Anthroposophie in Hamburg vor 100 Jahren

Ankündigung eines Vortrags am 19.2.1902 von Bernhard Hubo im Patriotischen Haus. Hubo war 1898 Gründer und erster Vorsitzender der Theosophischen Loge in Hamburg.

Von der Umlaufszeit historischer Ereignisse

Ich möchte Ihnen vor allem etwas erzählen über eine Zweiggründung vor 100 Jahren, die allerdings offiziell ein Jahr später stattgefunden hat: 1912. Doch haben auch Zweige ein vorgeburtliches Dasein. Und so habe ich das Thema etwas offener formuliert. Es zeigt sich nämlich, dass die Gründung dieses kleinen Zweiges in merkwürdiger Weise in die großen Schicksale der Theosophischen Gesellschaft verwoben war, ja der welthistorischen Ereignisse vom Anfang des 20.Jahrhunderts. Insbesondere wird auch hinzublicken sein auf den Kampf um den Wirkensraum einer christlichen Esoterik.

Warum die Vorgänge von 1911-12 für uns wichtig sind, will ich eingangs an zwei Beispielen zeigen: Der Hamburger ‚Zweig am Rudolf Steiner Haus‘, den Sie alle gut kennen, ist ja im Jahre 1898 gegründet worden. Das heißt eigentlich vier Jahre bevor Rudolf Steiner in die Theosophische Gesellschaft eingetreten ist, und  drei Jahre bevor er hier in Hamburg erstmals aufgetreten ist. In Hamburg hat Rudolf Steiner nämlich im Sommer 1901 zum ersten Mal gesprochen. Der erste hiesige Zweig ist 1898 als eine Loge – so nannte man damals die Zweige - der Theosophical Society (Adyar) von Wilhelm Hübbe Schleiden und Bernhard Hubo gegründet worden und hat sich 1902 an der Gründung einer Deutschen Sektion beteiligt. Sektion kann man mit ‚Landesgesellschaft‘ umschreiben, doch umfasste die 1902 gegründete Sektion das Deutsche Reich und die deutschsprachige Schweiz, nicht hingegen Österreich und die anderen Länder der habsburgischen Monarchie. Von dieser Sektion ist also der erste Hamburger Zweig einer der Gründungszweige. Im Herbst 1902 wurde Rudolf Steiner bei ihrer Gründung in Berlin zum ersten Generalsekretär der Deutschen Sektion gewählt. Man kannte ihn hier in Hamburg aber schon lange vor der Wahl, denn er war mehrmals dagewesen seit dem Sommer 1901. 

 

Gräfin Sophie von Brockdorff, die Rudolf Steiner in Berlin im Herbst 1900 entdeckt und zu Vorträgen in der Theosophischen Bibliothek eingeladen hatte, hat an Bernhard Hubo, den Hamburger Zweiggründer geschrieben und ihm von dem begabten jungen Gelehrten berichtet, der so wunderbar über Goethe sprechen kann. Ob er den nicht mal einladen wolle? Von dieser Zeit an gibt es im Rudolf Steiner Archiv (Haus Duldeck) auch einzelne Briefe und Postkarten aus dem Briefwechsel zwischen Bernhard Hubo und Rudolf Steiner, aus denen hervorgeht, wie die Hamburger ihn dann am ‚Berliner Bahnhof‘ abgeholt haben mit einer Droschke und zu Bernhard Hubo gefahren sind, wo der junge Doktor wohnte, u.s.w. Später hören wir auch, dass Rudolf Steiner gefroren hat im Hause von Hubo und ähnliches.[1]

 

Der Hamburger ‚Zweig im Rudolf Steiner Haus‘ ist also ein sehr alter Zweig, einer der ältesten wohl überhaupt in Deutschland, er bestand zuerst in der Theosophischen, dann in der Anthroposophischen Gesellschaft. Die Gründung dieses Zweiges fand am 8.4.1898, einem Karfreitag, statt.[2] Genau hundert Jahre später geschah 1998 der große Umbau des Hauses und es fand der damit eingeleitete Zusammenbruch des Zweiges statt. Nach hundert Jahren war dieser Impuls an einem Ende. Das kann man an den Tatsachen ablesen. Es  hat 1898 einen mächtigen Impuls gegeben und hundert Jahre später hatte er sich bis zu einem gewissen Grade erfüllt. Unter den Verantwortlichen des Zweiges war das 1998 kaum einem bewusst. Niemand wusste etwas Genaues darüber, wann und wie der Zweig überhaupt entstanden war.

Zur Zeit sind wir mit hundertjährigen Geburtstagen reichlich ausgestattet. Da ist jede Woche etwas. Es gibt immer einen Zyklus, den man feiern kann. Im letzten Frühjahr hätten wir auch in Hamburg einen Grund gehabt, ein Jubiläum zu feiern; 1910 ist nämlich zu Pfingsten in Hamburg der Vortragszyklus über ‚Die Offenbarungen des Karma‘ gehalten worden. Das ist der erste große Zyklus Rudolf Steiners über medizinische Fragen gewesen. Und in der Pfingstzeit 2010 hat Prof. Dr. Volker Fintelmann aufgehört mit seinem Kurs hier im Haus. Wie eigenartig die Dinge dann doch zusammenspielen! Sein Kurs war in den letzten 25 Jahren der meistbesuchte regelmäßige Kurs im Rudolf Steiner Haus Hamburg. Ich habe den Eindruck, da reichte auch ein Impuls genau bis zum 100. Geburtstag und ging zu Ende; und es ist sehr die Frage, was an die Stelle dessen in Hamburg treten wird.

 

Man darf solche Dinge schon ernstnehmen, wenn man darauf aufmerksam wird, dass dieser 33 ⅓ Jahre Rhythmus sich immer wieder erfüllt, den Rudolf Steiner ja auch angegeben hat. Er spricht von einer Umlaufszeit historischer Ereignisse.[3] Danach hat sich der Lebensrhythmus  Christi von 33 1/3 Jahren dem Erdenwerden eingeprägt und zwar so, dass die Ereignisse in zwei dreiunddreißig Jahre auseinander liegenden Jahren miteinander zusammenhängen. Was heute sich im sozialen Leben offenbart, hat seinen Ursprung zum Teil in den Taten vor dreiunddreißig Jahren. Und was wir heute tun, wird in dreiunddreißig Jahren im sozialen Leben auferstehen. Rudolf Steiner nennt das Jahr, in dem die verursachenden Taten geschehen sind, ein Weihnachtsjahr, dem ein Osterjahr dreiunddreißig Jahre später zugeordnet ist, in dem die Tatenfolgen sich zeigen. So bezieht z.B. Rudolf Steiner den Kriegsausbruch von 1914 auf gewisse Ereignisse im Jahre 1881.

Wir wollen im Weiteren sehen, welche Keime vor hundert Jahren in den Strom des geschichtlichen Werdens versenkt worden sind – vielleicht hilft uns das,  richtige Entscheidungen in den nächsten Jahren zu treffen. Ebenso bedeutsam ist aber das Bewusstsein, dass wir heute Keime legen können zu dem, was in 33 Jahren aufersteht.  


[1] Rudolf Steiner an Marie von Sivers. 15.und 19.11.1905. In: R.Steiner – M.Steiner-von Sivers. Briefwechsel und Dokumente. G.A. 262, Dornach 2002. S.119 + 121.

[2] Als Gründungsmitglieder nennt die Charter, ausgestellt in London am 30.März 1898: Adolf Kolbe, Johanna Kolbe, Lilly Körner, Ida Wagner, Victoria Paulsen sowie als Vorsitzenden Bernhard Hubo und als Schriftführer Friedrich Scharlau.

[3] Rudolf Steiner. ‚Et incarnatus est‘. Vortrag Basel, 23.12.1917; sowie ‚Mysterienwahrheiten und Weihnachtsimpulse‘. Vorträge, 24.+26.12.1917. In: R.Steiner. Mysterienwahrheiten und Weihnachtsimpulse. Alte Mythen und ihre Bedeutung. G.A. 180, Dornach 2.Auflage, 1980.

Logen und Zweige

Als der erste Hamburger Zweig gegründet wurde, nannte er sich eine „Loge“. Wenn Rudolf Steiner oder Marie von Sivers in der theosophischen Phase der anthroposophischen Bewegung von einem Zweigabend sprachen, benutzten sie in der Regel das Wort ‚Logenabend‘ oder ‚Logenversammlung‘. Der Begriff Loge ist heute so fest mit den Freimaurern, Odd Fellows, Druiden und ähnlichen Zusammenhängen  verbunden, dass dessen Anwendung auf  Zweigabende ganz undenkbar erscheint. Wie ist es zu der Namengebung der Untergliederungen der theosophischen Gesellschaft als ‚Logen‘ gekommen?

 

Helena Petrovna Blavatsky, die 1875 mit ihren Freunden die Theosophical Society in New York begründete, schwankte anfangs zwischen den beiden Möglichkeiten, die neugegründete Gesellschaft den Geheimgesellschaften des Westens ('Logen') anzubinden oder der indischen Arya Samaj. Ihr Auftrag, den sie von den Meistern erhalten hatte, führte sie nach Nordamerika; dort galt es den okkulten Einrichtungen des Westens neues Leben einzuhauchen. Dazu schienen die östliche Weisheit und deren meditative Verfahren geeignet zu sein. So führte sie Verhandlungen in beide Richtungen. Sowohl Henry Steel Olcott als auch Helena Blavatsky waren initiierte Freimaurer. Olcott berichtete 1895 über die Verhandlungen das Folgende: „Am 17.April 1878 begannen wir Gespräche mit Sotheran, General T. und ein, zwei anderen hochgestellten Maurern zu führen über die Einrichtung unserer Gesellschaft als einer freimaurerischen Körperschaft mit einem Ritual und Graden; die Idee war, dass sie eine natürliche Ergänzung zu den höheren Graden der Maurerei bilden würde, die ihr [der Maurerei] das lebensvolle Element der Orientalischen Mystik wiedergeben würde, das ihr fehlte oder verloren gegangen war. Gleichzeitig würde ein solches Arrangement der [Theosophischen] Gesellschaft Stärke und Dauerhaftigkeit geben, indem es sie der alten Bruderschaft verbündete, deren Logen überall in der Welt eingerichtet sind. Wenn ich heute daran zurückdenke, planten wir tatsächlich eine Wiederholung des Werkes Cagliostros, dessen Ägyptische Loge seinerzeit ein so mächtiges Zentrum für die Propagierung östlichen okkulten Denkens war. Wir ließen die Idee bis lange nach unserem Umzug nach Bombay nicht fallen…. Einige alte Kollegen haben diese Tatsachen bestritten, aber, obwohl sie nichts davon wussten, wurde der Plan ernsthaft von H.P.B. und mir betrieben“.[1]

Diese Verhandlungen scheiterten, obwohl „das Projekt von einigen einflussreichen Maurern mit Wohlwollen angesehen[2] worden war. Im Mai 1878 beschloss die Theosophical Society mit der Arya Samaj zusammen zu gehen.[3] Seit 1875 hatten aber Helena Blavatsky und Henry Steel Olcott bereits alles darauf eingerichtet, dass der Zusammenhang mit der Freimaurerei hergestellt werden könne. Im Dezember 1878, also wenige Monate nach  dem Scheitern der Verhandlungen, verließen die theosophischen Zwillinge Nordamerika in Richtung Indien mit dem Versprechen, den nordamerikanischen Theosophen ein Ritual zu geben. Dieses Versprechen konnten sie niemals einlösen, obwohl Judge und andere nordamerikanische Theosophen sie mehrfach daran erinnerten.

Die theosophischen Gruppen in Nordamerika und England wurden aber weiterhin so eingerichtet, dass die Aufnahme eines Rituals jederzeit möglich war. Francesca Arundale beschreibt die frühen Zusammenkünfte der Theosophen in London in der Zeit zwischen 1882 und 1885 wie folgt: „Wir betraten gewöhnlich der Reihe nach den Raum und setzten uns auf unsere Plätze rund um den langen Tisch, die Tür war ver-schlossen und wir waren ‚gedeckt’ nahezu in der Art eines Freimaurer-Tempels. Wir standen alle auf und die Passwörter der Gesellschaft wurden mit leiser Stimme von einem zum andern weitergegeben mit der gebührenden Ordnung und Feierlichkeit. In die Gesellschaft zu kommen war damals etwas ganz anderes als es später wurde: sie war damals eine Geheimgesellschaft, und es gab noch nichts von der Propaganda der späteren Jahre. Wir fühlten, dass wir in Berührung kamen mit einer unbekannten und geheimnisvollen Macht, und doch war diese Macht eine große Wirklichkeit...“[4] 

Es war Alfred Percy Sinnett, der diese Gepflogenheiten seit dem Jahre 1883 Schritt für Schritt beseitigte: Die Aufzunehmenden lernten bestimmt geformte Worte, die man verwenden sollte, um einen Unbekannten, von dem man nicht wusste, ob er Theosoph sei, anzusprechen. Dieser hatte dann, wenn er ein Mitglied war, in genau bestimmter Weise zu antworten und es musste schließlich ein ungeschickt wirkender Handgriff gelernt werden. Die Parallelen zu den von Sinnett als rein äußerlich aufgefassten Gepflogenheiten der Freimaurer sind unübersehbar. Olcott hatte also freimaurerische Gepflogenheiten auf die Theosophical Society ohne die Inhalte übertragen. Sinnett schreibt nun: „Ich mochte diese affektierte Geheimnistuerei nicht, da wir tatsächlich nichts Okkultes besaßen, und verstand es kurz darauf so einzurichten, dass das alles abgeschafft wurde, aber es war derzeit [1883] noch in Gebrauch."[5] Da die London Lodge für die meisten späteren Gründungen Vorbild war, verschwanden die von Olcott eingeführten Verhaltensweisen aus dem Leben der Gesellschaft. Dennoch erhielt sich in der Theosophischen Gesellschaft der Name ‚Loge‘ bzw. ‚Lodge', obwohl er nie mit dem dazugehörigen Leben erfüllt werden konnte.

Ich werde daher im Weiteren, wenn von einer Zusammenkunft einer Theosophengruppe außerhalb der Esoterischen Schule und ihren höheren Gliedern die Rede ist, nur von „Zweig", „Zweigräumen" etc. sprechen. Das entspricht dem englischen Wort „branch“. Nur wenn von einer Arbeit innerhalb der Esoterischen Schule, der Misraim-Maurerei oder der herkömmlichen Maurerei die Rede ist, werde ich von Logen und Logenräumen sprechen. Das ist zwar historisch nicht ganz einwandfrei, wird aber das grundsätzliche Verständnis sehr erleichtern.    


[1] Henry Steel Olcott. Old Diary Leaves. The true story of the Theosophical Society. New York & London. 1895.  S.468-9.

[2] Alice Leighton Cleather. H.P.Blavatsky. Her Life and Work for Humanity. Calcutta 1922. S.2

[3] Henry Steel Olcott. Old Diary Leaves. The true story of the Theosophical Society. New York & London. 1895.  S.397.

[4] Francesca Arundale. My Guest – H. P. Blavatsky. Adyar. Madras. 1932. S.13.

[5] Alfred Percy Sinnett. The early days of Theosophy in Europe. London 1922. S.30

 

Die Gründung des Christian Rosenkreuz-Zweiges (Hamburg II) 1911-12

Wenn wir jetzt hinschauen auf das, was in Hamburg 1911 und 1912 geschah, dann gehört dazu vor allem die Gründung eines Christian Rosenkreuz-Zweiges im Frühjahr 1912. Man könnte meinen, wir begegnen doch jetzt erst einmal den Folgen des Jahres 1911. Doch hat sich die Gründung von 1912 in den Vorjahren schon vorbereitet. Und das Schicksal ist kein Uhrwerk sondern eine Künstlerin. Dass diese Geschehnisse sich 33 Jahre nach den gescheiterten Verhandlungen der theosophischen Zwillinge Blavatsky und Olcott mit den Verantwortlichen der westlichen Maurerei abspielten, darauf sei hier nur hingewiesen, ohne den eventuellen Zusammenhang näher zu untersuchen.

Der erste Hamburger Zweig hatte Anfang 1910 erst 43 Mitglieder.[1] Aber diese kleine Menschenzahl hat die Bewegung getragen. Im Jahre 1901, als Rudolf Steiner zum ersten Mal nach Hamburg kam war der Kreis noch kleiner. Da hatte die hiesige Theosophische Gesellschaft erst zwölf Mitglieder[2]. Diese zwölf Mitglieder haben es fertig gebracht, einen großen Saal für 200 Teilnehmer im ‚Patriotischen Gebäude‘  zu mieten. Und sie haben den ganzen Senat und die Bürgerschaft eingeladen. Jeder hat eine schön im Jugendstil gedruckte Einladung erhalten. (Abb. 2+3). Ob vom Senat oder der Bürgerschaft jemand gekommen ist, wissen wir nicht, aber der Saal war mit etwa 100-150 Zuhörern[3] gut besucht, als Rudolf Steiner im Sommer 1901 zuerst in Hamburg sprach. Das war Bernhard Hubos Einsatz für eine Spiritualisierung der Zivilisation.   


[1] Mitteilungen für die Mitglieder der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft. Hrsg. von Mathilde Scholl. Nr.X., Januar 1910., S.1. Nachdruck S.119. 

[2] Die Scholl-Mitteilungen geben 21 Hamburger Mitglieder für 1905 an. Mitteilungen für die Mitglieder der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft. Hrsg. von Mathilde Scholl. November 1905.  Nr.I , S.1. Nachdruck: S.1.

[3] Brief von Richard Krause an Dr.Paula Dieterich, 16.1.1951. Archiv des Zweigs am Rudolf Steiner Haus Hamburg.

Außenseite der in der Mitte gefalteten Einladungskarte der 'Theosophischen Gesellschaft in Hamburg. Ca. 1902.
Innenseite der aufgeschlagenen Einladungskarte der Theosophischen Gesellschaft in Hamburg. Links Satzungen der Th.Ges., rechts: Vortragsthema und Termin.e gefaltet.

Bernhard Hubo war ein eigenartiger Mann. Alle haben es schwer mit ihm gehabt und er mit allen. Und er hat es schwer gehabt mit seinem Leib, der von Zuckungen heimgesucht war und ihn immer peinigte. Es gibt kaum einen Brief Bernhard Hubos an Rudolf Steiner, in dem Hubo nicht auch um ärztlichen Rat bat. Aber Hubo war andererseits sehr rege, er hat viel getan. Von Beruf war er ein Bankangestellter mit Prokura. Er war in der Heide aufgewachsen und hatte kaum eine Volksschulbildung. Aber er hat es aus eigener Kraft im Berufsleben zu etwas gebracht. Und gerade das Fehlen einer herkömmlichen Schul-bildung hat in ihm ein selbständiges Streben nach wissenschaftlicher und philosophischer Bildung und Vertiefung hervorgerufen.

Der von ihm gegründete Zweig nahm am Karfreitag, den 8.4.1906 die Zusatzbezeichnung Pythagoras-Loge an. Sieben Monate später, im November 1906 ist Bernhard Hubo von seinem Amt als Zweigleiter zurück-getreten. Rudolf Steiner schrieb dazu, dass Hubo es nicht ausgehalten hätte, dass andere neue Mitglieder ihm über den Kopf gewachsen seien. Er erzählt Marie von Sivers in einem Brief: „Hubo hatte doch erwartet, dass ich bei ihm wohnen werde, Also wars. Die Ursache seines Rücktritts? Eine höchst unbedeutende Differenz mit Scharlau und Kolbe. Endloses Betonen der Undankbarkeit sämtlicher Logenmitglieder. Abends leitete Scharlau, nicht Hubo die Versammlung. Die Esoterische Stunde wollte ich doch um 11 Uhr Sonntags bei Hubo ansetzen. Es geschah. Doch Hubo ging selbst fort, als die andern kamen.

Nachmittag ging ich ins Patriotische Haus zur Logenversammlung“ -  d. h. zum Zweigabend. „Hubo ging auch da nicht hin. Er könne die andern nicht sehen. Es ist nichts mehr zu machen mit ihm. Alles hilft doch nichts. Die Dinge, die er vorbringt, sind doch nur Masken. Frl.v.E. wirkt erstens noch nach. Diese Affäre hat ihm das letzte Ende gegeben. Dazu kommt ein ganz unbändiges Gefühl, dass ihm die andern Mitglieder über den Kopf wachsen. Er kann nicht sehen, dass sie etwas bekommen von anderer Seite. Es ist ein grenzenloses Ressentiment in ihm. …[1]    

Bernhard Hubo ist dann einer von den sieben geworden, die 1912 einen zweiten Zweig in Hamburg gegründet haben. Diesmal war Hubo allerdings nicht derjenige, von dem die erste Initiative ausging, sondern er hat sich einer bestehenden Initiative angeschlossen.  Otto Westphal trat spätestens 1910 als äußerst unzufrieden in Erscheinung. Im Herbst 1910 ließ Otto Westphal eine Generalversammlung des Hamburger Zweiges einberufen. Emil Leinhas berichtet: „Einmal, es war vielleicht ein Jahr nach meinem Eintritt, entfachte Westphal im Pythagoras-Zweig eine kleine Palast-Revolution. Er forderte in einer eigens von ihm dafür ganz überraschend beantragten Generalversammlung den Rücktritt des ganzen Vorstands und beantragte seine Neubildung, wobei er sich selbst als Vorsitzenden, Albert Dibbern als Rechner [sic!] und mich als Schriftführer vorschlug. Die Sache verlief dann, nachdem man sich von der ersten Verblüffung erholt hatte, im Sande.“[2] Kurz danach kam es zur Bildung einer „Arbeitsgruppe Hamburg (Centrum)“,  die zunächst noch nicht die sieben erforderlichen Teilnehmer für eine Zweiggründung hatte, und die in der Wohnung Otto Westphals zusammentrat. In den Scholl-Mitteilungen wird sie erstmals im März 1912 aufgeführt.


