Dieser Lebenslauf ist länger als üblich. Jan Raabe (Bielefeld) von der Antifa, der mit Prof. Uta Halle (Bremen) befreundet ist, behauptet öffentlich, dass ich der völkischen Szene angehöre. Deshalb... 

 

1949 - 1962

 

 

 

 

 

 

 

Silberkessel von Gundestrup (Jütland) 1.Jhdt.v.Chr.

1965

 

 

 

 

 

 

 

 

1967

Dr. Hans Börnsen. 1907 - 1983. Aufnahme ca. 1965

 

1968

 

 

1969-77

 

 

 

 

1974

 

 

1977

 

 

 

 

Pharao Userkaf. Regierte ~2500-2490 v.Chr.

1981

 

 

 

 

1983

"Darf ich vorstellen? Unser Sohn Johannes Benedikt! Gerade angekommen."
1982-84







1984-89





1983-89





1987
Joachim Heppner. 2014
Prof. Dr. Walther Matthes, 1901 - 1997.
1998




1999














2000
Dr. Georg Hees 1920-2000
2001




2002






2003





2006

 

 

2007

 

Nachbau des Roten Saals des Münchner Kongresses. Die Säulen J + B und die Tierkreis-zeichen des Antependiums.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Christiane Schwarzweller, heute Gerges, inszenierte das Templerdrama "Schwarz-Weiss". Probenfoto.

 

 

2008

 

 

 

 

 

 

2009

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Waldorflehrer an der Schule Bexbach Horst Biehl auf dem Königshügel Dun. 2009.

Plan des Gartens von Edzell. Links unten das Schloß (Ruine). Das Quadrat ist der ummauerte Garten, "the walled garden". Rechts oben ist das Sommerhaus, in dem, wie man sagt, im Sommer fröhlich getafelt wurde. Rechts unten ist ist das Badehaus. An den drei

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Alfred Kon im Emerson College

 

2009

Christian Rosenkreutz-Tagung: Das Auditorium im Rudolf Steiner Haus am 11.10.2009.

2010

 

Karnak. Amun-Tempel. Große Säulenhalle.

Darstellung der Michaelschule in den geheimen Figuren der Rosenkreuzer. Hamburg, 1785.

 

 

 

Kosmos Runge. Die Nachtseite der Dinge. Hamborn. 2011.

2011

 

 

 

 

 

 

2012

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2013

Gil McHattie in Kilpeck. 6.2.2013

Kilpeck. Portalgewände.

 

 

 

 

 

2014

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2015

Der Pharao wird vor der Thronbesteigung gereinigt. Kom Ombo. Außenwand.
Stendal. Mariendom. Hauptschiff von West nach Ost.

 

 

 

 

2016

'Von der Theosophie zur Anthroposophie.  Anthroposophie in Hamburg. Band 1.

Mai 2016: Alfred Kon, Horst Biehl, Rolf Speckner im Saarland.

2017

Christian Gerblich.

18.1.1937 - 13.10.2017

Isis entschleiert. 1877           

Im folgenden stelle ich meine Zusammenfassung von 'Isis entschleiert', dem ersten Hauptwerk von Helena Blavatski zur Verfügung. Das Werk umfasst 2 Bände mit ca. 1.600 Seiten. Die deutsche Übersetzung enthält sehr viele Übersetzungsfehler, auch solche, die zu groben Misverständnissen führen. Wer gut Englisch kann, sollte sich daher die englische Version zulegen.

Blavatsky hat das Buch geschrieben für die 1875 in New York gegründete Theosophical Society, denen sie damit das nötige Arbeitsmaterial für die Zusammenkünfte an die Hand geben wollte. Das Buch erschien 1877 und die Erstauflage war in wenigen Wochen vergriffen!

 

Meine Zusammenfassung schreibe ich für mich selbst, weil ich mir vor der Veröffentlichung meiner Blavatsky-Biografie noch einmal gründlich über ihre Hauptwerke Rechenschaft ablegen will.

Einleitung

Das Buch ‚Isis entschleiert‘ richtet sich an ein bürgerlich gebildetes und wissenschaftlich interessiertes Publikum. Es will die Illusion einer vermeintlich gegenüber den tieferen Fragen des Daseins tragfähigen Wissenschaft und Theologie, von denen die bürgerliche Gesellschaft damals weitgehend geprägt war, zerstören.  An deren Stelle soll die uralte Weisheit treten, die zu diesen Fragen mehr zu sagen hat als die selbstüberhebliche äußere Wissenschaft und die zum Dogmatismus erstarrte Theologie. Sie widmet dieses Buch daher auch der Theosophischen Gesellschaft, die 1875 in New York gegründet worden war, um die Gegenstände studieren zu können, um die es in dieser Gesellschaft geht. Wir werden daher einen umfassenden Einblick in das Weltbild H.P.B.‘s bekommen.

Ein für das Abendland prägender vorchristlicher Geist war Platon. In ihm fließen wissenschaftliche, theologische und geheimwissenschaftliche Bemühungen der Antike zusammen. Ihn hält Blavatzky für den einzigen neutralen Boden, auf dem sich Wissenschaft, Theologie und Geheimlehre begegnen können: „Warum sollten wir uns nicht in unserer Verlegenheit an die alten Weisen wenden, da uns doch von den modernen, unter dem Vorwand des Aberglaubens, eine Erklärung verweigert wird. Fragen wir sie, was sie von reiner Wissenschaft und Religion wissen; nicht in Bezug auf Einzelheiten, sondern in der weitesten Auffassung dieser beiden, von derselben Mutter geborenen Wahrheiten – die so stark sind in ihrer Einigkeit, so schwach wenn geteilt. Es wird sich außerdem vorteilhaft erweisen, die so gerühmte moderne Wissenschaft mit antiker Unwissenheit, die aufgebesserte moderne Theologie mit den Geheimlehren der alten ‚Universal-Religion‘ zu vergleichen. Vielleicht entdecken wir auf diese Weise einen neutralen Boden, von dem aus wir beide erreichen und von beiden Nutzen ziehen können.“[1]   Schon im ersten Satz des Vorworts hatte sie gesagt, dass ihr Buch „einer etwas eingehenderen Bekanntschaft mit den Adepten des Ostens“ zu verdanken ist.   Und jetzt schreibt sie: „Die platonische Philosophie allein, diese sorgfältigste Sammlung der verborgenen Systeme Alt-Indiens, kann uns diesen vermittelnden Standpunkt gewähren. Obgleich 22 ¼ Jahrhunderte seit dem Tod Platos verflossen sind, sind dennoch die größten Geister mit seinen Schriften noch beschäftigt.“ (S.XVII)  Plato verbindet die uralte Mysterienweisheit mit der gegenwärtigen Verstandesbetätigung und gilt ihr als ein neutraler Vermittler.  

Daran schließt sie in der Einleitung ein Glossar von 44 Worten der Geheimlehre an, das allein schon ihre tiefe Vertrautheit mit den Lehren der östlichen Adepten bezeugt. Viele dieser Worte werden gemeinhin recht unterschiedlich verstanden. Zum besseren Verständnis des Lesers und zu ihrem Schutz erklärt sie, wie sie sie versteht. Abschließend geht sie nochmals auf den Zweck des Buches ein: „Es hat nicht den Zweck, der Öffentlichkeit persönliche Ansichten oder Theorien seines Verfassers aufzudrängen, noch auch erhebt es die Ansprüche eines wissenschaftlichen Werkes, das in einem bestimmten Bereiche des Denkens eine Revolution hervorzurufen beabsichtigt. Eher ist es eine kurze Zusammenstellung der Religionen, Philosophien und universellen Traditionen menschlichen Ursprungs und ihre Auslegung  nach dem Geiste jener geheimen Lehren, von denen keine … das Christentum in so unverstümmelter Form erreicht hat, das sie ihm ein richtiges Urteil sichern.“ (S.LI) Damit weist die Autorin alle persönliche Erkenntnisleistung zurück, deren Bekanntgabe der Zweck des Buches hätte sein können. Vielmehr habe sie nur philosophische und religiöse Lehren zusammengestellt. Dann kommt sie noch einmal auf die Ereignisse in Rochester zu sprechen, die ja der Ausgangspunkt der spiritistischen Bewegung waren und die die westliche Wissenschaft und Theologie nicht hätten verstehen können. Dies Unverständnis sei  ein Anzeichen für die Mängel und Einseitigkeiten der westlichen Wissenschaftsmethodik: „Wir wünschen zu zeigen, wie unvermeidbar ihre unzähligen Misserfolge waren, und wie sie solange andauern müssen, bis diese verblichenen Autoritäten des Westens zu den Brahmanen und Lamas im fernen Orient gehen und sie achtungsvoll ersuchen werden, ihnen das A-B-C  wahrer Wissenschaft mitzuteilen.“ [2] (S.LII) [3]

Schließlich spricht sie noch einmal den Geisteskampf der damaligen Gegenwart, der bis heute andauert, zwischen dem Materialismus und den geistigen Bestrebungen der Menschheit an, Das Buch solle eine Rüstkammer für diejenigen sein, die auf der Seite der geistigen Bestrebungen gegen den Materialismus kämpfen: „Unsere Stimme wird erhoben für geistige Freiheit und unser Prozess geführt für die Befreiung der Wissenschaft und Theologie von aller Tyrannei.“ (S.LIII).

 

[1] H.P.Blavatsky. Isis entschleiert. Übertragen von A.K. und R.W. Den Haag o.J., S.XVII. Diese Standardausgabe wird in diesem Kapitel durchgehend zitiert. Deshalb setze ich die Seitenzahl in Klammern direkt hinter die Zitate. Wegen offensichtlicher Qualitätsmängel der Übersetzung habe ich die englische Originalausgabe hinzugezogen und weiche nicht selten von der Übersetzung von A.K. und R.W. ab. Oft habe ich in solchen Fällen die englischen Worte des Originals in Klammern hinzugefügt. Wer eine Übersetzung prüfen will kann dies leicht, da die deutsche Ausgabe so übersetzt wurde, dass sie in ihren Seitenzahlen mit der englischen Ausgabe übereinstimmt. In den Anmerkungen findet man meine Kommentare, Erläuterungen und Fragen an das Buch. Wer sich zunächst ganz auf den Gedankengang H.P.B.‘s konzentrieren will, braucht nur auf das Lesen der Anmerkungen zu verzichten.

[2] Die Formulierung, sie sollten die Brahmanen ersuchen, “ihnen das A-B-C wahrer Wissenschaft” mitzuteilen, ist bemerkenswert, denn auch der Verfasser der ‚Geheimen Figuren der Rosenkreuzer‘ hat diese 1785 ein „Einfältig ABC Büchlein…“ genannt.  

[3] Durch diese von ihr im Text hervorgehobenen Worte, meine ich noch Blavatzkys östliche Meister selbst sprechen zu hören – ihre Strenge, ihre Verletztheit und ihren Stolz. Die Forderung, dass die westlichen Gelehrten zu ihnen kommen müssten, nicht umgekehrt, tritt in den Mahatma-Briefen mehrfach auf. Vgl. auch Isis entschleiert, S.90.

1.Kapitel (Band 1)

Im 1.Kapitel formuliert die Autorin ihre Grundthese, dass die Wissenschaft des Abendlandes ohne es zu wissen in vielen Dingen von der Weisheit des Ostens abhängt. Alten Erkenntnissen werden neue Kleider in Form von Namen umgehängt. Sie beginnt mit einigen Darstellungen aus der historischen Menschenkunde. Die Geheimlehren des Ostens, der kabbalistischen sowie hermetischen Philosophen sprechen von einem weit höheren Alter der Menschheit als bisher (1875) von wissenschaftlicher Seite angenommen worden war. Die Frühzeit der Menschheit war dabei eine lichterfüllte. Der Mensch war wie Platon beschreibt, mit Schwingen versehen, „als er selbst ein Gott, in der Luftwelt unter Göttern lebte“. Sie deutet damit hin auf eine Urweisheit, die der Menschheit ursprünglich zugänglich war. Manches davon sei in den verlorenen hermetischen Büchern niedergelegt gewesen – nach Clemens von Alexandrien in 42 kanonischen Büchern. Dazu gehöre der jüngst aufgefundene Papyrus Ebers in Leipzig, „unbestreitbar eines dieser alten hermetischen Werke“.

Die Theorie einer einfachen geradlinigen Höherentwicklung der Menschheit aus der Dunkelheit bis ins helle Licht der Intellektualität des 19.Jahrhunderts  bestreitet sie. Vielmehr hätten die unermesslichen Perioden menschlichen Daseins auf diesem Planeten sich in Zyklen abgespielt, innerhalb derer die Menschheit Gipfelpunkte der Zivilisation erreichte und auch wieder in gemeines Barbarentum zurückfiel. Unsere Zeit sei  vielleicht gerade erst der Beginn eines solchen Zeitalters.

Die schubweise Entwicklung in Zyklen werde verständlich, wenn „die Pythagoräische Seelenwanderung mit der modernen Entwicklungslehre genügend verglichen würde“ (S.9). Sie würde jedes „fehlende Glied“ in der Entwicklungskette liefern.[1]

Sie versucht nun an einzelnen Beispielen zu zeigen, dass bedeutende wissenschaftliche Erkenntnisse des Abendlandes von den Lehrern der alten Weisheit schon gekannt wurden und deshalb von ihnen stammen müssten: „Wir finden z.B. in den Veden den positiven Beweis, dass Hinduweise und Schüler   2000 Jahre v.Chr. mit der Kugelform unseres Globusses und dem heliozentrischen System vertraut gewesen sein mussten. Daher kannten Pythagoras und Plato diese astronomische Wahrheit recht gut; denn auch Pythagoras erwarb sein Wissen in Indien oder von Männern, die dort gewesen waren, und Plato gab seine Lehre getreulich wieder.“ (S.9-10) Die Wissenschaft habe das bis dato bestritten, aber sie lehre nur „alte Dinge mit neuen Namen“. [2] 

Sie führt dann Zeugnisse dafür an, dass den indischen Weisen die Kugelgestalt der Erde, die Drehung der Erde um sich und die Drehung der Erde um die Sonne bekannt war. Die Opfersitzungen, die sog. ‚Suttras‘, stellen den Jahreskreislauf im Ritus dar. Die Aufzeichnungen weisen ins 18.-20. Jhdt. v.Chr. [S.11]. In der Menschenkunde unterschieden die alten Weisen „zwei Seelen“. Sie waren ausnahmslos Anhänger der Wiederverkörperungslehre. Auch Sokrates und Pythagoras „hielten mit den Hindus dafür, dass Gott in den Stoff einen Teil seines eigenen göttlichen Geistes versetzt habe, … sie lehrten, dass die Menschen zwei Seelen hätten, getrennt und von ganz verschiedener Natur: die eine vergänglich – die Astralseele oder der innere Fluidkörper – die andere unverderblich und unsterblich…“  [S.13] Im frühen Christentum eines Tatian habe sich das noch niedergeschlagen in der Überzeugung, dass „der Mensch ebenso unsterblich wie Gott selbst wäre. “

Die Übersetzer der Genesis hätten das gemäß ihrer materialistischen Überzeugung verdreht, indem Gott den Lebewesen nicht „eine lebendige Seele gebe“, sondern in ihnen „Leben sei“. Es ist keine geschenkte Gabe, sondern das Leben durchzieht sie nur.

Auch die Methode der modernen Wissenschaft erreiche nirgends den Ausgangspunkt der Erscheinungen, indem sie sich nicht von den Erscheinungen lösen wolle: „Anstatt dass sie die Wirkung aus der ersten Quelle herleitet, ist ihr Verfahren das umgekehrte.“ Sie will von den Wirkungen auf die Ursachen schließen. Sie versuche an dem Faden der Materie entlang die Reihenfolge des Werdens aufzuklären. „Sobald dieser reißt und der Leitfaden verloren ist, schreckt sie in Furcht vor dem Unbegreiflichen zurück und bekennt sich als machtlos.“ [S.13-14] Sie wage nicht hinter den Schleier der Natur zu sehen.

Im Alten Testament war das anders. Man sah, dass Jehova mit der Sonne identisch sei. Doch hätten die Hierophanten die sichtbare Sonne nur als ein Symbol der zentralen unsichtbaren geistigen Sonne betrachtet.[3]  Die Anbetung der Planetenkörper sei bei ihnen keineswegs eine Anbetung der sichtbaren Himmelserscheinung gewesen. Nicht die Himmelskörper, sondern die Himmelswesen hat man verehrt.

Weil der Schleier der Isis – das ist die Natur – immer dichter wurde, konnten die Adepten immer weniger zu den Menschen sprechen. Parallel zum Alten Testament entwickelten sie die Kabala und verbargen in ihr ihre Lehren. [S.15 ff] 

Sie geht dann nochmals auf die zwei Seelen ein, deren eine den Menschen nahe an die Gottheit heranträgt. Ausführlich begründet sie, dass Magie etwas Reales ist, keine Betrügerei: „Eine Beleidigung der Menschennatur liegt darin, Magie und okkultes Wissen mit dem Namen Betrügerei zu brandmarken. Zu glauben, dass so viele Jahrtausende lang die eine Hälfte der Menschheit Täuschung und Betrug der anderen gegenüber ausspielte, ist gleichbedeutend damit, zu sagen, das Menschengeschlecht  bestehe nur aus Schurken und unheilbaren Idioten.“  [S.18]   

Dass die Anwendung moralischer und physischer Reinheit zur magischen Wirkung unbedingt nötig ist, beweisen die strengen Übungen der alten Priester. Magie ist so alt wie der Mensch. [S.18]  Sie komme mit den frühesten Menschenrassen auf. [S.25][4] Man findet sie ebenso wohl im Westen wie im Osten. [S.18]  Wenn die Priesterschaft des Altertums magisch tätig wurde, dann geschah dies „unter Leitung und mit Unterstützung der geheimnisvollen Naturgeister“. [S.23] Was war den Alten Magie? Sie antwortet: „Die Magie betrachtete man als eine göttliche Wissenschaft, die zur Teilhaberschaft an den Attributen der Gottheit selbst führte.“ [S.25] Franz Joseph Molitor unterschied in seiner Philosophie der Geschichte verschiedene Arten von Magie: „Göttliche Magie und böse Magie oder schwarze Kunst. Beide sind wieder in je zwei Arten teilbar, die handelnde und schauende. Auf die erste Art bemüht sich der Mensch, sich mit der Welt mehr in Verbindung zu setzen, um verborgene Dinge zu erlernen; auf die zweite Art bemüht er sich, Macht über Geister zu erlangen; auf die erste, gute und wohltätige Handlungen zu vollbringen, auf die zweite alle möglichen Arten teuflischer und unnatürlicher Taten auszuführen.“ [S.25]

Ohne ausdrücklich einen Bezug zur Magie herzustellen, geht sie zu den Machtimpulsen der christlichen Kirchen über. Auch Visionäres sei dem Klerus wohlbekannt. Mit Ausnahme der russisch-orthodoxen Priesterschaft verunglimpfe man aber alle visionären Seherinnen und Seher und leiste damit dem Materialismus Vorschub.

Auch die Freimaurerei sei dem Materialismus verfallen: „Sie mögen ‚am Grabe ihres achtbaren Meisters Hiram Abiff Tränen vergießen‘;  aber sie werden vergeblich nach dem rechten Orte suchen, ‚wo das Myrtenreis gepflanzt wurde‘.“ [S.29] „Wahrlich, ihr seid ‚Wanderer aus Jerusalem, die den verlorenen Schatz der heiligen Stätte suchen! Habt ihr ihn gefunden?  Leider nicht! – denn der heilige Ort ist entweiht; die Pfeiler der Weisheit, Stärke und Schönheit sind zerstört….“ [S.30][5]      

Schließlich berichtet sie noch von der Einteilung der Menschengeschichte.  Ich habe das System, das sie beschreibt, nicht völlig verstanden, woran auch immer das liegt. Es sind jedenfalls gewaltige Zeiträume, von denen sie da spricht, allein das Kali Yuga, an dessen Ende wir uns befinden,  dauert 432.000 Jahre. Vor diesem Zeitraum spielten sich ab das Dvâpa Yuga, doppelt so lang wie das Kali Yuga, das Trêtya Yuga, dreimal so lang wie das Kali Yuga und das Satya Yuga, das viermal so lang gedauert hat. Zusammen umschließen diese vier Zeitalter den zehnfachen Raum  des Kali Yuga, also 4.320.000 Jahre. Die Längen der Zeitalter verhalten sich wie 1 : 2 : 3 : 4. Es ist also ein sich verkürzendes rhythmisch proportionales Geschehen. Zusammen geben sie ein Maha Yuga.

71 solcher Maha Yugas ergeben 306.720.000 Jahre. Fügt man noch ein Satya Yuga (s.o.) hinzu ergibt das ein Manvantara von 308.448.000 Jahren.

„Da wir jetzt erst im Kali Yuga, der 28.Zeitperiode des 7.Manvantaras von 308.448.000 Jahren stehen, haben wir noch genügend Zeit zum Warten vor uns , ehe wir die Hälfte der Zeit erreichen, die der Welt zuerteilt ist.“ [S.32] Sie sagt nicht, wie die indische Geheimlehre zu diesen Zahlen gekommen ist, bekräftigt aber „Diese Zahlen sind keine phantastischen, sondern auf wirkliche, astronomische Beobachtungen gegründet.“ [S.32] 

Jedenfalls beruht die indische Auffassung der Menschengeschichte ganz und gar auf den sich ereignenden kosmischen Rhythmen. „So sehen wir in der Geschichte einen regelmäßigen Wechsel von Ebbe und Flut in den Gezeiten des ´menschlichen Fortschritts. Die großen Kaiser und Königreiche der Welt sinken wieder zusammen, nachdem sie den Gipfel ihrer Größe erreicht haben, in Übereinstimmung mit dem großen Gesetze, nach dem sie empor gestiegen sind, bis sich schließlich, nachdem sie den niedrigsten Punkt erreicht haben, die Menschheit wieder geltend macht und von neuem emporsteigt, wobei der Stand des von ihr Errungenen nach diesem Gesetz des aufsteigenden Fortschrittes in Zyklen, etwas höher ist als der Punkt, von dem sie vorher herabstieg.“ [S.34]      

 

[1] Die Bedeutung der Wiederverkörperungslehre ist H.P.B. also zu dieser Zeit voll bewusst, aber sie wird sie im Laufe ihres ersten großen Werkes nicht entfalten.

[2] Die Übereinstimmung moderner wissenschaftlicher Ansichten mit den Aussagen alter Weisheits-Lehrer ist zweifellos für den Anhänger des modernen Fortschrittsglaubens erstaunlich. Allerdings muss H.P.B.s These, Pythagoras habe sein Wissen in Indien erworben oder von Männern, die dort gewesen seien, als Vermutung angesehen werden. Denn die bloße Tatsache, dass an zwei Orten zu verschiedenen Zeiten dieselbe Erkenntnis auftaucht, beweist nicht, dass sie auf der Erdoberfläche von dem einen Ort an einen anderen gewandert sein muß. Unsere Kenntnis vom Leben des Pythagoras enthält zwar genügend weiße Flecke, die eine Reise nach Indien möglich erscheinen lassen. Aber sein mehrjähriger Aufenthalt in Babylon reicht vollkommen aus zur Erklärung seiner astronomischen Kenntnisse. - Schließlich ist auch zu beachten, dass sie direkt vorher auf die Wiederverkörperungslehre hinweist, die alle fehlenden Glieder in der Entwicklungskette liefere! Deutet sie damit eine frühere Verkörperung des Pythagoras in Indien an?

[3] Rudolf Steiner sagt dazu: das Wesen der Sonne, d.h. Licht und Liebe, erfährt der Mensch in der moralischen Intuition in Herz und Haupt. Was er draussen sieht, sei nur das Bild dieses Wesens. In: R. Steiner. Die Brücke zwischen der Weltgeistigkeit und dem Physischen des Menschen. Vortrag vom 18.12.1920,  G.A. Bd.202, Dornach 1970, S.195-197.

[4] Rudolf Steiner beschreibt dies Aufkommen der Magie in der ersten atlantischen Rasse der „Rmoahals“ in R. Steiner. Aus der Akasha Chronik, G.A. Bd.11, Dornach 1969, S.28-29 und 34-36..

[5] Indem H.P.B. in Bildern und Worten spricht, die dem 18.Grad entnommen sind, zeigt sie eine profunde Kenntnis der Freimaurerei – lange bevor ihr der ausgezeichnete Freimaurer John Yarker den Grad der ‚Crowned Princesse’ im Misraim-Ritus verlieh. Dass sie etwas vom verlorenen Wort verstand, zeigt der den Freimaurern gesagte Satz: Die rechten Nachkommen von Ormuzd „können euch allein die richtige Aussprache des Namens lehren, der Enoch, Jakob und Moses offenbart worden ist.“ [S.30]

2.Kapitel (Band 1)

Im 2. Kapitel wendet sich H.P.B. dem damals durch die in den U.S.A. massenhaft auftretenden Phänomene drängend gwordenen Problem des Spiritismus zu, genauer gesagt dem Problem der Nichtanerkennung der spiritistischen Erscheinungen und Kräfte und deren bewusster Ignoranz durch den überwiegenden Teil der Wissenschaftler. Blavatzky macht zunächst geltend, dass zum wahren Menschsein gehört, dass man sich erst selbst dazu erhebt. Der Mensch „muss sich zuerst selbst sozusagen neu schaffen, d.h. aus seinem Gemüt und Geist nicht nur den vorherrschenden Einfluss der Selbstsucht und andrer Unreinheiten, sondern auch jede Ansteckung von Aberglauben und Vorurteil ausmerzen.“  [S.39] Wir werden von der uns umgebenden Kulturwelt in ihren Bann gezogen und trauen uns nicht aus ihrem Kreis herauszutreten. Dass wir uns durch freie Wahl ein eigenes Urteil bilden, kommt selten vor. Die Furcht vor der Öffentlichen Meinung führt zur moralischen Feigheit.

