, sieht sich nicht in der Lage, zu sagen, „ob Vaughan etwas aus einem veröffentlichten Werk zitiert hat“.  Zur Entschuldigung führt er bemerkenswerter Weise an, dass nur sehr wenig von der frühen rosenkreuzerischen Literatur in englischen privaten oder öffentlichen Bibliotheken vorhanden sei.15

    Rudolf Steiner meint aber wohl hauptsächlich das, was Annie Besant 1904 angedeutet hat, indem sie sagte, dass es zwar am Anfang des 19.Jahrhunderts in Mitteleuropa ein mächtiges okkultes Streben gab, dass dieses sich aber im Abstrakten verloren habe. Da habe der Okkultismus von England aus der Welt gebracht werden müssen.

    Er spricht in dem Zusammenhang auch über Helena Blavatsky, die während ihrer Jugend aus zwei Quellen Okkultismus aufnahm: aus der mitteleuropäisch-rosenkreuzerischen Bibliothek Pavel Dolgoruckis und aus den Begegnungen mit Kalmücken-Priestern. Bevor sie 15 Jahre alt war, wusste sie alles über die Lamas (von den Kalmücken) und hatte sie aus mitteleuropäischen Schriften auch praktische Zugänge in das Innere der Natur gefunden. Vieles, was sie sich so unschuldig angeeignet hatte, wurde später Inhalt der angelsächsisch-indischen Theosophie. Auch hier liegt mindestens zum Teil eine Art Überführung mitteleuropäischen okkulten Wissens in die Hände des Westens vor. Helena Blavatski hat ja sogar den Namen ‚Theosophie‘ aus dem mitteleuropäischen Okkultismus entliehen. Die doppelte Beeinflussung von Helena Blavatski habe ich in dem Aufsatz über Helena Blavatskis frühen Weg zu den östlichen Rosenkreuzern dargestellt.

ANMERKUNGEN

1 Fama Fraternitatis (1614), Confessio Fraternitatis (1615) und Chymische Hochzeit (1616)

2 So z.B. bei Richard van Dülmen, Gerhard Wehr, Hans-Jürgen Ruppert, Roland Edighoffer, Carlos Gilly u.a.m.

3 Frances A. Yates. The Rosicrucian Enlightenment. London and Boston. 1972. S.220

4 Frances A. Yates. The Rosicrucian Enlightenment. London and Boston. 1972. S.221.

5 Das Erbe des Christian Rosenkreuz. Amsterdam 1988; John Matthews u.a.: The Rosicrucian Enlightenment revisited . Lindisfarne Books 1999;

6 Michael Maier. Symbola aureae Mensae Duodecim Nationum. (1617). Nachdruck Adeva. Graz. 1972. S.290-91

7 Richard Ramsbotham. Who wrote Bacon? William Shakespeare, Francis Bacon and James I. A Mystery for the Twenty-first Century. Temple Lodge Press. 2004.

8 Rudolf Steiner. Vortrag vom 15.1.1917. In: R.St. Zeitgeschichtliche Betrachtungen. 2.Teil. G.A. 174. Dornach 1966, S.176.

9 Rudolf Steiner. Vortrag vom 26.12.1916. In: R.St. Zeitgeschichtliche Betrachtungen. 1.Teil. G.A. 173. Dornach 1966, S. 312.

10 Rudolf Steiner. Vortrag in München am 18.3.1916. In: Rudolf Steiner. Mitteleuropa zwischen Ost und West. Kosmische und menschliche Geschichte. G.A. Band 174a, Dornach 1971, S.113.

11 Responsio Fr. R. C. Frankfurt J. Bringer. 1616. Siehe auch: Cimelia Rhodostaurotica. Katalog, Amsterdam und Wolfenbüttel 1995, S.99.

12 Thomas Vaughan. Lumen de Lumine. Or a new magickal light discovered and communicated to the world. By Eugenius Philalethes. London 1651. S.26-31.

13 Dito, S.32-37. Wiederabgedruckt in: The Works of Thomas Vaughan (Eugenius Philaletes). Edited by Arthur Edward Waite. London. Theosophical Publishing House. 1919. S.259 ff.

14 Thomas Vaughan. Lumen de Lumine oder Ein neues Magisches Liecht geoffenbahret und der Welt mitgetheilet durch Eugenium Philalethen. Hamburg, bey Gottfried Liebezeit, 1693.

15 The Works of Thomas Vaughan (Eugenius Philalethes) Edited by Arthur Edward Waite. 1919. S.259, Anm.

Rolf Speckner: Englische Einflüsse auf das Rosenkreuzertum
Frances A. Yates Vorstellung, das Rosenkreuzertum sei von England aus durch John Dee nach Prag getragen worden erweist sich als irrig. Vielmehr haben die englischen Okkultisten, wie Maier bezeugt, das Neue des Rosenkreuzertums zunächst nicht erkannt. Erst spät wurden die Schriften übersetzt. Es ist eine Tendenz zu beobachten, sich von England aus das rosenkreuzerische Geistesgut anzueignen ohne die Quellen anzugeben.
Englische Einflüsse auf das Rosenkreuzer[...]
PDF-Dokument [882.2 KB]
Druckversion Druckversion | Sitemap
© Rolf Speckner