[1] Rudolf Steiner an Marie von Sivers. Bremen, 19.11.1906. Briefwechsel und Dokumente. 1901-1925. G.A. 262. Dornach 2002. S.159-160.

[2] Emil Leinhas, Aus der Arbeit mit Rudolf Steiner. Basel 1950, S.16.

Fünf Persönlichkeiten haben den Pythagoras-Zweig verlassen, um einen neuen Zweig zu gründen, weil sie eine stärker erkenntnisorientierte Arbeit wollten. Dabei muss man berücksichtigen, dass zu dieser Zeit Camilla Wandrey im Pythagoras-Zweig die Arbeit leitete, eine Persönlichkeit, deren wirtschaftliche Unabhängigkeit es ihr erlaubte, zu vielen Kursen Rudolf Steiners zu reisen. Sie verfügte daher über ein umfangreiches Wissen und konnte die Hamburger Mitglieder über die jeweils neuesten übersinnlichen Erkenntnisse Rudolf Steiners unterrichten. Die Hamburger blieben durch sie auf dem Laufenden. Doch wurde bald deutlich, dass sie es schwer hatte, von Rudolf Steiner Gehörtes von Ihren eigenen Interpretationen  zu unter-scheiden. Das führte zu großen Unsicherheiten unter den Mitgliedern und schließlich 1913/14 zur Trennung des Zweiges von Camilla Wandrey.  Als ein weiteres Motiv wird genannt, daß einige Mitglieder eine stärker aufs Esoterische orientierte Arbeit wünschten. Dieses Motiv ist nur mündlich überliefert, doch spricht manches dafür, dass diese Überlieferung etwas Richtiges trifft.

Bernhard Hubo ca.1915.

Vorblick auf die spätere Geschichte des Christian Rosenkreutz Zweiges

Viele von Ihnen werden die spätere Geschichte des Christian Rosenkreutz Zweiges nicht kennen. Ein vorläufiger Blick darauf ist aber hilfreich, um die Folgen dieser Gründung empfinden zu können. Zahlenmäßig  blieb dieser Zweig immer weit hinter dem Pythagoras-Zweig zurück. Aber in ihm sammelten sich nach und nach eine größere Zahl von Dissidenten, die mit der Entwicklung der Hamburger und später der Dornacher Gesellschaft nicht zufrieden waren. So etwas muss ja nicht immer Ausdruck von seelischer Unreife, Querulantentum oder so etwas sein, es kann auch ein Ausdruck von Weitsicht, tieferen Impulsen oder sogar von karmischen Differenzen sein – oder von allem zusammen.

Fünfzig Jahre später hat jedenfalls eine Nachfolgeorganisation dieses kleinen Zweiges, der dreimal aufgelöst worden ist, sich sogar rechtlich als e.V. konstituiert. Im Leben der gesamten Anthroposophischen Gesellschaft sorgte er Jahr für Jahr für große Aufregung. Anfang der Sechziger Jahre ging der damalige Zweigleiter Lothar Arno Wilcke gern auf die Versammlungen der Deutschen Landesgesellschaft und veranlasste umfangreiche Debatten darüber, wer Rudolf Steiner „vergiftet“ habe, ob die Weihnachtstagungs-intentionen sich noch in den Satzungen wiederspiegeln und anderes derart Grundlegendes.

Das wurde in der Anthroposophischen Gesellschaft als außerordentlich belastend und lähmend empfunden. Denn man erlebte die Anthroposophische Gesellschaft doch wie ein rettendes Boot in einer sinkenden Zivilisation. Wenn der Dichter Albert Steffen, der von Rudolf Steiners Tod bis 1963 Generalsekretär war, in seinem Tagebuch von diesem Zweigleiter sprach, nannte er manchmal dessen Namen, manchmal nannte er ihn nur "der Feind".[1] Das Wirken dieses Zweiges wurde von den vor der Öffentlichkeit maßgeblichen Vertretern der Dornacher Weltgesellschaft wie auch von vielen deutschen Mitgliedern als eine große Belastung empfunden. Abgesehen davon wie man diese Zuspitzung beurteilt, das Schicksal des Hamburger Christian Rosenkreutz-Zweiges ist jedenfalls tragisch. Und dass es dazu kommen konnte, hat mit allen Hamburger Anthroposophen zu tun, denn es ist eine Folge der Spaltung von 1911-12.


[1] Tagebuch Albert Steffen vom 1. April 1961. In: ZS.: Hinweise und Studien zum Lebenswerk von Albert Steffen. Heft 14/15 Frühjahr 1996. S.32.

 

Der erste öffentliche Auftritt eines Gegners der Theosophie in Hamburg

In dem Moment, wo 1909-10 zum ersten Mal eine kleine Gruppe zusammenarbeitete, die noch nicht angekündigt wurde als ein Zweig, da trat übrigens – soweit mir bekannt ist - zum ersten Mal in Hamburg auch ein Gegner der Anthroposophie auf und hielt einen öffentlichen Vortrag. In der Zeit, in der sich die Spaltung realisierte und verfestigte, trat am 24. November 1909 der erste Gegner, nämlich der evangelische Pastor Hermann Büchsel, mit einem Vortrag gegen die Theosophie auf. Nach Klatt wollte Rudolf Steiner extra zu dem Vortrag nach Hamburg kommen.[1] Büchsels Vortrag wurde gedruckt und erschien Anfang 1910. Der Theosoph Thomas Hübbe, verwandt mit Wilhelm Hübbe Schleiden, antwortete Büchsel öffentlich am 3.4.1910 im ‚Hamburger Correspondenten‘. Aber Büchsel blieb unversöhnlich. Er schrieb an den Theologen Gerhard Hübbe, ebenfalls mit den beiden anderen Hübbes verwandt: „Mir ist es nach wie vor völlig klar, dass die Theosophie unserm Christenglauben nicht ‚in die Hände arbeitet‘, sondern dass sie, wenn sie Macht gewinnen würde, seine völlige Zersetzung bedeuten würde. … Die Theosophie bestreitet den persönlichen Gott, die Gottheit Jesu Christi, die sühnende Bedeutung des Kreuzes – kurz alles das, was die Zitadelle unseres Glaubens ist."[2] Das galt für die indische Theosophie Annie Besants, aber nicht für Rudolf Steiners rosenkreuzerische Theosophie.

 

Natürlich kann ich da keinen äußerlich nachweisbaren Zusammenhang zwischen dem inneren Streit und der äußeren Gegnerschaft belegen. Mir scheint aber doch, dass das miteinander zusammenhängt. In dem Augenblick, wo in der Pythagoras-Loge eine Reihe von Menschen das Erlebnis haben, sie können ihre inneren Impulse nicht im Zweig ausleben, tritt in der Hamburger Öffentlichkeit jemand auf, der sagt, „wenn die Theosophie Macht gewinnen würde", dann würde es unserer Weltanschauungsgemeinschaft, sprich der Evangelischen Kirche, schlecht ergehen. Die Nachtseite der Dinge spielt da ersichtlich herein.


[1] Norbert Klatt. Theosophie und Anthroposophie. Neue Aspekte zu ihrer Geschichte. Göttingen 1993, S. 46.

[2] Dito. S. 46.

 

Der Pythagoras-Zweig (Hamburg I) im Curio-Haus 1906

Es ist recht deutlich zu erkennen, was die beiden sich von einander entfernenden Gruppen damals  bewegt hat. Die eine, die zunächst nur aus einer Gruppe von fünf bis sieben Menschen bestand, schritt zur neuen Zweiggründung. Die andere, der Pythagoras-Zweig, umfasste 43 Mitglieder und mietete 1911 zum ersten Mal dauerhaft einen eigenen Raum an.

Im Pythagoras-Zweig hat es also eine Verselbständigung in räumlicher Hinsicht gegeben. Die Einweihung dieses Raumes fand am 10.11.1911 statt.[1] Rudolf Steiner führte die Einweihung des Raumes selbst durch. Am nächsten Tag sprach er über „Die verborgenen Tiefen des Seelenlebens“. Beide Vorträge sind nicht erhalten. Marie von Sivers war übrigens bei der Einweihung des Raumes nicht dabei.[2]

Bis dahin hatte man stundenweise in der Patriotischen Gesellschaft einen Raum gemietet.[3] Dann war das Curiohaus an der Rothenbaumchaussee 15 gebaut worden und der Pythagoras-Zweig konnte in seinem vierzehnten Jahre dort Räume mit Nebenräumen dauerhaft mieten. Die Einweihung des Hamburger Zweigraumes geschah übrigens vier Wochen nachdem das Stuttgarter Zweighaus in der Landhausstraße am 15.10.1911 eingeweiht worden war.[4]


[1] Mitteilungen (Scholl) No.XI, Nov. 1911, Nachdruck S. 181.

[2] Am 10.11.1911 schrieb Marie von Sivers einen Brief an Rudolf Steiner, er antwortete ihr am 12.11.1911 aus Hamburg. Dieser Briefwechsel hätte nicht zustande kommen können, wenn beide gemeinsam an diesen Tagen in Hamburg gewesen wären. Vgl. Rudolf Steiner – Marie Steiner von Sivers. Briefwechsel und Dokumente. 1901-1925. G.A.262. Dornach 2002. S.250-51.

[3] Beschreibung bei Emil Leinhas, Aus der Arbeit mit Rudolf Steiner. Basel 1950. S.14-16.

[4] Hansjörg Hofrichter. 100 Jahre ‚Bauverein Stuttgarter Anthroposophen‘. In: Anthroposophie. Vierteljahresschrift zur anthroposophischen Arbeit in Deutschland. Nr.253, d.i. Heft III/2010. S.216-225.

Der Versammlungsraum war in besonderer Weise eingerichtet. Frau Bove-Wilde hat uns ein Foto davon zur Verfügung gestellt. Es stammt aus dem Nachlass des Zweigleiters des Blankeneser Novalis-Zweiges Hans Wilde. Ein Augenzeuge, Richard Krause, spricht von einem „kleinen Vorraum als Garderobe“.[1] Es gab also einen Vorraum, den abgebildeten Vortragsraum und möglicherweise einen weiteren kleinen Vorbereitungsraum (hinter dem Pult).


[1] Brief von Richard Krause an Dr. Paula Dieterich, 16.1.1951. Archiv des Zweigs am Rudolf Steiner Haus Hamburg.

Der Zweigraum des Hamburger Pythagoras-Zweiges im Curio-Haus, Rothenbaumchausse 15, ca.1911-12. In der Mitte eine Portraitbüste, die Rudolf Steiner darstellt. Das Rosenkreuz war ständig über dem Redner zu sehen.

Die Wände waren im Vortrags- und Versammlungsraum des Pythagoras-Zweiges mit Holzpaneelen bedeckt. Das Vortragspult stand nicht an der Fensterfront, sondern rechtwinklig dazu an der Querwand. Hinter dem Pult befand sich ein Türdurchbruch in der Wand, durch den man vermutlich in einen Vorbereitungsraum gelangte. Möglicherweise betrat der Vortragende von hier aus den Saal. Über dieser Tür und damit über dem Rednerpult, war eine Holzplatte in Form eines gleichseitigen Dreiecks angebracht. Es wurde optisch gestützt an den beiden Seiten der Tür, wo senkrecht gefältelte Vorhangstoffe so angebracht waren, dass der Eindruck zweier kanellierter Säulen entstand. Um die senkrechte Mittelachse des Dreiecks über der Tür war ein helles Oval gelegt, in das ein schwarzes Kreuz mit sieben roten Rosen gemalt war.

Vom Saal aus gesehen war links neben dem Pult eine Büste, und zwar ein Portrait von Rudolf Steiner. Das kann man sich ja kaum vorstellen, ein Portraitkopf von Rudolf Steiner stand in diesem Raum - zu seinen Lebzeiten! Ob wohl der Kopf weggeräumt worden ist, wenn Steiner selbst gesprochen hat? An der Wand zwischen Büste und Fenster stand ein Harmonium, dessen Schmuckleisten der goetheanischen Bildersprache verwandt sind.

In den Pythagoras-Zweig traten 1910 Louis Werbeck (1879-1928) und seine Frau Valborg Werbeck-Svärdström ein. Sie war eine gefeierte Opernsängerin, er ein namhafter Geiger, und von da an wurden die Zweigabende des Pythagoras-Zweiges immer häufiger auch künstlerisch gestaltet.

Es gab auch sehr bald schon in Hamburg Eurythmie. Unterricht wurde spätestens im Februar 1914 in Hamburg erteilt, vielleicht auch schon 1913. Erna Wolfram unterrichtete im Hause Stavenhagen.[1] Sie gab einen Kurs für Kinder und einen für Erwachsene.[2] Das Ehepaar Stavenhagen gehörte zu den sieben Gründungsmitgliedern des Christian Rosenkreutz-Zweiges.

Recht früh muss es auch zumindest interne Eurythmieaufführungen gegeben haben. Rudolf Steiner erzählt 1918 von solch einer Aufführung, die noch während des ersten Weltkrieges, und zwar hier in Hamburg, vor den Anthroposophen gegeben worden ist: „Auch … für die Eurythmie hat sich ja in der letzten Zeit ein immer steigendes Interesse an den verschiedensten Orten gezeigt. Und wenn wir, die wir da waren, uns erinnern, wie z.B. gerade die Eurythmie in einem Orte aufgenommen worden ist, wo sie fast noch gar nicht gesehen worden ist, wo sie zum Teil sogar etwas Neues war für diejenigen, die sie gesehen haben, in Hamburg, so muss man sich wirklich an die Art, wie die Sache da aufgenommen wurde, mit einer tiefen Befriedigung erinnern. Gerade in Hamburg konnte man sehen, wie bedeutungsvoll die Impulse sind, die auch von einer solchen Sache ausgehen können.“[3]


[1] Irmgard Marbach. Margarethe Stavenhagen-Hauschka. In: Bodo von Plato [Hrsg.] Anthroposophie im 20. Jahrhundert. Dornach 2003. S.283.

[2] Brief von Camilla Wandrey an Rudolf Steiner. 4.3.1914. In: Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe Nr.105, S.26.

[3] Rudolf Steiner. Vortrag in Dornach am 17.8.1918. In R.Steiner. Die Wissenschaft vom Werden des Menschen. G.A.183,Dornach  S.14

Der Pythagoras-Zweig ist dann sehr stark in diese künstlerische Richtung gegangen, er pflegte die traditio-nelle Kunst auf hohem Niveau, beobachtete mit Interesse und Sympathie die Impulse der Avantgarde und betrieb Volkspädagogik durch die Kunst. Dass der Pythagoras-Zweig einen Raum im Curiohaus gemietet hat, ist ein deutliches Zeichen dieser Ausrichtung. Denn das Curiohaus in der Rothenbaumchaussee 15 – es steht noch - war damals ein Haus für Künstler, das von der Stadt errichtet worden war, um Künstlern, die nicht viel Mittel hatten, eine Möglichkeit zu geben, ein Atelier zu haben für ihre Arbeit, vor allem Künstlerinnen. Damals waren die Vorurteile gegenüber Künstlerinnen noch groß: eine Frau, die als Künstlerin tätig war, führte kein bürgerliches Leben, das schien verdächtig. Die Stadt wollte etwas tun, um das Künstlertum der Frau aus diesem Geruch herauszuholen. So war dieses große Haus voller Ateliers, und mitten unter diesen kleinen Künstlerateliers links und rechts und oben und unten, Malerinnen und Bildhauerinnen, u.s.w. war die ‚Theosophische Gesellschaft‘ untergebracht mit einem kleinen ‚Atelier‘, wenn man so will. Das passt auch zu dem Bild, dass man da einen künstlerischen Impuls hatte, die Theosophen fühlten sich dahin gehörig. Es war die Atmosphäre, in der man sich wohl fühlte: man fühlte sich als zu diesem erneuernden Strom der modernen Kunst gehörig.

Die Saalgestaltung während des Zyklus 'Die Offenbarungen des Karma 1910

Ein rosenkreuzerisches Symbol hatte Rudolf Steiner 1910 auch bei der großen Tagung im Patriotischen Gebäude verwendet, bei der er die Vorträge über „Die Offenbarungen des Karma“ hielt.[1] Da waren dann hundert bis hundertfünfzig Menschen da. Auch von diesem Raum besitzen wir ein Foto aus dem Nachlass Hans Wildes. Hinter und über dem Vortragspult waren die Paneele mit seidenen Tüchern verhängt worden. Die Farbe ist dem Schwarz-Weiss-Foto nicht zu entnehmen, doch kann es aufgrund der Helligkeit nicht schwarz gewesen sein. Möglicherweise waren sie in einem feierlichen Rot gehalten. Hoch über dem Vortragspult und noch über dem Rand der mit Stoffen verhüllten Fläche war ein quadratischer Rahmen aufgestellt. In dessen dunkle Fläche war ein leuchtender Kreis eingefügt. Dieser Kreis umschloss ein noch helleres Pentagramm, dessen Spitze nach oben zeigte, wohl ein Transparent mit dahinter angebrachter elektrischer Beleuchtung. In der Mitte des Fünfsterns befand sich ein schwarzes Kreuz mit schlanken Balken, unterhalb des Querbalkens umschlossen vier Rosen, oberhalb drei Rosen die Mitte des Kreuzes. Die oberste Rose lag auf dem Kreuzbalken.


[1] Rudolf Steiner. Die Offenbarungen des Karma. 11 Vorträge, Hamburg 16.-28.Mai 1910. G.A.120. 8.Aufl. Dornach 1992.

Saalgestaltung im Patriotischen Haus während des Vortragszyklus 'Die Offenbarungen des Karma' 1910

Auch im Stuttgarter Saal, der am 15.10.1911 eingeweiht wurde, war ein elektrisch illuminiertes Rosenkreuz an prominenter Stelle angebracht, nämlich direkt unter dem Vortragspult. Wie es damals auf die Anwesenden wirkte, gibt ein Passus in dem Bericht Mathilde Scholls wieder: „Unendlich stimmungsvoll wirkten die im Lichte der elektrischen Flammen aufblühenden roten Rosen des an der Vorderseite jenes Pultes angebrachten Kreuzes…[1]

Dass die von Rudolf Steiner geprägte theosophische Bewegung in Mitteleuropa Rosenkreuzertum ist, das wurde damit unübersehbar zum Ausdruck gebracht. Es war auch nicht übersehbar für die, die mehr verbunden waren mit der Theosophie indischer Prägung, für sie war es zum Teil sogar ein Ärgernis, aber darauf nahm die Mehrheit keine Rücksicht.

Man sieht jedenfalls, da wurden 1910 ebenfalls Ansätze gemacht, den Raum für die Zeit des Vortragszyklus bildhaft auszuschmücken. Doch kam es hier mehr auf die Symbole und deren Wirksamkeit an: Rudolf Steiner wollte den tiefen, verwandelnden Eindruck der Symbole.


[1] Mitteilungen für die Mitglieder der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft. No.XII, November 1911. S.5. Nachdruck: S.173.

 

Ein vollständig rosenkreuzerisch ausgestatteter Raum

Diejenigen, die nun einen neuen Zweig wollten, die schienen zunächst nicht so stark für das Künstlerische engagiert zu sein. Aber das schien nur so. Sie wollten zwar erkenntnistheoretische Arbeit. Emil Leinhas charakterisiert in seinen Lebenserinnerungen den Hauptverantwortlichen dieser Sezession, den Zahnarzt Otto Westphal wie folgt: „Eine ganz eigene Note in dieser Arbeitsgemeinschaft vertrat Otto Westphal. Er war von Beruf Dentist. Innerhalb der Anthroposophischen Arbeit pflegte er besonders die erkenntnistheoretische Seite derselben. Er trug in jener Zeit einen Vollbart und bediente sich im Verkehr mit den Mitgliedern gern einer gewissen sokratischen Ausdrucksweise. Er neigte sehr dazu, die Ansichten anderer durch prüfende Fragestellungen scharfsinnig zu kritisieren. Neben seinem Beruf, in dem übrigens auch im Umgang mit den Patienten auf dem Operationsstuhl das sokratische Element durchaus zur Geltung kam, studierte er die Schriften Rudolf Steiners Nächte hindurch mit großem Fleiß und außerordentlicher Gründlichkeit. Er scheute, wo es darauf ankam, weder Zeit, noch Kraft und Mühe, um an dem teilzunehmen, was von Rudolf Steiner damals an Offenbarungen über die geistige Welt ausging. An dem Vortrags-Zyklus ‚Die Welt der Sinne und die Welt des Geistes‘, der Weihnachten 1911 in Hannover stattfand, nahm Otto Westphal zum Beispiel in der Weise teil, dass er über eine Woche hindurch jeden Nachmittag nach Hannover reiste, um an dem Abendvortrag teilzunehmen. In der Nacht fuhr er nach Hamburg zurück, um am andern Vormittag seine Praxis auszuüben und am selben Nachmittag wieder nach Hannover zurückzukehren.“[1] Aber die Pflege der Erkenntnistheorie zielte auf eine Vertiefung der Esoterik.