Im Zusammenhang der Kulturgeschichte nimmt sich die Gegenwart, schreibt Blavatzky, so aus: „Vor wenigen Jahren noch wurde, wer die Unfehlbarkeit eines theologischen Dogmas in Frage stellte, zugleich als Bilderstürmer und Ungläubiger gebrandmarkt. Vae victis![1] …. Die Wissenschaft hat gesiegt. Aber seinerseits beansprucht der Sieger nun dieselbe Unfehlbarkeit; freilich verfehlt er in gleicher Weise, sein Recht zu beweisen.“ [S.40]

Die Erscheinung der „Katie King“ in der Bibliothek Von William Crookes (1832-1919) haben im Laufe der Jahre hunderte von Menschen gesehen. [Bild]  Die besten, vorurteilsfreien Gelehrten erkannten damals immerhin an, dass es mit den Mitteln der Physik und Physiologie unerklärliche Phänomene gibt. Sie mochten aber in der Regel nicht die Ansichten der Spiritisten oder auch Helena Blavatskys zu diesen Phänomenen annehmen. Es gäbe keinen Beweis dafür, dass sich diese Erscheinungen nicht irgendwann doch durch „einen abnorm nervösen Zustand“ der medial begabten Individuen erklären liesse. Der russische Spiritist M.A.N. Aksakof prägte dafür die Formel: „Die Phänomene jagen die Gelehrten, und die Gelehrten laufen vor den Phänomenen davon.“ [S.41]    

Weil sich der geistige Hintergrund der Phänomene nicht mit äußeren Mitteln beweisen oder wiederlegen lässt, muss der Wissenschaftler ihn als Glaubenausdruck verstehen und kann ihn eigentlich auch nicht kritisieren – soweit die Phänomene echt sind. Dem Versuch, Blavatskys Stellungnahme psychologisierend auf eine zu lange Beschäftigung mit der alten Magie und ihrer modernen Form des Spiritismus zu schieben, hält sie entgegen, dass sie gerade durch ihre lange Beschäftigung mit den verschiedenen Formen einen praktischen Überblick in diesem so vielfach angezweifelten Gebiet erlangt habe! Sie habe jahrelang in Indien die verschiedensten Erscheinungen beobachtet, während ihre Kritiker oftmals  Indien nur aus dem Wörterbuch kennen. [S.43]  Das hemmungslose Aburteilen von Seiten der Wissenschaft zeugt von einem bedauernswerten Mangel an wissenschaftlichem Gewissen. Schmähungen ersetzen keine Beweise. „Die Zweifelsucht, komme sie nun von einem wissenschaftlichen oder unwissenschaftlichen Gehirne, ist nicht im Stande, die Unsterblichkeit unserer Seelen umzustoßen – wenn eine solche Unsterblichkeit eine Tatsache ist – und sie in die post mortem - Vernichtung zu versenken.“ [S.43]

Sie beschreibt dann die vergeblichen Versuche von dem damals sehr angesehenen englischen Wissenschaftler Crookes die von ihm selbst in seinem eigenen Haus durchgeführten Versuche, die ihn zur Anerkennung der merkwürdigen Phänomene führten in der wissenschaftlichen Welt und in der Öffentlichkeit zur Geltung zu bringen. Die Öffentliche Meinung und viele seiner Kollegen, die nichts geprüft hatten, wussten es besser. [S.45]

H.P.B. hält diese Borniertheit für den Ausdruck einer neuen seelischen  Krankheit, die sie „wissenschaftliche Psychophobie“ [S.46] nennt.  So sehr auch Crookes von der Echtheit der Erscheinung überzeugt war,  deren Schönheit er sogar ein Gedicht gewidmet hat [S.48], so wenig war er bereit, anzuerkennen, dass es sich um die Erscheinung einer verstorbenen Person handeln könne. Er nannte das, was da wirkt, „eine unbekannte Naturkraft“.

Man wusste früher mehr über die differenzierte Wesenswelt hinter den Sinneserscheinungen, man hätte nicht sagen brauchen: „eine unbekannte Naturkraft“.  Aber diese Kenntnisse z.B. eines Paracelsus sind verloren gegangen: „Als das Dämmern der Physik zu einem strahlenden Tageslicht wurde, tauchten die geistigen Wissenszweige tiefer und tiefer in Nacht hinab und  wurden dann verleugnet.“ [S.51] „So sind die Ideen der Rosenkreuzer über die Elementargeister, die Kobolde und die Elfen in das ‚Reich der Magie‘ hinab gesunken und zu Feenmärchen der frühen Kindheit geworden.“ [S.52] Wenn die Wissenschaftler weiter auf der Ansicht beharren, dass man diese Wesen nicht erkennen könne, dann dürfe man sich nicht wundern, wenn die spiritistische Bewegung in den sicheren Hafen der römischen Kirche einlaufen werde.

Es ist nicht nur eine Erkenntnisfrage, sondern auch eine Frage an den Willen. Will man eine Erscheinung sehen? Der menschliche Wille muß als Meister der Kräfte gelten. Michael Faraday (1791-1867) und John Tyndall  (1820-1893) hätten sich gerühmt, dass in ihrer Anwesenheit in einem spiritistischen Zirkel sofort jede Manifestation beendet würde. Zeige das nicht gerade, meint  H.P.B., dass der Wille des Einzelnen auch über ihn hinaus reichen könne? Das habe ja auch Jesus Christus erfahren müssen: „Welches Medium kann sich jemals solcher Phänomene rühmen, wie sie von Jesus und nach ihm vom Apostel Paulus hervorgebracht wurden? Und doch stieß selbst Jesus auf Fälle, wo unbewußte Widerstandskraft selbst seinen so gut gelenkten Willensstrom überwältigte. ‚Und er wirkte dort nichts Bedeutendes, wegen ihres Unglaubens.‘“  [S.57] 

Schopenhauers Ideenwelt ist am besten geeignet, die Phänomene zu verstehen. Denn er löst den Gegensatz von Stoff und Geist auf, die es nicht gibt, wie er sagt, und führt ihn auf den Urgegensatz von Wille und Vorstellung zurück, oder auf Wille und Erscheinung. Diese beiden Kräfte, die starke Vorstellungskraft und die Willenskraft machen die Magie erst verständlich: „Wie Gott schafft", schreibt Blavatzky, „so kann der Mensch schaffen. Ist eine gewisse Spannung des Willens gegeben, so werden die vom Gemüt geschaffenen Gestalten subjektiv. Halluzinationen werden sie genannt, obgleich sie für ihren Schöpfer so wirklich sind wie irgendetwas Sichtbares. Wird eine höhere und intelligente Verstärkung dieses Willens gegeben, so wird die Form körperlich, sichtbar, ein Gegenstand; der Mensch hat das Geheimnis der Geheimnisse erlernt; er ist ein Magier.“[S.62]

Nachdem sie den Streit der Gelehrten geschildert hat, spricht sie auch aus, wie sie über die Phänomene denkt: „Wir sind weit von dem Glauben entfernt, dass alle Spirits, die in Zirkeln verkehren, ‚Elemental- und Elementarwesen‘ sind. Besonders unter jenen, die das Medium subjektiv dahin führen zu sprechen, zu schreiben und auf andere Weise zu handeln – sind viele entkörperte, menschliche Spirits. Ob die Mehrheit der Spirits gut oder schlecht ist, hängt in überwiegendem Maße von der Moralität des Mediums ab, viel von dem anwesenden Zirkel, und zu einem großen Teil von der Intensität und dem Gegenstande ihres Vorhabens. Wenn dieser Gegenstand heißt ‚bloße Neugierde befriedigen und die Zeit totschlagen‘, dann ist es nutzlos, etwas Ernsthaftes zu erwarten. Aber in keinem Falle können sich menschliche Spirits in propria persona materialisieren. Diese können dem Forscher niemals mit warmem, festem Fleische, schwitzenden Händen und Gesichtern und grob materiellen Körpern erscheinen. Das höchste, was sie tun können, ist ihre ätherische Widerspiegelung auf den atmosphärischen Wogen zu projeziren, und wenn das Berühren ihrer Hände und Kleidung bei seltenen Gelegenheiten den Sinnen eines lebenden Sterblichen objektiv wird, so wird es als ein vorübergehender Hauch zu fühlen sein, der sanft über der berührten Stelle weht, nicht wie eine menschliche Hand oder ein stofflicher Körper. Es ist nutzlos dafür einzutreten, dass die ‚materialisierten Geister‘, die sich mit klopfenden Herzen und lauten Stimmen gezeigt haben (mit oder ohne eine Trompete) menschliche Geister sind. Die Stimmen, die einst von einer Geisterscheinung gehört wurden, können kaum vergessen werden – wenn ein solcher Ton überhaupt Stimme genannt werden kann. Diejenige eines reinen Geistes ist wie das zitternde Murmeln einer Äolsharfe, das aus einiger Entfernung als Echo ertönt; die Stimme eines leidenden, also unreinen, wenn nicht ganz schlechten Geistes, kann einer menschlichen Stimme ähnlich werden, wie sie etwa aus einem leeren Fasse kommt.“ [S.67-68]

Blavatsky beschreibt dann zwei Fälle von Erscheinungen, bei denen Personen auftraten, aber in eine Lichtsäule gekleidet erschienen, von kaltem Dampf oder Dunst erfüllt. [S.68-69] An diese Beschreibungen schließt sie wiederum eine Art von Bekenntnis an: „Die Schreiberin hat öffentlich bestätigt, solche materialisierte Formen gesehen zu haben. Wir haben das fest und entschieden versichert und sind bereit, das Zeugnis zu wiederholen. Wir haben solche Gestalten als die sichtbaren Darstellungen von Bekannten, Freunden  und sogar Verwandten erkannt. In Gesellschaft vieler anderer Zuschauer haben wir sie Worte aus Sprachen sagen hören, die dem Medium und jedem Anderen im Zimmer nicht vertraut waren, uns ausgenommen, und in einigen Fällen sogar fast oder überhaupt jedem Medium in Amerika und Europa unbekannt waren, denn es waren die Zungen östlicher Stämme und Völker. Seiner Zeit wurden diese Vorkommnisse richtig als entscheidende Beweise für die echte Mediumschaft des ungebildeten Vermonter Farmers  betrachtet, der in dem ‚Kabinett‘ saß. Aber nichtsdestoweniger waren diese Figuren nicht die Formen von Personen, die sie zu sein schienen. Sie waren einfach deren Porträtstatuen, von Elementarwesen erbaut, belebt und gelenkt. Wenn wir diesen Punkt nicht früher beleuchtet haben, geschah es, weil das spiritistische Publikum damals nun einmal nicht bereit war, die Grundwahrheit aufzunehmen, dass es Elementalwesen und Elementargeister gibt.“ [S.69-70]  Schließlich folgt sie noch der Frage, was hinter den Erscheinungen von Tierwesenheiten sich verbirgt.

 

[1] Lateinisch: „Wehe den Besiegten!“

 

3.Kapitel (Band 1)

 

Im 3.Kapitel geht es weiter um die Rechtfertigung des recht verstandenen Spiritismus und die Widerlegung seiner Gegner. Zunächst zeigt Blavatzky dass der König des Positivismus Auguste Comte „des Kaiser neue Kleider“ trägt, dann macht sie auf das schamlose Außerachtlassen von Hunderttausenden von Augenzeugen der Erscheinungen aus einer anderen Welt aufmerksam und schließlich betrachtet sie die Weltanschauung Giordano Brunos, der dem Menschen die Freiheit zusprach, das Höchste zu erkennen und nichts anerkennen wollte, was er nicht selbst erkannt hatte, Darunter fielen auch eine Reihe von Lehrsätzen (Dogmen) der Römisch Katholischen Kirche  und dafür musste er im Jahre 1600 mitten in Rom den Scheiterhaufen besteigen. Vor ihrer klarsichtigen Beobachtung erweisen sich viele meinungsbildende Gelehrte als blinde Führer von Blinden.

Die öffentliche Meinung über die in den ‚Phänomenen‘ anschaulich werdenden unbekannten Naturkräfte und Naturgesetze ist maßgeblich von Menschen geprägt, deren halbwissenschaftliche Bildung gerade soweit reichte, dass alles Übersinnliche für einen wissenschaftlich Gebildeten abzulehnen sei.  Die Folge der Umtriebigkeit dieser sich zu Meinungsmachern aufschwingenden Halbgebildeten ist eine seelische Katastrophe für Millionen Menschen geworden: „Das leere Lachen des wissenschaftlichen Säuglings oder der Mode-Narren hat mehr dazu getan, den Menschen in Unwissenheit über seine königlichen, seelischen Kräfte zu halten, als die Dunkelheiten, die Hindernisse und Gefahren, die sich um die Sache selbst häufen. Dies ist besonders bei spiritistischen Phänomenen der Fall. Dass ihre Erforschung in so hohem Maße auf Unfähige beschränkt worden ist, ist der Tatsache zuzuschreiben, dass Männer der Wissenschaft, die sie studieren wollten und es auch getan haben würden, von den prahlerischen Auseinandersetzungen, den schlechten Spässen und dem unverschämten Geschrei derjenigen abgeschreckt wurden, die nicht würdig sind, ihre Schuhe zu lösen. Es gibt moralische Memmen selbst auf Universitäts-Stühlen.“ [S.75]

Auguste Comtes Positivismus enthält wenig Tatsachenwissen (positives Wissen), sondern er schränkt dasselbe ein auf die Sinneserfahrungen. Jegliche metaphysische Überlegungen und Erfahrungen aus Religion, Philosophie oder gar Mystik lehnten Comte und seine Anhänger ab, was natürlich auch die Ablehnung aller spiritistischen Experimente und deren spiritueller Deutung mit sich bringt. Comte fühlte sich berufen, die Menschheit von allem Aberglauben wegzuführen. Mit geradezu religiösem Fanatismus zerstören die Positivisten alle traditionellen Vorstellungen von der Seele und dem Geist des Menschen und von einem entsprechenden Hintergrund der Welt.

Dieser niederreißenden Grundgeste des Positivismus gerecht zu werden, müsste man ihn eigentlich Negativismus nennen.

Die Begründung für Comtes weltanschauliche Einschränkung des Erkenntnisvermögens ist schlicht. Er kann selbst nichts anderes wahrnehmen als Sinneserscheinungen. Er erklärt sich das, indem er sagt: Die Beobachtung der geistigen Vorgänge im Menschen ist unmöglich, muss daher illusionär sein. Sie ist unmöglich, weil der sich selbst beobachtende Mensch sich in zwei unabhängig voneinander Agierende teilen müßte: in den einen, der denkt, und den anderen, der gleichzeitig ihm von einem gewissen Abstand aus dabei zusieht. Das ist unmöglich. Insofern kann es keine innere Beobachtung des Menschengeistes geben. Diese Begründung hat Philosophiegeschichte geschrieben.[1]

Wenn man dem Menschen abspricht, sich Klarheit über sich selbst als geistiges und seelisches Wesen zu verschaffen, wird die ganze Aufmerksamkeit auf die physische Erscheinung und ihre weltlichen Bedingungen gerichtet sein. Freiheit, Gleichberechtigung, Brüderlichkeit wurden dadurch Ziele, die man als physisch leibliche allein ansehen konnte. Das führte dann zu den unappetitlichen wirren sozialpolitischen Vorstellungen Comtes, die Helena Blavatsky zu Recht geißelt.   

Blavatsky beschreibt dann noch einmal, mit welchen Schwierigkeiten der Spiritualismus heute (1877) zu kämpfen hat: „Die anerzogene Vorsicht einer bestimmten Gewohnheit in der Experimentalforschung, das tastende Fortschreiten von Meinung zu Meinung, das Gewicht anerkannter Autoritäten – alles das erhält einen Konservatismus des Denkens, der natürlich in Dogmatismus ausartet. Der Preis für einen wissenschaftlichen Fortschritt ist nur allzu oft Märtyrertum oder ein Scherbengericht über den Neuerer. Der Reformer des Laboratoriums muss sozusagen die Zitadelle der Gewohnheit und des Vorurteils aufs Korn nehmen. Selten wird selbst nur eine Hintertür von freundlicher Hand offen gelassen. Die geräuschvollen Proteste und unverschämten Kritteleien der Minderwertigen im Vestibül der Wissenschaft kann er , ohne Notiz zu nehmen, vorüber gehen lassen; die Feindseligkeit der anderen Klasse ist ein wahres Verderben, das der Neuerer ins Auge fassen und überwältigen muss.“ [S.84]

Der positivistische Irrweg der Wissenschaft kann aber die Lösung des eigentlichen Rätsels des Menschenwesens nicht voranbringen. Denn seiner eigenen Grundforderung gemäß darf er sich nur mit dem befassen, was positiv (also materiell) gegeben ist. Die Brücke zwischen den Gehirnprozessen und den bewusst gewordenen Gedanken, Gefühlen etc. ist aber nicht materiell noch dem gewöhnlichen Bewusstsein zugänglich. [S.86f.] [2]

Besonders weit fortgeschritten auf dem Wege der Entfremdung von dem wahren Wesen des Menschen war bereits damals  (1877) die Allopathie. Zudem vergaßen die allopathischen Mediziner wie viele Heilmittel sie aus dem Bestand der alten magischen Medizin, der Volksheilkunde u.s.w. übernommen hatten.

 Sie spricht die Überzeugung aus, dass alle diese okkulten medizinischen Erkenntnisse letztlich von den Weisen und Magiern Indiens stammen. Diese Weisen haben es immer für unter ihrer Würde erachtet, bei Fürsten um eine Gunst zu bitten oder gar sich von Menschen ihre Fähigkeiten untersuchen und bestätigen zu lassen, die weit weniger als sie selbst vermochten. [S.90] 

Während die Wundergeschichten der Bibel von den Christen geglaubt würden, werden die magischen Vorgänge z.B. in der Atharva-Veda verächtlich belächelt oder gar als Teufelskunst gebrandmarkt. Doch könne man zeigen, dass viele der östlichen Wundergeschichten denen der Bibel entsprächen.

Auch die hinduistische Kosmologie werde nicht verstanden. [S.91] Blavatzky erzählt dann die Mythe Brahmas, der nicht die zentrale Gottheitz gewesen sei, sondern die schöpferische Gottheit, der Demiurg.  „Im uranfänglichen Zustande der Schöpfung ruhte das rudimentäre Universum, in Wasser versenkt, in dem Busen des Ewigen. Es entsprang aus diesem Chaos und der Finsternis Brahma, der Welten-Architekt, niedergelassen auf einem Lotusblatt, das auf dem Wasser schwankte, und unfähig etwas Anderes als Wasser und Dunkelheit zu unterscheiden[3].  Als Brahma zu sich kommt, spricht er zu sich selbst, bestürzt über den traurigen Zustand der Dinge: Wer bin Ich? Woher kam ich? Er wird dann von einer Stimme aufgefordert, ein Gebet an das Urewige (Bhagavant oder Parabrahma) zu richten. „Brahma erhebt sich aus seiner Geburtslage und setzt sich auf den Lotus in kontemplativer Haltung, worauf er über das Ewige reflektiert, das, von diesem Beweise von Frömmigkeit befriedigt, die urerste Finsternis zerstreut und seinen Verstand öffnet. ‚Darauf geht Brahma aus dem universalen Ei – (unendliches Chaos) als Licht hervor, denn sein Verstand ist jetzt geöffnet, und schickt sich an zu wirken; er bewegt sich auf den ewigen Gewässern,  mit dem Geiste Gottes in sich; kraft seiner Eigenschaft als Beweger der Gewässer ist er Narayana‘.“[S.91]

In genialer Weise erläutert sie darauf die Bedeutung des Lotus in Indien und Ägypten. Auch der Lilienstengel, den der Erzengel Gabriel der Jungfrau Maria vorweist, hat in den Bildern der Verkündigung dieselbe Bedeutung.[4]

Sie spricht dann von der Übereinstimmung der Grundansichten Giordano Brunos mit den Lehren des Pythagoras und der indischen Weisen. Ausführlich zitiert sie die Anklageschrift Zuane Mocenigos. Seinen Worten ist Brunos Überzeugung von der Pythagoreischen Seelenwanderung zu entnehmen, sein Zweifel an den drei Personen der Dreifaltigkeit, seine Überzeugung, dass Christus ein Magier[5] war, ebenso die Apostel. Bruno habe gesagt, es sei eine Gotteslästerung, dass Brot sich in Fleisch verwandle. Ohne den Prozess hier nachzeichnen zu wollen, mag doch wenigstens dies eine  gesagt werden, nämlich, dass Bruno ein Mann war, der seine eigenen Ansichten auch vor dem Inquisitionsgericht vertrat – in der Hoffnung auf Einsicht. Er täuschte sich. H.P.B. macht geltend, dass auch sein Weltbild auf den Erkenntnissen der indischen Weisen beruht. [S.93-98]

 

[1] Daran hat ja philosophiegeschichtlich Franz Brentano angeknüpft. Rudolf Steiner, der eigentliche okkulte Nachfolger Blavatzkys, hat in seiner Philosophie der Freiheit vorgeführt, wie man das Denken beobachten kann und was das für das sich selbst Erfassen der ewigen Individualität  des Menschengeistes bedeuten kann. Siehe auch: Rolf Speckner. Gibt es eine Möglichkeit, die menschliche Wesenheit anzuschauen? In: Chiffren des 20.Jahrhunderts. Im Angesicht des Bösen. Hrsg. von Th. Göbel und H.Zimmermann. Stuttgart. 2000. S.15-23.

[2] Man hat daher immer mehr und mehr den Blick von der Seele des Menschen abgewandt und nur auf deren leibliche Basis geblickt. Die Psychologie, die H.P.B. meint, ist die Beobachtung der seelischen und vor allem geistigen Prozesse  des Menschen, denn im Verlauf dieser Beobachtung geht – bei Erstarkung des Seelenlebens – die wissenschaftliche Beobachtung in Meditation über. An dieser Stelle zeigt sich, dass Rudolf Steiners ‚Beobachtung des Denkens‘, die er in seiner ‚Philosophie der Freiheit‘ eingeführt hat, das ist, was H.P.B. gesucht hat.

[3] Mdme la Chnsse. de Polier. Mythologie des Indous. Roudolstadt – Paris. 1809. Zitiert nach Isis entschleiert 1.Band, S.91.

[4] Diese 2 ½ Seiten [91-93] sind derart bemerkenswert, dass sie allein einen Aufsatz wert wären, denn sie zeigen die weitgehende Übereinstimmung des hinduistischen Schöpfungsmythos mit Rudolf Steiners ‚Geheimwissenschaft im Umriss‘. Das würde aber in der Zusammenfassung zu viel Platz einnehmen.

[5] Aber nicht in dem abfälligen Sinn den das Wort heute angenommen hat, sondern in dem der Bibel, die die Heiligen Drei Könige ja Magioi nennt!

4.Kapitel (Band 1)

Im 4.Kapitel wendet sich Blavatsky den Erklärungsversuchen naturwissenschaftlich geschulter Gelehrter zu, beispielhaft vor allem einer Auseinandersetzung französischer katholischer Schriftsteller mit Protestanten und der Academie Francaise, die in den 50iger und 60iger Jahren des 19.Jahrhunderts viel Aufmerksamkeit gefunden hat. Den Anfang machte 1854 ein Werk des Chevalier Gougenot des Mousseaux: ‚La Magie au 19ième siècle‘[1]. An seine Seite trat der Marquis de Mirville. Sie vertraten die Ansicht, dass die spiritistischen Phänomene Werke des Teufels seien: „Im Sinne der Verfasser war Er, der ‚ein Lügner und Mörder von Anfang war‘, auch die Haupttriebkraft der spiritistischen Phänomene.“ [S.101] Die beiden Autoren haben weder in diesem ersten noch in einer Reihe von anderen Büchern an den hauptsächlichen Phänomenen gezweifelt.[2] Vielmehr haben sie sie genutzt, um, wie sie meinten, eine Biografie des Teufels zu schreiben. Man kann ihn auch Luzifer nennen.  Sie betrachteten die Erscheinung der Schlange im Paradies als ein spiritistisches Phänomen.  Sie war das Medium, durch das der Erbfeind der Menschheit sich meldete. Von dieser Annahme ausgehend, konnten sie viele antike, mittelalterliche und neuzeitliche Vorgänge als Folgeerscheinungen ausmachen. So sammelten sie nun alle möglichen Erinnerungen an derartige Vorkommnisse und Aufzeichnungen solcher Erscheinungen, um zu einer weite Zeiträume umfassenden Übersicht über das Wirken jener unheimlichen Macht zu gelangen. Für den katholischen Glauben, so sahen sie es, spielt der, „der ein Lügner von Anfang an war“, eine zentrale Rolle. Hätte er nicht die Schlange als Medium benutzt, um Adam und Eva seine verführende Botschaft zukommen zu lassen, so wäre das ganze Ereignis der Inkarnation Christi, besonders seines Opfers auf Golgatha, überflüssig gewesen. Der Marquis de Mirville drückte das so aus:

Der Teufel ist der Hauptpfeiler des Glaubens. Er ist eine der großen Gestalten, deren Leben eng mit dem der Kirche verknüpft ist; und ohne seine Rede, die aus dem Munde der Schlange, die sein Medium war, so triumphierend herauskam, konnte der Fall des Menschen nicht stattfinden. Demnach, um des Anlasses willen, den er geboten hatte, gewesen wäre, würde der Heiland, der Gekreuzigte, der Erlöser, nur der Lächerlichste der Überflüssigen sein und das Kreuz wäre eine Beleidigung für den gesunden Menschenverstand.“[S.103][3] H.P.B. hielt die Ansichten der beiden für das getreue Echo ihrer Kirche.[4]

So erkannten die französischen Katholiken die spiritistischen Phänomene als Tatsachen an, nutzten aber, indem, sie sie als Zuchtruten Gottes bezeichneten, für ihre Zwecke aus, und bekämpften die Interpretation der Spiritisten. Wenn unter den Phänomenen auch einige auf Taschenspielertricks beruht haben mögen, hat sie das nicht gestört. Damals berühmte Taschenspieler und Bühnenzauberer wie Houdin, Comte und andere hat die Kirche in Ruhe gelassen, stellt Blavatsky fest, aber: „während sie solche Männer wie Paracelsus, Cagliostro und Mesmer, die hermetischen Philosophen und Mystiker verfolgte – und wirksam jede echte Manifestation okkulter Natur verhinderte, indem sie den Vermittler tötete.“[S.100]

Schon 1854 fühlte sich der Calvinist A. de Gasparin gedrängt, gegen die beiden katholischen Schriftsteller aufzutreten. Er wollte „den Handschuh aufnehmen und die protestantische Flagge hochwehen lassen gegenüber dem ultramontanen Banner.“ [5] [S.102] Schon an dem Eifer für die protestantische Sache wird deutlich, dass auch er seinen Parteiinteressen dienen wollte. Nur die, deren Aufgabe es eigentlich gewesen wäre, auf die großen Fragen, die die spiritistischen Tatsachen aufwarfen, mit größter Objektivität einzugehen, die Wissenschaftler, schwiegen meistenteils.

De Gasparin, Mitglied der Academie, erkannte immerhin: „Das Problem des Übersinnlichen, wie es im Mittelalter stand und wie es jetzt ist, findet man nicht unter der Zahl jener Probleme, die hintanzusetzen uns gestattet ist; ihre Tragweite und Größe entschlüpfte unserer Beachtung nicht. …. Alles daran, das Üble und das Heilende, ist tief ernst, das Wiederauftauchen des Aberglaubens und die physische Tatsache, die dazu bestimmt ist, jene zu besiegen.“[6]

A.de Gasparin hatte die Empfindung, dass das gleichzeitige Auftreten so vieler Phänomene auf einen besonderen Augenblick der Geschichte hindeute. Er meinte, man müsse die Phänomene des Spiritismus in den Beobachtungsbereich der Psychologie und Physik aufnehmen: „Entweder muss die Naturwissenschaft einwilligen, dass sich ihr Reich ausdehne oder das Reich des Übernatürlichen wird soweit vergrößert werden, dass es keine Grenzen mehr hat.“[7] [S.101]

De Gasparin griff das Thema von der Seite des Tischerückens und damit verwandter Phänomene auf wie z.B. Klopfgeräusche am Tisch. Seine Beschreibung der Phänomene ist umfangreich: Tische, um die ein Kreis von sitzenden Menschen eine Kette gebildet haben, drehen sich – mal langsam, mal schnell. Tische stehen auf einem Bein. Tische schweben über den Umsitzenden, sie werden hochgeworfen und fallen umgedreht wieder herab, so dass sie auf der Tischplatte zu liegen kommen. Manchmal sitzt sogar ein Mensch auf der Platte, wenn sie hochgehoben wird (bis 87kg) und der Tisch hebt sich trotzdem. 

De Gasparin wollte das religiöse Lager widerlegen und legte daher großen Wert darauf, dass alle Phänomene natürlich erklärbar seien. Man hatte allerdings damals schwere eichene Tische und manchmal hatte man sie sogar am Fußboden festgeleimt. Nichts hinderte den Tisch, wenn die Kette um ihn geschlossen war, sich zu drehen, zu hüpfen, zu schweben und Klopfgeräusche hören zu lassen. De Gasparin erklärte nun, die Ursache dieser Bewegungen seien kleine unbewußte Bewegungen der Finger, die den Tisch nach und nach in Bewegung versetzten und darin erhielten. Die klopfenden Geräusche, manchmal so laut wie Pistolenschüsse, interpretierte er als unbewußtes „Bauchreden“.  So machte er im Verein mit dem Schweizer Astronomen Babinet die Wissenschaft lächerlich. Gasparin stellt auch Betrachtungen darüber an, welche Grundbedingungen erfüllt sein müssen, damit eine wirkung auf die Entfernung stattfinden kann: er meint, es wäre nötig, „dass der Wille bei gewissen Zuständen des Organismus auf untätige Materie aus der Entfernung wirken kann.“ [S.108-109] Darauf geht H.P.B. ein und formuliert ihrerseits: „Obiges beweist nur, dass de Gasparin keinen Unterschied zwischen rein magnetischen Erscheinungen macht, die vom beharrlichen Wollen der Beisitzer erzeugt werden, unter denen vielleicht nicht ein einziges Medium ist, sei es entwickelt oder nicht, und den sogenannten spiritistischen. Während die ersteren von fast jeder Person bewußt hervorgebracht werden können, die einen festen und entschlossenen Willen hat, überwältigen letztere einen Empfänglichen sehr oft gegen seine eigene Zustimmung und handeln unabhängig von ihm. Der Mesmeriseur will etwas, und wenn er mächtig genug ist, geschieht es. Das Medium dagegen, hätte es selbst einen ehrenhaften Zweck zu verfolgen, kann überhaupt keine Manifestationen erhalten; je weniger es seinen Willen wirken lässt, desto besser die Erscheinungen: je ängstlicher es sich fühlt, umsoweniger wird es, wahrscheinlich, etwas erreichen. Mesmerisieren erfordert eine aktive Natur, dagegen ein Medium zu sein, eine vollständig passive. Dies ist das Alphabet des Spiritismus, und kein Medium ist hierin unkundig.“ [S.109]   

Da den Naturforschern die Natur der Kräfte, die bei solchen Experimenten am Tisch auftraten, nicht bekannt ist, geben sie den Kräften verschiedene Namen wie z.B. „Psychode“ (William Crookes) oder „ektenische Kraft“ (Prof. Thury, Genf). H.P.B. meint dazu, dass die Kräfte dieselben seien und dass sie unter dem Namen Akasa den Gymnosophisten, Hindu Magiern und Adepten aller Länder schon immer bekannt waren.[8]

Zu der Annahme, dass die Phänomene aus den Kräften des menschlichen Inneren stammen, bemerkt sie: mal seien es eher äußere Kräfte, mal mehr innere Kräfte: „In vielen Fällen von Trance, die künstlich durch Mesmerisieren erzeugt wird, ist es auch ganz gut möglich, sogar ganz wahrscheinlich, dass es der ‚Spirit‘ des Subjektes ist, der nach dem Willen des Operateurs handelt. Aber, wenn das Medium bei Bewußtsein bleibt, und psychophysische Erscheinungen auftreten, die auf eine lenkende Intelligenz hinweisen, dann kann physische Erschöpfung nichts anderes als Nervenerschlaffung bedeuten, solange nicht zugestanden wird, dass es ein ‚Magier‘ ist und der seinen Doppelgänger projizieren kann. Der Beweis scheint folgerichtig, dass es das passive Instrument unsichtbarer Wesen ist, welche über okkulte Kräfte verfügen.“ [S.113][9]

 Am Ende seines katholischen Opus fasst de Mirville seine Kritik an den wissenschaftlichen Größen zusammen, indem er deren seltsame Aussagen pointiert zusammenstellt:

1. Faraday erklärt das Tischphänomen dadurch, dass „der Tisch uns stößt in Folge des Widerstandes, der ihn zurückstößt“,

2. Babinet erklärt die Mitteilungen durch Klopflaute, indem er sagt, sie geschähen „in gutem Glauben und bei vollkommenem Bewusstsein, korrekt in jeder Art und Weise – durch Bauchreden“. Dabei setzt der Gebrauch dieser Fähigkeiten notwendig Unehrlichkeit voraus.

3. Dr. Chevreuil erklärt die Fähigkeit, Möbelstücke ohne Berührung zu bewegen dadurch, dass diese Fähigkeit vorher erworben sein müsse.

4. Das Institut Francaise erklärt sich bereit, Wunder anzuerkennen auf der Grundlage, dass sie in keiner Weise den Naturgesetzen widersprechen, die dem Institut bekannt sind.

5. De Gasparin führt als sehr einfaches und vollkommen elementares Phänomen gerade das an, das sonst jeder verwirft und zwar gerade, weil nie jemand etwas Ähnliches sah. [S.116]

 

 

[1] Gougenot des Mousseaux: ‚La Magie au 19ième siècle‘, ses agents, ses vérités, ses mesonges‘. Paris. 2.Aufl. 1860. 439 S.

[2] Gougenot des Mousseaux. Moeurs et pratiques des démons ou des esprits visiteurs d’apres les autorites de l’eglise, les auteurs paiens, les faits contemporains, etc.. Paris. 1854. 404 S. – Gougenot des Mousseaux chevalier. Les mediateurs et les moyens de la magie. Les hallucinations et les sants. Le phantom humain et le principe vital. Paris. 1863. 447 S.

[3] Aus Marquis J.E. de Mirville. Pneumatologie. Des esprits et de leurs manifestations diverses. Bd. 1-6, Paris 1863-68. Hier Bd. …. S.4 Zitiert nach ‚Isis entschleiert‘, Bd,1, S. 103. Übersetzung schlecht! Der Verfasser hat statt „wenn es nicht für ihn war“ eingesetzt: „wenn es nicht um des Anlasses willen war, den er geboten hatte.                                                                                                                                                

[4] Gougenot de Mousseaux wurde auch zum Abbé Henri Roger ernannt. Diesen Titel hatte er spätestens als er 1863 die Vita des Nicole de Verisus von 1566 wieder veröffentlichte, die unter dem Namen „Roger Abbé J.“ erschien.

[5] A. de Gasparin. Des Tables tournantes. Bd.II, S.521. Nach Isis entschleiert, Bd.1, S.102.

[6] A. de Gasparin. Avant propos, S.12 und 16. Nach ‚Isis entschleiert‘, Bd.1, S.101.

[7] A. de Gasparin. Des tables tournantes, du surnaturel en général et des esprits. 2 Bde. Paris 1854. XXIV, 564 und 579 S., hier Bd. I S.244. Nach Isis entschleiert, Bd. 1, S.101. 

[8] Gymnosophisten sind diejenigen, die durch Leibesbewegungen weise geworden sind: die Yogis.

[9] H.P.B. beschreibt hier in trockenen Worten, was sie während ihrer Lehr- und Wanderjahre auf dem Balkan als Zeuge unmittelbar beobachten konnte. Vgl. Kapitel ……

[10] Sokrates Gespräch mit Theages. In:

[11] Von der Sonne strömen demnach Lichtäther, Lebensäther und Chemischer Äther, wie es auch Rudolf Steiner lehrt.

[12] 1.Mose, Kap.3, Vers 15.

[13] Lukas 4, Vers 5-8.

[14] Die Antwort lautet: „Es steht geschrieben (5.Mose, 6. Kapitel): Du sollst Gott Deinen Herrn anbeten und ihm allein dienen“

[15] Matthäus 4,3: “tentator dixit ei”. Das Verb tempto hat nach Langenscheid einen Stamm temp-, der soviel bedeutet wie „spannen, tastend ausstrecken“, dichterisch wird es auch im Sinne von „nach etwas strecken, etwas erspähen, sich an etwas wagen“ gebraucht.

[16] Markus, 5, 1-20; Matthäus 8, 23-24; Lukas 8, 26-33.

[17] Eliphas Lévi. Dogme et rituel de la haute magie. Leider fehlt eine genaue Seitenangabe. H.P.B. wird den Text richtig ins Englische übersetzt haben. Wenn auch die Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche zutrifft, enthält der Text Lévis folgende zentrale Gedanken: Der Mensch muss sich zum Herrn seiner selbst machen. Ihm steht als Gegner nicht ein Teufel gegenüber, sondern eine blinde Kraft. Bezwingt er sie nicht, fällt er in den Ursprungszustand des Menschseins zurück. Der Eingeweihte soll diesen blinden Willen benutzen und „von ihm nehmen, was er nur mag.“ Der Teufel ist kein Wesen. Er ist ein verderblicher Strom, der von den Wünschen des Individuums gebildet wird. – Unabhängig von der Frage der Wesenhaftigkeit der Dämonen, ist der zentrale Gedanke doch wohl der: Nichts kann den Menschen daran hindern, er selbst zu werden, als er selbst. Es sind die Wirkungen seiner törichten und irrtümlichen Gedanken und Handlungen, die ihn umlagern und hindern. Diese glaubt er nur allzu gern einem fremden Wesen zuschreiben zu können.

[18] Zwischen den ätherischen Bildekräften und dem physisch festgewordenen gibt es eine Grenze, an die das wellend bewegte fortwährend anschlägt, manchmal spritzt die Gischt hoch auf wie an den Steilufern von Tintagel. Dort an der Grenze vom Ätherischen zum Physischen gingen die drei Wesen spazieren und fanden zwei unorganisch lebendige Körper. Es handelt sich also gemäß H.P.B. um Wesen, die z.T. einen ätherischen Leib als unterstes Glied haben (Odin), z.T. einen Astralischen Leib (Hönir) und z.T. ein rein geistiges Wesensglied (Lodur). Zusammen wirken diese Wesen am weiteren Wesensaufbau der  Menschengestalt entscheidend mit, empfangen aber die beiden Stäbe von anderen Wesen, die vor ihnen schon schöpferisch tätig waren.

[19] Der Begriff „Materie oder unorganisches Leben“, dem wir schon vormals begegnet sind, will ausdrücken, dass auch die mineralische Welt ein verborgenes Leben führt. Den Substanzen eignet ein zu ihnen gehöriges ichhaftes Wesen, das nur seinen Leib nicht mit Lebenskräften hat durchdringen können. Dieser Leib, das sichtbare Mineral, hat unorganisches Leben.

5.Kapitel (Band1)

 

Im 5.Kapitel geht es um den Äther oder das Astrallicht, welches H.P.B. sehr nahe an die Elektrizität heranrückt: „Das Chaos der Alten, Zoroasters heiliges Feuer, das Hermesfeuer, das Elmsfeuer der alten Germanen….“ – es folgen an die dreißig weitere Namen für substanzartige oder fluidale Wirksamkeiten der unsichtbaren Welt – „Galvanismus, und schließlich Elektrizität – alle sind nur verschiedene Namen für viele verschiedene Offenbarungsformen derselben geheimnisvollen Alles durchdringenden Ursache … .“[S.125]

Als besonders rätselhaft, ja vielleicht lächerlich, wird der heutige Leser die Einordnung der galvanischen und elektrischen Erscheinungen in die lange Reihenfolge „fluidaler“ Prozesse und Wirkungen empfinden. Der Galvanismus ist jene mit der Entfaltung eines elektrischen Stromes verbundene Wirkung, die auftritt, wenn zwei ungleichartige Körper einander berühren. Er ist das Grundprinzip, das zur Voltaschen Batterie führte.

Während H.P.B. das Buch zu Papier brachte, also 1875-77, erfand Graham Bell 1876 das Telefon und Thomas Alpha Edison konstruierte im selben Jahr das Kohlenkörner Mikrofon zur Vervollkommnung desselben. Ein Jahr später erfand Edison den Phonographen, die Urform des Plattenspielers, und 1897 die Kohlenfadenlampe, die Urform der Glühbirne. Was H.P.B. über die Elektrizität und deren Verhältnis zu den Ätherkräften geschrieben hat, geschah also zu einer Zeit, als die Elektrizität gerade erst begann, ihren Siegeslauf über die ganze Welt anzutreten und noch – zurecht – als etwas Geheimnisvolles angesehen wurde. Edison war Mitglied der Theosophischen Gesellschaft und so erfahren wir durch H.P.B., dass Edison damals gerade eine neue Kraft entdeckt habe, deren Natur ihm selbst noch unklar sei. Blavatsky meint, diese werde „ein Kind der zahlreichen Familie sein, das von unserer kabbalistischen Mutter, der Astraljungfrau, seit Anfang der Zeit geboren wurde.“ [S.126] Wie Edison darüber gedacht hat, ist mir nicht bekannt. Ich muss mit Kapitel 5 der ‚Isis‘ anders verfahren als bisher, denn man versteht es nur, wenn man sich in die naturwissenschaftliche und technische Welt von 1876 zurückversetzt und berücksichtigt, wie man damals in verschiedenen Kreisen über die Elektrizität dachte.

Für uns sind Telefon, elektrischer Strom, Glühbirnen, Kühlschränke, usw. etwas so selbstverständliches, dass wir uns über den rätselhaften Charakter und Ursprung der Elektrizität keine Gedanken mehr machen. Es gibt sie halt. 1876-77 gab es noch kein Elektrizitätswerk und man war sich der Entstehungsbedingungen, unter denen Elektrizität hervortritt, viel bewusster. Natürlich ist dem Verfasser die weltanschauliche Vorstellung, dass der Strom aus Elektronen besteht, und dass entweder die Elektronen oder die Elektronenlöcher im Metall-Leiter wandern, bekannt. Auch der Millikan’sche Öltröpfchenversuch und die scheinbar notwendige Folgerung der Portioniertheit der elektrischen Ladung daraus kennt er. Wenn ich mich allerdings frage, was das elektromagnetische Feld eigentlich ist, das um den Leiter herum Kraftwirkungen ausübt, gerate ich in Erklärungsnöte. Dass man die Stärke des Feldes, Wirkungsrichtung usw. beobachten und berechnen kann, ist mir bekannt. Für den technischen Umgang mit der Elektrizität mag das reichen. Aber wieso induziert das Feld eines Magneten, wenn er um einen Draht bewegt wird, einen Strom in dem Leiter (Dynamo)? Das elektrisch magnetische Feld besteht nicht aus Elektronen oder magnetischen Partikeln, sondern es handelt sich ausschliesslich darum, dass etwas, was mit dem magnetischen Metall verbunden ist, über dessen räumliche Ausdehnung hinübergreift und eine Fernwirkung erzeugt, ohne dass mit Sinnesaugen ein vermittelndes Agens zu beobachten wäre. Dasselbe gilt für die allgemeine Anziehungskraft der Stoffe aufeinander, die man Gravitation nennt. Niemand weiß, wie es die Erde macht, dass sie uns anzieht. Beschreibt man die Vorgänge so, wird deutlich, dass sich Magnetismus und Elektrizität so verhalten wie sich ein Magier verhält: auch er greift über seine leiblichen Raumesgrenzen hinaus und wirkt in anderes Wesenhafte hinein und bestimmt es oder versucht es wenigstens. Es handelt sich bei den magnetischen und elektrischen Vorgängen also nicht um mechanische Geschehnisse, sondern vom phänomenologischen Standpunkt aus, der sich noch nicht in des Netz des Materialismus hat verstricken lassen, um magische.

Hier muß einer bedeutenden Persönlichkeit gedacht werden. H.P.B. war vertraut mit den Untersuchungen und Heilanwendungen von Magneteisenstein durch den Arzt Franz Anton Mesmer (1734 – 1815). Mesmers frühe Auseinandersetzung mit den Ansichten des Paracelsus ließen ihn zur Überzeugung gelangen, dass die Sterne die Gesundheit und die allgemeine Kondition des Menschen beeinflussen – und zwar vermittels eines „subtilen und unsichtbaren Fluidums“. Zumindest eine Offenbarung dieses „subtilen und unsichtbaren Fluidums“ glaubte Mesmer im Magnetismus und in der Elektrizität erkennen zu können. Neben den tatsächlichen Wirkungen des Magneteisensteins spielten bei seinen Behandlungen – der Begriff ist hier wörtlich zu nehmen – auch seine eigenen ätherischen oder anderen fluidalen Ausströmungen eine wichtige Rolle. Die Behandlungen, das Magnetisieren oder Mesmerisieren, führte er durch, indem er den Leib des Leidenden den Wirkungen des Magnets aussetzte, z.T. auch durch Handauflegen. Der Leidende wurde dabei in starke Kataklysmen versetzt, war dann aber nach der Behandlung ganz gesund.

Seine Erfolge in Wien machten ihn in ganz Europa bekannt. Mesmer kam nach einiger Zeit zu der Ansicht, dass es nicht nur der Magneteisenstein war, sondern, dass die Wirkungen hauptsächlich von seinem eigenen Leib ausgegangen wären, aber durch den Magneten verstärkt würden. Freunde forderten ihn schließlich auf, Heilungen ohne Berührung seiner Hände und sogar durch eine Wand hindurch, also getrennt vom Patienten, durchzuführen. Auch das gelang. Von da an berührte er seine Patienten kaum noch, höchstens mit Hilfe eines Stabes oder eines anderen magnetisierten Objektes.

Für den Verfasser der ‚Entschleierten Isis‘ war Mesmer so etwas wie ein Kronzeuge für die geistigen Hintergründe des Magnetismus und der Elektrizität. Die Bezugnahme auf Mesmer durchzieht die ganze ‚entschleierte Isis‘ Blavatskys.

Mesmer sprach von einem animalischen Magnetismus, der das ganze Universum durchziehe. Deshalb bezeichnete er auch seine Behandlungen als ganz natürliche Vorgänge. Für ihn waren es bislang unentdeckte Naturkräfte, deren der Mensch lernen müsse sich zu bedienen. 1778 wurde Mesmer in Wien der Zauberei bezichtigt und so musste der Schwabe vom Bodensee Österreich verlassen. Auch in Paris, wohin er sich noch im selben Jahr gewendet hatte, ereilte ihn nach einigen Jahren ein ähnliches Schicksal. Nachdem er zunächst hoch geehrt und sogar vermögend geworden war, brachten ihn die ärztlichen Konkurrenten in den Ruf eines Scharlatans und Betrügers. Eine 1784 von staatlicher Seite einberufene Kommission von Ärzten und Wissenschaftlern, darunter Benjamin Franklin, kam zu einem ungünstigen Ergebnis und Mesmer zog sich nach Versailles ins Privatleben zurück. Eine Zeit lang lebte er in der Schweiz bevor er 1814 an den Bodensee zurückkehrte, wo er am 5.3.1815 in Meersburg starb.

Nach meinem Exkurs zu F.A.Mesmer und den nichtsinnlichen Seiten der Elektrizität, der ja auch eine bemerkenswerte Beziehung H.P.B.s zu mitteleuropäischer Geistigkeit verdeutlicht, wenden wir uns wieder Helena Blavatzkys Kapitel zu. Sie versucht im Weiteren nachzuweisen, dass die besonderen Ausdrucksformen des Alles durchdringenden Fluidums schon den Weisen der alten Ägypter und Griechen bekannt waren. Dazu führt sie zunächst einzelne Zeugnisse an, die man so verstehen kann, dass sie auf ähnliche Einrichtungen wie Telegraphen oder Telefonleitungen in der Antike hinweisen. [S.127-28]

Vorgänge, die als Wunder verstanden werden mussten, solange man die Wirkungen des Fluidums des Astrallichtes nicht kannte, erscheinen Blavatsky ganz natürlich. Die Wunder waren „um bei Moses zu beginnen und bei Cagliostro zu endigen“ mit den natürlichen Vorgängen und Gesetzen in Übereinstimmung. „Daher waren sie keine Wunder.“ [S.128]

„Die Thaumaturgen aller Zeiten, aller Schulen und aller Länder taten Wunder, weil sie vollkommen vertraut waren mit den …. Wogen des Astrallichtes.“ Das rhythmische Wogen des Astrallichtes ist die geheime, den äußeren Sinnen verborgene Innenseite der Natur. Von diesem Gesichtspunkt verstehen wir ihre zentrale Aussage: „Mesmerismus ist der wichtigste Zweig der Magie, und seine Erscheinungen sind die universellen Wirkungen des Agens, das aller Magie zu Grunde liegt und zu allen Zeiten die sogenannten Wunder hervorgebracht hat.“ [S.129]

Man glaubt, der Magnet habe seinen Namen von der Stadt Magnesia in Thessalien, in deren Umkreis diese Steine in Menge gefunden werden. Es sei aber umgekehrt. Der Magnetstein habe seinen Namen von den Weisen, den Magioi, die damit arbeiten und heilen können. Und von dem Stein habe die Stadt ihren Namen. Nicht nur die Eingeweihten und Weisen, sondern auch beispielsweise Theages, ein 17jähriger Schüler des Sokrates, fühlte den magischen Einfluss, der in Theages Fall von Sokrates Leib ausging: „Wenn ich in Deiner Gesellschaft war, machte ich Fortschritte, selbst wenn ich nur in demselben Hause war, obgleich nicht in demselben Raume; aber mehr, wenn ich in demselben Raume war, und viel mehr, wenn ich dich sah. Aber bei weitem die meisten Fortschritte machte ich, wenn ich neben Dir saß und Dich berührte.“[1] [S.131] In der Antike waren demnach die magnetischen Wirkungen des Steines wie auch die animalisch-magnetischen Ausflüsse besonders entwickelter Menschen allgemein bekannt.

Von hier aus kann man auch die berühmte französische Schule des Magnetismus und Mesmerismus verstehen. Es war ein französischer Arzt, der auf dem Balkan das detailliert von H.P.B. geschilderte Experiment durchführte, den Doppelgänger eines jungen Mädchens an den Wiener Hof zu entsenden, um dort eine Mordtat zu sühnen. Hier schreibt Blavatzky: Die französischen Meister wie du Potet „können ihre Gedanken selbst auf Entfernung entsenden und jemand mit unwiderstehlicher Macht zwingen, ihren Mentalbefehlen zu gehorchen, sobald sie eine Person ihrem fluidischen Einflusse unterworfen haben.“ [S.131]

Mit dem Alles durchdringenden Fluidum setzten die Griechen den Herkules gleich. „Herkules ist auch die Sonne – der himmlische Speicher des universalen Magnetismus; oder noch besser, Herkules ist das magnetische Licht, das, wenn es seinen Weg „durch das geöffnete Auge des Himmels gemacht hat, in die Regionen unseres Planeten tritt und so der Schöpfer wird. Herkules, der tapfere Titan, macht die zwölf Arbeiten durch!“ [S.131-32]

Die volkstümlichen Schöpfungslehren enthalten dieses Gebildetwerden der Erde durch die aus der Sonne strömenden kosmischen Fluida, die aus dem von Herkules durchwanderten Tierkreis stammen, nicht. Aber sie enthalten das Bildnis der flüssig bewegten chaotischen Schicht, die über der finsteren Erde liegt. Dies Bild taucht in verschiedenen Formen überall in der Welt auf. „Was ist das uranfängliche Chaos anders als der Äther?“, fragt Blavatsky. [S.134] Und diese über der Erde liegende Schicht – was ist sie anders denn das Ende der aus der Sonne herabfließenden Fluida?

Sie beobachtet dann weiter, dass das Licht an den Rändern des Spektrums verschiedene Wirkungen entfaltet. Während das blaue und violette Licht chemische Veränderungen hervorbringt und auch belebend auf Tiere und Pflanzen wirkt, haben die gelben und gelbroten Farben keine solche Wirkung. Sie beobachtet also neben Licht und Wärme lebensfördernde und bis ins Chemische eingreifende Wirkungen und führt beide auf das Universale, das durch die Sonne herunterfließt, zurück. [136-37][2]

Noch einmal erinnert sie uns an die magischen Kräften des Menschen, der sich die Naturmagie untertan machen müsse. Eliphas Lévi beschreibe das wie folgt: „Wir haben gesagt, dass zwei Dinge nötig sind, um magische Macht zu erwerben: den Willen von aller Knechtschaft zu befreien und ihn herrschen zu üben.“ [S.137] Der Herrscher-Wille, sagt Eliphas Lévi weiter, werde symbolisch durch das Weib, das der Schlange den Kopf zertritt dargestellt[3], auch durch den glänzenden Engel, der den Drachen bändigt und ihn unter seinem Fuß und seiner Lanze hält, und er zählt viele weitere Symbole für diesen ichhaften Herrscher-Willen auf.

Lévi weiter: „Aber in Wirklichkeit ist es die blinde Kraft, die die Seelen erobern müssen, um sich von den Banden der Erde zu befreien; denn, wenn ihr Wille sie nicht von dieser verhängnisvollen Anziehung freimacht, so werden sie von dieser Kraft in die Strömung gezogen werden, die sie erzeugte, und werden zum Zentral- und ewigen Feuer zurückkehren.“

Den Kampf, den der Mensch auszufechten hat, schildert Eliphas Lévi sehr umfangreich. An der zitierten Stelle sagt er: „Alle magischen Wirkungen bestehen darin, sich von den Windungen der alten Schlange frei zu machen; dann den Fuß auf ihren Kopf zu setzen und sie nach dem eigenen Willen zu lenken. ‚Ich will dir alle Königreiche der Erde geben, wenn Du niederfällst und mich anbetest.‘[4] Der Eingeweihte“, fährt Lévi fort, „sollte antworten: Ich will nicht niederfallen; aber Du sollst zu meinen Füßen kriechen. Du willst mir Nichts geben; aber ich will dich benutzen und nehmen, was ich nur wünschen mag. Denn ich bin dein Herr und Meister! Dies ist die wahre Bedeutung der doppelsinnigen Antwort, die von Jesus dem Versucher zu Teil wurde.[5] … Also der Teufel ist kein Wesen. Er ist eine herumirrende Kraft, wie der Name bedeutet.[6] Ein odischer oder magnetischer Strom, der von einer Kette (einem Kreise) verderblicher Wünsche gebildet wird, muss diesen bösen Geist schaffen, den das Evangelium Legion nennt, ‚der eine Herde Schweine ins Meer jagt‘[7] – eine andere Allegorie des Neuen Testaments, die darauf hinweist, wie die niedrigen Naturen von den durch Irrtum und Sünde in Bewegung gesetzten, blinden Kräften über Hals und Kopf ins Verderben getrieben werden können.“[8] [S.138]

Dann führt sie eine Reihe von Beispielen indischer Fakire an, die die von dem „Magnetismus“ der Sonne hervorgebrachten Wirkungen auch zu vollbringen vermögen, aber aus der Kraft ihrer übersinnlichen Leiber: sie können durch die Kraft ihrer Hände Pflanzenkeime schneller wachsen lassen. Sie können einen Menschen durch ihren Gedanken in reglose Starre übergehen lassen. Sie können eine unsichtbare Grenze aufrichten, die ein von ihnen Beherrschter nicht überschreiten kann u.s.w. Sie üben also die Lebenskräfte erhöhende und verringernde Kräfte aus. Die Wirkungen, die der Magie der Sonnenkräfte entsprechen, tragen sie individualisiert in sich.