[1] Emil Leinhas. Aus der Arbeit mit Rudolf Steiner. Basel. 1950. S.16

Der kleine Zweig Hamburg II hatte zunächst gar keinen Raum – und dann hatte er bei der Einweihung des Zweiges am 17.6.1912 doch einen Raum, sogar einen besonders ausgestatteten Raum, obwohl er nur aus sieben Menschen bestand.[1] Das wird in dem Bericht, den Mathilde Scholl Ende 1912 über die Einweihung des Christian Rosenkreutz-Zweiges und seiner Räume geschrieben hat, geschildert: „Bereits am 17.Juni fand die Einweihung der hier begründeten Christian Rosenkreutz-Loge durch Dr. Steiner statt, an welcher Feier außer Frl. von Sivers viele hiesige und auswärtige Mitglieder teilnahmen. Nach einleitenden Harmoniumklängen hielt unser verehrter Lehrer eine ergreifende Weiherede, die unter anderem die Andeutung enthielt, dass unser großer Schutzherr der größte menschliche Märtyrer sei." – gemeint ist Christian Rosenkreutz – „ferner, dass die Absicht einer Loge, sich in den Dienst dieses heiligen Meisters zu stellen, eine sehr ernste, schwere Aufgabe enthält." Dazu sagt Rudolf Steiner in seinem Einweihungsvortrag wörtlich: „Wenn wir uns auf den Namen ‚Christian Rosenkreutz‘ taufen, so müssen wir uns vor die Seele stellen, dass es schwer ist, gerade dieses Bündnis zu halten. Wir geloben eine Treue, zu der wir vielleicht nicht stark genug sein werden. Trotzdem soll es niemandem verwehrt sein, diese Treue in seiner Seele zu pflegen, …"[2] Diese Warnung gibt er den Gründern mit auf den Weg. Mathilde Scholl berichtet weiter: „Die ganze Feier machte in Verbindung mit dem vollständig rosenkreuzerisch mit Säulen, Siegeln und sonstigen Symbolen ausgestatteten Versammlungsraum einen unaussprechlich tiefen Eindruck auf alle Teilnehmer."[3] Wenn man diesen letzten Satz genauer anschaut, dann merkt man, dass da einiges aufgezählt ist: ein „mit Säulen, Siegeln und sonstigen Symbolen" ausgestatteter Versammlungsraum, ein „vollständig rosenkreuzerisch ausgestatteter Versammlungsraum“.


[1] Die 7 Gründungsmitglieder des Zweiges ‚Christian Rosenkreutz-Loge‘ waren: Karl und Hedwig Bolz, Bernhard Hubo, Karl (C.H.) Stavenhagen und seine Frau Julie Stavenhagen, sowie Otto und Frieda Westphal, also drei Ehepaare und Bernhard Hubo. Außer dem Ehepaar Stavenhagen waren alle vorher Mitglied im Zweig ‚Pythagoras-Loge‘.

[2] Rudolf Steiner. Zur Einweihung des Christian Rosenkreutz-Zweiges. Hamburg, 17.6.1912.  In: R. Steiner. Das esoterische Christentum. G.A. 130. S. 307 – 313. Hier S. 311.

[3] Mathilde Scholl. Mitteilungen für die Mitglieder der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft. No.XIV, Dez.1912, S.26. Neudruck: S.252.

Mathilde Scholls Artikel in den Mitteilungen Dezember 1912.

Was ist ein vollständig rosenkreuzerisch ausgestatteter Versammlungsraum? Die Frage muss man an dieser Stelle stellen, und wenn man die Worte "Säulen und Siegel"  hört, dann wird man natürlich sofort an den Münchner Kongress 1907 denken, bei dem der Saal mit "Säulen und Siegeln" ausgestattet war. Da waren sieben Säulen an den Wänden des rechteckigen Raumes verteilt – je drei an den Längswänden, eine an der Rückwand gegenüber der Bühne - und die apokalyptischen Siegel hingen zwischen den Säulen an der Wand. Man kann sich also fürs erste einen solchen Raum wie den Münchner Kongreßsaal vorstellen, nur kleiner. Auf jeden Fall war es ein Raum, der viel eindrucksvoller eingerichtet war als der Zweigraum im Curiohaus, obwohl beide auf das Rosenkreuzerische der Theosophie Rudolf Steiners, später Anthroposophie genannt, hindeuten wollten!

Der Raum – Rudolf Steiner spricht von „den Räumen" –, über den die sieben Mitglieder des Christian Rosenkreutz-Zweiges verfügten, war im Gegensatz zu dem des Pythagoras-Zweiges „vollständig rosenkreuzerisch" eingerichtet. Dazu gehörten die Säulen und Siegel. Was mögen die sonstigen Symbole gewesen sein? Ich kann darauf keine verbindliche Antwort geben. Während des Münchner Kongresses standen am Bühnenportal die zwei Säulen J und B  mit den Sprüchen der Säulenweisheit und auf der Bühne, das heißt hinter dem Durchgang, den die beiden Säulen bezeichnen, öffnete sich eine Welt des Schau-Spiels. Dort stand ein Tisch, über den eine Decke so geworfen war, dass sie an der Vorderseite herabhing. Auf dem  Antependium waren die Zeichen des Tierkreises zu sehen.

Dass am Bühnenrand in München zwischen den beiden Säulen auch Büsten von Fichte, Schelling und Hegel standen, macht deutlich, mit welcher Geistigkeit man an die Grenze der Schwelle der geistigen Welt kommt. Ob im Saal des Christian Rosenkreuz-Zweiges außer Säulen und Siegeln etwas Ähnliches zu sehen war, ist  nicht ausdrücklich überliefert. Es verbirgt sich aber möglicherweise hinter den Worten  „vollständig rosenkreuzerisch“. Mathilde Scholl hat sich dabei doch wohl etwas gedacht.

Schließlich gehört mit Sicherheit auch die rote Farbe des Münchner Saals dazu. Über einen Zusammenhang dieser roten Farbe mit den Mysterien von Eleusis hat Rudolf Steiner sich in München deutlich ausgesprochen.[1] Während des Münchner Kongresses hat er auch darauf hingewiesen, dass die dort vorgenommene Anordnung der Säulen und Siegel nur eine Andeutung dessen sei wie ein solcher Raum auszusehen habe. Die Anordnung wird also in Hamburg eine andere gewesen sein. Und ferner, dass dem Münchner Festsaal etwas fehlte: „Sollte der Raum im Sinne der rosenkreuzerischen Weltanschauung vollständig ausgestaltet sein, dann müssten sich oben noch blaue Bögen erheben.“[2] An dieser Stelle bezieht sich Rudolf Steiner auf die mittelalterlichen Räume der Rosenkreuzer. Gelegentlich eines Besuches bei Ludwig Polzer-Hoditz auf Schloß Gutau erkannte Rudolf Steiner einen im Schloss befindlichen Raum als alten Rosenkreuzerraum.[3] Polzer-Hoditz beschreibt den Raum wie folgt: „Dieser Raum maß fünf auf fünf Meter, hatte meterdicke Mauern, ein Fensterchen nach Süden, eine Tür nach Norden und besaß ein Kreuzrippengewölbe von Ecke zu Ecke.“ Die Nord-Süd-Ausrichtung und die Anordnung der beiden verschiedenartigen Öffnungen findet eine Parallele schon in antiken Mysterien-Räumen. In einem frühen Vortrag über Freimaurerei hat Rudolf Steiner schon 1904 über einen solchen rosenkreuzerischen Versamm-lungsraum wie folgt gesprochen: „Der Zusammenkunftsort – wobei es wiederum nicht immer so sein muss – ist ein viereckiger Raum, überwölbt von einem Gewölbe, welches Blau ist, und, mit Sternen bedeckt, eine Art Sternenraum darstellt."[4] Wie viel davon eingegangen ist in die Gestaltung des Raumes in Hamburg, in dem der junge Christian Rosenkreuz-Zweig eröffnet wurde, wissen wir bislang nicht. 


[1] Rudolf Steiner. Der theosophische Kongreß in München. Bericht in der Zeitschrift ‚Luzifer-Gnosis‘ Nr.34 (Sommer 1907).  In: Rudolf Steiner. Bilder okkulter Siegel und Säulen. Der Münchner Kongreß Pfingsten 1907 und seine Auswirkungen. G.A.284/85, Dornach 1977. S.36.

[2] Rudolf Steiner. Erläuterungen zur Einrichtung und Ausgestaltung des Kongreß-Saales. München 21.5.1907. In Rudolf Steiner. Bilder okkulter Siegel und Säulen. Der Münchner Kongreß Pfingsten 1907 und seine Auswirkungen. G.A.284/85, Dornach 1977. S.63.

[3] Eine detailreiche Schilderung gibt Tomas Meyer in: Ludwig Polzer-Hoditz. Ein Europäer. Basel 1994. S.190-91.

[4] Johann Valentin Andreä. Die chymische Hochzeit des Christian Rosenkreuz. Gedeutet und kommentiert von Bastian Baan. Stuttgart 2001. S. 31.

Natürlich hatte dieser Raum eine Adresse, nämlich Große Theaterstraße 22. Das ist die Straße links neben der Staatsoper. Das Haus steht heute nicht mehr. Es dürfte im Krieg am 2.August 1943 zerstört worden sein, an dem Tag, an dem die benachbarte Staatsoper durch einen britischen Tiefflieger gezielt in Brand gesteckt worden ist.[1] Heute steht ein Bürogebäude der Staatsoper auf dem Grundstück Große Theaterstraße 22.


[1] Die englische Wikipedia berichtet:  “… a low-flying airplane dropped several petrol and phosphorus containers on to the middle of the roof of the auditorium, turning it into a conflagration.”

 

Wem diente der vollständig rosenkreuzerisch ausgestattete Raum?

Nun kann man die Empfindung haben: ist nicht der Aufwand so einer Saalgestaltung für sieben Menschen ein bisschen groß? Die 1912 nunmehr 53 Mitglieder des Pythagoras-Zweiges kommen mit einem viel schlichteren Raum aus. Und da wird deutlich, dass entweder diese sieben Mitglieder einen besonders starken Impuls gehabt haben müssen, einen okkulten Bau zu haben, wenn er nur diesem kleinen Zweig dienen sollte, oder dass ein größerer Menschenkreis mit dieser Einrichtung verbunden gewesen ist.

Vor diesem Rätsel stehend, fällt es auf, dass Steiners Ansprache anlässlich der Einweihung des Zweiges nur knapp 25 Minuten gedauert hat. Bei der Eröffnung des Christian Rosenkreutz Zweiges in Neuenburg (Neuchatel)  hatte Steiner neun Monate vorher zwei Vorträge von normaler Länge gehalten.[1] In Hamburg dauerte die Weiherede 25 Minuten. Es steht auch in einem merkwürdigen Kontrast zu dieser Kürze, dass  Mathilde Scholl berichtet hat, es seien  Menschen aus ganz Deutschland gekommen, z.B. sie selbst aus Köln,  Edith Surborg aus Bremen, Marie von Sivers aus Berlin. Wenn diese Menschen nicht allein für diese kaum halbstündige Rede gekommen sind, was haben sie denn dann gemacht in dem vollständig rosenkreuzerisch eingerichteten Raum? Was haben sie vor oder nach der Weiherede gemacht?

Das Rätsel wird noch größer dadurch, dass Otto Westphal, um diesen Raum einrichten zu können, das ganze Haus gekauft hat. Otto Westphal wohnte bis November 1911 einige Häuser weiter, nämlich im ersten Stock des Hauses Große Theaterstraße 14. Das ist ein Eckhaus an dem Platz, an dem die Colonnaden die Große Theaterstraße kreuzen. Früher lag Steinway an diesem Platz. Westphal ist irgendwann zwischen Dezember 1911 und August 1912 aus dem Haus Nr.14 ausgezogen und vier Häuser weiter eingezogen. Man kann den Zeitpunkt auf die Jahreswende 1911/12 einengen.[2] Bis dahin war in Nr.14, im ersten Stock, auch die Adresse der Arbeitsgruppe Hamburg (Centrum), das heißt der Vorbereitungsgruppe für den neuen Zweig. Otto Westphal hat aber in Nr.22 nicht nur eine Wohnung gemietet wie in Nr.14, sondern er hat das ganze Haus gekauft. Bislang hatten die gemieteten Räume im ersten Stock des Hauses Nr.14 für seine Praxis und seine Wohnung gut gereicht.


[1] R. Steiner. Das rosenkreuzerische Christentum. Neuchâtel. 27.-28.9.1911. In G.A.130 ‚Das esoterische Christentum und die geistige Führung der Menschheit.‘ Dornach 1962.

[2] Im Personenverzeichnis des Hamburger Adressbuchs für 1912 (stand November 1911) ist die Zahnartpraxis O.Westphal in Nr.14, 1.Stock eingetragen; im Nachtrag zum Adressbuch 1912 (Stand 31.12.1911) ist sie bereits in Nr.22 eingetragen ohne Angabe eines Stockwerks. Ein Jahr später im Adressbuch 1913 (Stand 31.12.1912) ist die Adresse ebenso mit Große Theaterstrasse 22 angegeben. So ist er auch in den Adressbüchern 1915 und 1926 vermerkt.

In den alten Adressbüchern gibt es ein Personenverzeichnis, durch das man die Adresse zu einem  bekannten Namen finden kann, und es gibt ein Straßenverzeichnis, alphabetisch geordnet nach Straßen, in dem man jedes einzelne Haus finden, und dessen Bewohner Etage für Etage nachlesen kann. Es sind sogar der jeweilige Eigentümer des Grundstücks und dessen Adresse angegeben.

Im Straßenverzeichnis für 1912 (Stand Dezember 1911) war für das Haus Große Theaterstraße Nr.22 noch ein anderer Eigentümer eingetragen: D.Wettern, wohnhaft Reeperbahn 4. Das Haus hat nach dem Straßenverzeichnis Parterre und zwei Stockwerke. Im Parterre sind im Dezember 1911 die Geschäfte eines Fotografen G. Paatzsch und eines Schuhmachermeisters A. Richter. Im ersten Stock ist eingetragen das Putzgeschäft von Frl. M. Zieskoven, im zweiten Stock befanden sich weitere Räume des Fotografen.

Im Straßenverzeichnis für 1915 (Stand 31.12.1914) ist für das Haus Große Theaterstraße 22 als Eigentümer vermerkt O. Westphal, wohnhaft daselbst. Im Parterre ist der Bereich des Schuhmachermeisters A Richter weiterhin an denselben vermietet; das Geschäft des Fotografen ist zur Zahnarztpraxis von O. Westphal geworden. Im ersten Stock sind weitere Räume O. Westphals, die Putzmacherin ist ausgezogen. Im zweiten Stock wohnt noch immer der Fotograf.


Otto Westphal hatte nun neben seiner Praxis ein ganzes Stockwerk im Haus zur Verfügung. Wofür hat Otto Westphal  das zusätzliche Stockwerk des Hauses gebraucht?  Darauf gibt Mathilde Scholls Bericht die Antwort: in diesem Haus war ein „vollständig rosenkreuzerisch ausgestatteter Saal mit Säulen, Siegeln und anderen Symbolen“.  Otto Westphal brauchte den zusätzlichen Raum, um diesen Saal einrichten zu können. Der Zweig, der hier wirkte, hatte aber nur sieben Mitglieder! Wenn der Saal nicht oder nicht allein für die Mitglieder des Christian Rosenkreutz-Zweiges gedacht war, wem diente er dann?  Und was war in den übrigen Räumen des ersten Stocks?

Auf diese Fragen gibt ein Brief von Bernhard Hubo eine überraschende Antwort. Es gab in diesem Haus nicht nur einen in besonderer Weise und für besondere Zwecke ausgestatteten Saal. Das geht aus einem Brief vom 28.7.1914 von Bernhard Hubo an Marie von Sivers hervor. Er wurde am Tag der Kriegserklärung Österreichs an Serbien geschrieben; jeder wusste in dem Moment, dass das den Ausbruch eines großen Krieges bedeutete. In dem Brief an Marie von Sivers ging es um das folgende: Otto Westphal, der das Haus erworben hatte, hatte in den seit der Weihe verflossenen zwei Jahren einen oder mehrere Räume weiter eingerichtet bzw. deren Einrichtung vollendet, und das hatte er zumindest teilweise getan, ohne sich, so heißt es, mit Rudolf Steiner besprochen zu haben. Es zeigt sich in diesem Brief, dass der Raum mit den Säulen und Siegeln ein Kultraum gewesen ist für die Freimaurerei, die Rudolf Steiner getrieben hat, den Misraim-Dienst. Ein Kultraum - das steht nicht im Brief - für den Rosenkreuzergrad. Und Otto Westphal hatte eben weitere Räume eingerichtet bzw. fertiggestellt. Hubo schreibt:

In der Angelegenheit Westphal habe ich mit unseren Mitgliedern der FM außerhalb und hier gesprochen. Alle sind der Meinung, dass es doch nicht geduldet werden dürfe, wenn jemand ganz eigenmächtig und ohne Rücksprache der übrigen Ortsmitglieder und ohne vorherige Erlaubnis des Sanctuariums die Einrichtung fertigstellte, da doch die FM eine hierarchische Grundlage habe, und dass deshalb in erwähntem Falle eine …. Rüge mindestens notwendig sei.“[1]

Bernhard Hubo schrieb an Marie von Sivers „in der Angelegenheit Westphal“. Das setzt voraus, dass sie im Bilde war. Es muss vorhergehende Gespräche oder Briefe über „die Angelegenheit“ gegeben haben. Ob die Initiative, „mit unseren Mitgliedern der FM außerhalb und hier“ zu sprechen von Hubo oder vom Sanctuarium ausging, ist nicht sicher. Jedenfalls dürfte sie nach der im Brief bezeugten Haltung Hubos nicht ohne vorherige Absprache geschehen sein. In diese Richtung weist auch die Tatsache, dass er überhaupt nach Berlin berichtet.


[1] Brief von Bernhard Hubo an Marie Steiner. Hamburg 28.7.1914. Rudolf Steiner Archiv. Dornach. Akte Zweig Hamburg. - An der Stelle, wo die Pünktchen stehen, fehlt ein Wort, das ich nicht lesen konnte, offensichtlich ein Adjektiv. Dass die Bedeutung des ganzen Satzes durch dieses Wort – z.B. „kleine“ oder „scharfe“ – verschieden gefärbt wird, sollte nicht unbeachtet bleiben.

Beachtenswert ist auch eine Kleinigkeit: Hubo spricht von den Mitgliedern der FM „außerhalb und hier", mit denen er gesprochen hat. Wäre der Einzugsbereich der Hamburger FM-Arbeit „Hamburg und Umgebung", dann hätte er doch wohl gesagt „hier und außerhalb“. Die Umkehrung weist meines Erachtens darauf hin, dass der Einzugsbereich weit größer war und der Peripherie eine mindestens so große Bedeutung zukam wie dem Zentrum. Es müssen wichtige Menschen „außerhalb“ gewohnt haben, deren Meinung unbedingt einzuholen war. Ich denke z.B. an Emil Leinhas, der „vor 1914 zu den 12 Persönlichkeiten der dritten Abteilung der Esoterischen Schule gehörte, in der Fragen der Existenz der anthropos. Bewegung beraten wurden."[1]

Nun zum Hauptinhalt des Briefs. Otto Westphal hatte die Räume „fertiggestellt". Rudolf Steiner sprach schon in der Weiherede im Juni 1912 nicht im Singular, sondern im Plural von „den Räumen“ und er weihte in seiner Rede nicht nur eine Arbeitsgruppe, sondern auch eine Arbeitsstätte. Er nannte das Arbeitsstätte, nicht Arbeitsraum. Eine doppelte Weihe vollzog er. Und er sprach von „den Räumen" im Plural, von Anfang an. Diese „Räume" von 1912, eventuell weitere, hat offenbar Otto Westphal „fertiggestellt". Eigentlich braucht man bis zu neun Räume für einen vollständigen freimaurerischen Initiationsweg.

Daraus wird verständlich, wofür Otto Westphal die zusätzliche Etage  mit der Option, weitere einbeziehen zu können, brauchte. Wie viele Räume er in dieser Etage unterbringen konnte, ob es alle neun Räume oder „Tempel" waren oder sechs, oder wie viel auch immer, ist nicht bekannt.


[1] Anthroposophie im 20.Jahrhundert. Hrsg. von B.v.Plato. Dornach. 2003. S.438. – Johannes Kiersch spricht allerdings nur davon, dass Emil Leinhas und Günter Schubert gesagt hätten, dass der dritten Abteilung nur 12 Personen angehörten. Johannes Kiersch. Zur Entwicklung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Die Erste Klasse. Dornach 2005. S.29, Anm.44.