Auch können sie ihren Willen ohne sichtbaren Zwischenträger anderen Wesen aufzwingen. Nur durch einen Gedanken – ohne ihm mit Worten oder Zeichen etwas bedeutet zu haben – können sie einem von ihnen Beherrschten einen Gedanken eingeben und dieser führt ihn sofort aus. Sie dringen also auch in den Bereich des sonnenhaften Denkens ein und herrschen dort, wo eigentlich das Freiheitslicht sein ewiges Wohnrecht hat.

Neben der Herabdämpfung des Bewusstseins, die der Vorbote derartiger Zugriffe ist, tritt oftmals eine erstaunliche Schärfung der Sinne ein. Gemeint sind die Sinne als Seelentätigkeiten innerhalb und außerhalb der ihnen dienenden Werkzeuge (Organe). Die Wahrnehmungstätigkeit wird vielfach befördert, auch die der übersinnlichen Sinnesorgane.

Das ist möglich, „weil die Vernunft sich nur auf Kosten und mit dem Verluste des natürlichen Instinktes entwickelt und eine langsam auf Grund logischer Übungen entstehende chinesische Mauer ist, die schließlich die geistigen Wahrnehmungen des Menschen… absperrt.“ [S.145] Wird die Tätigkeit des Verstandes herabgedämpft, so öffnen sich die alten Quellen übersinnlicher Wahrnehmung wieder. Manchen Menschen ist es in diesen Zuständen möglich, Blicke in die Vergangenheit und Zukunft zu werfen. Schließlich zeigt sie auf, dass verschiedene Weltschöpfungsberichte der Mythen mit dem „Alles durchdringenden ‚Fluidum‘“ rechnen. Diese übereinstimmenden Berichte stammen aus derartigen Rückblicken in die Vorzeit.

Besonders umfangreich behandelt sie hier die germanischen Mythen. Wie die Bibel hat auch die Edda zwei Schöpfungsberichte. In der Völuspa, schreibt sie, „wird der Phantom-Keim [„phantom-germ“] des Weltalls als im Ginnungagap - oder dem Becher der Illusionen, einem schrankenlosen und leeren Abgrund, liegend dargestellt.“ [S.147] Niflheim tropfte einen Strahl kalten Lichtäthers hinein, der darin gefror. Dann sandte der Unsichtbare einen versengenden Wind, der die gefrorenen Gewässer auftaute und den Nebel auflöste. Die Wasser, die daraus wurden, destillierten in belebenden Tropfen. Beim Herabfallen schufen sie die Erde und den Riesen Ymir, „der nur den Wesenschein (die Gestalt des Menschen?) [the semblance of man] eines Menschen hatte.“ [S.147]

Ich möchte diesen Prozeß, den Blavatzky deutlich als einen Vorgang, bei dem verschiedene Wesen nacheinander Opfer bringen, darstellt, kommentierend wiederholen: Wenn etwas neues entstehen soll, muß zunächst ein Raum zur Verfügung gestellt werden, in dem dies Neue seinem Wesen gemäß werden kann. In diesem Bereich, der nicht von den Wesenskräften anderer Hierarchen durchdrungen sein darf, wird dann etwas hineingeopfert. Ein Strahl kalten Lichtes wird hinein gegeben. Ist das Intelligenz, die noch keine liebende Bewegtheit, keine Ideale, kennt? Nun kommt als nächstes der versengende Wind, der die gefrorenen Wasser in Flüssigkeit verwandelt und die Flüssigen verdunsten lässt. Dieses Wasser in der Luft destilliert wieder zu belebenden (vivifying) Tropfen. Indem diese Tropfen „herabfielen“, d,h ,,indem sie aus dem Bereich der sie bis dahin tragenden Wesen ausgeschieden wurden, entstanden die Erde und der Riese Ymir.

Blavatsky folgt der Erzählung weiter und vergleicht sie dabei mit den Erzählungen der Hindus und mit der Genesis. Der Riese Ymir liegt im Schlaf und schwitzt gewaltig. Der Dunst bewirkt, dass aus seiner linken Armhöhle ein Mann und dessen Frau hervorgehen und aus dem Spiel seiner Füße deren Sohn. Es entsteht eine Rasse böser und verderbter Menschen, die Hrimtursen oder Reifriesen. Parallel dazu entsteht die Kuh Audhumbla, die durch ihr Lecken Burs aus dem Salz der Steine freilegt.

Die Hindus erzählen, Da die zuerst geschaffenen beseelten Wesen zum Leben auf der Erde ungeeignet waren, schuf Brahma die Daints (Riesen), die aber auch noch nicht geeignet waren die Erde zu bewohnen. Deshalb setzt Brahma nochmals an: „Aus seinem rechten Arm schafft Brahma Raettris, den Krieger, und aus dem linken Schaterany, Raettris Weib. Dann kommt ihr Sohn Bais aus dem rechten Fuß und sein Weib Basang aus dem linken.“

Bei der Erzählung der zweiten Schöpfungsgeschichte der Edda fanden Odin, Hönir und Lodur am Meeresstrande wandelnd zwei Stäbe, die auf den Wellen schwammen „machtlos und ohne Bestimmung“.[9] Daraus machten die Götter zwei Menschen, die sie Ask und Embla nannten. Die Gaben der Götter an die Stäbe interpretiert Blavatzky wie folgt: „Odin hauchte in sie den Lebensodem; Hönir stattete sie mit Seele und Bewegung aus; und Lodur mit Schönheit, Sprache, Gesicht und Gehör.“ Sie empfangen so von ihren Schöpfern „Materie oder unorganisches Leben[10], Gemüt oder Seele, und reinen Geist“. [S.152] Die erste Gabe entspricht dem Teil ihres Organismus, der von den Resten Ymirs, dem Riesen ‚Stoff‘ herkommt, die zweite Gabe von den Asen oder den Göttern, welche als Nachkommen Burs gelten, und die dritte Gabe von Vanr oder dem Vertreter des reinen Geistes. Auch diese Geschichte hat ihre Parallelen in Indien, ja sogar in Tibet.

Gerne überlässt H.P.B. den Männern der exakten Wissenschaft die Erforschung des physischen Ursprunges der Menschheit, soweit es deren physische Leiber betrifft. “Keiner außer ihnen kann auf den physischen Ursprung des Geschlechtes Licht fallen lassen.“ [S.158] Doch nimmt sie ihrerseits für den Okkultismus in Anspruch, die vorphysischen Formen des Menschen auf ihre Weise erforschen zu können. Über diese Vorformen kann die physische Wissenschaft keine Aussagen machen, da sie ihr verborgen sind. Die Beobachtungsergebnisse der materialistischen Evolutionsbiologie und die alten Traditionen müssen sich nicht widersprechen. „Die antediluvianischen Vorfahren des heutigen Elefanten und der Eidechse waren vielleicht Mammut und Plesiosaurus; warum sollten die Vorfahren unseres Geschlechtes nicht die Riesen der Veden, der Völuspa und der Genesis sein?“ [S.153]

Sie geht dann noch der Frage nach, wie es dazu kam, dass das uraltheilige Symbol der Schlange im Rahmen der christlichen Kirche zum Symbol „des ewigen Feindes der Frauen“ werden konnte.

Zum Abschluss blickt sie noch einmal auf die Edda, um zu zeigen, dass auch die Dichterweisen des Nordens „mit der Elektrizität völlig bekannt waren“. [S.161] Thor trug einen „elektrischen Hammer“, der auch den Donner erzeugte, als Waffe. Sobald er ihn in die Hand nehmen wollte, um ihn als Waffe zu nutzen, musste er seine eisernen Handschuhe anziehen. „Er trägt auch einen magischen Gürtel, ‚Gürtel der Stärke‘ genannt, der, sobald er um seine Person gegürtet ist, seine himmlische Macht stark vermehrt.“ Blavatzky legt diese Mythe dahingehend aus, dass sie das Wissen der nordischen Dichter belegt. „Thor, die Vergötterung der Elektrizität, handhabt sein ihm eigenes Element, nur wenn er durch eiserne Handschuhe geschützt ist, wobei Eisen sein natürlicher Leiter ist. Sein Stärkegürtel ist ein geschlossener Kreis, in dem der isolierte Strom zu laufen gezwungen ist, anstatt dass er sich durch den Raum zerstreut“. [S.161] An diesem Beispiel zeige sich, dass, wie Plato sagt, Vernunft in jedem Mythos steckt. 

 

[1] Sokrates Gespräch mit Theages. In:

[2] Von der Sonne strömen demnach Lichtäther, Lebensäther und Chemischer Äther, wie es auch Rudolf Steiner lehrt.

[3] 1.Mose, Kap.3, Vers 15.

[4] Lukas 4, Vers 5-8.

[5] Die Antwort lautet: „Es steht geschrieben (5.Mose, 6. Kapitel): Du sollst Gott Deinen Herrn anbeten und ihm allein dienen“

[6] Matthäus 4,3: “tentator dixit ei”. Das Verb tempto hat nach Langenscheid einen Stamm temp-, der soviel bedeutet wie „spannen, tastend ausstrecken“, dichterisch wird es auch im Sinne von „nach etwas strecken, etwas erspähen, sich an etwas wagen“ gebraucht.

[7] Markus, 5, 1-20; Matthäus 8, 23-24; Lukas 8, 26-33.

[8] Eliphas Lévi. Dogme et rituel de la haute magie. Leider fehlt eine genaue Seitenangabe. H.P.B. wird den Text richtig ins Englische übersetzt haben. Wenn auch die Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche zutrifft, enthält der Text Lévis folgende zentrale Gedanken: Der Mensch muss sich zum Herrn seiner selbst machen. Ihm steht als Gegner nicht ein Teufel gegenüber, sondern eine blinde Kraft. Bezwingt er sie nicht, fällt er in den Ursprungszustand des Menschseins zurück. Der Eingeweihte soll diesen blinden Willen benutzen und „von ihm nehmen, was er nur mag.“ Der Teufel ist kein Wesen. Er ist ein verderblicher Strom, der von den Wünschen des Individuums gebildet wird. – Unabhängig von der Frage der Wesenhaftigkeit der Dämonen, ist der zentrale Gedanke doch wohl der: Nichts kann den Menschen daran hindern, er selbst zu werden, als er selbst. Es sind die Wirkungen seiner törichten und irrtümlichen Gedanken und Handlungen, die ihn umlagern und hindern. Diese glaubt er nur allzu gern einem fremden Wesen zuschreiben zu können.

[9] Zwischen den ätherischen Bildekräften und dem physisch festgewordenen gibt es eine Grenze, an die das wellend bewegte fortwährend anschlägt, manchmal spritzt die Gischt hoch auf wie an den Steilufern von Tintagel. Dort an der Grenze vom Ätherischen zum Physischen gingen die drei Wesen spazieren und fanden zwei unorganisch lebendige Körper. Es handelt sich also gemäß H.P.B. um Wesen, die z.T. einen ätherischen Leib als unterstes Glied haben (Odin), z.T. einen Astralischen Leib (Hönir) und z.T. ein rein geistiges Wesensglied (Lodur). Zusammen wirken diese Wesen am weiteren Wesensaufbau der  Menschengestalt entscheidend mit, empfangen aber die beiden Stäbe von anderen Wesen, die vor ihnen schon schöpferisch tätig waren.

[10] Der Begriff „Materie oder unorganisches Leben“, dem wir schon vormals begegnet sind, will ausdrücken, dass auch die mineralische Welt ein verborgenes Leben führt. Den Substanzen eignet ein zu ihnen gehöriges ichhaftes Wesen, das nur seinen Leib nicht mit Lebenskräften hat durchdringen können. Dieser Leib, das sichtbare Mineral, hat unorganisches Leben.

6.Kapitel (Band 1)

Auch im 6.Kapitel verfolgt sie unentwegt ihr Ziel, die verfehlte Selbstsicherheit der Wissenschaftler zu erschüttern. Dabei geht sie zunächst am Faden der Geschichte des Magnetismus, des späteren Mesmerismus, vor und zeigt Hauptideen ihrer Vertreter auf und deren Berechtigung. Verfolgt wurden diese Selbstdenker, die nicht aus Büchern, sondern aus dem großen Buch der Natur lernten, von dem „eingewurzelten Hass, der dem Feuer-Philosophen und Alchemisten von seinen zeitgenössischen Pygmäen gezeigt wurde“. [S.164] Paracelsus wurde z.B. als Charlatan und Trunkenbold angezeigt, was zum Glück widerlegt werden konnte.

Paracelsus ist der Beginn der Schule des animalischen Magnetismus. Er hat die okkulten Eigenschaften des Magneten entdeckt. Dass Mesmer ihn als seinen Lehrer betrachtete, haben wir schon gehört. Was sagt Paracelsus selbst über den Magnetismus? „Jeder Bauer sieht es, dass ein Magnet Eisen anzieht, aber ein Weiser muss für sich allein forschen … Ich habe entdeckt, dass der Magnet neben dieser sichtbaren Kraft, Eisen anzuziehen, noch eine andere und zwar verborgene Kraft besitzt.“ [S.168]

Danach fasst Blavatzky einige Grundgedanken des Paracelsus zusammen, die  auch dem Mesmerismus zu Grunde liegen. Paracelsus sagt, „dass im Menschen eine siderische Kraft verborgen liegt, die jene Emanation aus den Sternen und Himmelskörpern ist, aus welcher die geistige Form[1] des Menschen, der Astralgeist, besteht. Dieses sich selbst Gleiche und Unwandelbare der Wesenheit, welches wir als den Geist des kometarischen Stoffes bezeichnen dürfen, steht immer in direkter Beziehung zu den Sternen, von denen es kommt, und daher ist eine gegenseitige Anziehung zwischen den beiden vorhanden, indem beide Magnete sind. Die völlig gleiche Zusammensetzung der Erde und aller anderen Planetenkörper und des irdischen Körpers des Menschen war ein Grundgedanke seiner Philosophie. ‚Der Körper kommt von den Elementen, der [Astral] Geist[2] von den Sternen. … Der Mensch isst und trinkt von den Elementen, zur Erhaltung von Blut und Fleisch; von den Sternen werden Verstand und Gedanken in seinem Geiste genährt‘.“ [S.168] Dazu stellt Blavatzky fest, die Spektralanalyse habe 300 Jahre nach Paracelsus die Übereinstimmung der stofflichen Zusammensetzung der Planetenkörper und des Erdenkörpers bewiesen.[3]

Eine weitere okkulte Einsicht des Paracelsus ist die, dass die Ernährung des Körpers nicht nur durch den Magen geschieht, „sondern auch unbemerkbar durch die magnetische Kraft, die in der ganzen Natur wohnt und mittels der jedes Einzelwesen seine spezifische Nahrung an sich zieht.“ [S.169][4]

Paracelsus beschreibt dann etwas näher, auf welche Weise diese Anziehung geschieht, nämlich so, dass unser „absorbierender, anziehender und chemischer Körper die astralen und siderischen Einflüsse sammelt und ansaugt. Die Sonne und die Sterne saugen uns ein und wir saugen sie ein.“ [S.169] Die ätherische Wirksamkeit ist eine saugende.[5]  

So vermittelt H.P.B., indem sie gegen unlautere Kritik und Ablehnung der spiritistischen Erscheinungen kämpft, zugleich grundlegende und umfassende Gedanken der okkulten Weltanschauung, wenngleich nicht systematisch sondern eher aphoristisch. Paracelsus Verständnis des Wesensgliedergefüges mag hier auch noch wiedergegeben werden:

„In unseren Träumen sind wir wie die Pflanzen, die auch den elementaren und den Lebenskörper haben, aber nicht den Geist besitzen. Während wir schlafen, ist der Astralkörper frei und kann wegen seiner Dehnbarkeit entweder nahe um sein schlafendes Vehikel schweben oder höher fliegen, um sich mit seinen Sternen-Eltern zu unterhalten, oder sogar seinen Brüdern auf große Entfernungen Mitteilungen machen. Träume prophetischer Natur, der Weissagung und gegenwärtiger Wünsche sind die Fähigkeiten des Astralgeistes. Unserem Elementar- oder groben Körper sind diese Gaben nicht zu Teil geworden; denn beim Tode sinkt er zum Erdengrund herab und wird wieder mit den Elementen vereinigt, während die Geister zu den Sternen zurückkehren.“ [S.170]

Diesen Zusammenklang des kosmischen und menschlichen Magnetismus weist sie als die einhellige Überzeugung der Okkultisten anhand von einschlägigen Äußerungen von Agrippa von Nettesheim, Robert Fludd und Johann Baptist van Helmont nach. [S.170-71]

Und nun geht sie nochmals auf die vorurteilsvolle und peinliche Art und Weise ein, in der die Wiener und Pariser Ärzte auf die Entdeckungen und Heilungen Franz Anton Mesmers reagiert haben. Besonders interessiert sie das Untersuchungskomitee von 1784. Es wird deutlich, wieviel Unwissenheit, Oberflächlichkeit und Vorurteil bei einer wissenschaftlichen Körperschaft auftreten kann, wenn ein Gegenstand ihren eigenen geliebten Theorien widerspricht.“ [S.171]  Sie sieht darin einen der Ursprünge für die jetzige (1877) materialistische Strömung der öffentlichen Meinung.

Nachdem sie uns einige Seiten lang mit den ebenso peinlichen Verhaltensweisen der Akademie Francaise beschäftigt hat, kommt sie wieder auf Grundsätzliches zu sprechen: sie schildert die Akasha-Chronik:

„Es gibt zwei Arten der Magnetisation; die eine ist rein animalisch, die andere ist transcendent und hängt von dem Willen und Wissen des Mesmeriseurs ab, auch von dem Grade der Geistigkeit des Subjektes und seiner Fähigkeit, die Eindrücke des Astrallichtes aufzunehmen; aber an dieser Stelle obliegt es uns, zu versichern, dass das Hellsehen zum großen Teil mehr von der animalischen als von der transcendenten abhängt. Der Macht eines Adepten wie Du Potet, wird sich auch ein sehr positives Subjekt zu unterwerfen haben. Wenn dessen Sehergabe von dem Mesmeriseur, Magier oder Geist richtig gelenkt wird, so muss das Licht seine geheimsten Berichte unserer Forschung überlassen; denn, wenn es ein Buch ist, das für jene immer geschlossen bleibt, ‚die sehen und doch nichts wahrnehmen‘, so ist es andrerseits für jeden geöffnet, der es offen sehen will. Es enthält einen unverstümmelten Bericht von Allem, was war, ist und jemals sein wird. Die geringsten Handlungen in unserem Leben sind ihm aufgedrückt, und selbst unsere Gedanken bleiben auf seinen ewigen Tafeln photographiert. Es ist das Buch, das wir von dem Engel in der ‚Offenbarung‘ öffnen sehen, ‚welches ist das Buch des Lebens, und wonach die Toten nach ihren Werken beurteilt werden‘. Kurz, es ist das Gedächtnis Gottes!“ [S.178]

Zur Erläuterung fügt sie noch ein erhellendes Fragment aus den chaldäischen Orakeln hinzu: „Die Orakel behaupten, dass Eindrücke von Gedanken, Charakteren, Menschen und göttlichen Visionen im Äther erscheinen. In diesen werden die Dinge ohne Figur gebildet.“ [S.178][6]

Sie selbst erläutert die Akasha-Chronik wie folgt: „So stimmen sowohl die alte als die moderne Weisheit , die Weissagung und die Wissenschaft überein und bestätigen die Ansprüche der Kaballisten. Auf den unzerstörten Tafeln des Astrallichtes wird der Eindruck jedes Gedankens, den wir denken und alles, was wir tun, geprägt; und jene zukünftigen Ereignisse - Wirkungen lange vergessener Ursachen – werden dem Auge der Seher und Propheten als ein lebendes Bild dargestellt.“[S.179]

In drei Schritten fügt sie Erinnerungserfahrungen hinzu, deren Rätselhaftigkeit - damals wie heute – einer Erklärung durch die Wissenschaft sich entzogen hat, die aber in ihrer Reihenfolge eine phänomenologische Stufenleiter bilden hin zur Erfahrung der Akasha-Chronik:  

  1. Das gewöhnliche Gedächtnis, „dessen Tatsache die Materialisten zur Verzweiflung bringt“.
  2. Dann jener Gedächtnisblitz, der Menschen in höchster Lebensnot ein Lebenspanorama vor Augen führt.
  3. Und schließlich jene Erfahrungen im vollbewußten Alltagsleben, die wir mit „deja vue“ bezeichnen, jenes Wiedererkennen von Menschen, Ländern und Dingen, die wir niemals gesehen haben. [S.179] [7]

Der nächste Schritt der Steigerung der Erinnerung könnte das Lesen in der Akashachronik sein. Doch fügt sie noch einen dazwischenliegenden ein, den sie gut vorbereitet. Über den Nachtzustand der Menschen schreibt sie: „Wenn in der Tiefe der Nacht unsere Sinne tief in den Fesseln des Schlafes liegen, und unser Elementarkörper ruht, wird die Astralform frei. Sie entwindet sich sodann ihrem irdischen Gefängnis, nach Paracelsus, und – ‚sie hält Zwiesprache mit der Außenwelt‘, und schweift herum in der sichtbaren und unsichtbaren Welt. ‚Im Schlaf‘, sagt Paracelsus, ‚ist der Astralkörper (die Seele) in freierer Bewegung; er erhebt sich dann zu seinen Ahnen und unterhält sich mit den Sternen.‘ Träume, Vorahnungen, Vorherwissen, Voraussagungen und Vorgefühle sind vom Astral-Geiste im Gehirn zurückgelassene Eindrücke… . Je erschöpfter der Körper ist, umso freier ist der geistige Mensch, und umso stärker sind die Eindrücke auf das Gedächtnis unserer Seele.“ [S.179-180]

Nun kann man auch bei Tieren so etwas wie Vorahnungen und Vorwissen beobachten. Dem Menschen mag man zugestehen, dass, „während seine mehr tierischen Teile ruhen, die geistigen weder Grenzen noch Hindernisse kennen. Das Tier habe aber doch keinen Astral-Geist! Wie könne es da zu Vorahnungen kommen? Müsse das Vorwissen vielleicht doch anders erklärt werden? Und nun deckt H.P.B. auf, dass in dem Begriff Astral-Geist, zwei Bestandteile stecken: Astral(Leib) und Geistwesen.[8] Sie konstatiert, dass die Theologen sowohl als die Juristen unter dem irrigen Eindruck arbeiten, dass Seele und Geist ein und dasselbe seien“ und entgegnet ihnen, „aber, wenn wir Plato und die anderen alten Philosophen studieren, können wir leicht bemerken, dass Platos ‚irrationale Seele‘, womit er unsern Astralkörper oder die mehr ätherische Darstellung unser Selbst meinte, im besten Falle nur eine längere oder kürzere Dauer jenseits des Grabes haben kann, der göttliche Geist aber – von der Kirche mit Unrecht als die Seele bezeichnet – ist durch seine eigene Essenz unsterblich.“ [S.181][9]

Endlich kehrt Blavatzky nochmals zur Erinnerung zurück und fügt eine weitere Form der Rückschau zwischen die drei Stufen und die Schau der Akasha-Chronik ein. Ausgiebig spricht sie [S.182ff.]

  1. von den „Psychometern“. Das sind Menschen, die bei Berührung eines Gegenstandes etwas von der Vergangenheit dieses Gegenstandes gewahr werden.

Diese Fähigkeit beweist ihr, dass alles Geschehen in irgendeiner Weise in jeden davon betroffenen Gegenstand eingeschrieben sein muss. Blavatzki beschreibt den Vorgang etwa wie folgt: „Indem der Psychometer ein Stückchen einer Substanz an die Stirn hält, bringt er sein inneres Selbst in Beziehungen zu der inneren Seele des Gegenstandes, den er behandelt. Es wird jetzt [1877] zugegeben, dass der universale Äther alle Dinge in der Natur, selbst die festesten, durchdringt. Man beginnt auch zuzugeben, dass er die Bilder von allem, was da atmet, aufbewahrt. Wenn der Psychometer sein Probestück untersucht, wird er in Beziehung mit dem Strome des Astrallichtes gebracht, der mit dem Stück verbunden ist und die Bilder der Ereignisse enthält, die mit seiner Geschichte assoziiert sind. Nach Prof. Denton passieren diese vor seinem Seherauge mit der Schnelligkeit des Lichtes; da sich Szene auf Szene mit so rapider Schnelligkeit überstürzen, kann nur die äußerste Aufbietung des Willens eine Szene im Visionsfelde lange genug zurückhalten, um sie beschreiben zu können.“ [S.183-4] Es bedarf demnach der äußersten Willensanspannung, die Bilderflut aufzuhalten und ein Bild herauszuziehen und sich darauf zu konzentrieren. Wenn man keine Ahnung von dieser Fähigkeit hat, muss das zu Verwirrung führen. Daher ist es für die Klarheit des Bildes von Vorteil, wenn man sie durch einen Mesmerisierten gewinnen kann, denn der Mesmeriseur kann den Hellsehenden zwingen, „seine Aufmerksamkeit lange genug auf ein gegebenes Bild zu konzentrieren, um alle kleinen Details zu beobachten.“ [S.184]

Unter der Leitung eines Mesmeriseurs werde ein Seher auch befähigt, Bilder zukünftiger Ereignisse zu schauen. Ein solcher Gedanke stößt naturgemäß auf viele Einwände. Die Frage, wie es denn dann mit der menschlichen Freiheit stünde, beantwortet sie damit, dass „der Mensch frei ist, zu handeln, wie es ihm gefällt.“ Doch „war die Art, in der er handeln will, von Anfang an vorausbekannt – nicht durch das Verhängnis, sondern einfach nach dem Prinzip der universalen, unveränderlichen Harmonie…“ [S.184]

Dass überhaupt ein Blick in die Zukunft möglich sei, liege daran, dass das eigentliche Wesen des Menschen außerhalb von Raum und Zeit weile: „Der menschliche Geist, der wesenseins ist mit dem göttlichen, unsterblichen Geiste, kennt weder Vergangenheit noch Zukunft, sondern er sieht alle Dinge wie in der Gegenwart.“ [S.185]

Sie geht dann über zur Frage einer vierten Dimension. Diese ‚Räume‘ mögen nebeneinander liegen oder sich gegenseitig durchdringen, darüber ist in der 2.Hälfte des 19.Jahrhunderts viel spekuliert worden. Die Existenz solcher mehrdimensionalen Räume wäre immerhin eine Erklärungsmöglichkeit für das unvermittelte Auftauchen heftigster Energien, wie sie das Hochheben schwerster Tische verlangt. Diese Kräfte scheinen plötzlich aus dem nichts aufzutauchen. Der Äther wäre dann die Brücke oder das Medium, durch das die verschiedenen Dimensionen miteinander verbunden werden. [S.187][10]

Dadurch wird nun noch etwas anderes verständlich. Sie sagt nämlich, dass die Medien gar nicht die Phänomene hervorbringen, sondern nur die Kanäle sind, durch die die Kraft hervortritt, aber diese geht nicht von den Medien aus, wie es Kritiker immer wieder mutmaßen. [S.196]

Schließlich wirft sie noch einige Blicke auf alchemistische Aussagen, Experimente und deren unverständige moderne Kritiker. [S.189-194]

Der französische Astronom Camille Flammarion hat auf die Illusion der Gelehrtenwelt hingewiesen, „dass die Naturgesetze uns schon bekannt sind.“ Er weist also auf unbekannte Naturkräfte und -gesetze hin, die für die spiritistischen Phänomene verantwortlich sein könnten. Flammarion beruft sich dabei auch auf einen gewissen Sergeant Cox, der die Phänomene ebenfalls aus Naturkräften und Naturgesetzen erklären möchte. Cox ist der Überzeugung (S. 195-6):

  1. dass die physische Phänomene hervorbringende Kraft von dem Medium ausgeht, also in ihm erzeugt wird;
  2. dass die die Kraft leitende Intelligenz bisweilen eine andere als die des Mediums sein kann, der Beweis sei aber ungenügend; deshalb sei die leitende Intelligenz wahrscheinlich die des Mediums selbst;
  3. dass die den Tisch bewegende Kraft mit der des Mediums identisch sei;
  4. dass Geister der Toten nicht die einzigen Agenten bei Hervorbringung aller Phänomene seien. ??????

Blavatsky beobachtet hier zwei Gruppen, Gläubige und Ungläubige, deren Voreingenommenheit dazu führt, einerseits zu behaupten, dass alle ‚Phänomene‘ von entkörperten Seelen hervorgerufen seien und andererseits, dass keine Phänomene von Toten hervorgerufen worden seien, da es keine Seelen Verstorbener gäbe. Das versucht sie differenzierter anzusehen.

  1. Man kann die Kraft, die eine Bewegung im Körper erzeugt, und diejenige, welche die Bewegung außerhalb des Körpers erzeugt, als gleichartig ansehen. Deswegen müssen sie aber nicht identisch sein. Die Krat trete vielmehr durch das Medium hervor, gehe aber nicht von ihr aus. Ja passiver ein Medium sei, desto besser seien die Manifestationen.
  2. Es gibt genug Belege dafür, dass das Gemüt des Mediums nichts mit den Phänomenen zu tun hat.
  3. Wie nun, wenn der Körper des Mediums nur der Kanal der Kraft ist, die das Phänomen hervorruft?
  4. Ob die Geister der Toten die alleinigen Verursacher der Phänomene sind, wird später ausführlich betrachtet. [S. 197]

Sie schließt an ihre Entgegnung auf Cox einige aufschlussreiche Bemerkungen zum Verständnis des medialen Agierens an. In dem Körper des Mediums wie in dem jedes Menschen ist eine Summe von Kräften eingeschlossen, die von der Seele im Laufe des Lebens aufgebraucht werden. Diese Kräfte als solche sind notwendig für jede Handlung, aber sie selbst sind nicht zielgerichtet. Sie benötigen um in Handlung zu treten ein Motiv, den Einfluss einer Intelligenz, eines intelligiblen Wesens. Nun sind aber die Medien während ihres Agierens in der Regel unbewusst, so dass die bewusste Intelligenz dieser Menschen als Ausgangspunkt und Richtunggebendes dieser Handlung nicht in Frage kommt. „Wie kann sich ein Wille gleichzeitig intelligent und unbewusst offenbaren?“, fragt Blavatsky. „Schwierig , wenn nicht unmöglich ist es, an Einsicht getrennt von Bewusstsein zu denken.“[S.198]

So wie beim modernen Medium eine intelligente Kraft die latenten Willenskräfte des Mediums ergreift und durch dieses hindurch wirkt, so versteht sie auch die antiken Orakelpraktiken, bei denen in die aus der Erde aufsteigenden Gase etwas anderes einwirkt. [S.200]

Lucian lässt Plutarch, den Priester des Apollo in Delphi, zu den aufsteigenden Dämpfen sagen: „Und wer seid Ihr, ohne einen Gott, der euch schafft und zur Reife bringt? Ohne einen Dämon (Geist), der unter den Befehlen Gottes handelnd euch lenkt und beherrscht? Ihr könnt nichts tun, ihr seid nichts als ein leerer Hauch.[11]  Aristoteles hält es für möglich, dass das Gas, das in Delphi aus der Erde strömt, die „einzige genügende Ursache“ sei, die in jedem lebenden Wesen eine zusätzliche Belebung bewirkt. Cicero schließlich rufe den Skeptikern entgegen: „Und was kann göttlicher sein als der Hauch der Erde, der die menschliche Seele so anregt, dass sie fähig wird die Zukunft vorherzusagen? Und könnte die Hand der Zeit eine solche Gewalt auslöschen? Glaubt Ihr, ihr sprecht von einer Art Wein oder Salzfleisch?“[12]

H.P.B. will damit darauf hinweisen, dass sich die Vorgänge in den alten Orakelstätten wie in Delphi, Cumae oder auch an den Externsteinen in ihrer Beziehung zu den aus der Erde aufsteigenden Dämpfen gleichen. Blavatsky meint, dass diese Kräfte nicht ausgelöscht werden können somit auch heute noch da seien. Wer wagt es, zu sagen, „dass diese ewige Kraft ausgelöscht worden ist und dass die Quellen der Prophezeihung ausgetrocknet sind?“ [S.200]

 

[1] Was Paracelsus mit der „geistigen Form des Menschen“ [engl. „the spiritual form of man] meint, geht aus seiner kleinen Schrift ‚Das Mahl des Herrn‘ hervor, in der er gleich im 1.Kapitel die grundsätzliche Unterscheidung zwischen dem aus der Schöpfung des Vaters stammenden Leib und dem vom Sohn her stammenden Auferstehungsleib trifft. Die Form beider bleibt dieselbe: das Phantom. Paracelsus schreibt: „Eingangs und in Summa ist zu verstehen: Es sind zwei Kreaturen im Menschen, die tödliche und die ewige. Die tödliche ist aus Adam geschaffen durch Gott den Vater, die ewige durch Gott den Sohn in einem jeden, der an ihn glaubt. Was nun in der Schöpfung Gottes des Vaters stirbt, steht nicht wieder auf zum Leben, aber wohl was in Gott dem Sohn stirbt. Darum ist die ganze Summa unserer Philosophie, diese Geschöpfe recht zu erkennen. Beide Geschöpfe sind Substanz, und ohne materialische Substanz ist nichts. Darin liegt beschlossen, dass hier ohne Leib nichts geschieht. Nun ist für unsere Augen der eine Leib, nämlich der Gottes des Vaters, sichtbar, der andere, der gleichwohl ein solches Geschöpf ist, unsichtbar und ist die Schöpfung Gottes des Sohnes. Und wie alle Werke Gottes des Vaters sichtbar sind, die Speise und alles, also sind, dem entgegengesetzt, die des Sohnes unsichtbar. Und es sind doch auf beiden Seiten gleicherweise ‚Leiber‘, von einer Form, allein geschieden in Bezug auf den Tod. Und wie Vater und Sohn einander gleich sind, also da auch. Und wie der Vater unsichtbar ist und doch ein Vater und der Sohn sichtbar und doch ein Gott, also müssen wir ihre magnalischen Werke erkennen: die bleiben in einer Form, aber nicht ein Leib. Gott der Sohn schafft sein Geschöpf nicht anders denn sein Vater. Er erneuert’s und er macht ein anderes Fleisch und entformt nichts; die alte Form bleibt hier und im Himmel.“ [Zitiert nach: Theophrastus Paracelsus von Hohenheim. Das Mahl des Herrn und Auslegung des Vaterunsers. Hrsg., übertragen und erläutert von Gerhard J.Degeller. Dornach-Basel. 1950. S.11 f.]“.

[2] Zitat von Paracelsus. [Astral]: Einschub von H.P.B., auch so von ihr gekennzeichnet.

[3] Christian Rosenkreutz war der Überzeugung, dass an der Wende vom 19. Zum 20.Jahrhundert die esoterische Weltanschauung eine Aufgabe gegenüber der Öffentlichkeit haben werde. Bis dahin müssten aber drei Aufgaben von der ganz dem materiellen Dasein zugewandten Wissenschaft gelöst werden. Die erste sei, dass durch die Spektralanalyse die materielle Beschaffenheit des Kosmos bewiesen werde. Die zweite, dass die materielle Evolution in die Wissenschaft vom Organischen eingeführt werde. Die dritte Aufgabe sei es, dass die Tatsache eines anderen als des gewöhnlichen Bewußtseinszustandes erkannt werde durch die Anerkennung des Hypnotismus und der Suggestion. Abgedruckt im sog. „Dokument von Barr“, niedergeschrieben 1907 von Rudolf Steiner für Edouard Schuré im Elsaß. Siehe Rudolf Steiner / Marie Steiner-von Sivers. Briefwechsel und Dokumente 1901-1925. G.A. Nr. 262. Dornach 2002. S.15ff., hier S.23.

[4] Rudolf Steiner bezeichnet das als die Ernährung durch die Sinne. Der Stoff besteht ja nur aus Sinneswahrnehmungen. „Materie ist nur eine Summe sich metamorphosierender Wahrnehmungen ohne eine zugrunde liegende Materie.“ Schreibt er in seine Einleitungen zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften. Dem Gewicht und der Druckwahrnehmung (Undurchdringlichkeit) mehr Realität zuzuschreiben als den anderen Sinneswahrnehmungen, beruht auf der willkürlichen Unterscheidung von primären und sekundären Sinnesqualitäten. Gibt man dieses willkürliche Dogma der materialistischen Hochkirche auf, kann man bei kühlem Kopf darauf kommen, dass der Mensch beim Essen durch den Mund nur Wahrnehmungen zu sich nimmt. Das vermeintliche atomare Substrat der wahrgenommenen Stoffe ist nur eine Theorie, eine Kopfgeburt, eine Illusion.

[5] Die saugende Wirkensweise des Lichtäthers beschreibt auch Rudolf Steiner, indem er sagt, wo die Physiker einen Gasball als Sonne erwarten, ist nur leerer Raum, genauer gesagt weniger als Nichts, ein Loch im Raum. Die Sonne saugt die ätherischen Kräfte der Erde an. Deshalb wachsen alle Pflanzen zur Sonne hin. Ich füge hinzu: diese Anziehung nannten die Alten „Magnetismus“ oder „mesmerische Kraft“.

[6] Anmerkung H.P.B.: Simplicius in Physik. 143; Cory. The Chaldean Oracles.

[7] Merkwürdig distanziert bemerkt sie an dieser Stelle: „Die an die Wiederverkörperung Glaubenden führen dies als einen neuen Beweis für frühere Existenz in anderen Körpern an. Jenes Erkennen von Menschen, Ländern und Dingen, die wir niemals gesehen haben, wird von ihnen den Blitzen im Gedächtnisse der Seele auf Grund früher gemachter Erfahrungen zugeschrieben. Aber die Alten hielten mit den Philosophen des Mittelalters an einer entgegengesetzten Meinung fest.“ [S.179]

[8] In der anthroposophischen Terminologie und Begriffsklärung umfasst der Begriff Astral-Leib den Empfindungsleib und die Empfindungsseele. Der Begriff Geist umfasst hier Verstandesseele, Bewusstseinsseele und Geistselbst. Vgl. dazu im Detail: Rudolf Steiner. Theosophie. Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung. Dornach. 2003. S.33-60. Dazu drei schematische Tabellen auf S.57 und 60. 

[9] Rudolf Steiner beschreibt das, was dieser Aussage zugrunde liegt, verkürzt aber prägnant unter dem Titel „Die Abschaffung des Geistes“: Während des Konzils von 869 wurde die Lehre, dass der Mensch zwei Seelen habe, d.h. Seele und Geist, verdammt. Es wurde festgelegt, dass der Mensch nur eine Seele habe mit einigen geistigen Eigenschaften. Wer etwas anderes sage, sei ein Ketzer. Natürlich führte das dazu, dass man sich selbst als glaubenskonformer Christ verbot, über sich als Geist auch nur nachzudenken. Die Selbstentdeckung des Menschen als geistigem Wesen hätte damit verhindert werden können. Es stand die Gefahr einer vorgeburtlichen Abtreibung des Menschengeistes im Raum. Ist das bewußt geschehen? Immerhin gab es ja bis dahin Menschen, denen der Unterschied zwischen Seele und Geist völlig bewusst war.

[10] Im sog. ‚Wärmekurs‘ [G.A…………………….] beschreibt Rudolf Steiner die Phänomene, die bei der Verwandlung von Eis in Wasser unter Wärmezuführung sich ereignen, sowie diejenigen, die beim Übergang der Flüssigkeit in den gasförmigen Zustand sich in ähnlicher Weise abspielen: Um das gefrorene Wasser (Eis) von 0°C auf 1°C zu erwärmen, d.h. bei der Schmelze, ist die 80zigfache Wärmemenge nötig als gebraucht wird für die Erwärmung von 1°C auf 2°C. Beim Schmelzen erhitzt man das Wasser lange Zeit, ohne dass die Temperatur der Substanz sich erhöht. Das Thermometer steigt nicht. Dasselbe Geschehen spielt sich am Siedepunkt ab. Was mit der verlorenen Wärme geschehen ist, entzieht sich der Beobachtung. Rudolf Steiner bleibt bei der phänomenologischen Feststellung: „Die Wärme verschwindet aus dem Raum“. Das entspricht den hypothetischen Vorgängen, die Blavatsky hier beschrieben hat, nur handelt es sich um eine beobachtbare Wirklichkeit. Die Physik hat damals und vermutet es noch heute, dass die Wärme, die als Korpuskelbewegung gedeutet wird, eine Umlagerung vieler Atome und Moleküle bewirke sowie eine Beschleunigung von deren Bewegung. Aber sowohl die Atome und Moleküle wie auch deren Umlagerung sind bloße Vermutungen.    

[11] Lucian. Pharsalia , Buch V.

[12] Cicero. De divinatio. Buch I, Kap.3.

7.Kapitel (Band 1)

Im 7. Kapitel verspricht die Verfasserin, sich nun stärker den Lehren der mittelalterlichen Alchemisten zuzuwenden. Besondere Aufmerksamkeit will sie dabei der Frage nach der Ewigkeit des Menschenwesens zuwenden. Auch kündigt sie an, dass die folgenden Seiten „den indischen Gymnosophisten und den chaldäischen Astrologen vorzugsweise gewidmet“ [S.205] werden sollten, was jedoch nicht geschieht. [1]

Nach der Erinnerung an die Anschauung, dass dem Erdenkörper mit den vier Elementen ein geistiges Prinzip zugrundeliegt, weist sie darauf hin, dass der Glaube an die Fortdauer der Menschenseele in alten Zeiten ein praktischer war, indem die Geister der Toten auf der ganzen Welt und nahezu zu allen Zeiten angerufen worden sind. In der geistig verstandenen Erde und Erdumgebung konnten sie sich natürlich gut aufhalten.

Den Glauben an die Fortdauer nach dem Tode hat der Hochschullehrer in Cambridge Henry More dadurch gefördert, dass er den Astralgeist des Menschen in zwei Bereiche unterscheiden lehrte, in das luftige und in das ätherische Vehikel der Seele. „Während der Zeit, in der sich ein entkörperter Mensch in seiner luftigen Umhüllung bewegt, ist er dem Schicksal unterworfen.“ [S. 206] D.h. er unterliegt demnach zunächst den ihm durch sein persönliches Schicksal zukommenden Reinigungsvorgängen. Er muss sich lösen vom Hängen am Irdischen. Erst danach werde er seiner Unsterblichkeit sicher.

Sein Zeitgenosse Descartes war „einer der eifrigsten Verkünder der magnetischen Lehre“. Descartes ließ die Magnetströme, die Mensch und Welt durchziehen in Wirbeln auftreten.

Einen großen Schritt machte ein gewisser Tenzel Wirding, über den ich nichts habe eruieren können. Sie sagt, er habe eine „neue spirituelle Medizin“ geschrieben. Er schloss aus der allgemeinen Anziehung, dass alle Körper aufeinander „magnetisch“ wirken: „Alles wird zu seinesgleichen hingezogen und strebt kongenialen Naturen zu.“ [S. 207] Diese Sympathie und Antipathie verursachen ständig Bewegung im Kosmos.

Kepler hatte das bereits früher von den Planeten ausgesagt. Jeder Planet sei der Sitz eines vernünftigen Prinzips und von geistigen Wesen bewohnt. Sie sind die Träger der magnetischen Wirkungen, die von den Planeten ausgehen.

Baptista Porta[2] führte alle dem Menschen möglichen okkulten Erscheinungen auf die Weltseele zurück, d.h. wiederum auf dasjenige, was den ganzen Raum magnetisch durchflutet und ausfüllt.  

Athanasius Kircher blickt diesem anonymen Wirken auf den Grund: „Es gibt nur einen Magneten im Universum, und von ihm geht die Magnetisierung aller Dinge aus. Ihn nennt man die zentrale geistige Sonne oder Gott.  Kircher unterscheidet auch zwischen tierischem und mineralischem Magnetismus. Abgesehen vom Magneteisenstein empfangen alle mineralischen Stoffe ihren Magnetismus von tierischen Vermittlern. Dieser empfange ihn direkt aus der ersten Ursache, dem Schöpfer. „Die Sonne ist der magnetischste aller Körper!“ [S.209] Sympathie und Antipathie seien auf sehr verschiedene Art und Weise am Werke. So gebe es Pflanzen, die besonders von der Sonne angezogen würden[3] und andere, die untereinander einander suchen oder meiden. Der Wein habe z.B. einen Widerwillen gegen den Kohl, hingegen eine Hinneigung zum Ölbaum.

Der Magnetismus wirke auch auf das Seelische: Jedes Gefühl sei die Erscheinung von Veränderungen an unserem magnetischen Organismus. Zorn, Eifersucht, Freundschaft, Liebe und Hass seien nur „magnetische Manifestationen von Sympathie in geistig verwandten Naturen“, meint Kircher.

Die feine Fühligkeit, die sich darin zeige, könne, ergänzt Blavatzky, besonders gut bei den Naturvölkern, bzw. bei den Kulturvölkern, die noch nicht durch die technische Zivilisation entfremdet sind, beobachtet werden. Denn das wirken können dieser Kräfte hängt auch von den Lebensbedingungen der Menschen ab. „So wurde auch gefunden, dass ein sibirischer Schamane, der verblüffende Beweise seiner okkulten Kräfte vor seinen Landsleuten, den Tschuktschen gegeben hatte, nach und nach vollständig dieser Kraft beraubt wurde, als er in das rauchige und neblige London kam“. [S. 211]

Die französischen Färber Lyons, deren feiner Farbsinn und deren Färbetechniken in Europa unübertroffen waren, mussten in Kashmir erleben, dass die Mädchen ihnen Shawls in 300 verschiedenen Farben zeigten, welche die europäischen Färber „nicht nur nicht erzeugen, sondern nicht einmal unterscheiden können“.

In diesem Zusammenhang führt sie einen methodisch wichtigen Kunstgriff durch, der immer wieder auftaucht und an dieser Stelle einmal genauer betrachtet werden soll. Es ist eine Art von Suggestivfrage: „Wenn es also so große Unterschiede in der Schärfe der äußeren Sinne zweier Rassen gibt, warum sollte nicht dasselbe für ihre psychischen Kräfte gelten?“ Nun ja, warum eigentlich nicht? Es ist damit aber kein logischer Zusammenhang hergestellt, durch den man aus dem erkannten Tatbestand der Unterschiede in der sinnlichen Wahrnehmungsfähigkeit auf ebensolche Unterschiede in den übersinnlichen Fähigkeiten geschlossen hätte.  Es ist kein logischer Schluß, es ist ein rhetorisches Verfahren, vergleichbare Dinge durch die Reihung wahrscheinlicher, annehmbarer zu machen. Mit demselben Mittel fährt sie fort: „Ja noch mehr, das Auge des Kashmir-Mädchens ist imstande objektiv eine Farbe zu sehen, die tatsächlich vorhanden, aber dem Europäer nicht wahrnehmbar ist, also für ihn gar nicht besteht. Warum dann nicht zugestehen, dass einige besonders begabte Organismen, von denen geglaubt wird, dass sie jene geheimnisvollen Fähigkeiten, genannt das zweite Gesicht, besitzen, ihre Bilder ebenso objektiv sehen, wie das Mädchen die Farben sieht; …“ [S. 211-212] Sie versucht durch die Tatsächlichkeit des einen die Wahrscheinlichkeit des anderen zu vergrößern. Und das ist die Aufgabe, ja das Wesen der Rhetorik: das Große klein zu machen und das Kleine groß. Durch das „Warum nicht …?“ schiebt sie gleichzeitig die Beweislast, die für ihre Behauptungen bei ihr liegt, dem Andersdenkenden zu.

Nachdem sie durch die wunderbare Farbsichtigkeit der Weberinnen in Kashmir den Zweiflern das zweite Gesicht annehmbarer machen wollte, baut sie den Gedanken noch weiter aus: „Warum dann nicht zugestehen, dass die Bilder des zweiten Gesichts … Reflexionen von wirklichen Dingen und Personen sind, die dem Astral-Äther aufgedrückt wurden, wie es die alte Philosophie … erklärt.“ [S. 212] [4]

Blavatzky geht dann über zu einer Darstellung aus der Feder des Paracelsus, der genau die geistigen Tatsachen beschreibt, zu deren Anerkennung uns H.P.B. gerade bewegen wollte. Paracelsus beobachtete in der Welt und im Menschen jeweils drei verschiedene Geister: „Drei Geister beleben und betätigen den Menschen. … Drei Welten ergießen ihre Strahlen auf ihn; aber alle drei nur als das Bild und Echo von einem und demselben, alles aufbauenden und vereinigenden Zeugungsprinzip. Der erste ist der Geist der Elemente (terrestrischer Körper und vitale Kraft in ihrem rohen Zustande), der zweite der Geist der Sterne (Sideral- oder Astralleib – die Seele). Der dritte ist der göttliche Geist (AugoeÏdes).“ [S.212]

Es ist die Grundidee, die auch dem Buch ‚Theosophie. Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung‘ von Rudolf Steiner 1904 das Gepräge gegeben hat. Der Mensch besteht aus Leib, Seele und Geist – und ihnen stehen im Kosmos eine physische, seelische und geistige Welt gegenüber. Blavatzky formuliert diesen großen Zusammenhang so: „Der Mensch ist eine kleine Welt, ein Mikrokosmos im großen Universum. Gleich einem Fötus wird er von allen drei Geistern in der Matrix des Makrokosmos getragen und, während sein irdischer Körper in beständiger Fühlung mit seiner elterlichen Erde steht, lebt seine Astralseele im Einklang mit der sideralen anima mundi. Er ist in ihr, wie sie in ihm. Denn das weltdurchdringende Element erfüllt den ganzen Raum, ist selbst Raum, nur grenzenlos. Was seinen dritten, den göttlichen Geist anbelangt, was ist er anderes als ein unendlicher Strahl, eine der zahllosen Radiationen, die unmittelbar von der höchsten Ursache – dem geistigen Lichte der Welt – ausgeht?“ [S.212]

Dieser umfassenden Zustandsbeschreibung fügt Blavatzky eine Entwicklungsperspektive hinzu, der zufolge jedes, auch das kleinste, Teil bestimmt ist, dereinst zur Schau ihres göttlichen Ursprungs zurückzukehren. Dazu zitiert sie J.B. van Helmont: „Der Mensch ist der Spiegel des Universums und seine dreifache Natur steht in Beziehung zu allen Dingen.“ [S. 213]

Van Helmont fasst auch den Gedanken, dass es der Wille des Schöpfers ist, der als bewegende Kraft in allen Wesen ist. „Der Mensch, überdies begabt mit Geistigkeit, hat auf diesem Planeten den größten Anteil an diesem Willen“, referiert Blavatzky ihn. Wenn der Mensch zum vollen Bewusstsein dieser Kraft in sich kommt, ist er ein Meister. Diese Kraft ist zweifellos eine magische. [5]

H.P.B. beschreibt dann Erfahrungen eines französischen Forschungsreisenden namens De la Loubère in Siam, die dieser Reisende nicht in seinen Erkenntnishorizont integrieren konnte. Die Bevölkerung erkennt dort die Bemühungen einzelner seltener Personen an,  die im Rufe stehen, Gold gemacht, ein Universalheilmittel gefunden und einige Menschenalter gelebt zu haben. [S.214] Über diese Menschen macht de la Loubère sich lustig. Und nun wendet sie wieder den nämlichen rhetorischen Kunstgriff an: „Wenn Descartes, ein Franzose und Gelehrter, inmitten der Zivilisation stehend, fest daran glauben konnte, dass ein solches Allheilmittel gefunden worden sei und dass sein Besitzer wenigstens 500 Jahre leben könne, warum sind dann die Orientalen nicht zu demselben Glauben berechtigt?“ [S.215]

Daran schließt sie Betrachtungen zur Musiktherapie als ein solches Universalheilmittel an. Insbesondere beschreibt sie eine „Harmonika“ aus fünf Trinkgefäßen, die Athanasius Kircher gebrauchte: sie bestand aus „fünf Trinkgefäßen aus sehr feinem Glase, die in einem Bogen angeordnet waren. In zweien von ihnen waren zwei verschiedene Arten Weines, im dritten Branntwein, im vierten Öl, im fünften Wasser. Er entlockte ihnen fünf melodische Klänge auf gewöhnliche Art, durch bloßes Bestreichen der Glasränder mit den Fingern.“ Die Wirkungsweise beschreibt sie wie folgt: „Der Ton hat eine anziehende Eigenheit; er treibt Krankheit aus, die ausströmt, um die musikalische Tonwelle zu treffen, und beide, zusammenschmelzend, verschwinden im Raume.“ [S. 215] Mesmer gebrauchte dieselbe Harmonika.

Ausführlich behandelt sie dann die menschenkundlichen Ansichten William Maxwells dazu.[6] Bei diesen Heilungen kommt es nämlich darauf an, den menschlichen dreigegliederten Organismus wieder in ein harmonisches Verhältnis zu den drei kosmischen Bereichen zu bringen.Der universelle Geist muß stark im Innern des Menschen wirken können. Maxwell schreibt: „Wer den Sondergeist durch den universellen kräftigen kann, vermag sein Leben bis in Ewigkeit zu verlängern.“ [S.216] Maxwell weist aber auch auf Gefahren solcher Heilungen hin. Ursprung der Heilung ist entweder der starke Glaube des Kranken – wie mehrfach im Evangelium bezeugt – oder der gebieterische Wille des Operateurs. Mischt sich in das Wollen des Operateurs etwas von zweifelhafter Moralität, kann sich die Gesundung in eine Verschlechterung des Zustands umwandeln. Von Pythagoras bis zu Eliphas Levi lehren alle: „dass die magische Kraft niemals von solchen besessen wurde, die ‚lasterhaften Frönungen‘ ergeben waren.“

Damit glaubt sie ausreichend gezeigt zu haben, „warum wir an dem Wissen der Alten festhalten, indem wir ihnen den Vorzug vor irgendeiner neuen Theorie geben…“. [S.218]

Ein Mangel der neueren Ansichten über die geistige Welt ist auch deren Unfähigkeit, die Geister zu unterscheiden. Unter den dem Menschen ungünstigen Geistern gibt es solche, „die eine krankhafte Freude am Rollenspielen haben, Kunststücke vorführen, Nachahmen von oft diametral entgegengesetzten Charakteren etc…“ Das müsse bei spiritistischen Erscheinungen berücksichtigt werden. A.J. Davis hat solche erlebt. Er nennt sie Diakkas. Porphyrius und Jamblichus beschreiben sie auch. [S.219]

Man muss sich doch fragen, warum so viele der heute erscheinenden Geister nur flaches Zeugs reden. „Es gibt Medien, deren Organismus manchmal hunderte dieser ‚menschlichen‘ Scheingestalten hervorgerufen haben. Und doch erinnern wir uns keines einzigen Falles, bei dem etwas anderes als Gemeinplätze gesprochen worden wären. …  Wenn schon ein Geist sprechen kann, und dieser Weg intelligenten als auch unvernünftigen Wesen offensteht, warum sollten sie nicht öfters Ansprachen an uns richten, die sich betreffs Qualität auch nur in entferntem Grad den Mitteilungen nähern die wir durch ‚direkte‘ Schrift erhalten?“  [S.221] Unsere Wissenschaftler haben keine Mittel, um die Geister zu unterscheiden, die da zu uns sprechen.