Aus Hubos Brief geht ferner hervor, dass die Säle von Mitgliedern der FM im weiten Umkreis Norddeutschlands genutzt und getragen wurden. Sie waren nicht allein für die sieben Mitglieder des Christian Rosenkreutz-Zweiges da, obwohl in der von Edith Surborg mitgeschriebenen Ansprache scheinbar nur von den Mitgliedern des Christian Rosenkreutz-Zweiges die Rede ist: „Wir sind hier versammelt, um den Segen derjenigen spirituellen Mächte zu erbitten, welche über unserer theosophischen Bewegung stehen, den Segen für eine Arbeitsgruppe, welche sich zu innigster Befriedigung eine Arbeitsstätte geschaffen, welche durch die mannigfaltigen Symbole die Impulse unseres Willens ausdrückt…"[1] Man kann diesen Wortlaut so lesen, dass er an die Mitglieder des neuen Zweiges gerichtet war. Doch waren auch die Esoterische Schule und ihre höheren Abteilungen „theosophische Arbeitsgruppen". Liest man die Worte probeweise so, als ob sie an die Mitglieder der FM gerichtet war, dann entdeckt man, dass das auch geht und dadurch manches verständlich wird. Es heißt dann ja weiter: „Viel Arbeit des Geistes und der Seele ist verwendet worden, um diese Räume würdig auszustatten“. Rudolf Steiner spricht hier dezidiert nicht von der handwerklichen Tätigkeit. Und die Tatsache, dass er so dezidiert von dieser Arbeit sprechen kann, spricht dafür, dass er daran beteiligt war. Mit den nächsten Sätzen spricht Rudolf Steiner drei Gruppen von Anwesenden an: „Die Mitglieder werden, umgeben von diesen Symbolen, stets den richtigen Antrieb für diese Arbeit erhalten; diejenigen aber, die herbeigeeilt sind, um die Eröffnung mitzuerleben, werden eine bleibende Erinnerung mitnehmen,..." Die erste der beiden Gruppen, das sind die sieben Mitglieder des neugegründeten Zweiges „Christian Rosenkreutz-Loge“, angesprochen fühlen konnten sich auch die Mitglieder des anthroposophisch orientierten Okkultismus. Die zweite Gruppe, das sind die auswärtigen Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft (Adyar), für die das ein Festtag war, der sich nicht wiederholt und der in der Erinnerung bewahrt wird. Und die dritte Gruppe? Von ihr sagt Steiner: „…so auch diejenigen, welche immerfort, um kräftigende Antriebe hierher zu senden, im Geiste verbunden sind mit denen, die sich hier eine Arbeitsstätte gesucht haben.“ Bei dieser Gruppe handelt es sich um Menschen, die nicht mit der Arbeitsgruppe sondern mit der Arbeitsstätte verbunden sind. Sie empfangen nichts aus dem Anblick der Symbole, sondern sie „senden kräftigende Antriebe hierher“. Zu diesem Zweck sind sie „immerfort … im Geiste verbunden mit denen, die sich hier eine Arbeitsstätte geschaffen haben." Das sind die im Geiste mit ihren norddeutschen Brüdern verbundenen FM-Mitglieder.


[1] Rudolf Steiner. Ansprache … Hamburg, 17.Juni 1912. Nach der Niederschrift Edith Surborgs. Uranos-Archiv, Bliestorf.

Die Esoterische Schule wie auch die Freimaurerei Rudolf Steiners waren ja nicht organisatorisch an die Theosophische Gesellschaft angeschlossen, schon gar nicht an einen Zweig! Es handelte sich nicht um die Räume des Christian Rosenkreutz Zweiges, sondern um die des Misraim-Dienstes, den Rudolf Steiner seit Anfang 1914 als Michael-Dienst bezeichnete. Der Christian Rosenkreutz Zweig hatte aber doch eine enge Beziehung zu diesen Räumen. Denn er durfte zumindest zeitweilig in dem „rosenkreuzerischen" Raum arbeiten.

Sowohl Bernhard Hubo, der eine Versammlung von FM-Mitgliedern einberufen konnte und der Marie von Sivers Bericht erstattete, wie auch Otto Westphal, der offenbar ungehinderten Zugang zu den Räumen hatte, und der auch eine Vorstellung davon gehabt zu haben scheint, wie die weiteren Räume auszusehen hatten, waren Mitglieder der FM. Waren vielleicht alle sieben Mitglieder des Christian Rosenkreuz Zweiges Mitglieder der FM und hatten eine Art von Wächterfunktion im Haus? Es ist doch auffällig, dass gerade in dem Augenblick, in dem eine Arbeitsstätte für die FM-Mitglieder gesucht wird, auch ein kleiner neuer Zweig gegründet worden ist.

In der Akte des Rudolf Steiner Archivs in Dornach sind mehrere Entwürfe zu einem Antwortbrief von Marie von Sivers erhalten. Ich weiß nicht, welcher abgeschickt worden ist, ja ob überhaupt einer abgeschickt worden ist. In keinem dieser Entwürfe ist das Thema auch nur aufgegriffen. Auf alles geht sie ein, was Hubo geschrieben hat, nur darauf nicht. Wollte sie das Rudolf Steiner überlassen? Hatte es sich durch den Ausbruch des ersten Weltkriegs erledigt? Das muss bis auf weiteres offenbleiben.

Man wird aber aus alle dem gewahr, dass in Hamburg zwischen 1910 und 1912 Menschen da waren mit dem Impuls, Räume so zu gestalten, dass eine okkulte Arbeit darin möglich ist. Das ist wegen des Hundertjahres-rhythmus vielleicht nicht unwichtig. Dieser Impuls war da, er ist auch verwirklicht worden. Rund zwei Jahre lang, nämlich etwa vom 17.Juni 1912 bis zum 28.Juli 1914, konnte in dem Haus im Sinne des Misraim-Dienstes freimaurerisch gearbeitet werden. Dann trat das seltsame ein, dass in dem Augenblick, in dem „die Einrichtung" der Räume fertiggestellt war, die Arbeit aufgrund des Weltkrieges geschlossen werden musste: „Man kann nicht in den Sturm säen!"

 

Die Unterbrechung des Misraim- oder Michael-Dienstes 1914

Dass Rudolf Steiner die Arbeit in den freimaurerischen Graden mit Kriegsausbruch 1914 abgebrochen hat, ist gut dokumentiert. Am bekanntesten ist wohl Marie Steiners spätere Zusammenfassung: Er habe das Dokument, das ihn mit dem Misraim-Orden verbunden habe, sein Patent, zerrissen und nie wieder sei man in dieser Art zusammen-gekommen. Marie Steiner hat das im April 1934 in einem Aufsatz für die deutsche Monatszeitschrift ‚Anthroposophie‘ ausgesprochen. Mit diesem Aufsatz verfolgte sie die Absicht, die in Deutschland lebenden Anthroposophen vor der Verfolgung durch das nationalsozialistische Regime möglichst zu schützen, indem sie das Unterscheidende besonders hervorhob und den bewussten Abbruch der Beziehungen zur Weltfreimaurerei 1914 beschrieb. Es heißt da: „Als der Krieg ausgebrochen war, im August 1914, erklärte Rudolf Steiner den so begründeten Arbeitskreis, der unter dem Namen ‚Mystica Aeterna‘ sich zusammengeschlossen hatte, für aufgehoben und zerriss als Zeichen dafür das darauf bezügliche Dokument. Nie ist man in dieser Weise wieder zusammengekommen.[1]


[1] Marie Steiner. War Rudolf Steiner Freimaurer? In: Anthroposophie. Zeitschrift für freies Geistesleben. 16.Jg. Buch 3, April 1934. Stuttgart. Wiederabdruck in: R.Steiner. Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Abteilung der Esoterischen Schule 1904-14. G.A. 265. Dornach 1987. S.111-115, hier S.114.

Zwei der letzten Zusammenkünfte der Mystica Aeterna fanden in Basel am 27. und 28. Juli 1914 statt. Assia Turgenieff berichtete mit wenigen Worten über die Zusammenkunft, deren Augenzeuge sie war: "Hier, in dem eigenartigen Zauber dieser Zusammenkunft, verband sich wieder ferne Vergangenheit mit Zukünftigem. Merkwürdige Menschen waren da anwesend. Doch was wusste ich von ihnen? "[1] Da Assia Turgenieff  in Dornach lebte, ist ihre Aussage, dass bei der Basler Zusammenkunft „merkwürdige Menschen" anwesend waren, zu beachten. Denn das heißt ja, dass sie diese Menschen nicht kannte und dass sie ihr – nach Habitus und Aussehen – fremd waren. Waren es Freimaurer aus anderen Logenzusammenhängen? „Doch was wusste ich von ihnen?“ Abschließend bemerkt sie: „Wegen des Kriegsausbruchs wiederholten sich diese Zusammenkünfte nicht.“


[1] Assia Turgenieff. Erinnerungen an Rudolf Steiner. 3.Aufl. Stuttgart 1993. S.61-62.

Trotz dieser klaren Aussagen hat es lange Zeit, besonders unter den Mitgliedern des späteren Christian Rosenkreuz Zweiges, die Vermutung gegeben, es sei die freimaurerische Arbeit Rudolf Steiners durch den ersten Weltkrieg und dann viele Jahre und Jahrzehnte weiter in Hamburg fortgesetzt worden. Es ist möglich, dass so etwas geschehen ist; ein Beweis dafür ist mir nicht bekannt.

Vieles spricht dafür, dass diese Arbeit mindestens während des 1.Weltkriegs unterbrochen worden ist. Es gibt eine Reihe von Zeugnissen, die interessante Hinweise dazu enthalten. So gab es z.B. ein Mitglied dieses Misraim- oder Michael-Dienstes, das der eine oder andere Pädagoge vielleicht noch namentlich kennt, Johannes Geyer. Er war evangelischer Pfarrer auf dem Friedhof in Ohlsdorf und ist 1919 Waldorflehrer in Stuttgart geworden. Nach dem ersten Weltkrieg war er durch Aufsätze in der Zeitschrift ‚die Drei‘ eine in anthroposophischen Kreisen bekannte Persönlichkeit. Pastor Geyer lebte hier in Hamburg und schrieb 1919 einen Brief an Rudolf Steiner. Das war mitten in der Revolutionszeit, die in Hamburg von November 1918 bis Juli 1919 dauerte. Da brannten die Gerichte. Und wenn man zum Rathausmarkt ging, nahm man am besten nur wenig Geld mit, denn man wurde auf den Straßen unter den Augen der Polizei, die nicht wagte einzuschreiten, ausgeraubt. Am 25. Februar 1919 schrieb Pastor Geyer an Rudolf Steiner: „Am 13.Februar habe ich mich nun, ebenfalls Ihrem Rate folgend, in den Freimaurerorden aufnehmen lassen." Johannes Geyer, der Pastor, der nachher Waldorflehrer geworden ist, berichtete in diesem Brief Rudolf Steiner davon, dass er Mitglied geworden ist in einer Loge des Freimaurerordens. Er beruft sich dabei auf eine Empfehlung Rudolf Steiners und meldet ihm gewissermaßen, dass er seinem Rat gefolgt ist. „Und zwar bin ich der zum Verbande der Großen National-Mutterloge  in den Preußischen Staaten gen. ‚Zu den drei Weltkugeln‘ gehörigen Johannis-Loge ‚Vom Fels zum Meer‘ beigetreten, derselben Loge, der auch unsere Freunde A.W. Sellin und Kurth Walther, sowie Hackländer in Wandsbek angehören. Ich hoffe, dass es mir im Laufe der Zeiten vergönnt sein wird, in diesem Kreise das Interesse für den anthroposophisch orientierten Okkultismus zu wecken und wach zu halten."[1]


[1] 25.2.1919. Johannes Geyer an Rudolf Steiner. Zitiert nach R.St. Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Abteilung der Esoterischen Schule 1904 – 1914. G.A.265, Dornach 1987, S.60.

Der eventuell vorausgegangene Originalbrief Rudolf Steiners ist entweder nicht erhalten, oder jedenfalls nicht veröffentlicht. Vielleicht hat Steiner ihm den Rat auch mündlich erteilt. Geyer schreibt weiter, er hoffe, dass es ihm vergönnt sein wird, im Kreise der regulären Freimaurer Interesse am anthroposophisch orientierten Okkultismus zu wecken. Ich verstehe das nicht im Sinne von Abwerbung. In den Freimaurerorden einzutreten nur um dort Mitglieder abzuwerben, halte ich für ein derart niedriges Motiv, dass ich es dem doch wohl eher idealistisch gesonnenen Mann, der sein sicheres Pastorengehalt gegen ein Waldorflehrerdasein eingetauscht hat, nicht zutraue. Meines Erachtens blickt Pastor Geyer darauf hin, dass der Freimaurer-Orden den Okkultismus, den er einmal im 18. Jahrhundert gepflegt hat, nicht mehr versteht, z.T. sogar verleugnet. In dieser Situation konnte aus seiner Sicht  „der anthroposophisch orientierte Okkultismus“ auch eine Hilfe für das sein, was in den Logen praktiziert wird. Weiter schrieb Geyer:„Unter diesem Gesichtspunkt habe ich den Schritt unternommen. Möchte sich nun bald auch in unserer okkulten Gemein-schaft die Wiederaufnahme der Zusammenkünfte ermöglichen lassen.“

Den letzten Satz Pastor Geyers verstehe ich so, dass der anthroposophisch orientierte Okkultismus lange Jahre in Hamburg nicht stattgefunden hat. Natürlich kann auch dieser Brief keinen strengen Beweis dafür liefern. Man könnte z.B. annehmen, es sei nur ein Teil der höheren Grade weiter bearbeitet worden und Pastor Geyer habe, da er nicht dazugehört habe, von der Weiterarbeit nichts gewusst. Aber es scheint doch ganz deutlich, dass zumindest in den Graden, in denen Pastor Geyer arbeiten durfte, einige Jahre keine Arbeit stattgefunden hat.

Es gibt noch ein weiteres Zeugnis, welches die Wahrscheinlichkeit, dass in Hamburg wie andernorts während des ersten Weltkriegs die rituelle Arbeit der anthroposophisch orientierten Esoterik geruht hat, erheblich erhöht. Und zwar handelt es sich dabei um eine Äußerung Rudolf Steiners selbst in einem Gespräch mit Herbert Hahn.  Rudolf Steiner hatte für die Kinder derjenigen Eltern der Freien Waldorfschule, die keiner Konfession angehörten, einen Freien Christlichen Religionsunterricht eingerichtet. In der Weihnachtszeit 1919 oder kurz danach, übermittelten ihm die Lehrer die Frage der betreffenden Eltern nach einer Feier für diese Kinder. Rudolf Steiner antwortete dem Überbringer Herbert Hahn: „Das muss dann schon ein Kultus sein. Könnte er gegeben werden, dann wäre er zugleich die erste Wiederanknüpfung an unsere durch den Krieg unterbrochene Esoterik."[1] Auch dieses Wort: „ …die erste Wiederanknüpfung an unsere durch den Krieg unterbrochene Esoterik" spricht doch dafür, dass „unsere unterbrochene Esoterik" während der Zeit des Krieges nicht stattgefunden hat.

Auch Emil Leinhas, der als einer der fortgeschrittensten Schüler Rudolf Steiners gelten darf und in den Kreis der zwölf leitenden Persönlichkeiten der E.S. aufgenommen worden war, schrieb 1921 in einem Brief an Louis Werbeck über die FM-Veranstaltungen innerhalb der anthroposophischen Esoterik: „Im Übrigen finden seit August 1914 irgendwelche geheime Veranstaltungen nicht mehr statt." [2]  In diesem Brief ging es ausdrücklich um die FM-Grade.


[1] Rudolf Steiner zu Herbert Hahn. Weihnachtszeit 1919. In: Herbert Hahn. Vom Entstehen des Freien Religionsunterrichtes in der Waldorfschule und vom Einrichten der Sonntagshandlungen. In: R. Steiner. Ritualtexte für die Feiern des freien christlichen Religionsunterrichtes. G.A.269. Dornach 1997, S. 96.

[2] Emil Leinhas an Louis Werbeck. 29.9.1921. Archiv am Goetheanum. Briefwechsel Werbeck – Leinhas.Nr.72.

 

Anthroposophen als Mitglieder regulärer Freimaurerlogen

Rudolf Steiners Verhältnis zu Freimaurern, die sich nicht als Theosophen verstanden, war ein brüderlich anerkennendes. Das tritt in besonders deutlicher Weise in einem Brief vom 25.1.1906 zu Tage, in dem Rudolf Steiner Marie von Sivers über den Verlauf seiner Vortragsreise berichtet. Er schreibt ihr aus Dresden, wohin er über Frankfurt, Kassel und Weimar gelangt war. Am Dienstag, den 23.1. hatte er in Weimar einen öffentlichen Vortrag über „‘Krieg, Frieden und die Theosophie‘ gehalten. Am Mittwoch sprach er dort am Zweigabend zu einem unbekannten Thema. In den Scholl-Mitteilungen heißt es dazu, er „hielt einen Vortrag im engeren Kreis und sprach außerdem vor einigen Freimaurern über die Bedeutung der Freimaurerei.“[1] Dass es sich nicht um Mitglieder seiner eigenen FM-Abteilung handelte, sondern um reguläre Freimaurer, geht aus Steiners Brief hervor: „In Weimar war es Dienstag verhältnismäßig gut besucht. Es hat nichts gemacht, dass Henning für Mittwoch 6 Uhr die Maurer gerufen hat. Wir müssten eigentlich überall die Johannesmaurer als Brüder anerkennen, und uns ganz maurerisch zu ihnen verhal-ten. Das habe ich denn auch getan. Die Sache war nur insofern nicht sehr wirksam, als auf Hennings Einladung nur 4 Weimarische Maurer gekommen sind. Nun sind ja die Weimarischen Verhältnisse in der Maurerei noch insofern ungünstig, als da nach dem sogenannten Hamburgischen System ‚gearbeitet‘ wird, und dies ist wohl eines der geistlosesten. Mit den vieren gings ja im Grunde gut. Nun, ich erzähl dir noch mehr davon.“[2]


[1] Scholl-Mitteilungen. Nr. II, März 1906, S.18+20. Nachdruck S.20.

[2] Rudolf Steiner an Marie v. Sivers. Dresden 25.1.1906. In: Rudolf Steiner – Marie Steiner=von Sivers. Briefwechsel und Dokumente. 1901-1925. G.A.262. Dornach 2002. S.149. In der 1.Auflage, Dornach 1967, war diese Partie des Briefes nicht mit abgedruckt worden, was an der betreffenden Stelle immerhin mit Punkten gekennzeichnet wurde.

Die Johannesmaurer sind die Mitglieder der drei ersten oder unteren Grade der herkömmlichen Freimaurerei: Lehrling, Geselle, Meister. Der Brief belegt, dass Rudolf Steiner bestrebt war, mit diesen ‚Brüdern‘ in ein zwangloses Arbeitsverhältnis zu treten. Dieser Auffassung war auch der damalige Weimarer Zweigleiter Horst von Henning, der „die Maurer gerufen hat". Henning konnte die Maurer nur rufen, wenn er in einer intimen Beziehung zu den Weimarer Logen stand, das heißt selbst Freimaurer war. Rudolf Steiners unverblümte Charakterisierung des Hamburgischen Systems mag hier unerörtert bleiben. Sie entstammt einem Brief an seine vertrauteste, engste Mitarbeiterin. Dass Rudolf Steiner sich in der freimaurerischen Öffentlichkeit verbindlicher ausgedrückt hat, ist gut belegt. Man wird diese Äußerung also nicht als ein Spiegelbild dessen ansehen dürfen, was er den vier Weimarer Maurern erzählt hat. Diese Charakterisierung zeigt aber jedenfalls, dass Rudolf Steiner schon im Januar 1906 detaillierte Kenntnisse verschiedener freimaurerischer Systeme hatte und sich in der Lage sah, diese miteinander zu vergleichen und zu beurteilen.

Man kann diesen wie auch anderen Zeugnissen darüber hinaus entnehmen, dass Rudolf Steiner keine grundsätzlichen Bedenken dagegen hatte, dass Anthroposophen an der Arbeit einer regulären Freimaurer-loge teilnahmen. Er hat so wenig Bedenken dagegen gehabt, wie dagegen, dass Anthroposophen praktizierende evangelische oder katholische Christen waren, z.T. sogar Pastoren und Pfarrer. Pastor Geyer und Rudolf Steiner haben es offensichtlich nicht einmal für unvereinbar gehalten, im Freimaurerorden und  im „anthroposophisch orientierten Okkultismus“ gleichzeitig praktisch tätig zu sein.

Der Pastor und Waldorflehrer Geyer hat die Namen einiger weiterer Anthroposophen genannt, wie z.B. den des lange Jahre ebenfalls in Hamburg lebenden A.W. Sellin, sowie Kurth Walther und einen gewissen Hackländer in Wandsbek.

 Sellin hat selbst berichtet, dass er im Jahre 1892 „die Redaktion eines freimaurerischen Blattes in Berlin übernahm, ein Amt, das mir … Gelegenheit gab, mich mit der Geschichte des Rosenkreuzertums im 18. Jahrhundert eingehender zu befassen und sogar die noch vorhandenen Reste von dessen Geheimarchiv kennenzulernen.“[1] An anderer Stelle gibt er an, dass es sich um die Zeitschrift ‚Bundesblatt‘, das Organ der ‚Großen Nationalmutterloge zu den drei Weltkugeln‘, handelte. „Später“ wurde er auch Großarchivar dieser Großloge.[2] Sellin hatte demnach einen sehr hohen freimaurerischen Rang. Von ihm hat Rudolf Steiner manches Historische erfahren, was andere eben nicht wussten. Rudolf Steiner war da wie immer gut unterrichtet. Sellin hat dann interessanterweise in den Münchener Aufführungen der Mysteriendramen den Siegelbewahrer in der mittelalterlichen Szene gespielt, gewissermaßen seine Rolle. [?] Sellin hat nie Hehl gemacht aus seiner Mitgliedschaft in freimaurerischen Vereinigungen. Er hat allerdings auch in anderer Hinsicht sehr freimütig seine okkulten Erlebnisse ausposaunt, was ihm unter den Theosophen den Spitznamen „die okkulte Trompete“ eintrug.


[1] A. W. Sellin. Anthroposophische Betrachtungen. München 1918. S.12-13.

[2] A. W. Sellin. Erinnerungen aus dem Berufs- und Seelenleben eines alten Mannes. Konstanz 1920. S. 103-105.                            