Aber, obwohl die Menschheit nach Antworten auf die letzten Fragen dürstet, kümmern sich die Wissenschaftler nicht darum. Alle Erfahrungen berühmter Gelehrter und Forschungsreisender werden ignoriert und man arbeitet im Forschungsbetrieb einfach weiter. Blavatsky fragt: „Wie weit berührt sie der laute Schrei der Menschheit, dringend bittend nach unverwerflichen und offenkundig dargetanen Zeichen eines Gottes, einer individuellen Seele und der Ewigkeit. Und was ist ihre Antwort? Sie unterdrücken jedes Merkmal spirituellen Daseins und zerstören, aber richten nichts auf. ‚Wir können solche Zeichen weder mit Retorten noch mit Kreuzen erhalten.‘ sagen sie, ‚deshalb ist alles nur Irreführung.‘“

Aber die Herzen der Menschen hören nicht auf zu fragen. „Vergebens ist alle Sophisterei der Wissenschaft – sie kann die Stimme der Natur nicht ersticken. Ihre Vertreter haben nur das klare Wasser des einfachen Zutrauens vergiftet, und nun spiegelt sich die Menschheit selbst in Wässern, welche aufgeregt und mit all dem Schlamme vom Grunde der einst klaren Quelle getrübt sind.“ [S.222]

Weiterhin zeigt sie, dass auch Erforscher von mit den Sinnen beobachtbaren Tatsachen um die Anerkennung ihrer Entdeckungen kämpfen mussten, wie z.B. Boucher de Perthes. Sie spricht von wissenschaftlicher Zweifel- und Spottlust.

Dann beschreibt sie brennende Lampen, die über hundert Jahre brennen, ohne dass Öl nachgegossen wurde und führt viele Zeugnisse dafür an. [S.225-232]

Der menschliche Skeptizismus führt dazu, dass man derartige Erzählungen gar nicht erst untersucht.

Noch viel weniger als das Schauen unsichtbarer Kräfte wird das Handeln mit Hilfe unsichtbarer Kräfte, also die Magie, ernst genommen. Schweigger habe aber dargelegt, dass eine „verloren gegangene Naturphilosophie des Altertums“ mit den wichtigsten religiösen Zeremonien verbunden war, dass Magie in der vorgeschichtlichen Zeit Anteil an den Mysterien hatte. Die sogenannten ‚Wunder‘ beruhten auf dem geheimen Wissen der Priester über Physik und alle Zweige der Chemie. Man hatte im Altertum die Gewohnheit, die Naturgeheimnisse in Bildern auszusprechen, wie man z.B. das Zwillingspaar von Elektrizität und Magnetismus in die Legende von den bis in den Tod unzertrennlichen Brüdern, den Dioskuren, abgebildet hat. [S.235]

Ohne dieses enorme Wissen der Alten zu kennen, schwärmt man heute von den eigenen Erkenntnissen und Fähigkeiten: „Unsere Physiker brüsten sich mit den Errungenschaften unseres Jahrhunderts und tauschen sich unter Lobhymnen aus. Die beredsame Diktion ihrer Klassenvorträge[7], ihre blühende Phraseologie, erfordert nur eine leichte Modifikation, um diese Vorlesungen in melodiöse Sonette umzuwandeln. Unsere modernen Petrarca‘s, Dantes und Torquato Tassos wetteifern mit den Troubadours der Alten in poetischen Ergüssen. In ihrer unbegrenzten Vergötterung der Materie besingen sie Liebesverkettung wandernder Atome und den liebevollen Verkehr von Protoplasmen und beklagen die kokette Treulosigkeit von ‚Kräften‘, welche so herausfordernd mit unserem würdigen Professor im großen Drama des Lebens Verstecken spielen… . Indem sie die Materie als die alleinige und autokratische Herrscherin des grenzenlosen Universums erklären, wollten sie sie gewaltsam von ihrem Verbündeten trennen, und die verwitwete Königin auf den großen Thron der Natur setzen, welcher des verbannten Geistes ledig geworden war. Und nun versuchen sie ihr Erscheinen so anziehend als nur möglich zu machen, indem sie vor dem Schrein ihres eigenen Bauwerkes wie Derwische tanzen und ihm Verehrung bezeugen.“ [S.235]

Sie stellt dann gegeneinander über das Verfahren der damaligen Wissenschaft, immer mehr in die Einzelheiten der Tatsachen einzutauchen und Platos Methode, vom Allgemeinen zum Besonderen hinabzusteigen wie es auch in der Mathematik geschieht. Weil man dieses Verfahren nicht versteht, zeiht man Plato, er habe nicht genügend Welterfahrung in seine Gedankengänge eingebracht. Prof. Jowett aus Oxford (Baliol-College) hat aber in seinem Timaios-Kommentar belegt, dass dieser als eine wichtige Quelle der modernen Wissenschaft anzusehen ist.[8] [S.238]

In Verfolgung dieses Themas der Gleichrangigkeit der Wissenschaft der Alten mit den heutigen Akademikern bringt sie viele Beispiele, die teils beweisen, teils nur nahelegen, dass auch die äussere Kultur der Alten Vieles vorweggenommen hatte, was wir heute als großen Fortschritt der Wissenschaft ansehen. In diesem Zusammenhang kommt noch einmal als Ersatz für den unmöglichen, aber ersehnten Beweis ein rhetorischer Kunstgriff: „Welcher Archäologe will es wagen, zu behaupten, dass dieselbe Hand, die die Pyramiden von Ägypten, Karnak und die Tausende von Ruinen plante, die jetzt in Zerstörung auf den Sandbänken des Nil zerbröckeln, nicht das monumentale Nagkon-Wat von Cambodia errichtete?“ [S.239-40]

Das Wissen der Alten ging aber auf die wirkenden geistigen Kräfte, insbesondere die verborgenen Kräfte. Z.B. gibt es eine innere Nähe von Pflanzen untereinander und zu Menschen, Metallen usw. Das nennt man Sympathie der Erscheinungen. Mit diesen Fähigkeiten und Kräften der Natur vertraut sein,  ist die Grundlage für Magie: „Eine durchgängige Vertrautheit mit den okkulten Fähigkeiten eines jeden Dinges, das in der Natur besteht, ob sichtbar oder unsichtbar, ihre wechselseitigen Beziehungen, Anziehung und Abstoßung; die Ursache davon dem geistigen Prinzip zugeschrieben, das alle Dinge durchdringt und belebt; die Geschicklichkeit, die besten Bedingungen dafür zu liefern, damit dieses Prinzip sich manifestiere, mit anderen Worten eine tiefe und erschöpfende Kenntnis der Naturgesetze – das war und ist die Grundlage der Magie.“[S.245]

Hinblickend auf die skeptische Ablehnung aller auf ein Geistiges hinweisenden Tatsachen, konstatiert Blavatsky: „Wir sind am untersten Punkt eines Kreises und augenscheinlich in einem Übergangsstadium.“ Plato teile den intellektuellen Fortschritt des Universums in fruchtbare und öde Perioden. Während der öden Perioden verlieren die Inferioren ihre magische Sympathie und der geistige Blick der Mehrzahl der Menschenkinder ist so geblendet, dass er jede Wahrnehmung der höheren Kräfte seines eigenen göttlichen Geistes verliert. Wir befinden uns in einer öden Periode.“ [S.247-48]

Abschliessend spricht sie etwas wichtiges Biografisches aus, nämlich wie sie von einer Verehrerin der damals modernen Naturwissenschaften zu einer Kritikerin derselben geworden sei. Sie habe das Eigenlob der modernen Wissenschaftler lange Zeit für bare Münze genommen, bis sie die Schriften der antiken Weisheitslehrer besser kennenlernte. Selbst den Materialismus habe Epikur besser formuliert und vertreten als die neueren Philosophen. [S.251]

Erst im vorletzten Absatz kommt sie dann tatsächlich auf die chaldäischen Orakel zu sprechen: „An die Präexistenz der gottähnlichen Kräfte des Menschengeistes wurde von beinahe allen Weisen der alten Zeiten geglaubt. Die Magie von Babylon und Persien gründete darauf die Lehre ihrer Machagistia[9]. Die Chaldäischen Orakel, von welchen Plato und Psellus soviel berichtet haben, vermehrten und vervollständigten ihr Zeugnis.“ [S.252]

 

[1] Die beiden Ankündigungen könnten von den westlichen und östlichen Meistern kommen. Durchgesetzt haben sich hier die Meister des Westens.

[2] Johann Baptista a Porta (Neapel 1545 – 1615 Neapel) gab mit 16 (sic!) Jahren seine Magia Naturalis in vier Bänden heraus. Vgl. Karl Kiesewetter. Geschichte des neueren Okkultismus. 2.Aufl. Leipzig 1909, S.159 ff.

[3] Wir nennen diese Erscheinung heute Heliotropismus.

[4] Der nüchterne Wissenschaftler wird hier sagen: Nur weil die Mädchen im zentralasiatischen Hochland bessere Augen haben als die Europäer, soll ich die Existenz einer geistigen Welt anerkennen?

[5] J.B. van Helmont. Opera omnia. 1682. S.720 u.a.

[6] Über William Maxwell ist sehr wenig bekannt. Er war Schotte und der wohl bedeutendste Anhänger Dr. Robert Fludds in England. Er hatte Medizin studiert, wohl in Oxford, war mit Boyle und Fludd befreundet und lebte 1665 noch in London. Seine einzige erhaltene Schrift ist ‚De Medicina magnetica‘, Francoforti 1679. Ins Deutsche übersetzt: ‚Drei Bücher der magnetischen Artzney-Kunst…‘ Frankf. 1687. Neu übersetzt Stuttgart 1853 (Scheible). Über dieses Werk siehe Karl Kiesewetter. Geschichte des neueren Okkultismus. 2.Aufl. Leipzig 1909,  S. 287-303. 

[7] Der Ursprung der Bezeichnung „Klassenvorträge“ für die veranlagten drei Klassen der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft wird hier sichtbar. Im 19.Jahrhundert trafen sich die Gelehrten in den Sitzungen der Akademien der Wissenschaften in verschiedenen Klassen für …………..

[8] Auch Werner Heisenberg und Carl-Friedrich von Weizsäcker waren dieser Ansicht.

[9] Persischer Name für Heilige Magie.

8.Kapitel (Band 1)

Auch im 8.Kapitel fährt sie fort nachzuweisen, dass die Vorstellungen der Alten Welt die gegenwärtigen wissenschaftlichen Theorien vorausgenommen haben. Zunächst knüpft sie an ein damals modernes Werk an[1], das zwei Behauptungen aufstellt:

  1. Dass die Alten über die Stellung der Erde im endlosen Raum in Unwissenheit waren,
  2. Dass sie glaubten, dass die Himmelskörper das Schicksal der Menschen lenken würden.

Die Schilderung der Bildung der Erde, die der Autor des Buches und Astronom Proctor 1876 gibt, war damals üblich: In einer gasartigen Sphäre wächst die Summe der Materie an. Um diese gasartige Sphäre bildet sich eine flüssige schalenartige Schicht. Beide verdichten sich weiter. Die äußere Kruste wird fest. Die Einwirkung der intensiven Hitze führt zu neuen chemischen Substanzen. Salze werden gebildet und verteilt. Die Atmosphäre verändert ihre Zusammensetzung. Pflanzliches Wachstum erscheint und tierisches Leben. Schließlich folgt der Mensch. Die Frage, wo das anfängliche Gas herkommt, bleibt unbeantwortet, ja unerwähnt. Das 20. Jahrhundert hat an diese Stelle eine uranfängliche Explosion, einen „Urknall“ gesetzt, dessen Ursache allerdings wiederum offenbleibt. Die Suche nach den Ursachen wird nie an ein Ende kommen, da ein wirklicher Anfang nur in einer freien unbedingten Tat zu finden ist.

Blavatsky stellt dieser Schöpfungs-Erzählung aus dem 19.Jahrhundert das hermetische ‚Buch der Zahlen‘ gegenüber, das auf Erzählungen der chaldäischen Magier beruht: „Im Beginne der Zeit hatte das große unsichtbare Eine seine heiligen Hände voll himmlischer Materie, die es durch die Unendlichkeit verstreute. Und siehe, o Wunder! Sie wurde zu feurigen Bällen und Bällen aus Lehm. Und sie zerflossen gleich dem beweglichen Quecksilber in viele kleinere Kugeln und begannen ihre unaufhörliche Drehung; und einige von ihnen, die Feuerbälle waren, wurden zu Kugeln aus Lehm; und die Kugeln aus Lehm wurden zu Bällen von Feuer; und die Feuerbälle warteten ihre Zeit ab, um Kugeln aus Lehm zu werden; und die anderen beneideten sie und konnten die Zeit nicht erwarten, Bälle aus reinem göttlichem Feuer zu werden.“ [S.254]

Die ganze Beschreibung des chaldäischen Astronomen gibt ein großes Panorama der physischen Evolution des Alls wieder. Nur der Anfang und die letzte Wandlung passen nicht in das Bild einer rein physischen Evolution. Dass die Rückführung des Anfangs auf die freie Entscheidung eines oder mehrerer Schöpferwesen eine gedanklich sauberere Auffassung des Anfangs ist, wurde schon deutlich. Was die Rückwandlung der Kugel aus Lehm in eine feurige Phase angeht, meint Blavatsky, die Chaldäer hätten mit der Schlußszene die Verwandlung des erkalteten Himmelskörpers in einen rein geistigen gemeint, gewissermaßen eine nachtodliche Phase der Planetenentwicklung. Eine solche kommt in den modernen Darstellungen natürlich nicht vor.[2] Die Chaldäer hatten also ein ähnliches Bild der physischen Evolution wie die Heutigen, aber eingebettet in ein spirituelles Weltbild.

Procter beschreibt ferner einen Erdenzustand, während dessen die Erde von außen gesehen eine Art Wassererde war, doch unter der Oberfläche befand sich eine zweite Kugel aus einem bildsamen gallertartigen Stoff. In der Mitte dieser Masse wiederum ruhte eine feste Kugel[3]. [S.255] Dem hält H.P.B. den Rosenkreuzer Eugenius Philalethes (1621-1666~) entgegen. Der beschreibt 1650 in seiner ‚Magia Adamica‘ u.a. einen frühen Zustand der Erde, in dem sie „von schwankender oder zitternder Art“ war, etwa in der Art einer Gallerte. Dieser Zustand der Wassererde sei durch die Befruchtung und Hitze des göttlichen Geistes (1.Mose, Kap.1,2) entstanden. Dabei beruft sich Eugenius Philalethes auf Hermes Trismegistos. Soweit nimmt Blavatsky den Faden der Weltentstehungsfrage wieder auf.

Dann aber fügt Blavatsky etwas ein, was wie eine Episode wirkt, die für den Fortgang des Ganzen zunächst wenig Bedeutung zu haben scheint. Der Rosenkreuzer spricht nämlich eine ganz besondere Auffassung der Erde aus: „Die Erde ist unsichtbar … bei meiner Seele, es ist so, und, was noch mehr ist, das Auge des Menschen sah die Erde niemals, noch kann sie gesehen werden ohne die [göttliche] Kunst.- Dieses Element sichtbar zu machen, ist das größte Geheimnis der Magie … Was nun diesen schwangeren groben Körper anbelangt, auf dem wir herumgehen, so ist er ein Düngerhaufen und keine Erde, aber er hat Erde in sich … Mit einem Worte, alle Elemente sind sichtbar bis auf eines, nämlich die Erde, und wenn du so viel Vollkommenheit erreicht hast, um zu wissen warum Gott die Erde in die Verborgenheit versetzt hat, dann hast Du ein ausgezeichnetes Sinnbild, durch das Du Gott selbst erkennen kannst, insbesondere inwiefern er sichtbar und inwiefern er unsichtbar ist.“[4] [S.255-56]

Sie schiebt dann noch ebenso unvermittelt ein Wort aus der Weisheit Salomos hinterher: „Denn deine allmächtige Hand [ist es], die die Welt aus formloser Materie machte.“[5]

Die rätselhafte Aussage des Rosenkreuzers erläutert sie nicht, vielmehr sagt sie, es sei mehr in diesen Worten als sie willens sei, zu erklären, aber das Geheimnis sei wert, es zu suchen.

Das wollen wir tun. Was ist denn der Dünger, den die Erde seit undenklichen Zeiten von Seiten der Menschen zugefügt erhält? Es sind die im Tode abgelegten menschlichen Leiber. Durch den Fall des Menschen ist die Erde in Mitleidenschaft gezogen. Ihre Substanz ist nicht das reine Bild des paradiesischen Menschen. Beim Abstieg des Menschen hat er die Erdensubstanz mitgenommen, hat ihr seine Art sich gegen alles abzugrenzen, ganz nur er selbst zu sein und für sich zu sein, mit geteilt  und sie dadurch mineralisch werden lassen. Sie ist undurchsichtig geworden. Mit jedem Willensakt haben wir unsere Gesinnung in der Substanz wirksam werden lassen. Was wir an der Erde sehen, sind die Folgen unserer Taten, sind insbesondere auch unsere Mängel und Unreinheiten. Dies wirft auch ein bemerkenswertes Licht auf Christi Abstieg in die Erdentiefen.[6] Dieses Element sichtbar zu machen“, meint der Rosenkreuzer, „ist das größte Geheimnis der Magie.“ Es kann nur gelingen dadurch, dass die Menschheit sich zum bis in den Leib hinein vergeistigten Geistesmenschen (Atman) verwandelt – durch weiße Magie. Das wäre tatsächlich auch eine adamitische Magie, indem sie den Menschen in einen Zustand fortschreiten lässt, der dem adamitischen vor dem Sündenfall verwandt ist, der ihn aber zugleich unendlich erhöht.

Nach diesem Ausflug in den Okkultismus kehrt sie zu ihrer selbsterwählten Aufgabe zurück. Der Gedanke einer stofflichen Evolution der Arten kann ebenfalls in den antiken Zeugnissen gefunden werden. Blavatsky führt erneut eine Rede des Hermes an, nach der Gott seine Hände geöffnet und alles ausgegossen habe, „was für die Zusammensetzung der Dinge notwendig war.“ Die Materie war ausgestattet „mit dem Versprechen und der Potenz jeder zukünftigen Form des Lebens.“ Die Formen des Lebens entstehen demnach aus den verschiedenen Kombinationen der verschiedenen Stoffe.

Der römische Kaiser und Philosoph Mark Aurel[7] [121-180 n.Chr.] spricht das in seinen ‚Selbstgesprächen‘ deutlicher aus: „Die Natur des Universums gefällt sich in keinem Dinge so sehr, als darin, alle Dinge zu ändern und sie unter einer anderen Form wieder darzustellen – das eine Spiel zu Ende zu spielen und ein anderes wieder zu beginnen.“ [S.257] Diese Auffassung zeichnet sich dadurch aus, dass sie keinerlei Ziel bei der Zerstörung der Formen und der Neuverwendung der materiellen Bausteine zunächst in einem Pflanzenblatt, dann in einem Knochen, dann in einem Mineralwasser oder was auch immer, hat.

Die Gerichtetheit der Evolution hat ja erst Charles Darwin durch den Kampf ums Dasein, den er in seiner ‚Entstehung der Arten‘ 1859 beschrieben hat, in den materiellen Entwicklungsgedanken hineingebracht. Die spirituelle Sinngebung der Evolution finden wir hingegen schon weit früher bei den Rosenkreuzern und den späteren Hermetikern. Vorbereitend referiert Blavatsky: “Die allmähliche Entwicklung aus bestehenden Formen galt bei den rosenkreuzerischen Illuminaten als Lehre.“ [S.257] Das heißt: Die Natur macht keine Sprünge. Dann muß sich eins aus dem anderen heraus entwickeln.

Dann gibt sie einen Moment lang den Blick frei auf das Agens der Entwickelung: „Die Hermetiker und die späteren Rosenkreuzer hielten daran fest, dass alle Dinge, die sichtbaren und die unsichtbaren, durch den Streit des Lichtes mit der Dunkelheit erzeugt worden seien, und dass jedes Teilchen von Materie im Innern einen Funken der göttlichen Essenz – oder Licht, Geist – enthalte, der durch seine Neigung sich von seiner Umgarnung zu befreien und zu der zentralen Quelle zurückzukehren, in den Teilchen die Bewegung hervorrufe; und aus dieser Bewegung entspränge die Form.“[8] [S.257-58] Sie sagt es nicht, aber sie enthüllt hier, dass dem hermetischen und rosenkreuzerischen Okkultismus ein manichäischer Ideenkosmos zugrunde liegt.

Robert Fludd [1574-1637] hat das Walten dieses Lichtfunkens etwas ausführlicher beschrieben, sagt sie: „So besitzen alle Mineralien in diesem Lebensfunken die rudimentäre Möglichkeit der Pflanze und des wachsenden Organismus in sich; so alle Pflanzen rudimentäre Empfindungsfähigkeiten, die sie (nach Zeitaltern) befähigen werden sich in bewegliche, neue Geschöpfe, niedere oder höhere, je nach ihrem Grade, zu vervollkommnen und in sie überzugehen (zu transmutieren); so dürften alle Pflanzen und die ganze Vegetation (auf Seitenwegen) in ausgezeichnetere Landstraßen des unabhängigeren vollkommeneren Fortschritts gelangen, die ihrem ursprünglichen Lichtfunken gestatten, sich auszudehnen und mit höherer und lebendigerer Kraft zu sprossen und nach aufwärts zu verlangen nach einem reicheren, vollkommeneren Ziele, alles bewegt durch planetarischen Einfluss, gelenkt von den ungesehenen Geistern (oder Werkmeistern) des großen ursprünglichen Architekten.“[9]   

Schließlich geht sie noch auf die Frage ein, was dieser Lichtfunken, was Licht überhaupt ist. Licht, sagt Blavatsky, ist das erste Gezeugte, die „Emanation des Erhabenen“ und wie Johannes sagt „Leben“. Und dann folgt eine sehr rätselhafte, für manchen wohl auch befremdliche Äußerung: „Beide – Licht und Leben – sind Elektrizität.“ Sie bezeichnet die Elektrizität sogar als „das Lebensprinzip, die anima mundi, die das Universum durchdringt, der elektrische Lebenswecker aller Dinge.“ Wir sehen am Anfang des 21. Jahrhunderts vor allem die Gefahren einer allzu starken Elektrifizierung unserer Umwelt (Elektrosmog, etc…). All das war 1875 noch nicht vorhanden. Aber Luigi Galvani hatte 1780 in Experimenten entdeckt, dass die Schenkel eines toten Frosches zu zucken beginnen, wenn sie von 2 Nadeln aus Kupfer und Eisen berührt werden und die Nadeln durch einen Leiter miteinander verbunden werden. Dies kann man als eine lebhafte Illustration des elektrischen Lebensweckers ansehen. Tatsächlich finden auch in unseren Nervenbahnen fortwährend elektrische Prozesse statt, wenn wir unseren Willen in die Glieder schicken oder auch wenn wir nur denken. Die elektrische Erscheinung in den Nerven zeugt davon, dass der gedanken- und damit lichtdurchzogene Wille, der von außen die Glieder ergreift, bis in die Substanz in den Leib eingetreten ist. In diesen kleinen Dosen kann man in ihr wirklich einen elektrischen Lebenserwecker sehen.

Sie stimmt sogar so etwas wie einen Hymnus auf die Elektrizität an: „Licht ist der große proteistische Magier und seine mannigfaltigen, allmächtigen Wellen haben unter dem Göttlichen Willen des Architekten jede Form sowohl als auch jedes lebende Wesen geboren. Aus seinem schwellenden, elektrischen Busen entspringen Materie und Geist.“ [S.258] Etwas später rückt sie die Ursache des Lichts in eine Region außerhalb des Raumes. Die Sonne sei nicht der Quell des Lichtes, „weder des Lichtes noch der Hitze“. Vielmehr sei sie wie ein Brennpunkt anzusehen oder auch „eine Linse, durch welche die Strahlen des ursächlichen Lichtes materialisiert und auf unser Sonnensystem konzentriert… werden.“[10] [S.258]

Ich habe die ersten sechs Seiten des achten Kapitels besonders ausführlich wiedergegeben und erläutert, weil sie mir eine zentrale Partie des Buches zu sein scheinen. Hier ist es ihr gelungen, ihr Grundanliegen, dass die Aussagen der Alten auf Augenhöhe mit den modernen wissenschaftlichen Anschauungen zu behandeln sind, nachvollziehbar darzustellen. Sie kann sogar zeigen, worin  die alten Zeugnisse die neueren übertreffen, nicht in der Fülle der Details, aber in der Anbindung ihres Bildes von der materiellen Beschaffenheit der Dinge und deren Entstehen an das erlebte Dasein einer übersinnlichen Welt, die Anfang und Ende ausmacht.

In der Folge zieht Blavatsky einen zweiten Aufsatz von Richard A. Proctor heran: ‚Thoughts on Astrology‘[11]. Dieser Astronom hält die Astrologie für den beachtenswertesten, ja vernünftigsten Versuch der vorwissenschaftlichen Zeit, die Zukunft vorauszusagen. Der Einfluss von Sonne und Mond auf die Erdenverhältnisse sei schwerlich zu leugnen, warum sollten da die anderen Himmels-körper nicht ebenso starke Einflüsse zeitigen? Mehrfach beobachtete merkwürdige Übereinstimmungen in Geburtsaugenblicken mögen allmählich zu einem summierten Überlieferungswissen geführt haben, meint er.

Blavatsky hielt dem entgegen, die Astrologie sei eine Wissenschaft so unfehlbar wie die Astronomie selbst, vorausgesetzt der Ausleger sei unfehlbar. Die Astrologie sei für die exakte Astronomie, was die Psychologie für die Physiologie sei.

Merkwürdige Übereinstimmungen wie die, dass Saturn von den chaldäischen Sternenweisen als eine Gottheit, von einem dreifachen Ring umschlossen, dargestellt wird, hält Proctor für Zufälle. Das Bild ist erklärungsbedürftig, weil wir heute die Ringe mit bloßem Auge nicht sehen. H.P.B. sieht darin einen Beweis dafür, dass die Chaldäer über hochentwickelte Instrumente wie die unsrigen verfügten. [S.260-61] Merkwürdigerweise erwähnt sie die Möglichkeit einer hellseherischen Erforschung dieses Gegenstandes nicht. Sie meint, die alten Astronomen müssten die gleichen Instrumente wie wir benutzt haben!

In den Mythen und Allegorien der alten Kulturen, behauptet sie, finde man, wenn sie „einmal richtig und vollkommen erklärt“ seien, die exakten astronomischen Begriffe unserer Tage: jedes Naturereignis findet seine Personifikation. Die Götter wurden mit Sonne, Mond und den Leuchtepunkten der Planeten identifiziert. „Die atmosphärische Elektrizität in ihren neutralen und latenten Zuständen ist gewöhnlich durch Halbgötter und weibliche Gottheiten verkörpert.“ [S.261]

Ausführlich bespricht sie dann als Beispiel die Mythen um Zeus und Artemis [S.262-64]. In ihnen „verkörpert“ sich der Einfluss der Gestirne. Dann geht sie über zur Wirkung der Edelsteine, insbesondere des Saphir, dessen blaues Licht dem Pflanzenwachstum förderlich ist. [S.264-65] Die Hindus, Pythagoras und die Buddhisten stimmen in ihrer Einschätzung der Wirksamkeit der Edelsteine überein. Indem es für jeden Monat einen besonderen Stein gäbe, stimmen sie mit der Wirksamkeit der Gestirne zusammen. Die Steine wirken aber vor allem durch ihre Farben auf unser Gemüt und tiefer. So sind es die Gestirne, die auch in den Steinen und Farben auf uns wirken.

Noch einmal wirft sie die Frage auf, ob es das Licht ist, das die Wärme erzeugt, oder die Wärme, die das Licht erzeugt? [S.269] In der Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments wird ja zuerst das Licht erzeugt und erst später kommen Sonne, Mond und Sterne. Bringt die physische Sonne Licht und Wärme hervor, wie wir es heute selbstverständlich denken? Um ihre Zweifel zu begründen, führt sie einen General Pleasonton aus Boston an, der den leeren Raum zwischen der Sonne, der Erde und den Planeten leugnet und ihn erfüllt denkt von einem mesmerischen Fluidum, einem galvanischen Element, das, indem sich das Licht mit seiner ungeheuren Geschwindigkeit an ihm reibt, Wärme entstehen lässt. Blavatsky ergänzt, dass der Ursprung des Lichtes die geistige Sonne sei, die vermeintliche physische Sonne wirke nur wie eine Linse, die das Sonnenlicht auf die Erde und auf andere Orte fokussiert. „Kurz, es ist die erste kabbalistische Emanation, zu der uns General Pleasonton führt, jene Sephira oder göttliche Intelligenz (das weibliche Prinzip), die in Vereinigung mit En-Soph oder der göttlichen Weisheit (männliches Prinzip) jedes sichtbare und unsichtbare Ding hervorbrachte.“ [S.270-72]

Die Beobachtung der – zumindest damals – unerklärten rhythmischen Erscheinung der Gezeiten, die mit den Mondenwirksamkeiten zusammenhängt, lässt sie nach anderen größeren Rhythmen fragen, in denen sich vielleicht Sterneneinflüsse verbergen. Und sie sucht große seelische Umbrüche in der Geschichte, die sich unerklärlich rasch wie eine Epidemie verbreiten: „Es gibt Zeiten der Epidemie in moralischer und physischer Hinsicht. In einer Epoche erweckt der Geist religiösen Widerspruch, die wildesten Leidenschaften, die dem Menschen zugemutet werden können, gegenseitige Verfolgung, Blutvergiessen und Krieg heraufbeschwörend. Zu einer andern verbreitet sich eine Epidemie der Empörung gegen erbangesessene Autorität rasch und unvermittelt über den halben Erdball (z.B. im Jahr1848) wie das heftigste körperliche Übel.“ [S.274] Dabei stützt sie sich auf ihren Zeitgenossen, den amerikanischen Arzt Charles Elam.[12]

„Wir wissen“, zitiert Blavatsky den Arzt etwas später nochmals, „dass gewisse pathologische Zustände Neigung haben, epidemisch zu werden, beeinflusst durch Ursachen, die wir noch nicht ergründet haben. … Wir sehen wie stark die Tendenz einer einmal aufgetauchten Meinung ist, epidemische Gestalt anzunehmen. Keine Ansicht, kein Irrtum ist zu abgeschmackt, um nicht diesen Kollektivcharakter anzunehmen. Wir machen auch die Beobachtung, in welch bemerkenswerter Weise dieselben Ideen sich wieder erzeugen und in aufeinander folgenden Zeiten wieder erscheinen. … sei es Mord, Kindesmord, Selbstmord, Vergiftung, kein Verbrechen und keine diabolische menschliche Konzeption ist zu schrecklich, um nicht populär zu werden, … Bei Epidemien bleibt die Ursache der zu Zeiten gerade zu rasenden Ausbreitung ein Rätsel!“ [S.275-76]

Der Arzt berichtet von einer Brandstiftungsepidemie und wahnsinnigen Mordtaten. Die Täter selbst erzählen von unwiderstehlicher Besessenheit. Was hilft es, wenn man das einem temporären Wahnsinn zuschreibt? „Wird der Wahnsinn selbst von irgendeinem Psychologen richtig verstanden?“ [S.276]

Mit Hilfe von Platos Menschenbild kann sie hingegen diesen Wahnsinn menschenkundlich erklären und als reale Besessenheit verstehen. Sobald der göttliche unsterbliche Geist aus solchen Menschen – aus welchen Gründen auch immer – ausgetreten ist, wird der Mensch „durch alles, an die Materie geknüpfte Böse überwältigt. Er wird daher zum willigen Werkzeug in den Händen der Unsichtbaren – Wesen von sublimiertem Stoff, die sich in unserer Atmosphäre aufhalten und bereit sind jene zu inspirieren, die von ihrem göttlichen Berater, dem göttlichen Geiste, von Plato Genius genannt, verdientermaßen verlassen sind.“ [S.277] Hellseher und Adepten des Mesmerismus haben derartige Kräfte und Wesensbetätigungen beobachtet und beschrieben, wurden aber nicht ernstgenommen.

Die Kenntnis dieser Kräfte und Wesenheiten sowie die Übung eigener mesmerischer Kräfte machen Magie möglich. Der Baron J. Du Potet, Blavatzky nennt ihn den Fürsten der französischen Mesmeriseure, hat in mehreren Büchern seine persönlichen Erfahrungen mit magischen Verrichtungen geschildert. Er sieht die Magie als die unmittelbare Fortsetzung des Mesmerismus. Du Potet erzählt selbst einiges darüber, wie er zu seinen Kenntnissen und Fähigkeiten kam: „Die Geschichte bewahrt nur allzugut die traurigen Aufzeichnungen über die Zauberei auf. Diese Tatsachen waren nur allzu wirklich und man gab sich bereitwillig mittels dieser Kunst ungeheuerlichen, schrecklichen Verbrechen und Missbräuchen hin. Aber wie kam ich dazu alles über diese Kunst herauszufinden? Wo lernte ich sie? In meinen Gedanken? Nein; die Natur selbst ist es, die mir das Geheimnis enthüllte. Und wie? Indem sie vor meinen Augen, ohne mein eigenes Suchen darnach abzuwarten, unbestreitbare Tatsachen der Zauberei und Magie hervorbrachte.“[13] [S.279]

Du Potet war offensichtlich ein Günstling des Schicksals. Die Natur hatte vor ihm magische Vorgänge offenbart. Er hatte es bemerkt und sich den Tatsachen mit Interesse und Ernst gestellt. Hinzu kam eine natürliche Begabung, mesmerische Vorgänge anregen zu können. Du Potet bringt dann die besonderen und rätselhaften historischen Vorgänge, auf die Charles Elam aufmerksam machte, mit den Möglichkeiten magischer Beeinflussung in Beziehung:

„Was ist übrigens somnambuler Schlaf? Ein Ergebnis magischer Gewalt. Und was ist es, das diese Anziehungen, diese plötzlichen Impulse, diese rasenden Epidemien, Wutausbrüche, Antipathien, Krisen bestimmt – diese Konvulsionen, die ihr dauerhaft machen könnt?“ [S.279]

Durch die Worte Du Potets wird deutlich, dass nicht nur die Wirksamkeit der Sterne sondern auch die der im Gebrauch ihrer Kräfte erfahrenen Menschen bei den rasenden Geistes-Epidemien, etc. zu berücksichtigen sind. Die Wirksamkeit der Sterne kann auf das historische Geschehen Einfluss nehmen, aber die Menschen, die mit deren Kräften umzugehen wissen, auch. Sie können die Konvulsionen „dauernd machen“.

„Was ist das sie [die Konvulsionen] Bestimmende, wenn nicht dasselbe Prinzip, das wir anwenden, das den Alten entschieden so wohlbekannte Agens?  Was ihr nervöses Fluidum oder Magnetismus nennt, nannten die Männer des Altertums okkulte Kraft oder die Macht der Seele, Suggestion, Magie!“ [S.280]

An dieser Stelle wird deutlich, warum Blavatzky immer wieder auf Messmer und den Mesmerismus zu sprechen kommt. Der Mesmerismus ist die Vorform der praktischen Magie.

Dupotet gibt nun eine Zusammenfassung dessen, was Magie eigentlich ist: „Magie beruht auf der Existenz einer gemischten Welt, die ausserhalb, nicht innerhalb von uns, angeordnet ist und mit der wir durch die Anwendung gewisser Künste und Praktiken in Verkehr treten können ….. Ein in der Natur existierendes, den meisten Menschen unbekanntes Element erlangt über eine Person Übermacht, vernichtet und schmettert sie nieder wie der fürchterliche Orkan eine Binse bricht. Es schleudert die Menschen weit auseinander, es trifft sie an tausend Stellen zu gleicher Zeit, ohne dass sie den unsichtbaren Feind wahrnehmen oder imstande sind sich zu schützen…. Alles dieses ist bewiesen; aber dass dieses Element sich Freunde wählen, und Günstlinge erklären, ihren Gedanken gehorchen, der menschlichen Stimme antworten und den Sinn geschriebener Zeichen verstehen könnte, das ist es, was die Leute nicht begreifen können und was ihre Vernunft verwirft, und das ist es gerade, was ich sah. Und ich sage es hier aufs nachdrücklichste; denn für mich ist es eine Tatsache und eine für immer bewiesene Wahrheit.“[14]

Baron Du Potet ist gewissermaßen neben Franz Anton Mesmer Blavatzkys lebender Kronzeuge für die Realität der Magie. Du Potet war Magnetiseur und eben auch Magier. Blavatzky lässt uns daher weiteres von ihm vernehmen:

„Liesse ich mich in ausführlichere Einzelheiten ein, dann würde man leicht begreifen, dass um uns, sowie in uns, geheimnisvolle Wesen existieren, die Kraft und Gestalt besitzen, die trotz wohlverriegelter Türen kommen und gehen, wann sie wollen.“[15] [S.279]

Aus einer anderen Schrift des großen Mesmeriseurs führt sie noch an, dass die Fähigkeit die Ströme dieses Fluids zu lenken, eine „aus unserer Organisation fließende, physikalische Eigentümlichkeit ist. … Es geht durch alle Körper; jedes Ding kann als Konduktor für magische Operationen gebraucht werden, und wird die Kraft beibehalten, wieder seinerseits Wirkungen hervorzubringen.“ Dazu schreibt Blavatzky, dass das gerade die allen hermetischen Philosophen gemeinsame Theorie sei. Du Potet fährt fort: „Solcher Art ist die Kraft des Fluidums, dass keine chemischen oder physikalischen Kräfte imstande sind, es zu zerstören.“[16] [S.280]

Helena Blavatsky führt dann zwei weitere praktische Magier vor: Agrippa von Nettesheim und Eliphas Levi. [S.280] Deren Zeugnisse werden hier nicht wiederholt. Durch die Vielzahl von glaubwürdigen Bestätigungen von magischen Praktiken entsteht ein Dilemma für die materialistische Weltanschauung der Gegenwart: Entweder man muss die Magie anerkennen, was für jeden Materialisten eine Bankerott-Erklärung wäre, oder man muss, wenn man die Geschehnisse auf unbekannte Naturkräfte und Gesetze zurückführt, anerkennen, dass die antiken Philosophen und die neuen Magier die Naturgesetze und -kräfte besser kennen als die Naturwissenschaftler! [S.282]

Blavatzky untermauert ihre Ansicht von der Realität der Magie durch weitere Autoritäten und macht uns schließlich aufmerksam auf Erscheinungen des (beinahe) täglichen Lebens, an denen jeder das magische Agens beobachten kann: in jeder Zirkusmenagerie bringen es Menschen – zum Teil physisch schwache junge Frauen – fertig „bloß durch die Macht ihres unwiderstehlichen Willens“ wilde Tiere zu bändigen und vollständig zu unterwerfen. Ebenso gelingt es geübten Menschen mit der Hypnose Menschen in einen erbarmungswürdigen unfreien Zustand zu versetzen und sie zu beeinflussen.

Pleasontons Sonnentheorie hatte wie erinnerlich den leeren Raum zwischen der Sonne und der Erde mit den Elementarkräften, den Ätherkraften ausgefüllt, die von den Magnetiseuren und Mesmeristen als magnetisches Fluidum bezeichnet wurden. Zum Verständnis der Magie ist es wichtig zu sehen, dass dieser Raum nicht bloß von gleichförmigen Kräften erfüllt ist, sondern dass er der Wohnort vielfältiger Wesensarten ist. Sie halten sich darin wie die Fische im Meer auf, jede Art hat ihren besonderen Aufenthaltsraum, der ihre Lebensbedingungen erfüllt. Darunter sind schöne und hässliche Elementarwesen, dem Menschen wohlgesonnene und ihm abgeneigte. Abhängig vom Stand der Sterne können sich ganze Schwärme von solchen Elementarwesen und „Elementals“ in die Erdatmosphäre ergießen und ihre Wirkung entfalten. [S.284-85] Bulwer Lytton hat diese Wesen in seinem Roman „Zanoni“ wunderbar beschrieben. [S.285-86] Darin betont er durch den Mund des weisen Glyndon: „Wie ich schon oft gesagt habe, Magie (als eine Wissenschaft, die die Naturgesetze verletzt,) gibt es nicht; sie ist allein die Weisheit, durch welche die Natur gelenkt werden kann.“ [S.286]

Die Tatsache der Magie als einer in der menschlichen Evolution veranlagten Zukunftsfähigkeit wirft die Frage nach dem Ziel und dem Weg der menschlichen Evolution auf und H.P.B. verspricht darauf im nächsten Kapitel einzugehen – und zwar anhand der „Spekulationen der Initiierten über das Sanktuarium“. Doch greift sie einen Aspekt der Lehren der alten Mysterien am Ende des 8.Kapitels schon auf, nämlich die Lehre von der Wiederverkörperung.

Sie holt weit aus als sie zu diesem Thema kommt. Zunächst blickt sie nochmals auf das Verständnis Platos in der Gegenwart. Man hält den Zusammenhang zwischen Platonismus und Christentum für natürlich. Die Christen haben die Trinität, das Wort, die Kirche und die Weltschöpfung im Werk Platos gefunden, weil sie darin seien. Blavatzky meint hingegen, das Christentum habe nur äußere Formen der platonischen Lehren übernommen, aber der Geist fehle ihm. Das gleiche gelte für die esoterischen Lehren des Pythagoras. Das, was die Kirchenväter einst behauptet haben, dass nämlich die griechischen Philosophen aus den heiligen Büchern der Christen gelernt und abgeschrieben hätten, das könne man heute niemandem mehr weismachen.

Die pythagoräische Lehre, „dass Gott der durch alle Dinge verstreute Universalgeist[17] sei“, und das Dogma von der Unsterblichkeit der Seele lägen allen antiken Weisheitslehren als verbindendes Element zugrunde.

Dann fährt sie fort: „Die buddhistischen Lehrsätze, die nie besser als durch das Studium der pythagoräischen Philosophie – ihrem getreuen Reflex – verstanden werden können, sind ebenso wie die brahmanische Religion und das Urchristentum aus dieser Quelle geschöpft.“ Gemeint ist der Universalgeist. Das ist also der frische Quell, aus dem auch sie im Folgenden schöpft. Es handle sich um eine Lehre oder eine lebendige Quelle, aus der die Brahmanen, die Buddhisten, die Pythagoräer und die Urchristen geschöpft haben. Sie alle spiegeln diese Urweisheit aber nur unvollkommen wieder. Hier wird vielleicht der Anspruch der „Theosophie“ besonders deutlich - ob man ihn nun für berechtigt oder für unberechtigt hält.

„Der läuternde Prozess von Seelenwanderungen[18] - den Metempsychosen[19] – der übrigens später grob anthropomorphisiert wurde, darf nur als eine nachträgliche ergänzende Lehre angesehen werden, die durch theologische Sophisterei in der Absicht entstellt wurde, über die Gläubigen mittels eines populären Aberglaubens fester Oberhand zu gewinnen.“ [S.289] Die Lehre von der Seelenwanderung  sieht der hier Blavatzky inspirierende Mensch als eine Lehre, die gegenüber der ursprünglichen grob anthropomorphisiert worden sei, also vermenschlicht wurde, dem menschlichen Auffassungs-vermögen angepasst wurde. Die Vermenschlichung bezieht sich auf die mehrfache Inkarnation im Fleisch. Sie sei eine vereinfachte Vorstellung von dem „läuternden Prozess“. Blavatzky behauptet ferner, die ursprüngliche Lehre sei bewusst zu dem Zwecke entstellt worden, um damit Macht über die Anhänger dieser Lehre, die in der Regel deren Wahrheit oder Unwahrheit ja nicht erkennen konnten, zu gewinnen. Die zweite Behauptung stützt sie auf kein Zeugnis. Sie kann weder sagen, wann diese Lehre entstellt wurde noch von wem, will aber die Motive der vermeintlichen Fälscher genau kennen? Diese Behauptung kann nur als Mutmaßung gelten.

Weiter ergänzt sie: „Weder Gautama Buddha noch Pythagoras beabsichtigten diese rein metaphysische Allegorie buchstäblich zu lehren.“ Damit widerspricht sie vollbewusst vielen antiken Texten von und über Buddha, Pythagoras und Plato. Man muss schon sehr gute Gründe haben, um sich in einer so wichtigen Frage mit einem Kreise so erlauchter Geister anzulegen. H.P.B. nennt die Erzählung von der Wiederverkörperung des Menschen eine „metaphysische Allegorie“.

„Esoterisch wird sie im ‚Mysterium‘ des Kumbum erklärt. …“. Die Erläuterung dieses Namens soll im 9.Buch erfolgen. Bis dahin sollen wir die überlieferten Texte von Buddha, Pythagoras und Plato zu dieser Frage über Bord werfen und auf die Autorität des „Kumbum“ vertrauen? Wer oder was immer das ist?

Die metaphysische Allegorie, fährt sie erläuternd fort, „bezieht sich auf rein geistige Wanderungen der Menschenseele.“[20] Um das Problem ihrer Aussage zu verdeutlichen, sei gefragt: Wenn es sich um eine Allegorie handelt, wieso hat Pythagoras dann die Namen längst verstorbener aber damals noch bekannter Menschen genannt, in denen er verkörpert gewesen sein will? Oder wussten weder Buddha noch Pythagoras oder Plato wie es um die Wiederverkörperung steht?

Gegen alle Kritik, die sich auf die gedruckten Überlieferungen dieser esoterischen Schule (Buddha – Pythagoras – Plato – etc…) stützt, wendet sie generalisierend ein: „Es ist nicht der tote Buchstabe der buddhistischen heiligen Literatur, aus dem die Schulgelehrten je lernen können, die wahre Lösung ihrer metaphysischen Subtilitäten herauszufinden.“ [S.289]

Was macht sie in ihrem buddhistischen Gedankenkanon so sicher? Die Unsterblichkeit erwerbe man sich dadurch, schreibt sie, dass man alles Substantielle von sich abwirft. Dazu muss der Schüler „seine Leidenschaften auslöschen, sich selbst mit dem Gesetz vereinigen und gleich machen … und die Religion der Vernichtung begreifen lernen.“ [S.287] Alles Stoffliche am Menschen müsse zerstört werden. Das ist die Religion der Vernichtung. Die Vernichtung bezieht sich zwar bloß auf den Stoff, allerdings auf den des sichtbaren wie auch des unsichtbaren Körpers. Die Religion der Vernichtung könnte auch die der Herausziehung des ewigen Wesenskernes aus dem unwirklichen Stoff genannt werden. Die Vernichtung wird nicht um ihrer selbst willen geschätzt, sondern weil durch sie das Ewige im Menschenwesen wieder aufleuchten kann.

Man vereinigt sich mit dem Gesetz, indem man die Lebensregeln und deren metaphysische Ausgangspunkte zu seinem innersten Wesen macht. Geschieht das in Freiheit, entdeckt man, dass die sogenannte Moral der Kern unseres Wesens ist, nicht etwa werden soll. Die Evolution – das sind wir, sagt Joseph Beuys dazu.

Nicht nur den physischen Stoff, sondern auch die unsichtbaren Stoffe, wie z.B. den des Astralkörpers, muss der Mensch ablegen. Buddha habe, als er von Geisteswanderung sprach, nur sagen wollen, „die Ur-Substanz sei ewig und unwandelbar. Ihre höchste Offenbarung ist der reine leuchtende Äther, der unbegrenzte, unendliche Raum, nicht eine aus der Abwesenheit von Dingen hervorgehende Leere, sondern im Gegenteil der Grund, aus dem alle Formen hervorgehen und der früher ist wie sie.“ [S.289-90]

Form, Geformtheit, Besonderheit sind Kennzeichen der Maya: „Denn alles, was Gestalt trägt, wurde geschaffen und muss früher oder später vergehen, d.h. diese Gestalt wechseln. Das Vernichten des Stoffes besteht daher im Aufgeben der Form, in die der Stoff eingelagert ist. Blavatzky unterscheidet streng die Substanz (Farbigkeit, Dichte, Gewicht, Geruch, u.s.w.) von der Form.[21] Vernichtung bedeutet daher nur eine Zerstreuung der Materie, die aus ihrer Form fällt: „Der Mensch existiert im Geist, in nichts; als eine Form, Gestalt, als Schein wird er vollständig vernichtet und wird daher nicht länger sterben; denn Geist allein ist keine Maya.“ [S.290] Hier wird die Vermenschlichung der Wiederverkörperung etwas deutlicher: denn alles Erscheinende, also auch der erscheinende Wiederverkörperte, ist Maya, also unwirklich.

Nicht nur die Substanz, auch ihre Form muss vernichtet werden. Die Form ist für Blavatzky der Inbegriff der Vergänglichkeit. Da Ewigkeit weder Anfang noch Ende hat, geht die kürzere oder längere Dauer irgendeiner gesonderten Form für den dauernden Geist vorüber wie ein momentanes Aufleuchten des Blitzes. Bevor wir uns noch recht besinnen können, was wir gesehen haben, ist es vorüber und für immer vorbei.“ Hier wird die platonische Methode deutlich, die sie immer wieder beschwört, nämlich, dass man vom Allgemeinen zum besonderen herabsteigen müsse.[22]

An diese Überlegungen Blavatzkys anschliessend, kann einem ihre Ablehnung der Wiederverkör-perungslehre verständlich werden, die einem ja angesichts ihrer später zustimmenden Stellungnahme ganz unverständlich erscheint. Wenn nur der ewige Geist, der von allen irdischen Formen und Stoffen befreit ist, Seins-Charakter hat, dann hat, wie sie sagt, alles in der Maya sich abspielende keinen Seins-Charakter. Dann ist es also nicht – und damit gibt es keine Wiederverkörperung in der Sinneswelt, denn diese spielt sich ja in der Maya ab, hat also kein Sein. Das ist rein im Sinne der vorchristlichen Lehre Buddhas gedacht. Blavatzky lehnt nicht die buddhistisch verstandene Wiederverkörperung ab, sondern unser Missverständnis Buddhas, unsere Vorstellung von immer weiteren Verkörperungen im Fleische, in dem wir uns so wohlfühlen bei Champagner oder Eisbein. Das ist die Vermenschlichung, ja Entstellung der Lehre Buddhas. 

Blavatsky beschreibt abschließend den Zustand, in den das Wesen kommt, wenn es die vier Ursachen aus der Welt geschafft hat: „Aber, was ist das, was keinen Körper, keine Form hat, was unwägbar, unsichtbar, was existiert und doch nichts ist? fragen die Buddhisten. Es ist Nirwana.“ [S.291]

Helena Blavatskys Wiederverkörperungslehre kann man für das Jahr 1877 daher wie folgt aussprechen: Jeder Abstieg aus dem reinen Geist ist ein Einzug in das Gebiet der unwirklichen Maya. Solche Abstiege geschehen. Der Buddha sagt sogar, dass, wer mit seinem Gesetz nicht vertraut sei, und in diesem Zustande sterbe, immer wieder zur Erde zurückkehren müsse, bis er ein vollkommener Samane werde. [S.289] Aber dieses Eintauchen in die Maya hat keinen Seins-Charakter, es gibt die Wiederverkörperung nicht. Die Vorgänge, die wir Wiederverkörperung nennen, liegen in dem Bereich zwischen der Ewigkeit und der Maya. Es handelt sich um seelenverwandelnde Prozesse, die nicht im Bereich der Maya, sondern in dem Bereich der magnetischen (messmerischen) Kräfte zwischen Sonne und Erde sich abspielen. Die Bilder von irdischen Inkarnationen sind nur Schattenbilder an der Wand im Sinne von Platos Höhlengleichnis. In diesem Bereich hat die Seele keine undurchdringliche Form, sondern ist für andere Wesen durchschaubar. Je weiter die Seele geläutert aufsteigt, umso mehr verliert sie alle Besonderung, alle Eigenart: „Aber, was ist das, was keinen Körper, keine Form hat, was unwägbar, unsichtbar, was existiert und doch nichts ist? fragen die Buddhisten. Es ist Nirwana.“ [S.291]

   Die sog. Wiederverkörperung ist eine Illusion innerhalb der Maya. Dennoch geschieht der läuternde Prozess. Diese Haltung ist nicht so weit weg von ihrer späteren wie es zunächst schien.

 

[1] Richard A. Proctor. Our Place among infinities. New York. 1875. 323 S. Der Astronom Richard Anthony Proctor (London 1837 – New York 1888), Schöpfer einer der frühesten Mars-Karten, berechnete die Drehungszeit des Mars mit höchster Präzision. Proctor schrieb aus finanziellen Gründen auch mehr populärwissenschaftliche Werke auf hohem Niveau und war dadurch sehr bekannt. Proctors Aufsatzsammlung wurde schon 1877 ins Deutsche übersetzt und veröffentlicht. Blavatzky bezieht sich hier vor allem auf den ersten Aufsatz ‚Past and Future oft the Earth‘, a.a.O., S.1-34.

[2] Aber in der Geheimlehre von Helena Blavatzky und in der Geheimwissenschaft von Rudolf Steiner.

[3] Richard Procter. Our Place among Infinities. New York. 1876. S.18.

[4] Eugenius Philalethes. Magia Adamica, or the antiquity of magic and the descend thereof from Adam proved, London 1650. S.XI-XII. Deckname des Engländers Thomas Vaughan, der unter diesem Namen eine Reihe von  Werken veröffentlicht hat.