Kurth Walther (1874-1940), in Frankfurt an der Oder geboren, verlebte seine Jugend in Schlesien und kam 1904 nach Hamburg. Er hatte die indisch geprägte Theosophie bereits 1899 in Hirschberg kennengelernt und begegnete nun in Hamburg Rudolf Steiner, dessen Erklärung der christlichen Mysterien ihn zutiefst befriedigte, obwohl er sich sofort des Unterschieds zu H. P. Blavatskys Lehren bewusst war. Durch seine Übersiedlung nach Berlin 1913, wo er als Postrat im Ministerium diente, kam er in die unmittelbare Nähe Rudolf Steiners, denn er wohnte im selben Haus in der Motzstraße. So kam es, dass er im Berliner Zweig eine rege Tätigkeit entfaltete und  - verstärkt noch durch die Heirat mit Clara Selling, Rudolf Steiners Wirtschafterin, - für viele Jahre Jahre täglich mit dem Lebensmittelpunkt Steiners verbunden war. Peter Tradowsky bestätigt die Angabe Pastor Geyers: „Nach der Weihnachtstagung war er eine der Vertrauenspersönlichkeiten in Deutschland. Er war und blieb Freimaurer.“[1] Über die vielfältigen und befruchtenden geistigen Auseinandersetzungen in Hamburg  mit Sellin und Hubo berichtet er in seinen m.E. ungedruckten Erinnerungen.[2]


[1] Anthroposophie im 20.Jahrhundert. Hrsg. von Bodo von Plato. Dornach 2003. S.893.

[2] Erinnerungen an Rudolf Steiner. Von Kurt Walther. Typoscript. 13 S. Archiv am Goetheanum. E.13

Über die dritte von Pastor Geyer erwähnte Persönlichkeit namens Hackländer aus Wandsbek habe ich nichts in Erfahrung bringen können.

 

Für die weitere Entwicklung der Hamburger Verhältnisse wurde es wichtig, dass die beiden Gründergestalten der Wandsbeker Waldorfschule Freimaurer waren. Von Hans Pohlmann ging die Initiative zur Schulgründung in Wandsbek aus, das damals noch zum preußischen Schleswig-Holstein gehörte. Rudolf Steiner hatte ihm den Regierungsschulrat Dr. Max Kändler aus dem Vogtland als ersten Lehrer geschickt, der bereit war seine hohe Beamtenstellung aufzugeben, um etwas wirklich Neues aufzubauen. Dr. Kändler war zu diesem Zeitpunkt schon in einer traditionellen Loge in den Meistergrad erhoben worden, denn er fragte am 7.11.1922 bei Rudolf Steiner an, ob es ratsam sei, wenn er sich in die Andreasgrade aufnehmen lasse.[1]

Wann der Ingenieur und Fabrikant Hans Pohlmann Freimaurer geworden ist, ist mir nicht genau bekannt. Hans Pohlmann entwickelte aber spätestens im Sommer 1921 großen Eifer für die Freimaurerei und schickte viele reguläre Freimaurerbrüder in die anthroposophischen Einführungskurse Bernhard Hubos. Das konnte er nur, wenn er in freimaurerischen Kreisen bereits größeren Einfluss besaß.  Hubo seinerseits schimpfte, obwohl er davon wusste, in den Einführungskursen auf die Freimaurerei.[2] Das führte das Ende des ersten Christian Rosenkreutz-Zweiges herbei.


[1] Dr. Max Kändler an Rudolf Steiner. 7.11.1922. o.O. Der Brief wurde mir in Abschrift durch Herrn Thomas Meyer, Basel, zugänglich. Hans Pohlmann soll nach diesem Brief Kändlers erst Ende Oktober 1922 in den Lehrlingsgrad aufgenommen worden sein. Diese Aussage des Briefes ist sicher falsch.

[2] Karl Stavenhagen an Bernhard Hubo. 5.12.1921. Rudolf Steiner Archiv. Akte Bernhard Hubo.

 

Spaltung und Ende des Christian Rosenkreuz Zweiges (Hamburg II)

Hans Pohlmann und Karl Stavenhagen appellierten mehrmals vergeblich an Hubo, er möge sein Verhalten mässigen. Das führte dazu, dass sich nach den ergebnislosen Verhandlungen mit Hubo[1] die Herren Pohlmann und Stavenhagen am 25.Januar 1922 mit einer Gruppe von 11 Mitgliedern vom Christian Rosenkreutz Zweig lösten, und eine „neue Arbeitsgruppe“ mit einer „neuen Organisation“, also einen eigenen Zweig, in dem sie ihre Ziele verfolgen konnten, eröffneten.[2] Zunächst hatte die neue Arbeits-gruppe noch keinen Namen. Dann nahm sie ebenfalls den Namen des Christian Rosenkreutz an. Ihren Sitz hatte sie zunächst „im Büro des Herrn Pohlmann, Bieberhaus, 2.Stock“. Dort fand Montags ein Mitglieder-abend statt. Einen Einführungskurs leitete Dr. Max Kändler.[3] Als Heinz Müller, der zweite Lehrer, den Rudolf Steiner der Schule geschickt hat, Ostern 1923 in Wandsbek eintraf, zeigte ihm Frau Pohlmann gleich am ersten Tag einen Raum auf dem Werksgelände der Fabrik, in dem Zusammenkünfte der neuen Gruppe stattfanden. Es war eine ‚Halle‘ mit farbigen Glasfenstern, die Darstellungen aus dem Leben Christi, Elias und Johannes usw. enthielten. An den Wänden hingen Bilder von dem Maler Roberto Sobeczko ausgeführt, der einer der Schnitzmeister am alten Goetheanum gewesen war.[4] Auch Holzskulpturen von seiner Hand waren da zu sehen. Ab 1926 wurde Sobeczko Mal- und Werklehrer an der Goetheschule.  „Mitgliederabende“, Einführungskurse, Arbeitsgruppen und einzelne Vorträge des Zweiges Hamburg III fanden im April 1923 im Bieberhaus statt. Nach Heinz Müller fanden Ostern 1923 in der Halle in Wandsbek die Zweigabende des neuen Christian Rosenkreuz Zweiges (Hamburg III) statt. Da „April 1923“ und „Ostern 1923“ recht nahe beieinander liegen, haben wir zwei verschiedene Angaben darüber, wo die Mitgliederzusammenkünfte (Zweigabende) stattfanden. Oder sollte die Halle doch anderen Zwecken dienen?   


[1] Karl Stavenhagen an Bernhard Hubo. 5.12.1921 und 11.1.1922. Rudolf Steiner Archiv. Akte Bernhard Hubo.

[2] Brief der elf Mitglieder an Bernhard Hubo. 25.1.1922. Rudolf Steiner Archiv. Akte Bernhard Hubo. Unterschrieben haben die Gründungsmitglieder C. H. Stavenhagen, Julie Stavenhagen, Emmy Auler, Eva Stavenhagen, Ina Maass, L. Pohlmann, Paul und R. Frank, Antje Pohlmann, E. Thinius, F. Thinius. Es fällt auf, dass Hans Pohlmann den Brief nicht unterzeichnet hat.

[3] Mitteilungsblatt ‚Freies Geistesleben‘, Eröffnungsnummer vom 24.4.1923. Rudolf Steiner Archiv. Dornach. Akte Pythagoras-Zweig.

[4] Heinz Müller. Spuren auf dem Weg. Erinnerungen. Stuttgart 1970. S.75.

Im April 1923 stand die Gruppe bereits neben anderen Zweigen gleich-berechtigt da, und firmierte unter dem Namen Christian Rosenkreuz Zweig (Hamburg III), obwohl es dadurch ganz offiziell zwei Zweige dieses Namens in Hamburg gab. Bernhard Hubo verwahrte sich dagegen und protestierte bei der damaligen Landesgesellschaft. Die gab ihm recht, unternahm aber nichts. So existierten eine Zeit lang zwei Christian Rosenkreuz Zweige in Hamburg. Hamburg II hatte im Frühjahr 1922 also nach dem Bruch: etwa 9 Mitglieder, der neue Zweig Hamburg III hatte 12 Mitglieder.

Otto Westphal schloss sich der neuen Gruppe nicht an, nahm aber an den Versammlungen des älteren Christian Rosenkreuz Zweiges (Hamburg II) auch nicht teil, zu dessen 9 Mitgliedern er und seine Frau bis zum Ende 1924 zählten.[1] Die Arbeit Hubos war 1924 sehr klein und wohl auch unfruchtbar geworden. Die initiativen Mitglieder waren gegangen. An den Zweigabenden saß man zu dritt. Hubo fragte im Mai bei Rudolf Steiner an, ob es nicht besser wäre den „sogenannten noch bestehenden“ Zweig zu schließen.[2] Er erhielt keine Antwort. Auch auf einen zweiten Brief antwortete Steiner nicht.[3] Gleichzeitig versuchte Otto Westphal die Schließung zu verhindern, indem er an Bernhard Hubos Gewissen appellierte, dass der Zweig als Werkzeug für seinen Namenspatron erhalten bleiben müsse. Er erklärte sich bereit, nunmehr den Vorsitz zu übernehmen. Hubo lehnte es ab, jemandem, der jahrelang an der Arbeit nicht teilgenommen hatte, den Vorsitz abzutreten. Es sei eine Illusion, wenn Westphal den Zweig erhalten wolle, damit „unser großer Meister“ ein geeignetes Werkzeug zur Verfügung habe. Eine „nur nominell bestehende Gruppe“ könne schwerlich „ein geeignetes Werkzeug“ sein. Er hatte ein abschließendes Gespräch mit Louis Werbeck und schloss danach den Christian Rosenkreutz Zweig (Hamburg II).[4] Am 29.5.1924 teilte er Rudolf Steiner die in Absprache mit Werbeck und dem Vorstand der Deutschen Landesgesellschaft vollzogene Auflösung mit.[5] Hubo wurde wieder Mitglied im Pythagoras-Zweig.


[1] Bernhard Hubo an Rudolf Steiner. 9.5.1924. Archiv am Goetheanum

[2] Bernhard Hubo an Rudolf Steiner. 9.5.1924. Archiv am Goetheanum

[3] Bernhard Hubo an Rudolf Steiner. 19.5.1924. Archiv am Goetheanum.

[4] Bernhard Hubo an Rudolf Steiner. 29.5.1924. Archiv am Goetheanum.

[5] Bernhard Hubo an Rudolf Steiner. 29.5.1924. Archiv am Goetheanum

Der zweite Christian Rosenkreutz Zweig (Hamburg III), dessen Mitglieder die besondere Beziehung zur Freimaurerei – und zwar zur regulären - weiterhin suchten, gehörte ebenfalls zur Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft. Zunächst firmierte er als ‚Anthroposophische Gesellschaft. Christian Rosenkreutz Zweig. Hamburg. Bieberhaus‘.[1] Da es sich aber tatsächlich um eine Neugründung handelte,  musste der Zweig sich selbst auf seinem Briefpapier als „Hamburg III“ bezeichnen und wurde auch nach dem Ende von Hubos Christian Rosenkreutz Zweig weiterhin so in den Listen geführt.[2] Dieser Zweig stellte unter noch ungeklärten Umständen Anfang der Dreißiger Jahre ebenfalls seine Arbeit ein. Es war lange vor der Machtübernahme 1933.


[1] Hans Pohlmann an den Vorstand in Dornach. 13.8.1924. Archiv am Goetheanum. A 02.001.003.

[2] Carl Stavenhagen an Carl Unger. 3.11.1927. Archiv am Goetheanum. C 07.001.013. Nr.336.

Beim Ende des Christian Rosenkreuz-Zweiges (Hamburg II) spielte die verschiedene Einschätzung der Freimaurerei unter den Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft eine wichtige Rolle. Während Bernhard Hubo sich bewußt so verhielt, dass die Freimaurer in seinen Einführungskursen sich davon abge-stoßen fühlten, hatten Hans Pohlmann, Max Kändler und andere keine Bedenken gegen eine Mitgliedschaft von Freimaurern, ja sie versuchten sogar, einen Zweig mit hoher (wenn nicht ausschließlicher) Beteiligung von Freimaurern einzurichten. An diesem Gegensatz zwischen Vorurteilen Bernhard Hubos und dem ungebremsten Enthusiasmus Hans Pohlmanns zerbrach der Christian-Rosenkreuz-Zweig (Hamburg II).

Im Gegensatz zu Bernhard Hubo ist Rudolf Steiner verständnisvoll und freilassend mit Freimaurern umgegangen: er hat kein Problem darin gesehen, wenn Freimaurer Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft werden und Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft herkömmliche Freimaurer werden. Er hat sogar Anthroposophen empfohlen, in eine bestehende Freimaurerloge einzutreten, wenn sie ein Bedürfnis nach einem derartigen Ritual hatten. Der ganze Briefwechsel zwischen Karl Stavenhagen und Bernhard Hubo, der allerdings aus einer Reihe von unbeantworteten Briefen Stavenhagens an Bernhard Hubo besteht, war Rudolf Steiner aus Anlass der Gründung des Zweiges Hamburg III vorgelegt worden. Bernhard Hubo hatte Rudolf Steiner die Lage auch aus seiner Sicht beschrieben. Rudolf Steiner kannte die Bestrebungen Pohlmanns und sah darin keinen Grund, die Zustimmung für eine Zweig-Gründung  zu verweigern. Selbst Pohlmanns Schulgründung hat Steiner, obwohl sie aus Unverständnis seine Absichten konterkarierte, so gut er konnte unterstützt.

 

Der okkulte Bauimpuls und die Befruchtung der Künste

Die Frage, die dem Bauwillen der Mitglieder der anthroposophisch orientierten Misraim-Maurerei (F.M.) zugrunde lag, lautete: wie kann man so bauen, dass die Farben und Formen mitbauen an der Entwicklung des eigentlichen Menschen im Menschen? Dieser Impuls knüpfte an den Bauimpuls Hirams und Salomos an, deren Tempel in Jerusalem eine solche Aufgabe hatte: er sollte ein Haus sein für den Namen des Herrn. Wie müssen Raumformen sein, damit das Ich des Menschen darin leben kann, und zwar das höhere Ich des Menschen, das Dauerwesen, das die ganze Evolution nicht nur mitgemacht, sondern mitgetragen hat. Und wie kann das, was zunächst in kleinen Kreisen seine Wirksamkeit entfalten darf, in die ganze Zivilisation einfließen?

Diese Frage hat 1910-12 in der Theosophischen Gesellschaft in Deutschland eine große Rolle gespielt. In Stuttgart war das Zweighaus in einem unauffällig bürgerlichen Stil in der Landhausstraße gebaut worden, nur im Untergeschoss war ein Rosenkreuzertempel eingerichtet worden. Davon wussten aber wie in Hamburg nur diejenigen, die an den entsprechenden Zusammenkünften teilnahmen. Noch früher war der Modellbau von Malsch errichtet worden, der allerdings nicht nur ein Modellbau war, sondern in dem eben-falls eine praktische esoterische Arbeit stattfand. Und Rudolf Steiner hat 1911 ja die ‚Gesellschaft für theosophische Art und Kunst‘ gestiftet, wie er sagt im Auftrag des Christian Rosenkreutz. Rudolf Steiner hat in dieser Zeit erste Schritte getan, um das, was zunächst nur im Rahmen der Esoterischen Schule, der Mystica Aeterna und der Freimaurerei geübt wurde, in das öffentliche Leben hineinzutragen. Sowohl die Sprach-gestaltung wie auch die Eurythmie sind ursprünglich im Zusammenhang des ‚Okkultismus anthroposophi-scher Ausrichtung‘ entwickelt worden.[1] Das waren ursprünglich Mittel der inneren Entwicklung, die als solche allerdings anders gehandhabt wurden als dann in der Eurythmie. Aber jeder Eurythmist weiß,  dass er durch die Eurythmie in seinem ganzen Wesen umgewandelt werden kann, wenn er sich genügend darauf einlässt. Das, was zunächst nur ein Mittel war, um sich durch innere Entwicklung ein Stück weit zu verwandeln, wurde nun zu etwas, wodurch man in die Bewegungen der geistigen Wesen hineinschlüpfen konnte, um  diese Bewegungen, diese Beweglichkeit der geistigen Wesen bis in den eigenen Leib hinein fortzusetzen; Man wollte nicht nur die Worte, die Laute, die andersartige Sprache dieser Wesen hören, sondern selbst sie so sprechen lernen, dass sie physische Realität werden konnten. Das war der Impuls, der in dieser Zeit von Rudolf Steiner in die theosophische Bewegung eingeführt worden ist. Auf diese Weise konnte der Okkultismus in der Welt fruchtbar werden. Rudolf Steiner hat das, was eigentlich zunächst nur in der esoterischen Schule zu Hause war, in weltliche Künste umgewandelt.


[1] Werner Barfod. I A O und die eurythmischen Meditationen. Dornach 1999. S. 11 ff.

In dem bereits erwähnten Gespräch mit den Waldorflehrern 1919, in dem es um einen Kultus für die nicht kirchlich gebundenen Arbeiterkinder ging, erzählten die Lehrer Rudolf Steiner auch, sie hätten erwogen, selbst eine Sonntagshandlung einzurichten, in der die Wochensprüche eurythmisch dargestellt werden sollten. „Eurythmie?“, antwortete Rudolf Steiner, „Aber das ist doch eine weltliche Kunst! Da müsste ich dann schon Formen für eine besondere Art kultischer Eurythmie geben.“[1] Rudolf Steiner unterschied also weltliche und kultische Eurythmie. Auch das ist vielen Eurythmisten bekannt. Es macht aber deutlich, dass das, was in der F.M. als Vorstufe der Eurythmie gelten kann, keineswegs genauso ausgesehen haben muss wie das, was wir als Eurythmie kennen. Denn eine kultische Eurythmie müsste in viel strengerer Weise sich von den anwesenden geistigen Wesenheiten bestimmen lassen als es in der weltlichen Eurythmie nötig und daher auch üblich ist.

Eine Stiftung für ‚Theosophische Art und Kunst‘ hatte Rudolf Steiner vermitteln wollen. Was mit ‚Theosophischer Art‘ gemeint ist, hat er verschwiegen. ‚Theosophische Kunst‘ ist nicht Kunst, die die Theosophen machen, sondern das ist die Kunst, durch die man zum Theosophen wird. Es ist eben nicht so, dass Theosophen oder Anthroposophen neben ihrem Theosoph-Sein oder Anthroposoph-Sein auch Künstler sind so wie andere Menschen neben ihrer Weltanschauung auch Künstler sind, sondern sie machen es anders. Ihre Weltanschauung ist Kunst. Anthroposophische Kunst kann gar nicht in derselben Weise sich in das öffentliche Kulturleben hineinstellen wie das sonst möglich ist - weil sie mit ganz anderen Schwierigkeiten des Verständnisses rechnen muss. Trotzdem muss sie es tun.


[1] Rudolf Steiner zu Herbert Hahn. Weihnachtszeit 1919. In: Herbert Hahn. Vom Entstehen des Freien Religionsunterrichtes in der Waldorfschule und vom Einrichten der Sonntagshandlungen. In: Rudolf Steiner. Ritualtexte für die Feiern des freien christlichen Religionsunterrichtes. G.A.269. Dornach 1997, S. 96.

Rudolf Steiner hat in dieser Zeit auch mit den Mysteriendramen begonnen. 1910 führte er das erste auf, 1911 das zweite, u.s.w. Das fünfte Drama kam 1914 wegen des Kriegsausbruchs nicht mehr zustande. Und es ist bekannt, dass er in dieser Zeit begonnen hat mit der Architektur. Also es ist tatsächlich ein mächtiger Ruck gewesen in dieser Richtung. Das sollte eben eine Art Zusammenfassung finden in dieser ‚Gesellschaft für Theosophische Art und Kunst‘, die nicht verstanden worden ist. Rudolf Steiner über-raschte die Mitglieder damit und interpretierte einzelne Menschen, er sagte ihnen was für ein Amt sie hätten. Rudolf Steiner ernannte sie nicht, setzte sie nicht ein, liess sie nicht wählen, schlug sie nicht vor. Er interpretierte ihr Wesen und sagte ihnen, was für eine Aufgabe sie in einem Kreis freier Geister würden übernehmen können. So verstehe ich seinen Ausdruck: er „interpretierte“ sie. Die Ämter sind wieder solche, wie man sie sonst im Freimaurer-Zusammenhang kennt: Siegelbewahrer usw. Aber im Gegensatz zu den Einrichtungen des „anthroposophisch orientierten Okkultismus“ wird das halböffentlich bekannt gemacht. Jeder Theosoph konnte das wissen, wer welches Amt hatte und es wurde nichts verheimlicht. Man wurde zu diesem Amtsträger dadurch, dass man seinem Amt Wirklichkeit verlieh, dadurch dass man das tat, was auf diesem Posten das richtige und nötige war. Und sie haben es alle nicht getan. Sie waren völlig überrascht und hatten keine Initiative. Das heißt, sie hatten die Sache nicht zu der ihren gemacht.

Die Sache wurde „versuchsweise“ bis zum 6.Januar eingerichtet. Danach wurde gefragt, was denn aus der Stiftung geworden sei? Und Dr. Steiner sagte: Es hat ja niemand etwas getan: die Sache ist erledigt. Er hatte erwartet, dass die Interpretierten jetzt Initiative ergreifen würden. Die Initiative kam aber nicht. Das mutet wie ein Versuch an, das, was an vielen Stellen sich ohnehin anbahnte, als ein Durchdringen des Menschenleibes und der Erde mit dem durchchristeten Geiste, bewusst und planmäßig voranzutreiben. Es war ein Auferstehungsimpuls, der sich da in der Kunst geltend machte. Zu diesem Zeitpunkt ist er zunächst gescheitert.

 

Ist der Misraim- oder Michael-Dienst nach 1914 in Hamburg fortgesetzt worden?

Für Otto Westphal war 1914 eine tragische Situation entstanden. Er hatte ein Haus gekauft und mehrere Räume für die esoterische Arbeit anthroposophischer Prägung darin eingerichtet. Mitte 1911 hat Westphal ungefähr damit angefangen, Mitte 1914, nach drei Jahren war er damit fertig. Während dessen hatte man schon zwei Jahre darin gearbeitet. Und in dem Monat, in dem er mit den Räumen fertig geworden war, musste die Arbeit, für die er die Räume geschaffen hatte, eingestellt werden. Im August 1914 brach der Krieg aus und die freimaurerische Arbeit anthroposophischer Prägung wurde abgebrochen. So erging es Otto Westphal. Jetzt wohnte er in seinem eigenen Haus, in dem die Logenräume eingerichtet waren und es fand nichts mehr darin statt.

 

Wenn ich drei Jahre lang daran gearbeitet hätte, meine ganze Sehnsucht, meine ganzen Intentionen, vielleicht einen großen Teil meines Vermögens hinein gesteckt hätte, ich hätte alles daran gesetzt, dass da doch etwas passiert. Wenn ich mich in der Lage dazu gesehen hätte, hätte ich gefragt, ob ich weiter arbeiten dürfe. Wie sind Otto Westphal und seine norddeutschen Freunde und Brüder damit umgegangen? Hat Otto Westphal vielleicht doch nach der offiziellen Einstellung der FM-Arbeit mit einer Anzahl von „Getreuen“ in den von ihm fertiggestellten Räumen die von Rudolf Steiner geschaffenen Rituale weiter gepflegt?  Könnte Rudolf Steiner ihm dazu eine Erlaubnis erteilt haben? Direkte Zeugnisse zu dieser Frage sind mir nicht bekannt.

Dass Bernhard Hubo eine Vertrauensstellung innerhalb der FM innehatte, ist der Tatsache des Brief-wechsels mit Marie von Sivers und seines darin beschriebenen Agierens ohne weiteres zu entnehmen. Eine Art von Sekretärsfunktion muss er ausgeübt haben. Das muss nicht bedeuten, dass Hubo in Hamburg den freimaurerisch höchsten Rang innegehabt hätte. Es besagt aber, dass Otto Westphal diese Aufgabe nicht gehabt hat.

Dann und wann ist die Ansicht vorgebracht worden, Otto Westphal sei gleichzeitig verantwortlich gewesen in den regulären Logen in der Welckerstraße. Die Welckerstraße ist die direkte Verlängerung der Großen Theaterstraße und das Logenhaus ist in 1 Minute von der Wohnung Otto Westphals aus zu erreichen. Ein verlockender Gedanke und tatsächlich ist im Adressbuch für 1912 ein Otto Westphal als Ansprechpartner für die Logen in der Welckerstraße genannt. Doch gab es 1912 immerhin dreizehn Otto Westphals in Hamburg und der genannte hohe Freimaurer hatte einen anderen Beruf und eine andere Adresse: er war Architekt und wohnte im Petrihaus bei der Petrikirche.

Otto Westphal war aber der eingetragene Besitzer des Hauses. Er wohnte und arbeitete in dem Haus, während die vollständig rosenkreuzerische Einrichtung geschaffen wurde. Als Hausherr muss er in die Bautätigkeiten in der einen oder anderen Weise involviert gewesen sein. Dabei muss Rudolf Steiner eine zentrale Rolle gespielt haben, indem er einen Großteil der „vielen Arbeit des Geistes und der Seele“, die getan worden war, um den Raum würdig auszustatten, geleistet haben muss, Denn wer wusste außer ihm wie ein vollständig rosenkreuzerisch ausgestatteter Raum auszusehen hatte? Der enge zeitliche Zusammenhang des Hauskaufs ein Jahr vor der Einweihung der ‚Arbeitsstätte‘ der FM-Räume sowie die Größe des Hauses lassen darauf schließen, dass schon der Kauf des Hauses mit Steiner abgesprochen worden sein muss. Ob Westphal das Haus allein bezahlt hat oder ob er es nur treuhänderisch für den Kreis der FM-Mitglieder im norddeutschen Raum in Händen hatte, wissen wir nicht. In beiden Fällen muss zu dieser Zeit ein Vertrauensverhältnis zwischen Rudolf Steiner und Otto Westphal bestanden haben.

Dem Brief Bernhard Hubos ist nicht mit Sicherheit zu entnehmen, wie sich Rudolf Steiner zu dem Verhal-ten Westphals 1914 gestellt hat. Hubo hat nach Absprache mit Marie von Sivers an die FM-Mitglieder im norddeutschen Raum die Frage gestellt, wie man mit der Unbotmäßigkeit Westphals umgehen solle. Das setzt voraus, dass Marie von Sivers ebenfalls eine solche vorliegen sah. Wenn Marie von Sivers davon überzeugt war, dann können wir in Anbetracht ihrer Korrektheit davon ausgehen, dass mit größter Wahr-scheinlichkeit tatsächlich eine Kompetenzüberschreitung vorlag. Wie gesagt, den Entwürfen zu einer Antwort ist nichts zu entnehmen. Es ist kaum denkbar, dass Rudolf Steiner gar nicht reagiert hat. Er könnte sich aber auch im FM-Zusammenhang mündlich geäußert haben.  

Rudolf Steiner ist nämlich im Herbst 1914 noch einmal nach Hamburg gekommen. Am Montag, dem 26. Oktober 1914 schrieb Marie von Sivers: „Dr. will am Sonnabend den Logenabend [d. h. Zweigabend] in Berlin halten, da er Montag und Dienstag in Hamburg sein wird. …“[1]


[1] Marie von Sivers an Johanna Mücke. Dornach 26.10.1914. In: Hella Wiesberger. Marie Steiner-von Sivers. Ein Leben für die Anthroposophie. Eine biographische Dokumentation von Hella Wiesberger. Dornach 1988. S.400.

Bekannt ist, dass er am Montag, dem 2. November einen Vortrag im Pythagoras-Zweig gehalten hat. Der Titel ist nicht bekannt, doch sprach er darin über die damals gegenwärtigen Ereignisse, das Wirken Michaels, die Mission der europäischen Völker und den Krieg als eine Zeit der Prüfung.[1] Am Dienstag, dem 3.November, sprach er abends 8 Uhr „zugunsten des Roten Kreuzes“ im Großen Saal des Conventgartens. Er hatte zum Thema ‚Das Barbarenvolk Schillers und Fichtes‘. Rudolf Steiner wandte sich damit gegen die Lügenmaschinerie, die von den Kriegsgegnern Deutschlands, besonders von England, hemmungslos als Kampfmittel eingesetzt wurde. Der Vortrag wird heute unter einem friedlicheren Titel verkauft.


[1] Schmidt, 1950.

Anzeige in der ‚Neuen Hamburger Zeitung‘ vom 2.11.1914

Zwischen dem Samstagabend und dem Dienstagabend lagen nun der ganze Sonntag und zwei freie Vormittage  und Nachmittage. Es wäre also genug Zeit da gewesen, um die Mitglieder der F.M. zum Beispiel am Sonntag  nachmittags oder abends zusammen zu rufen, die Arbeit in Hamburg wie an anderen Orten zu schließen und die Entscheidung des Sanctuariums in der ‚Angelegenheit Westphal‘ zu verkünden. Im zweiten Fall hätte man  mit einer wie auch immer gearteten Beförderung oder Vermahnung Otto Westphals zu rechnen.

Tatsächlich ist – vor nunmehr mindestens 25 Jahren  - der Text einer Ansprache aufgetaucht, die Rudolf Steiner angeblich am 3.11.1914 in Hamburg vor Mitgliedern der F.M. gehalten haben soll. Sie soll nach der mir vorliegenden etwa 25 Jahre alten Abschrift „anlässlich der General-Großmeister=Einsetzung Dr. Otto Palmer, Großmeister Einsetzung und Weihe Otto Westphal gehalten worden sein. Dieser Text könnte als ein zentraler Beleg angesehen werden, wiese er nicht Eigentümlichkeiten auf, die seine Echtheit als zweifelhaft erscheinen lassen. Zum einen enthält der Text Worte und Formulierungen, die ein feineres Stilempfinden sofort als nicht von Rudolf Steiner stammend erkennen wird. So ist zum Beispiel das Wort ‚Facetten‘ in der Phrase ‚Facetten der luziferischen Gestalt‘ ganz unpassend. Auch, dass die „Nationalismen ihre Blüten besonders im 19.Jahrhundert trieben“, klingt meinem Ohre fremd.  Dass Rudolf Steiner die Worte „die profane Welt“ gebraucht und es dann abschwächt durch „wie man sich freimaurerisch auszudrücken beliebt“, kann ich nicht glauben. Wenn dann schließlich eine solche Formulierung wie „in Hamburg, am Ausgangstor zur Welt“ gebraucht wird, klingt das in meinem Ohr wie eine Phrase. Schon diese wenigen Beispiele zeigen, dass der Text – wenn es denn einen solchen gab -  zumindest durch den Herausgeber stark stilistisch verändert worden ist, vielleicht durchaus guten Willens. Es gibt ja viele Vortragsnachschriften, die nur aus drei Seiten bestehen. Selbst wenn es einen Vortrag vor den norddeutschen Teilnehmern des Misraim-Dienstes am 3.11.1914 gegeben haben sollte, kann dieser Text jedenfalls nicht als dessen authentische Wiedergabe gelten. Hinzu kommt, dass der Wortlaut der eventuellen Ansprache Rudolf Steiners mit keinem Wort die angeblichen Weihen von Otto Palmer und Otto Westphal erwähnt. Von ihnen ist nur in der doch jedenfalls nachträglich darüber gesetzten Überschrift die Rede.

Merkwürdig ist auch, dass Otto Westphal nach dem Ersten Weltkrieg ganz anders in Erscheinung getreten ist, als man es erwarten würde, wenn er eine solche besondere Aufgabe von Rudolf Steiner übertragen bekommen hätte. Er hat sich vom Christian Rosenkreutz-Zweig ferngehalten, blieb aber bis zu dessen Auflösung 1924 Mitglied desselben. Wie Bernhard Hubo berichtet und mehrere Ausgaben der kleinen Zeitschrift „Der Keim“ dokumentieren, lebte er in der Jugendbewegung mit und arbeitete eng mit Bernhard Behrens zusammen.

Anzeige in ‚Der Keim. Mitteilungsblatt der Anthroposophischen Jugendgemeinschaft Hamburg. Januar 1924.

Er schloss sich auch nicht der Abspaltung vom Christian Rosenkreutz-Zweig unter Hans Pohlmann und Karl Stavenhagen an, die zunächst namenlos arbeitete, dann aber den Namen Christian Rosenkreutz- Zweig okkupierte, obwohl diese Abspaltung das erklärte Ziel hatte, freimaurerisch und anthroposophisch zu wirken. Von etwa 1922 an erscheint Otto Westphal im Briefwechsel zwischen Werbeck und dem deutschen bzw. dem Dornacher Vorstand immer wieder als ein Mann, der Rechte für sich in Anspruch nimmt, die ihm nicht zustehen. Für Werbeck ist er so etwas wie eine lästige Person, ein Querulant. Nach der Auflösung des ersten Christian Rosenkreutz-Zweiges im Mai 1924 scheint er sofort an der Gründung des Aristoteles-Zweiges (Hamburg IV) mitgewirkt zu haben.[1] Kurz, Otto Westphal macht nach Lage der Dokumente den Eindruck eines Mannes, der seinen Weg verloren hat, der nicht weiß, welchen Weg er gehen soll. Er schlägt verschiedene Wege ein und verlässt sie bald wieder.    


[1] Louis Werbeck an Günter Wachsmuth. 27.6.1924. Archiv am Goetheanum. A02.001.004.

All diese Beobachtungen lassen es als höchst unwahrscheinlich erscheinen, dass Otto Westphal nach 1914 irgendeine herausragende Rolle innerhalb des Misraim-Dienstes innegehabt hat. Da eine solche Vermutung auch im völligen Gegensatze zu Rudolf Steiners, Marie Steiners, Assia Turgenieffs, Emil Leinhas und Johannes Geyers Versicherungen steht, läge hier ohne Zweifel die Beweislast bei denen, die so etwas behaupten. Nach meiner Kenntnis der Unterlagen lässt sich eine derartige Vermutung nicht beweisen. Ich gehe daher im Weiteren davon aus, dass die freimaurerische Arbeit Rudolf Steiners seit August 1914 in Hamburg geruht hat.

Was heißt das für die Situation von 1914? Man kann den Eindruck haben: da ist etwas gescheitert. Da trugen Menschen den Impuls in sich, ein Haus mit mehreren Räumen einzurichten, in denen der Dienst für die Götter und Menschen hätte durchgeführt werden können, und in denen der vollständige Initiationsweg des Misraim-Ritus hätte durchgeführt werden können, wie Rudolf Steiner ihn in seiner Esoterischen Schule angelegt hatte. Dies Haus wurde 1914 wenige Tage vor dem Ausbruch des Großen Krieges fertig und konnte dann nicht mehr benutzt werden. Darin liegt zweifellos eine ungeheure Tragik!

Ich weiß nicht, wie viele solche Stätten es in Deutschland gegeben hat, viele sicher nicht. Ich weiß nicht einmal, ob ein vollständiges Ensemble in Stuttgart oder Berlin vorhanden war. Wir wissen heute von einem derartigen Saal im Untergeschoss des derzeitigen Zweighauses in der Landhausstraße, von dem die Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft damals nichts wussten. Ob es im selben Haus weitere Räume für diese Zwecke gab, weiß ich nicht. Ob es an anderen Orten so etwas gegeben hat, auch darüber ist mir nichts bekannt. Aber auch von dem Haus in Hamburg wissen wir nur durch die kurze Notiz von Mathilde Scholl und den Brief Hubos. Bis vor zehn  Jahren ist ist es überhaupt niemandem aufgefallen, dass es ein solches Haus gegeben hat, ausgenommen vielleicht einigen ‚Dissidenten‘ in dem späteren Nachfolger des Christian Rosenkreuz-Zweiges. 

Es gehört wohl auch zu dem Schicksal dieser Einrichtungen, dass sie nur wahrgenommen werden, wenn man einen Begriff dafür hat.

 

Arkandisziplin

Zum besseren Verständnis des Dokumentenmangels und der auffälligen Stummheit der Memoirenliteratur bezüglich dieser Einrichtung in Hamburg, kann es hilfreich sein, sich über die von den Mitgliedern des Misraim-Dienstes geforderte Arkan-Disziplin klar zu werden.  Man wusste in der Theosophischen Gesellschaft, auch in der ersten Anthroposophischen Gesellschaft, die dann 1912/13 in Köln gegründet worden ist, ganz wenig von diesem esoterischen Weg, den Rudolf Steiner für seine Mitglieder gebahnt hatte.

Es gibt eine symptomatische Begebenheit, die das anschaulich zeigt. 1917, noch während des Krieges, wurde der Geiger Louis Werbeck Zweigleiter im Pythagoras-Zweig in Hamburg. Werbeck hat in der Revolutionszeit den Pythagoras-Zweig groß gemacht. Er hat an fünf Abenden in der Woche Einführungs-kurse gehalten. Er hat nach vier Wochen gemerkt, die Bürgerlichen wollen nichts hören und hat sich dann ganz auf die arbeitende Bevölkerung, auf die Proletarier eingestellt. Und nach einem halben Jahr waren aus 150 Mitgliedern 300 geworden. Das ist ein interessantes Phänomen. Werbeck hat eigentlich in der Revolu-tionszeit den Grundstock für die spätere Grösse des ersten Hamburger Zweiges gelegt. Und er hat in dieser Zeit auch den Bauverein Hamburger Anthroposophen gegründet und ein Haus für den Pythagoras-Zweig gekauft. Ich muss dabei immer an die Geschichte mit dem Apfelbaum denken. Auch wenn heute der letzte Tag ist, wir wollen ein Apfelbäumchen pflanzen. So hat Werbeck gehandelt: Egal wie die Situation äußer-lich zu sein scheint, wir bauen, wir schaffen etwas Fruchtbares. Wir werden sehen, was daraus wird. Es gibt aus der Revolutionszeit bewegende Szenen, die überliefert sind, wie gerade die Arbeiter Werbeck verehrt und geliebt haben.

Nun veröffentlichte  im September 1921 die ‚Vossische Zeitung‘ – damals eine der großen deutschen Tageszeitungen - einen Artikel, in dem erstmals öffentlich über Rudolf Steiners Freimaurerei berichtet wurde; es war eine groteske Darstellung, schief und falsch. Das war natürlich für die Anthroposophen eine unangenehme Situation. Da fragte ein Herr Stammer, Prokurist bei der Bank Warburg, der schon seit längerem in Werbecks Einführungskurs war, ihn, was an dem Artikel wahr sei. Und Werbeck merkte, dass der Herr Stammer es nicht weiter schlimm fand, dass Rudolf Steiner Freimaurerei betrieb, er wollte bloß wissen, was für eine. Werbeck hatte aber keine Ahnung! Er fiel selbst aus allen Wolken.

Daraufhin fragte Werbeck seinen Freund Emil Leinhas, den Mann, der in Stuttgart die Dreigliederungs-bewegung geleitet hatte. Werbeck kannte Leinhas seit 20 Jahren aus Hamburg. Leinhas war Anfang des Jahrhunderts Werbecks Geigenschüler gewesen, hatte Hamburg verlassen und war nach vier oder fünf Jahren als Manager der Palmin-Werke zurückgekehrt. Leinhas hat die Auseinandersetzungen im Pythagoras Zweig miterlebt und wir verdanken ihm einige interessante Schilderungen. Leinhas hatte Werbeck auf die Anthroposophie aufmerksam gemacht. Zu guter Letzt waren ihre Ehefrauen auch noch Schwestern. Kurz, Leinhas war Werbecks bester Freund und Leinhas sah Rudolf Steiner jede Woche, zeitweilig jeden Tag.

Niemand hätte Werbeck genauer Auskunft geben können, denn Leinhas gehörte zu dem Zwölferkreis, dem abschließenden Verantwortungsgremium der Esoterik Rudolf Steiners.[1] Leinhas wusste also über alles genau Bescheid. Aber die beiden Intimfreunde hatten, wie es scheint, nie auch nur ein Wort darüber gesprochen. Zwanzig Jahre kannten sie sich – kein Wort! Jetzt schrieb Werbeck ihm:


[1] Michael Toepell in B.v.Plato (Hrsg.). Anthroposophie im 20.Jhdt. Dornach 2003. S.438.

Lieber Lachmann! Ich habe die Vossische vom 15.9.21 gelesen und bin zum ersten Male geschlagen. Es ist der schlimmste Schlag, der uns bis jetzt versetzt wurde. Der höllische Artikel wurde mir durch einen Hörer im Einführungs-Kursus übermittelt (ich glaube Stammer von Warburg). Selbstverständlich wird er zirkulieren, und auch unter den 200 neuen Mitgliedern, die nicht einmal die E.S. ahnen, Verwirrung her-vorrufen. Was soll dann man auf Interpellationen antworten? Der Übergeber des Artikels wünschte mich zu sprechen! Ein Ausweichen ist unmöglich! Herzlichst, Lulu.“[1] Werbeck hatte von der E.S. gehört, hatte aber keine Ahnung, dass es noch mehr gab.

Was machte Leinhas? Er antwortete ihm am 29.9. ausweichend: „Der Artikel in der Vossischen Zeitung von Dr. Gösch ist natürlich hundsgemein, aber ich glaube er ist nicht sehr wirkungsvoll. Eine eigentliche Berichtigung kann in diesem Fall wohl nicht in Betracht kommen, zumal es sich um Tatsachen handelt, die eine persönliche Angelegenheit der Beteiligten darstellen und die Öffentlichkeit gar nichts angehen. … Herrn Stammer gegenüber würde ich Dir empfehlen, Dich auf den Standpunkt zu stellen: Die einzige Tatsache in dem Artikel, die der Öffentlichkeit nachprüfbar ist, ist die Mitteilung, die gemacht wird über die Mitgliedsverhältnisse der Anthroposophischen Gesellschaft. Dass diese Mitteilung verlogen ist, weiss jeder, der der Anthroposophischen Gesellschaft seit einiger Zeit angehört. Was über geheime Veranstaltungen in dem Artikel steht, sei dir im einzelnen nicht nachprüfbar, Du nähmest aber an, dass die Angaben hierüber sich wahrscheinlich auf demselben Niveau bewegen, wie diejenigen über die Mitgliedsverhältnisse der Gesellschaft. …“[2]

Auf die Entstellungen des Artikels geht Leinhas mit keinem Wort ein, geschweige denn auf die in der FM tatsächlich gepflegten Dinge. Dabei blieb es auch. Werbeck antwortete enttäuscht: „Über die leichte Art, mit der Du den Artikel in der Vossischen abtust, bin ich platt wie eine Scholle. In den Gemütern der Beteiligten hierorts hatte er wie eine Bombe eingeschlagen und eine starke Depression hervorgerufen. Wird der Artikel allgemein bekannt, woran ich nicht zweifle, so wird man von mir ‚Aufklärung‘ verlangen. Ich bin natürlich nicht in der Lage auch nur ein Sterbenswort zu äußern. Mein Vertrauen ist selbstverständlich nicht im geringsten erschüttert; ist aber das Wesentliche von dem, was Gösch schildert

wahr, so ergeben sich für mein Denken Widersprüche fundamentaler Art, die zu lösen ich nicht im Stande bin. Ich erwartete jeden Augenblick eine vertrauliche Mitteilung von Euch, die mich in den Stand gesetzt hätte, Wirksames zu tun. …“ [3]


[1] Louis Werbeck an Emil Leinhas. 25.9.1921. Werbeck spricht in seinen Briefen Leinhas immer mit „Lachmann“ an, dem Spitznamen oder Kosenamen Leinhas unter den Freunden, und er unterzeichnet „Lulu“, wie er im Freundeskreis genannt wurde. Brief im Archiv am Goetheanum. Briefwechsel Werbeck –Leinhas. Nr.75.

[2] Emil Leinhas an Louis Werbeck. 29.9.1921. Archiv am Goetheanum. Briefwechsel Werbeck – Leinhas. Nr.72.

[3] Louis Werbeck an Emil Leinhas. 1.10.1921. Archiv am Goetheanum. Briefwechsel Werbeck – Leinhas. Nr.67-68.

Louis Werbeck, Zweigleiter des Pythagoras-Zweiges (Hamburg I) seit 1918.

Am 4.Oktober antwortete Leinhas ihm erneut: „Ich bin nach wie vor der Ansicht, dass man sich nicht sehr auf eine Diskussion über diesen Gegenstand mit Aussenstehenden einlassen darf, denn es handelt sich dabei um Dinge, über die die Beteiligten einfach nicht sprechen dürfen. Dieses braucht natürlich nicht jedem gegenüber ausgesprochen zu werden, aber von denjenigen, die eine Ahnung von dem Wesen einer geistigen Bewegung haben, sollte es schon verstanden werden.“[1]

Leinhas sagte ihm zur Sache kein Wort. Nach einigen Wochen teilte er ihm einen Satz aus der Feder Rudolf Steiners mit: „Der Artikel Gösch ist eine verdrehte Darstellung von Angelegenheiten, von denen der Schreiber des Artikels nichts wissen konnte.“[2] Auch dieser Satz sagt über das ehemals Geschehene nichts aus: er bestreitet nicht, er bestätigt nicht.

Das nennt man Arkandisziplin. Das heißt: man spricht über die Geheimnisse nicht. Und zwar kein Wort. Rudolf Steiner sagt einmal, es gibt Dinge, die sofort falsch werden, wenn man über sie spricht. Als Beispiel nennt er den Satz: „Ich schweige!“.

Nicht wahr, noch einmal zusammengefasst: die beiden, Leinhas und Werbeck, waren seit 20 Jahren befreundet, sie haben in der Dreigliederungszeit jede Woche zwei Briefe gewechselt, Werbeck hat ihm regelmäßig berichtet und Weisungen bekommen, u.s.w. Denn Werbeck hat in Norddeutschland dasselbe gemacht, was Rudolf Steiner in Süddeutschland gemacht hat: er hat in allen großen Orten geredet, in Bremen, Hamburg, Lübeck, Kiel, Hannover, Osnabrück. Jedes Wochenende war Werbeck unterwegs. Sie waren eng in der Zusammenarbeit und ihre Frauen waren Geschwister. Sie kannten sich so gut wie man sich nur kennen kann: privat, beruflich, in jeder Hinsicht. Dennoch hat Leinhas ihm kein Wort dazu gesagt.

Und Werbeck war der Leiter eines der größten deutschen Zweige und wusste auch aus anderen Quellen nichts von Rudolf Steiners FM. Er lebte zudem in einer Stadt, in der ein Haus mit Tempelräumen für den Okkultismus anthropo-sophischer Prägung stand. Ist das nicht ein erstaunliches Faktum? Arkandisziplin hat bis 1914 gewaltet und die darin Einbezogenen haben sie auch nach Einstellung der Arbeit weiterhin eingehalten.  


[1] Emil Leinhas an Louis Werbeck. 4.10.1921. Archiv am Goetheanum. Briefwechsel Werbeck – Leinhas. Nr.64.

[2] Emil Leinhas an Louis Werbeck. 10.10.1921. Archiv am Goetheanum. Briefwechsel Werbeck – Leinhas. Nr.59.

Es gibt ein weiteres, mindestens ebenso erstaunliches Zeugnis. Albert Steffen ist es nämlich ähnlich ergangen wie Louis Werbeck. Am ersten Jahrestag des Todes Rudolf Steiners, also am 30.März 1926, hat Marie Steiner die Schreinerei oder zumindest deren Bühne für eine Totenfeier schwarz verhüllen und im Osten die drei Altäre aufstellen lassen und hat an ihnen zelebriert. Auf den Altären der Weisheit, Schönheit und Kraft lagen die Werkzeuge, die Rudolf Steiner selbst während des Lebens benutzt hatte: sein Zirkel, seine Meßlatte, seine Kelle, sein Hammer, sein Schlegel. „Sie übte das Meisterrecht aus“, notiert Steffen.[1] Und Steffen fiel wie Werbeck völlig aus den Wolken: wie dieser wußte er überhaupt nicht, was sich da vor seinen Augen abspielte. Im Laufe des Jahres 1926 hat ihn Adolf Arenson dann über einiges ins Bild gesetzt. Auf Arensons Vermutung, Marie Steiner werde ihm doch nun wohl Genaues berichten, antwortete Steffen, sie sei sehr schweigsam!


[1] Albert Steffen. Tagebuch Ende März 1926. Zitiert nach: Johannes Kiersch. Zur Entwicklung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Die Erste Klasse. Dornach 2005. S.86.

Man braucht sich nur einen Augenblick in Steffens damalige Lage hineinzuversetzen, um zu empfinden wie schwierig seine Situation war. Er sollte als erster Vorsitzender der Anthroposophischen Gesellschaft diese vor der Menschheit und vor der geistigen Welt vertreten, musste aber nun den Eindruck gewinnen, dass er gar nicht wisse, was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht! Er mußte den Eindruck haben, dass ihm führende Mitglieder der Gesellschaft, seine Vorstandskollegen, etwas vorenthielten. Dadurch wurde natürlich das unbedingte Vertrauensverhältnis, das den Kreis der nach Rudolf Steiners Tod zurück gebliebenen Vorstandsmitglieder hätte auszeichnen sollen, stark gefährdet. Man muß darin wohl auch einen der Gründe für das spätere Auseinanderbrechen des Vorstandes in Dornach sehen. 

Es gab in Hamburg ein Haus mit mindestens einem freimaurerischen Kultraum anthroposophischer Prägung. Von diesem Haus und seiner Bestimmung  wussten alle FM-Mitglieder in Norddeutschland. Auf der andern Seite aber beachteten sie Stillschweigen darüber. Nur die, die dabei waren, wussten, worum es ging. So ist es kein Wunder, dass das Wissen um diesen Raum zeitweilig verloren ging.

Warum schwiegen die Teilnehmer alle so? Ich möchte daran erinnern, dass diejenigen, die in die erste Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft aufgenommen worden sind, einmal das Versprechen abgegeben haben, mit niemandem, der nicht dazu gehört, über die Inhalte der Schule oder die Mantren zu sprechen. In dieser Hinsicht galt das also auch noch nach der Weihnachtstagung. Meines Erachtens zielte der Angriff in der Vossischen Zeitung nicht darauf, die Öffentlichkeit irgendwie abzustossen, sondern man wollte Rudolf Steiner zwingen, die Arkandisziplin zu brechen. Das ist nicht gelungen. Er hat nichts über die Sache gesagt, sondern er hat nach vier Wochen nur einen Satz gesagt: der Verfasser des Artikels spreche von Dingen, von denen er nichts wissen kann.  

Vielleicht merkt man an der Stelle, wie wichtig die Disziplin diesen Menschen war. Wer den Vorzug gehabt hat, in der Christengemeinschaft getraut worden zu sein, der verliert nie den Satz aus den Ohren: „Bist du willens aufzunehmen unter die Entschlüsse, mit denen Du in der Geistwelt wandelst, den der Gemeinsamkeit mit …“ Solche Entschlüsse, wie die, einzutreten in eine Esoterische Schule (E.S.) oder in eine F.M., oder in die ‚Freie Hochschule‘, das sind ebenso „Entschlüsse, mit denen Du in der Geistwelt wandelst“, sie sind unverbrüchlich. Ich denke so hoch muss man so etwas ansiedeln. Und Rudolf Steiner hat es 1921 noch immer für richtig gehalten, nichts über seine frühere Arbeit zu sagen, obwohl sie zumindest für die unteren Grade seit sieben Jahren abgeschlossen war.

Wenn man sich das klar macht, dass da einige hundert Mitglieder die Esoterische Schule und etwas weniger die Freimaurerei Rudolf Steiners mitgemacht haben, wird auch manches verständlicher, wenn man die Freie Hochschule anschaut. Es ist allgemein bekannt, dass Rudolf Steiner für die Mitglieder der ersten Klasse in Vortragsform Erlebnisse, die man hat, wenn man an die Schwelle der geistigen Welt herantritt und darüber hinausgeht, beschreibt und in Meditationen zusammenfasst. Diese Meditationen sind direkte Worte des Hüters der Schwelle, die auf dem Weg über Michael zu den Menschen gekommen sind. Und bezüglich dieser Worte ist eben die Situation auch so, dass man über so etwas eigentlich nicht sprechen kann, das geht nicht. Denn diese Worte sind eigentlich gar nicht für eine Diskussion gedacht, sondern sie sind Kleider, die man anzieht, wenn man in die geistige Welt will. Die sind zum anziehen und nicht zum reden darüber. Und alles Verwenden dieser Worte außerhalb eines solchen Zusammenhangs zerrt sie in eine Sphäre, in der sie nicht mehr lebendig sind. Und dann können sie die Wirkung nicht mehr entfalten. Deswegen: Schweigen.

Dass wir heute mit der Hochschule gerade auch in dieser Hinsicht in einer schwierigen Lage sind, auch das ist allgemein bekannt. Aber in der einen oder anderen Form wird das Schweigen immer ein Element der geistigen Schulung bleiben müssen.

Indische und rosenkreuzerische Theosophie

Zu dem, was sich seit 1910 vorbereitete, gehörte auch, dass in dieser Zeit die Theosophical Society, vertreten durch Annie Besant, damit begann, ihren rosenkreuzerischen Zweig nicht mehr in sich bergen zu wollen. An der Jahreswende 1912/13 wurde ein Teil der Theosophical Society ausgeschlossen, nämlich die ganze Deutsche Sektion. In den selben Tagen, an denen in Adyar über den Ausschluss beraten wurde, wurde die Anthroposophische Gesellschaft, noch bevor der Ausschluss formgerecht zustande gekommen war, in Köln zunächst als eine Art Auffanggesellschaft „für alle Fälle“ gegründet. Warum es nötig war, 2.000 Mitglieder auszuschließen, nur weil man der Überzeugung ist, dass einer von ihnen Irrtümer verbreitet, ist nicht recht einzusehen, selbst wenn es sich bei dem einen um den Generalsekretär handelt. Seit Mitte 1911 war die Frage gestellt, ob das, was angelsächsisch-indische Esoterik oder Okkultismus ist, mit dem mitteleuropäischen Rosenkreuzertum noch in einer theosophischen Weltgesellschaft zusammen leben kann.  

Helena Blavatsky, die 1875 die T.S. in New York gegründet hatte, war 1879 mit Henry Steel Olcott über London nach Indien gereist, um dort die Theosophische Gesellschaft aufzubauen. Olcott hatte 1884 in Elberfeld eine erste deutsche Filiale gegründet, Blavatsky hatte ihr durch einen wochenlangen Aufenthalt Leben eingehaucht. Bei der Gründung hatte ein sogenannter Meisterbrief den englischen Theosophen eine enge Zusammenarbeit mit den deutschen Theosophen ans Herz gelegt.

Francesca Arundale empfing den Brief in Elberfeld. Wer auch immer ihn geschrieben haben mag, er wurde als autoritativ aufgenommen. Später geriet er interessanterweise in Vergessenheit. Der Verfasser gab sich als einen der beiden indischen Meister zu erkennen. Er warnte die englischen Theosophen vor nationalen Aspirationen: „Wenn jedes Mitglied sich zum Motto die weisen Worte eines jungen Mannes nähme, aller-dings eines glühenden Theosophen, und wiederholte mit Bertram K.[eightley] ‚Ich bin zuerst ein Theosoph, dann ein Engländer!‘, könnte kein Feind jemals eure Gesellschaft zu Fall bringen.“ Über die Rolle der Deutschen bei der Entwicklung und Ausbreitung der Theosophie schrieb er: „Euer Zweig [die London Lodge] sollte Beziehungen zu allen anderen in Europa pflegen: die Loge Germania kann Euch helfen – die anderen brauchen Eure Hilfe. Dies ist eine Bewegung für ganz Europa, denke daran – nicht nur allein für London.“[1] Aufgrund der vermeintlich skandalösen Geschehnisse in Indien wurde diese erste Theosophische Gesellschaft Germania 1885 allerdings wieder geschlossen.


[1] K.H. an Francesca Arundale. August 1884. Abschrift. SUB Göttingen. Cod.MS. W. Hübbe Schleiden. 812: 1,1  Beilage. Beinahe wörtlich abgedruckt in Francesca Arundale. My Guest – H.P.Blavatsky. Adyar 1932. S.48:  “Your branch should keep in correspond-dence with all the others in Europe: the Germania [Lodge] can help you – the others need your help. This is a movement for all Europe – not for London only, remember …”

Bertram Keightley, der in dem Brief als Vorbild genannte junge Mann, war 1884 neben Olcott und Blavatsky dabei. Er wusste von dem Brief und hat dessen Anregungen als ein Lebensmotiv aufgegriffen. Er hörte niemals auf, von London aus das deutsche Geistesleben zu beobachten, um die Hilfen von dort wahrzunehmen. Viele Artikel in den theosophischen Zeitschriften zeugen davon.

Bertram Keightley (-), ca. 1900.

Tatsächlich war er es, der 1901 als erster in der theosophischen Welt-gesellschaft außerhalb Deutschlands Rudolf  Steiners besondere Geistesart bemerkte. Er nannte ihn einen „mystic oft the intellect“.

x

Henry Steel Olcott hatte 1884 große Hoffnungen auf die Zusammenarbeit der englischen und deutschen Theosophen gesetzt. Er erwartete selbst 1902 noch für die Zukunft einen großen Aufschwung der Theosophie von der deutschen Wissenschaftlichkeit und Gründlichkeit. Auf der Jahresversammlung der Theosophical Society in Adyar erwähnte er die Gründung der deutschen Sektion 1902 mit folgenden Worten: „In Deutschland haben wir eine Charter für eine Sektion ausgestellt, mit Dr. Rudolf Steiner als Generalsekretär, einem Manne von großen wissenschaftlichen und literarischen Fähigkeiten. Was es für die Welt bedeuten würde, wenn das Samengut in den dicht bevölkerten Zentren ausgebracht werden könnte und auf dem Boden der gebildeten Klasse Deutschlands Wurzeln fassen würde, ist leicht vorauszusehen. Ich habe große Hoffnung, dass das der Fall sein wird. Und ich bete darum, dass ich es noch erlebe, dass Deutschland den Wagen darin anführen wird, wie es das in so vielen früheren religiösen, wissenschaftlichen und sozialen Bewegungen zum Besten der Menschheit getan hat.“[1]


[1] Zitiert nach Chrispian Villeneuve. Rudolf Steiner in Britain. A documentation of his ten visits. Vol. I. 1902-21. Temple Lodge 2004. S.45.

O meine lieben Freunde, ich erinnere mich wohl – und es könnte manchen unangenehm sein, wie deutlich solche Dinge vor meiner Seele stehen -, wie Mrs. Besant ihre allererste Versammlung innerhalb Deutsch-lands in Hamburg hielt, und wie ich sie innerhalb eines kleinen Kreises damals interpellierte, wie sie über die Entwickelung des Okkultismus im 19. Jahrhundert denke, und wie sie damals in Hamburg die Antwort gab: an der Wende des 18. zum 19. Jahrhundert hat sich in Deutschland so etwas geltend gemacht wie ein okkultes Streben, aber die Deutschen sind stecken geblieben in reinen Abstraktionen, und es hat sich gezeigt, dass die große – wie sie sich ausdrückte, sie drückte sich ja immer groß aus -, dass die große Welle des spirituellen Lebens dem britischen Volk zuerteilt war. – Selbstverständlich sagte sie das englisch; aber es war im Englischen noch größer!“[1] Wir haben über diesen mitteleuropäischen Okkultismus um 1800 im Oktober und Dezember 2010 zwei Tagungen durchgeführt.[2] Annie Besant wusste von diesem geistigen Impuls. Sie bestätigte Rudolf Steiners Worte, interpretierte aber das scheinbare Scheitern als ein Übergehen der damals versuchten Aufgabe an ein anderes Volk. 

Und dann erzählt Rudolf Steiner in München erneut davon:Ich möchte Sie auf eine Tatsache aufmerksam machen. Ich habe sie nicht vergessen, kann sie auch nicht vergessen. Als Mrs. Besant ihre erste Reise zu uns nach Mitteleuropa machte, da wurde zuerst in Hamburg mit ihr eine Versammlung veranstaltet, wo sie einen Vortrag hielt. Ich stellte damals eine bestimmte Frage an Mrs. Besant: Wenn wir jetzt beginnen wollen mit einer mitteleuropäisch-okkulten Bewegung, wie verhält es sich damit, dass am Ausgangspunkte des 19. Jahrhunderts, an der Wende des 18. zum 19. Jahrhundert, bedeutungsvolle Keime eines besonderen Geisteslebens gerade in Mitteleuropa zu bemerken sind? – Da antwortete Mrs. Besant – selbstverständlich wurde wenig verstanden von dem Zusammenhang, der der Sache zugrunde liegt“ – Rudolf Steiner meint bei den Zuhörern, nicht bei Mrs. Besant – „Damals ist eben innerhalb des deutschen Lebens in abstrakter, begrifflicher Form etwas von Geisteserkennen hervorgetreten; aber weil das eben die Menschheit nicht brauchen konnte, musste es in einer reineren, höheren, in einer wahren Form innerhalb des englischen Geisteslebens später erst richtig entfaltet werden. – Es mag für manche Leute unangenehm sein, dass gerade solche charakteristische Äußerungen von mir nicht vergessen werden. Sie werden schon nicht vergessen werden.“[3]

Und schließlich erzählt er den Berliner Freunden davon:Als Mrs. Besant zuerst in Deutschland erschien, um in Hamburg einen Vortrag zu halten, da sprach sie auch in einem kleineren Kreise. Es war der Anfang desjenigen, was von jener Seite hat geschehen sollen. Ich stellte dazumal an Mrs. Besant – und dass ich solche Dinge wohl im Gedächtnis behalte, das wird vielleicht zuweilen Leuten recht unangenehm sein – die Frage: Wie ist es denn nun mit jenem mächtigen deutschen Okkultismus, der sich besonders um die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts so intensiv mit der deutschen Kultur verbindet? – Da antwortete mir Mrs. Besant – wie gesagt, es war bei ihrem allerersten Besuch, an dem ersten Orte in Deutschland -: Ach, was da in Deutschland hervorgetreten ist, das ist ein misslungener Versuch im Okkultismus, das ist in anderen Formen hervorgetreten. Und weil das misslungen ist, musste das in England in die Hand genommen werden, und von England aus nun Europa der Okkultismus gebracht werden. – Sie sehen, wie so in diese Dinge auf Schleichwegen Politik doch wohl hineinspielt, und wie man solche Dinge doch berücksichtigen muss.[4]


[1] Rudolf Steiner. Vortrag Stuttgart 12.3.1916. In: Rudolf Steiner. Die geistigen Hintergründe des Ersten Weltkriegs, G.A.174b, Dornach 1974, S.152.

[2] 14.-17.10.2010: „Impulse der Michaelschule um 1800“, 9.-12.12.2010: „Kosmos Runge: der Künstler und die Nachtseite der Dinge“. Siehe Bericht von Joachim Heppner: „Wirken Michaels“. Das Goetheanum. Nachrichten für Mitglieder. Nr.47/2010.

[3] Rudolf Steiner. Vortrag. München 18.3.1916. GA.174a. Mitteleuropa zwischen Ost und West. S.110-111

[4] Rudolf Steiner. Streiflichter auf die tieferen Impulse der Geschichte. Berlin. 28.3.1916. GA.167. S.79-80.

Annie Besant, die Nachfolgerin Blavatskys, war ohne Zweifel eine bedeutende Persönlichkeit; sie leitete die europäische Sektion der Theosophischen Weltgesellschaft, die Niederlassungen in den Vereinigten Staaten, Kanada, in England, Frankreich, Italien, Griechenland, Ägypten, Russland, Indien, Australien und anderswo hatte, seit dem Tode Helena Blavatskys. Sie war allerdings der Meinung, dass die Aufgabe der Überwindung des Materialismus allein dem englischen Volk zugefallen wäre.    

Das zeigte sich schon bei einem Besuch in Hamburg 1904. Nachdem sie 1902 bei der Gründung der Sektion in Berlin mitgewirkt hatte, kam sie 1904, um ihre Esoteric School in Deutschland einzuführen. Bei dieser Gelegenheit hat sie eine Reihe von Vorträgen in Deutschland gehalten. Bei der Rundreise begleitete Rudolf Steiner sie als vorgesehener Archwarden der Esoteric School. Ihre erste esoterische Stunde, die sie im deutsch-sprachigen Raum gehalten hat, hielt Annie Besant in Hamburg. Rudolf Steiner berichtete mehrfach über ein symptomatisches Gespräch nach dieser ersten esoterischen Stunde Besants in Deutschland.

Vor ihrer Ankunft gab es alle möglichen Animositäten. Man wusste nicht so genau, wie alles werden würde. Wer sollte sie empfangen, wer sollte sie übersetzen, und so weiter. Es waren wohl auch eine Menge Eitelkeiten damit verbunden. Am 14. September 1904 kam Annie Besant mit einem Dampfer in Hamburg an. Im engeren Kreise sprach sie über die Art wie ein theosophischer Zweig wirkt, wie er seine geistige Kraft dem Kulturleben der Gegenwart mitteilt. Man hatte sich gestritten, wer ihre Rede übersetzen solle. Keiner gönnte es dem andern, so musste es Rudolf Steiner selbst machen, obwohl er Marie von Sivers für geeigneter hielt. Annie Besant hielt im Patriotischen Haus einen öffentlichen Vortrag in englischer Sprache und der wurde anschließend von Rudolf Steiner übersetzt. Später am Abend, spielte sich dann folgendes Gespräch ab:

In dem Ausschluss an der Jahreswende 1912-13 offenbarte sich aber dasselbe, was 1 ½  Jahre später dann – in der geistigen und politischen Welt natürlich lange vorbereitet – sich als Erster Weltkrieg zeigte. Denn es wurde 1912/13 der Rest der spirituellen Weltinteressen abgesondert von Mitteleuropa und richtete sich gegen es. So wie im August 1914 sich die Machtinteressen der anderen europäischen Großmächte gegen Deutschland gewendet haben. Man kann diese beobachtbare Parallele gewiss sehr verschieden deuten. Man kann z.B. sagen: Der ganze Weltkrieg war nur dazu da, um die Anthroposophie auszulöschen. Man kann auch sagen, wie durch eine kleine Ritze sieht man da 1904 schon in das spätere politische Weltgeschehen hinein: da deutet sich das an, was im Großen erst später geschieht. Aber dieses Bild eines solchen Zusammenhanges, das sollte man jedenfalls nicht übersehen. Rudolf Steiner deutet darauf hin, dass der Wille zur Marginalisierung oder gar Eliminierung des mitteleuropäischen Okkultismus schon 1904 da war.

In dieser Äußerung Annie Besants von 1904 sah Rudolf Steiner zwölf Jahre später ein Vorzeichen der späteren Schwierigkeiten mit Annie Besant. Da kündigte sich schon die künftige Ablehnung eines christlich-rosenkreuzerischen Okkultismus, wie ihn Rudolf Steiner in die Theosophische Gesellschaft hineintrug,  an. Es spielte dabei ein englischer, vor allem aber ein indischer Nationalismus eine Rolle. Deshalb hat Edouard Schuré den Ausschluss der deutschen Sektion als einen Versuch, die unabhängige Theosophie des Abendlandes in die Enge zu treiben bezeichnet und die Proklamation eines neuen Weltlehrers (Krishnamurti) als einen Versuch, die christliche Esoterik zu blenden.[1]


[1] Edouard Schuré an Charles Blech (Präsident der Theosophischen Gesellschaft in Frankreich). 1.3.1913. Zitiert nach: Eugène Lévy. Mrs. Annie Besant und die Krisis in der Theosophischen Gesellschaft. Berlin 1913.

Der erste Vortrag, den Rudolf Steiner 1902 in London von Annie Besant gehört hat, als er sich dort als designierter Generalsekretär vorstellte, hatte das Thema „Theosophie und Imperialismus“. An diesem Vortrag war zu beobachten, dass die Absichten, die Besants Worten zugrundelagen, sich ihrem eigenen Bewusstsein zum Teil entzogen. In ihr walteten Impulse, die nationalindische Ziele auf okkulten Wegen zu erreichen suchten. Steiner sagte später über diesen Vortrag: „…wenn Sie ganz verständig den Vortrag ‚Theosophie und Imperialismus’ lesen, der ja gedruckt ist, mit allen Untergründen lesen, dann werden Sie eben einsehen: wenn irgendjemand Indien von England losreißen wollte, in einem gewissen Sinne auf geistige Weise losreißen wollte, so kann man den ersten unvermerkten Schritt mit einer solchen Tendenz, wie sie in jenem Vortrage war, unternehmen.“[1] Sie sagt in diesem Vortrag: Der Westen hat über Indien mit politischer Gewalt sich erstreckt. Indien muss mit seinem Geistesleben den umgekehrten Weg gehen, den umgekehrten Vorgang vollziehen. Da sieht man den Zusammenhang ganz deutlich, schon im Sommer 1902.

Es ist immer interessant, was geschieht, wenn zwei Menschen sich das erste mal begegnen. Oft spiegelt sich in dieser ersten Begegnung schon vieles wieder, was nachher erst geschieht. Und hier scheint es so, als ob in dieser ersten Begegnung Rudolf Steiner sofort deutlich geworden ist, was von dem Wesen Annie Besants künftig einmal würde ausgehen können.


[1] Rudolf Steiner. 14.6.1923. Die Geschichte und die Bedingungen der anthroposophischen Bewegung im Verhältnis zur Anthroposophischen Gesellschaft. Dornach 1931. S.141-142.

Der Ausschluß der Rosenkreuzer und die Bildung der Anthroposophischen Gesellschaft

Es wird immer deutlicher, dass die Zeit 1910-12 nicht nur politisch ein Knotenpunkt gewesen ist, sondern auch im Geistesleben. Und es ging in dieser Zeit darum, auf der andern Seite, dass Rudolf Steiner immer deutlicher, seine Ansicht, seine Anschauung von dem Wesen des Christus herausgearbeitet hat. Die war den Theosophen damals ganz deutlich, Sie haben ihn verstanden.

Der Ausschluss „der Rosenkreuzer“ wurde systematisch von Wilhelm Hübbe Schleiden und Annie Besant betrieben. Wilhelm Hübbe Schleiden galt eigentlich als Mitgründer der Sektion in Deutschland. Er war 1902 für die Theosophen eine ganz zentrale Gestalt. Als Mensch war er  eine vornehme, vielseitig gebildete Persönlichkeit. Aber er ist immer sehr schwankend gewesen in seiner Urteilsbildung. Er war seit 1884 lange Zeit ein Schüler des in Kempten lebenden christlichen Eingeweihten Alois Mailänder, der ihm Ich-bin Meditationen gegeben hat, anknüpfend an das Johannesevangelium.[1] Aber 1899 hat Mailänder ihm gesagt, er sei zu faul. 14 Jahre hatte Mailänder mit ihm gearbeitet und Hübbe Schleiden hatte nicht geübt! Diese Eigenart, dass sein Wille nicht ganz herunterkam und die Leibeshüllen ergriff und tätig wurde, die hat Hübbe Schleiden lebenslang Schwierigkeiten bereitet. Er galt wie gesagt als Mitgründer der Deutschen Sektion im September 1902, schrieb aber  noch im Februar: „Man will allgemein eine deutsche Sektion gründen und will das durchaus nicht ohne mich, ich halte diese Gründung aber für verkehrt und schädlich.“[2] Fünf Monate später war dann alles mit seiner Hilfe in die Wege geleitet und im September wurde die Sektion begründet. Drei Monate nach der Gründung schrieb er: „Dr. Steiners Monatsschrift“ – gemeint ist Luzifer-Gnosis – „wird wohl nicht zu Stande kommen. Mit der Sektionsgründung war ich auch nicht einverstanden. …“[3] Er gründet mit und schreibt vorher und nachher: ich bin nicht einverstanden. Er ist von Anfang an eigentlich nicht richtig dabei.


[1] Zu Alois Mailänder vgl. Emil Bock. Rudolf Steiner. Studien zu seinem Lebensgang und Lebenswerk. Stuttgart 1961.

[2] Wilhelm Hübbe Schleiden an Clemens Driessen. Februar 1902. SUB Göttingen. MS.W.Hübbe Schleiden. Codex 76:3, Nr.304.

[3] Wilhelm Hübbe Schleiden an Clemens Driessen. 3.1.1903. SUB Göttingen. MS.W.Hübbe Schleiden. Codex 76:3, Nr.310.

Hübbe Schleiden hat sich dann an vielem beteiligt, später sogar bis ins Esoterische hinein. Zunächst nahm Rudolf Steiner ihn nicht in seine E.S. auf, weil Hübbe Schleiden eine eigene Schule hatte, aber später ist es dann doch dazu gekommen. Irgendwann gegen 1910-11 ist Hübbe Schleiden zu dem Urteil gekommen: Steiners Rosenkreuzertum ist eine christliche Sekte innerhalb der Theosophischen Gesellschaft, die ich nicht dulden will. Das war anderthalb Jahre vor der Ausgliederung der deutschen Theosophen aus der Theosophischen Weltgesellschaft. Seit 18 Monaten, so schrieb er am 14.1.1913 an Isabel Cooper-Oakley in Budapest, eine englische Theosophin, die einige interessante Bücher verfasst hat, arbeite er schon daran, Rudolf Steiner aus der Theosophischen Gesellschaft zu verdrängen: „Dr.Steiners Loslösung muss von hier geleitet werden, und ich habe das für Mrs. Besant nun schon seit 18 Monaten betrieben. In vier Wochen, ich bin ganz sicher, werden wir frei sein.“[1]


[1] Wilhelm Hübbe Schleiden an Isabel Cooper-Oakley. 14.1.1913. SUB Göttingen. MS.W.Hübbe Schleiden. Cod. 55, Nr.7,2.

Brief Wilhelm Hübbe Schleidens an Isabel Cooper Oakley (Budapest)

Annie Besant selbst gab ihm den Rat oder die Anweisung, was er machen müsse. Sie empfiehlt ihm schriftlich, er solle eine Loge mit sieben deutschen Mitgliedern anmelden, in denen die Persönlichkeiten ganz unmöglich sind, so dass Rudolf Steiner das nicht werde machen wollen. Wenn Steiner keine Charter ausstelle, d.h. die Loge nicht in die Sektion aufnehme, liefere er ihr einen formellen Grund gegen ihn vor-zugehen. Sie teilt Hübbe auch die satzungsmäßigen Fristen mit und sagt, er müsse nach Steiners Weigerung an sie appellieren. Es wurde zwischen den beiden genau abgesprochen, wie man ihn in der Theosophischen Gesellschaft ausschaltet.[1]  Nun dürften dabei auch persönliche Gründe eine Rolle gespielt haben. Mit Bezug auf Wilhelm Hübbe Schleiden ist es bekannt, dass sich seine Adoptivtochter von ihm getrennt hat und nach Berlin zu Günther Wagner gezogen ist, um das Leben der deutschen Rosenkreuzer mit den Berliner Theosophen zu teilen. Für Hübbe Schleiden muß das eine herbe Enttäuschung gewesen sein, denn er hatte sie adoptiert, damit sie ständig in seinem Haus leben konnte, um ihm den Lebensabend zu erleichtern. Es gab also neben anderen auch persönliche Gründe für eine Gegnerschaft.


[1] Annie Besant an Wilhelm Hübbe Schleiden. 11.8.1912. SUB Göttingen. MS.W.Hübbe Schleiden. Cod.27,Nr.32.

Kann die Anthroposophische Gesellschaft eine solche innere Weite bekommen und behalten, dass sie Anthroposophen in ihre Reihen aufnimmt,  die Hindus sind, die Muslime sind, die Freimaurer sind, die Sozialisten sind, die ohne Bindung an irgendeine Religion sind, die verschiedenen Auffassungen des Christentums haben, eine verschiedene Auffassung des Mysteriums von Golgatha? Wie ‚allgemein‘ ist die Anthroposophie? Ist sie offenbarte Gottesweisheit – ein und dieselbe, verbindlich für alle Menschen? Oder ist sie individuell errungene Menschen-Weisheit?

Annie Besant musste immer wieder erleben, dass ein Teil der Theosophen, insbesondere die von Rudolf Steiner geführten, in grundlegenden Fragen von ihren Ansichten abwichen. 

Worum es aber im tieferen Sinne ging, das war die Frage: wer ist eigentlich der Christus?

Hübbe Schleiden verstand Rudolf Steiner in dieser Hinsicht begrifflich recht gut, wie ein Brief Hübbes an Besant zeigt. Er stellte ihr darin die Christus-Auffassung Rudolf Steiners dar. Er wollte sie davon in Kenntnis setzen, was Rudolf Steiner eigentlich denkt. Was er schreibt, ist meines Erachtens in der Wiedergabe der Tatsachen weitgehend richtig: „Abweichend von allen Lehrern lehrt er“ – nämlich Rudolf Steiner, „dass Jesus die Individualität des Zarathustra gewesen ist, und sich selbst zum Erdenlogos erhob, ebenso wie Maitreya Buddha. Dass er aber bei seiner Taufe in seinem 30.Jahr alle seine drei Leiber, den physischen, ätherischen und astralen dem Christusgeist hingab. Dieser, sagt Steiner, ist der Sonnenlogos, die sechs Elohim, eben der, dessen Licht sich als Jahwe durch Moses offenbart hat,“ – also nicht der Jahwe, sondern der, dessen Licht sich als Jahwe offenbart hat – „indem es sich auf dem Gott Indra spiegelte, wie physisch das Mondlicht das der Sonne reflektiert. Für die Dauer der letzten drei Jahre des Lebens Jesu verdrängte dieser Sonnenlogos oder Christus-Geist das Selbst des Zarathustra-Jesus gänzlich aus den drei Leibern.“ Das ist eine ganz exakte Beschreibung. Der hat ihn gewissermaßen begrifflich verstanden. Das ist keine Frage, Aber er hat es nicht annehmen können. Er fährt dann fort: „Es leuchtet unmittelbar ein, dass unsere Evangelien, Gethsemane und die Kreuzigung, mit dieser Sicht oder Konstruktion der Tatsachen nicht übereinstimmen. Doch hält Steiner diese Manifestation des Göttlichen für den Sonnenlogos und besonders die Kreuzigung für ein einzigartiges Ereignis in der Geschichte und den Angelpunkt, um den sich die Entwicklung unseres Kosmos dreht. Steiner denkt sogar, dass durch das Vergiessen des Blutes aus dem Leibe Jesu der  Christusgeist oder Sonnen-Logos die Natur des Erdenlogos auf die Höhe der Geistigkeit des Sonnenlogos erhöht habe. Und mit diesem Ereignis datiert er den ersten Anfang der Rückkehr des Kosmos zu einer Periode der Involution...[1] Im weiteren nimmt er die indischen Begriffe zu Hilfe, um Annie Besant einen besseren Zugang zu eröffnen. Man sieht, Hübbe Schleiden kann das auf einem hohen Niveau diskutieren. Er versteht es begrifflich, kann es aber er nicht anerkennen. Und das kann man ja auch nicht fordern. Im Verlauf des Briefes fragt Hübbe Schleiden Annie Besant, was Sie denn davon halte? Sagen Sie mir doch, wer der Christus ist! Und obwohl er mehrmals nachfragt, gibt sie ihm darauf keine Antwort. Sie sagt weder, das ist Krishnamurti – das war ja der, der da als wiederverkör-perter Christus ausgegeben worden war - noch sagt sie, Krishnamurti  ist es nicht. Hübbe Schleiden hat Überlegungen angestellt, ob das vielleicht etwas ist, was nur in bestimmten Graden mitgeteilt werden darf, und hat Frau Besant direkt darauf angesprochen. Wieder ist er ohne Antwort geblieben. Andererseits hatte Annie Besant es doch aller Welt verkündet, dass der Hinduknabe Krishnamurti das Wesen sei, das man allerorten unter dem Namen Christus verehre. So wurde sie jedenfalls in aller Welt verstanden. Hübbe Schleiden fragte aber nach! Genau besehen erklärte sie, und darin stimmte sie mit Blavatsky überein, dass sie eben in der Zeit, in der nach unseren Überlieferungen der Christus gelebt haben soll, hellseherisch keinen Christus gefunden habe, dafür aber 90 Jahre früher. Und dann erzählte sie die Geschichte eines bedeutenden Rabbi Jeschu Ben Pandira, der eigentlich der Jesus gewesen sei. [Übrigens: Jeschu Ben Pandira könnte sich wirklich in Krishnamurti wiederverkörpert haben. Das muss man nicht für unmöglich halten.]  Aber der Jeschu der Evangelien, das ist eben nicht der, den sie nicht gefunden hat. Sie identifiziert ihn bloß willkürlich mit dem Jesus oder Jeschu der Evangelien. Sie hat kein Auge für den Christus gehabt. Und da sie den Jesus Christus nicht gefunden hat, hat sie wie Helena Blavatsky geglaubt, dass es den gar nicht gab. Man darf sich fragen, ob man es selbst besser weiss, oder ob man es einfach nur weiss, weil man eben in einer christlichen Tradition aufgewachsen ist. Das ist ja die Frage, ob wir ihn schauen und daher wissen, es war so, oder worauf es denn beruht, unser sogenanntes Wissen. Man kann in Besants und Blavatskys Resignation auch eine heldenhafte aber tragische Größe empfinden.


[1] Wilhelm Hübbe Schleiden an Annie Besant. 15.7.1911. SUB Göttingen. MS.W.Hübbe Schleiden. Cod.27,Nr.5.

Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch alle diese Auseinandersetzungen. Wenn der Rosen-kreuzerimpuls der Gesellschaft für theosophische Art und Kunst hätte verwirklicht werden können, wäre das vielleicht wie ein praktischer Beweis für die Wirklichkeit des Christus erlebt worden. Denn da sollten ja die Kräfte, die den Leib vom Geiste aus ergreifen und vollständig durchdringen und verwandeln, in das gesellschaftliche und künstlerische Leben eingeführt werden. Die Kraft des Christus sollte zivilisations-wirksam werden durch diese Stiftung. Dann hätte es der Diskussion darum in dem Maße nicht mehr bedurft.

Ein verborgenes Ringen um die Frage, wer der Christus der Evangelien ist, hat sich in der Theosophischen Weltgesellschaft im Stillen in dieser Zeit abgespielt. Davon ist öffentlich keine Rede gewesen. So sind es denn auch ganz offensichtliche Unwahrheiten, durch die Rudolf Steiner diffamiert worden ist; es wurde behauptet, er habe in seiner Jugend eine Jesuitenerziehung gehabt und habe das nicht abschütteln können. Das ist nachweislich nicht der Fall. Da hat Annie Besant – trotz Steiners mehrfachem Widerspruch - ein Gerücht aufgegriffen, das vermutlich Hübbe Schleiden in die Welt gesetzt hat, und ungeprüft weitergegeben. Es war für sie und die anderen Mitglieder des Komites in Adyar das vermeintliche Faktum, das als innere Begründung für diesen Ausschluss verwendet wurde.

Epilog

Etwa von Mitte 1911 an, also in der Zeit, in der in Hamburg gerade der Christian Rosenkreutz-Zweig eröffnet wurde, und der Pythagoras-Zweig einen eigenen Zweigraum mietete, da fasste Wilhelm Hübbe Schleiden den Gedanken, er wolle Rudolf Steiner aus der Gesellschaft vertreiben oder ausschließen. Das geschah nebeneinander. Es war ein gewaltiger Kampf, der sich da abgespielt hat, in dem es darum geht: Kann christliche Esoterik einen Platz auf der Erde haben?

Und es ging damals auch darum: wie viel Toleranz die Theosophen indischer Prägung gegenüber den rosenkreuzerischen Theosophen mitteleuropäischer Ausrichtung aufbringen konnten, wieviel Toleranz die Rosenkreuzer gegenüber den Freimaurern anthroposophischer Prägung aufbringen konnten, u.s.w. Das ist bis in die Gegenwart hinein ein inneres Problem der Anthroposophischen Gesellschaft geblieben. Wie viel Toleranz bringen wir eigentlich auf?

Kann das Zukunftsbild, das Rudolf Steiner 1902 von der theosophischen Bewegung skizziert hat, kann das heute in der anthroposophischen Bewegung Wirklichkeit werden? Ich rechne damit, dass die Enttäuschungen, die viele Menschen in der theosophischen und anthroposophischen Bewegung in dieser Hinsicht erlebt haben, als verwandelte Willenskraft widerkehren, als Impuls es besser zu machen.

Als er sich im Sommer 1902 in London vorgestellt hat als designierter Generalsekretär für eine kleine Sektion von 100 Menschen, hat er ein Bild vor die Anwesenden gestellt: er verstehe die Theosophische Gesellschaft so, dass in ihrer Mitte ein unsichtbarer Altar für die göttliche Welt stehe, und dass von allen Ländern Beiträge hingetragen werden, aus den verschiedensten geistigen Richtungen, um auf diesem Altar niedergelegt zu werden.

Nicht eine wahre Lehre, bitte auch nicht in der Anthroposophischen Gesellschaft: eine wahre Lehre. Und man kann ja sehen, dass die großartige Entfaltung der künstlerischen Kräfte nach 1912-13, etwas gewesen ist, was lebendige, frische Kräfte in die Gesellschaft hereingetragen hat, Künstlerseelen, die vorurteilslos frei waren, die selbst erkennen wollten, die nicht eine so oder so geartete Dogmatik haben wollten.

Und dieser Kampf wird wiederkommen, in der einen oder anderen Form. Es ist nicht einfach so, dass die Dinge sich vollständig wiederholen. Aber werden wir damit  heute anders umgehen, oder fällt uns auch nichts Besseres ein als uns zu zerstreiten?

Anthroposophie in Hamburg vor hundert Jahren. Eine Zusammenfassung von Rolf Speckner.
Einige Jahre lang habe ich an einer Geschichte der Anthroposophie in Hamburg gearbeitet. Dabei konnte ich zunächst die Hamburger Quellen des Archivs im Rudolf Steiner Haus auswerten. Umfangreicher als erwartet waren die Bestände des Archivs der Rudolf Steiner Nachlassverwaltung im Haus Duldek in Dornach. Dort werden die Briefe der Verantwortlichen des Pythagoras-Zweiges zwischen 1900 und 1914 aufbewahrt, ebenso der Schriftwechsel mit der Zweigleitung des Christian Rosenkreuz-Zweiges. Ab 1914 befindet sich das meiste Material im Goetheanum-Archiv. Auch diese Bestände konnte ich länger studieren und mir viele Kopien machen. Den Novalis-Zweig in Blankenese hatte ich damals leider noch nicht im Auge. Im Jahre 2011 habe ich eine Zusammenfassung der Vorgänge zwischen 1901 und 1914 versucht.
Anthroposophie in Hamburg vor 100 Jahren[...]
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© Rolf Speckner