[5] Blavatzky zitiert: Wisdom of Solomon, XI, 17. Es handelt sich um keines der drei Bücher Salomonis im Alten Testament, die in der Lutherbibel enthalten sind. Die katholische Bibelversion enthielt eine weitere Schrift: Die Weisheit Salomos. Es handelt sich auch nicht um das Werk ‚Claviculum Salomonis‘, das Blavatsky schon vor ihrem 14.Lebensjahr in Saratow studiert und ausprobiert hatte.

[6] Vgl. dazu die wunderbare Judith von Halle. Der Abstieg in die Erdenschichten auf dem anthroposophischen Schulungsweg. Dornach. 2008 u.a.

[7] Blavatsky schreibt Marcus Antoninus, wählt also den Gentilnamen des Mark Aurel, wie 1875 üblich.

[8] Vgl. Hargrave Jennings. Die Rosenkreuzer. Übersetzt von A. v. d. Linden. Ansata Verlag, 2004. S.178. (Nachdruck der Ausgabe Berlin 1912). S. 176-78

[9] Hargrave Jennings. The Rosicrucians. – Vgl. die deutsche Übersetzung von A. v. d. Linden in: Hargrave Jennings. Die Rosenkreuzer. Ihre Gebräuche und Mysterien. 2004. (Nachdruck der Ausgabe Berlin 1912), S.178. Auf S.176 schreibt Jennings: „Laut den Enthüllungen über die Rosenkreuzer seitens ihres berühmten englischen Vertreters Robertus de Fluctibus oder Robert Fludd, erklären jene …“. Auch die Partie auf S.178, die Blavatsky zitiert, dürfte noch auf den „Enthüllungen“ von Robert Fludd beruhen. Genauere Angaben fehlen leider.  

[10] Auch diese für Naturwissenschaftler schwer verständliche Beschreibung der Sonne im Raume hat ihr Pendant bei Rudolf Steiner. Die Sonne, sagt er, ist ein Loch im Raum, da sei weniger als Nichts. Sie sammle die Strahlen der Planeten und lenke sie zur Erde herab.

[11] Proctor, a.a.O., S. 313-323.

[12] Charles Elam, M.D. A Physicians Problems. London. (oder Boston?). 1869, S.159.

[13] Baron J. Du Potet. Magie Dévoilée. S. 51-147.

[14] Baron J. Du Potet. Magie Dévoilée ou principes de science occulte. Paris 1852.  S. 51-147. – Das Buch wurde ins Deutsche übersetzt, allerdings gekürzt. Baron M. Du Potet. Die entschleierte Magie. Leipzig. O.J. (ca.1910-20). Eingangs gibt Du Potet eine Skizze seines Lebensganges.

[15] Baron J. Du Potet. Magie Dévoilée. Paris 1852. S.201.

[16] Baron J. Du Potet. Cours de Magnetisme. S.17-108.

[17] Man erinnere sich an den Mesmerismus, den sie direkt vorher ausführlich betrachtet hat. All die Wesen, die Bulwers Glyndon beschreibt, gehören gewissermaßen zum Mantelsaum der Gottheit. Der Übersetzer der ‚Isis‘ ins Deutsche hat „universal spirit“ mit „Universalgemüt“ übersetzt!

[18] Blavatzky schreibt „transmigrations“ und ihr Übersetzer gibt das mit dem leeren Wort „Transmigrationen“ wieder.

[19] Wie bei dem latinisierten „Transmigratio“ handelt es sich bei „Metempsychosen“ um ein Kunstwort, das es in der griechischen Sprache nicht gibt. Psychosis heißt Beseelung, es stammt aus dem Mittelalter, war im klassischen Griechisch nicht bekannt. Helens Blavatzky benutzt bewußt neue Worte, weil sie uns einen anderen Begriff von der Seelenwanderung vermitteln möchte.

[20] Hat Blavatzky dabei an die Lehre gedacht, dass der Mensch auch in Tierform wiederkehren könne? Sie findet sich im Buddhismus wie auch bei Pythagoras und Plato. Diese Lehre hat sich wohl daraus ergeben, dass es Menschen gab und gibt, deren astrale Leiblichkeit nach dem Tod sich für die Seelenschau der Zurückbleibenden in die Tierform der Triebe, denen die Seele am stärksten verfallen war, verwandelte. Der Pfad der Läuterung im Nachtodlichen ging dann durch weitere derartige Formen hinüber zu immer menschlicheren. Das kann man als ein Hindurchwandern (transmigrieren) durch verschiedene Sphären des nachtodlichen Daseins ansehen, in deren jeder die Seele eine Zeit lang lebt. Die Lehre von der irdischen Wiederverkörperung kann man daher als eine Allegorie dieses nachtodlichen Weges ansehen.

Allerdings wussten die Schüler Buddhas von einer Vielzahl von vergangenen Verkörperungen ihres Lehrers. Sie waren der Überzeugung, dass jedermann so lange wiederverkörpert werden müsse, bis er die vier Ursachen des Leides überwunden hätte. Ebenso wussten die Schüler des Pythagoras zu berichten, wann er wo unter welchem Namen gelebt hatte. Er hatte sogar seinen Schild wiedererkannt, mit dem er im Trojanischen Krieg (Homer) gekämpft hatte. Das hatte er ihnen erzählt. Plato gibt in seinem ‚Staat‘ (‚Nomoi‘) den Bericht eines scheintoten Mannes, dessen Lebendigkeit kurz vor der Verbrennung seines Leibes noch entdeckt worden war. Der berichtete von seinem „Nahtoderlebnis“, wie wir es heute nennen würden. Er wanderte über eine weite Ebene zu dem Sitz der drei Moiren unter einer himmelhohen Spindel. Nahebei sah er einen rachenartigen Höhlenausgang. Dieser öffnete sich von Zeit zu Zeit mit ungeheurem Gebrüll und spie diejenigen aus, die jetzt wiedergeboren werden sollten. Die Moiren streuten Schicksalslose über der Wiese  aus und die sich zur Geburt anschickenden Seelen durften sich ein Los aussuchen. - Bei allen Dreien ist ganz klar, dass es sich nicht um eine Allegorie handelt, sondern um Rückerinnerungen und Erfahrungsberichte.

[21] Diese wichtige Unterscheidung lässt sich in der Geistesgeschichte weit zurückverfolgen. Goethe legt sie seiner „Farbenlehre“ in der Einleitung zugrunde, Paracelsus macht sie in seiner Abhandlung ‚Das Mahl des Herrn‘ geltend zu einem tieferen Verständnis des Auferstehungsleibes. Und für das lateinische Mittelalter bedeutete das Wort „forma“ so viel wie „Begriff“, war also ebenfalls das Pendant zur Wahrnehmung. Siehe zu dieser bedeutenden Unterscheidung die Untersuchungen des durch und durch pythagoräischen Geistes Dr. Hans Börnsen (1907-1983), des Hamburger Anthroposophen, in: Hans Börnsen. Vom Lesen im Buch der Natur. Dornach 1986, hier insbesondere S.59-83, den Vortrag: „Farbe und Form als Elemente der Weltensprache“, in dem Börnsen von den Phänomenen ausgehend zum Verständnis dieser Tatsache führt.      

[22] Rudolf Steiner, in dessen Geist soviel von dem des Aristoteles zu finden ist, beobachtet, statt eine solche Schlussfolgerung zu ziehen, lieber die Rolle der konkreten Vorstellung im menschlichen Geistesleben. Denn die Vorstellung steht zum Allgemeinbegriff in demselben Verhältnis wie die Form in der Maya zu dem ewigen Geist. Er nennt die Vorstellung einen „individualisierten Begriff“, weil sich durch sie eine konkrete Form mit dem Allgemeinbegriff verbunden hat. Das kann man bemerken daran, dass, wenn ich einen Allgemeinbegriff denke, er in mir gemeinsam mit einer konkreten Vorstellung, die ein Ergebnis meiner Erfahrung ist, auftritt. Diese Verbindung ist das Zeugnis der menschlichen Individualität im Denken. Sie gibt dem Augenblick Dauer und dem in die Ewigkeit entrückten Begriff Gegenwart. Die menschliche Seele ist fortwährend ausgespannt zwischen Ewigkeit und Augenblick. Rudolf Steiner löst die Form nicht auf, sondern verbindet sie mit der Ewigkeit. Am deutlichsten ist das an seiner Aufnahme und Weiterführung der Metamorphosenlehre Goethes zu sehen. Es hat auch bedeutende Folgen für Steiners Christologie.

9.Kapitel (Band 1) unvollständig.

Im 9. Kapitel gibt Blavatsky Einblicke in die „Spekulationen“ der alten Weisen über den Ursprung der Menschheit. Dabei erörtert sie auch die Frage der Ewigkeit des Menschenwesens, dessen Schicksale nach dem Tode und die Wesenswelt, die sein Wesen dann betritt. Sie beginnt mit einem Vergleich der Theorie eines zyklischen Fortschritts, wie ihn die östlichen Weisheitslehrer vertreten, mit den damals gerade entstandenen Vorstellungen eines geradlinigen biologischen Fortschritts durch natürliche Zuchtwahl beim Menschen.

In der Genesis erhalten Adam und Eva „Röcke aus Fellen“. Dies sei ein Bild für die fleischigen Körper, die die Menschheit irgendwann bekommen hat. Die östlichen Weisen behaupten, dass die ursprünglich gottähnliche Form des Menschen immer gröber und gröber geworden sei, bis ein Tiefstand erreicht war, „bei dem der letzte geistige Zyklus sich vollendete und die Menschheit den aufsteigenden Bogen des ersten menschlichen Zyklus betrat. Hierauf begann eine Reihe von Zyklen oder Yugas.“ [S.293]  Die jeweilige Dauer der einzelnen Yugas werde nur den Initiierten enthüllt. In jedem Zyklus eignet sich die Menschheit neue höhere Fähigkeiten an, um dann doch wieder herabzusinken und einen neuen Zyklus zu beginnen. Doch liegt die Talsohle jedes Mal etwas höher, so dass sich die zyklischen Entwicklungsbewegungen zu einer Spirale addieren.

In dieses Schema der Evolution, das mit ungeheuren Zeiträumen rechnet, ordnet Blavatsky die naturwissenschaftliche Entwicklungstheorie, soweit sie damals vorlag, ein. Die Höhlenmenschen von Les Eyzies versetzt sie in die Anfangstiefe des gegenwärtigen Zyklus. Von dort aus entspricht der weitere Weg weitgehend dem von den Naturforschern beschriebenen. A.R. Wallace[1] hat aber damals eine noch frühere Periode angenommen, in der „der Mensch einmal in Form einer homogenen Rasse existiert habe … von Menschen, bei denen die den Körper bedeckenden Haare beinahe ganz verschwunden waren“. [S.294] Das galt ihm als Zeichen höherer Entwicklung. Später weist Blavatsky auf „kürzlich“ in Louisiana und Missouri gefundenen Skelett-Reste einer Rasse von Giganten hin. [S.305]. Beides fügt  sich zwanglos in die Vorstellung einer spiralförmigen Entwicklung ein. Kurz gesagt sieht sie die linear aufsteigende Entwicklung, die die Naturforscher heute annehmen, als einen letzten Abschnitt der zyklischen Evolution an.[2]

Sie fragt dann, ob es angesichts der immer weiter differierenden Entwicklung, die aber nicht verhindert, dass alle Lebewesen – unabhängig von ihrer geistigen und körperlichen Vollkommenheit – in die unsichtbare Welt des Nachtodlichen entlassen werden, vernünftig ist, anzunehmen, dass diese nachtodliche Welt nur von Engeln bewohnt ist? Werden die verschieden entwickelten Wesen nicht auch im nachtodlichen Dasein ihr Wesen zeigen und entfalten? Muss in dieser Welt nicht auch Platz z.B. für die entkörperten wilden Steinzeit-Menschen sein? [S.295] Diese Frage wird sie im Weiteren dazu führen, einige Einblicke in die Welt der Elementarwesen, der verschiedenen Engel und höheren Hierarchieen zu geben.

Wallace Zukunftsperspektive, dass nämlich der Vorgang der natürlichen Zuchtwahl beim Menschen zur Folge haben müsse, dass die an Intelligenz und Moralität höherstehende Rasse die niedrigen und degradierten Rassen verdrängt, wird von H.P.B. dahingehend erweitert, dass die durchschnittlichen Individuen der dadurch entstehenden Bevölkerung „den edelsten Typen der jetzt lebenden Menschheit nicht nachstehen werden.“ [S.296] Sie sieht die Möglichkeit einer Menschheit, die den Vrilianern von Edward Bulwer-Lytton entspricht.[3]

Diese Höherentwicklung haben die Weisen Ägyptens als „Kreislauf der Notwendigkeit“ bezeichnet. Er findet seine Fortsetzung auch im nachtodlichen Weg des Pharao. In den Pyramiden habe es einen Ausgangspunkt in der Spitze gegeben und sieben den Planeten entsprechende Kammern, die der Pharao auf seinem Wege aus dem Sarkophag zum Ausgang aus der Pyramidenspitze habe passieren müssen.[4] Die sieben Kammern repräsentieren sieben mit den Planeten verbundene „Räume“, sagt sie, die der Verstorbene auf dem läuternden Wege nach dem Tode zu passieren habe. Auch in diesem monumentalen Bild der alten Ägypter ist die geistige Welt in verschiedenartige Aufenthaltsräume gegliedert.

Doch wusste die Vergangenheit auch schon um die Auseinanderentwicklungen geistiger Wesen. Allgemein bekannt geworden ist der Sturz Luzifers und seiner Gefolgschaft, der im Mittelalter sogar auf Altarbildern öffentlich dargestellt worden ist.[5] Diese Vorgänge waren wirklich geschehen und sie waren wichtige Entwicklungsimpulse für den Menschen. Sie begannen bereits als der Mensch noch nicht so fest in seinem Erdenleibe lebte wie jetzt. Der Fall Luzifers hat seine Entsprechung auch in den vorchristlichen Mythen und Hochreligionen.

Daher geht Blavatsky noch einmal weit zurück an den Ursprung des Menschengeschlechts im präadamitischen Bereich. Dazu zieht sie Zeugnisse aus der Kabbala, von den Kirchenvätern und aus der Hinduüberlieferung heran. Demnach waren die Menschen, die allesamt aus der einheitlichen Quelle des Vaters stammen, zunächst androgyn, d.h. sie trugen beide Geschlechter in ihrem Leib und in ihrer Seele. Dann fand eine Sonderung statt und es gab fortan physische Männer und Frauen und die Zeugung wurde irdisch. Blavatsky meint, „die Materie verdichtete sich“ und infolgedessen kam es zur Trennung. Der Mensch wurde physischer Schöpfer. [6]

Die lange Vorgeschichte der Darwinschen Entwicklungsgeschichte erzählen die Mythen des Ostens und die hermetische Philosophie im Vergleich miteinander recht ähnlich, aber in Abwandlungen. Immer sind es drei Logoi, die den Menschen mit dem unsterblichen Geist begaben wollen. In allen mythischen Erzählungen scheitern die ersten beiden Logoi; und der dritte muss in die Tiefen hinabsteigen, in die das menschliche Geschlecht gefallen ist, muß sein Leben darin lassen, um den unsterblichen Geist als Samen in die Menschheit zu versenken.

Blavatsky sieht natürlich die Parallelen zur Geschichte des Gottessohnes Christus, kann aber keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen den mythischen Bildern und der historisierenden Erzählung der Evangelisten erkennen und anerkennen:

„Ganz übereinstimmend mit ihren Lehren war der letzte Logos auch erschienen, um der Menschheit den Weg zur Unsterblichkeit zu lehren, und in seinem Wunsche der Welt das ewige Leben durch das Pfingstfeuer zu schenken, hatte auch er gemäß dem traditionellen Programm sein Leben gelassen. Daraus entsprang nun die ungemein alberne Erklärung, die sich unsere modernen Kleriker so frei zu Nutze machen, dass nämlich alle diese mythischen Vorbilder bloß den prophetischen Geist bewiesen, der durch Gottes Gnade sogar in die heidnischen Götzendiener fuhr! Die Heiden echoten einfach wieder, was sich ihrer Einbildung als das große, zukünftige Drama auf dem Kalvarienberg vorstellte; daher die Ähnlichkeit. Anderseits behaupteten die Philosophen mit unanfechtbarer Logik, dass die frommen Väter sich einfach mit einer bereitgestellten Grundlage geholfen hätten, entweder weil sie es so leichter fanden, als ihre eigene Einbildungskraft anzustrengen, oder wegen der großen Zahl unwissender Bekehrter, die sich von dieser neuen Lehre wegen ihrer außerordentlichen Ähnlichkeit mit ihren eigenen Mythologien angezogen fühlen mochten, wenigstens insoweit die äußere Form der fundamentalsten Lehren reicht.“ [S.298-99]

Mithilfe der kabbalistischen Lehren zeigt sie, wie der erste Zyklus in Gang gesetzt wurde. [S.300-301]

Danach kommt die angekündigte Erklärung des Mysteriums des Kumbum[7], die wir näher betrachten wollen: Es handelt sich bei dem Kumbum um eine besondere Art von tibetischem Klosterbau. Das Wort bedeutet wörtlich „die hunderttausend Bildwerke“. Es handelt sich um einen Zentralbau mit sechs bis sieben Stockwerken, nach oben hin immer schmaler werdend. Marylin M. Rhie schreibt über den Kumbum von Gyantse: „Kapellen mit Wandmalereien und Skulpturen auf jedem Stockwerk ermöglichen dem Betrachter beim Aufstieg durch die verschiedenen Stockwerke ein stufenweises Voranschreiten in immer fortgeschritteneren Praktiken des buddhistischen Übungsweges. In diesem großartigen Bauwerk und in dem nebenan gelegenen Kloster Pälkhor Chöde finden sich einige der bedeutendsten Schätze der tibetischen Kunst.“[8] Bei dem von H.P.B. gemeinten Kumbum befand sich die „Lamaserie der heiligen Adepten“.  Ich verstehe unter den Adepten hier Meister K.H. und Meister M. Helena Blavatsky hat eine Ausbildung im Umkreis des Klosters Tashi Lhünpo bei Shigatse erhalten. Dort lebten K.H. und M., nicht im Kloster aber in Verbindung damit. Im Kloster Tashi Lhünpo residiert seit langem der Panchen Lama. Gyantse mit seinem berühmten Kumbum liegt etwa 100 km von Shigatse entfernt. In diesem Kumbum haben sich, so sagt Blavatsky, Berichte zum esoterischen Verständnis der Wiederverkörperung erhalten, und zwar auf Blättern eines den Tibetern heiligen Baumes, „von ihnen selbst gedruckt“[9]. Wie gesagt ist dieser Kumbum bei Kennern der tibetischen Literatur für hervorragende Drucke alter Überlieferungen bekannt.[10] Das Kloster Tashi Lünpo bei Shigatse ist 1447 von einem Schüler des großen Reformators Tsong Khapa (1357-1419) gegründet worden. Auch das Kloster Pälkhor Chörde (1414-24) und der Kumbum (1429-39) in Gyantse wurden von Schülern Tsong Khapas gegründet.

Es gibt noch ein zweites bekanntes Kumbum, weit im Osten Tibets, in der Nähe des Kuku Noor, zu dem H.P.B., wie man annimmt, auch eine tiefere Beziehung hatte.[11] Das zu diesem Kumbum gehörige Kloster war über der Geburtsstätte Tsong Khapas errichtet worden

Dasselbe Mysterium, sagt sie, war auch im antiken Griechenland bekannt und wurde alle sieben Jahre einmal im Rahmen der samothrakischen Mysterien aufgeführt („enacted“).

Es handelt sich um die präadamitische Geschichte des Menschen, der sich als Geistesfunke (Scintilla) durch die Naturreiche hindurchgearbeitet hat und diesen Weg bei jeder Inkarnation als Mensch während der Schwangerschaft wiederholt. Sie schildert das, was in der tibetischen Lamaserie von Kumbum zu lesen ist, und, was in den Mysterien von Samothrake alle sieben Jahre vorgeführt wurde, in den Bildern eines hermetisch-kabbalistischen Mythos:

„In dem uferlosen Ozean des Raumes strahlt die zentrale, geistige und unsichtbare Sonne.  Das Universum ist ihr Körper, ihr Geist und ihre Seele. Nach diesem idealen Modell sind alle Dinge gebildet. Diese drei Emanationen sind die drei Leben, die drei Stufen des gnostischen Pleroma, die drei ‚kabbalistischen Gesichter‘; denn der Alte der Alten, der Heilige der Bejahrten, das große En-Soph, ‚hat eine Form und doch auch wieder keine Form‘. Das Unsichtbare ‚nahm eine Form an, als es das Weltall ins Dasein rief‘, sagt der Sohar, das Buch des Glanzes.“ [S.302]

Das Modell, nach dem alle Dinge gebildet sind, ist die unsichtbare Sonne und ihr Wirken. Diese unsichtbare Sonne strömt das unsichtbare Licht aus. Erst wenn das Licht erschöpft ist, tritt es in die Sichtbarkeit, beleuchtet es etwas. In diesem Augenblick nimmt das unsichtbare Licht Form an.

Aber das unsichtbare Licht erfüllt nicht einen vorhandenen Raum, sondern es bringt ihn erst hervor. Im Hervorbringen wird die räumliche Ausdehnung zum Leib der Sonne, aber zu einem seelen- und geisterfüllten Leib. Die Sonne reicht so weit wie ihre Strahlen tragen. Die unsichtbare Sonne bringt fortwährend den Raum hervor. Dieser vom unsichtbaren, aber hellsichtig erfahrbaren Sonnenlicht erfüllte Raum ist „der uferlose Ozean“. Der Dalai Lama trägt den Titel der „Priester des weiten Ozeans“. Auch wir spannen morgens unseren Vorstellungs- und Bewusstseinsraum auf und halten ihn tagsüber aufrecht, bis er (bei den meisten Menschen) abends in sich zusammenfällt. 

Ein Teil dessen, was die unsichtbare Sonne hervorbringt, ist die sichtbare Sonne, ist das Bild der Sonne, das wir kennen. Dieses runde Bild ist nicht der Quell des unsichtbaren Lichtes, sondern bereits eine sichtbare Raumeserscheinung.

 Da jedes Ding der Gestaltung durch eine Idee bedarf, die selbst nicht im Raume ist, sind alle Dinge nach dem Modell der unsichtbaren Sonne gebildet. Ihre Idee ist außerhalb des Raumes, von ihr gehen gestaltende Prozesse aus, die innerhalb des Raumes am Ufer des Ozeans die Erscheinung hervorrufen. Es ist aber nicht so, dass sich die Natur oder irgendwer dies Prinzip bei der Sonne abgeguckt hat, sondern es wohnt dies Entstehungsprinzip allen Dingen inne. Sie ent-stehen dem uferlosen Ozean.

Die kabbalistische Quelle Blavatskys unterscheidet dann weiter, was während der Emanation des Ersten Lichtes geschieht, und zwar in drei Phasen: „Das Erste Licht ist Seine Seele, der unendliche, grenzenlose und unsterbliche Atem, unter dessen gewaltigem Ausfluss die mächtige Brust des Universums anschwillt, der ganzen Schöpfung intelligentes Leben einflößend.“ [S.302]

Der Atem besteht aus Ausatmen und wieder Einatmen. Dazwischen sind zwei kurze Phasen des Aushaltens und Innehaltens. Das Licht wird nicht nur ausgesandt, sondern das raumerfüllende Leben des Lichts kehrt auch in sich zurück, wenn es sich ausgespannt hat: Licht ist elastisch. Beobachtbar ist das bei dem Licht im Sehen. Wir gehen mit dem Blick auf etwas zu (Ausatmen), was sich „im Augenblick“ des Erfassens für uns ausformt (Aushalten). Dann nehmen wir das Gesehene aber wieder mit zu uns zurück (Einatmen), Wir merken es uns (Innehalten). Es ist ein Rhythmus, aber ein außerzeitlicher Rhythmus im Sehen. Genau beobachtet, geschehen die Vorgänge ineinander verwoben. So verhält sich auch das Sonnenwesen, das sein ausgeatmetes Licht erlebend wieder einatmet. Das ist also der Atem. Es ist ein ganz luftiger, durchsichtiger Prozess. Als die kabbalistisch-hermetische Schöpfungsgeschichte Schicht für Schicht erzählt wurde, war übrigens auch das menschliche Atmen stärker mit dem Bewusstseinslicht verbunden als heute.  Daher lagen derartige Bilder nahe.

Der zweite Schritt der Emanation ist der: „Die zweite Emanation kondensiert kometarischen Stoff und bringt Formen innerhalb des kosmischen Kreises hervor und lässt die zahllosen Welten, die [noch] in dem elektrischen Raume[12] schwimmen, in eine Ordnung gerinnen, und flößt das intelligenzlose, blinde Lebensprinzip jeder Form ein.“ [S.302] Indem sich das lebendige Licht, Formen suchend und schaffend von dem formlosen Urquell entfernt, verliert es seinen Ursprung aus dem Bewusstsein, seine Intelligenz wird herabgedämpft, behält aber sein Streben und fügt sich in die Ordnung ein, wird   Leben.

Wieso spricht die große Erzählung von kometarischem Stoff? Kometen sind die Freiheitshelden des Universums, die sich noch nicht in ein Gesetz eingefügt haben, das sie zur rhythmischen Wiederkehr zwingt. Zumindest wurde das früher so angesehen. Die Erscheinung eines Kometen war immer wesenhaft erfüllt und wollte etwas bedeuten. Sie war eine Wesensoffenbarung der Schicksalsmächte. Was während der zweiten Emanation geschieht, ist eine Kondensation, ein Übergang einer Substanz aus der geistig durchdrungenen Phase (astralisch) in eine Phase bloß noch wässriger Lebendigkeit (ätherisch).

Erst durch die dritte Emanation wird das Geformte auch von physischem Stoff durchdrungen: „Die dritte schafft das ganze Universum aus physischem Stoffe; und indem es nach und nach von der zentralen, göttlichen Lichtquelle zurückweicht, schwindet sein Glanz und wird zur Dunkelheit und zu dem Bösen - bloßer Stoff, die ‚grobe Purgation des himmlischen Feuers‘ der Hermetiker.“ [S.302] Jede Form geht aus einer Bewegung hervor, aber sie kann diese Bewegung nicht in sich halten. Entweder sie zerspringt, löst sich auf oder die Bewegung erstirbt in ihr. Indem das Leben in der Form erlischt, wird sie dunkel. Die völlige Verdunkelung ist eine völlige Trennung von Licht und Finsternis. Alles, was im Himmelsfeuer an potentieller Dunkelheit ursprünglich vorhanden war, wird ausgesondert. Das ist die „grobe Purgation [d.h. Reinigung rs] des Himmlischen Feuers“ der Hermetiker.

Im Mittelpunkt auch des dritten Stadiums steht Licht, steht ein Lichtfunke, Scintilla, ein weiblicher Name, nennt Blavatsky den Funken. Dieser Funke sah sich immer tiefer im Stoff versinken und rief den Herrn um Hilfe an. Er durfte eine Monade aus sich hervortreiben, „die mit ihm durch den feinsten Faden verbunden blieb.“ Die Monade wurde in Stein eingeschlossen. Lebendiges Feuer aus der ersten Emanation und lebendiges Wasser aus der zweiten wirkten auf den Stein ein. Da kroch die Monade aus ihm heraus ans Sonnenlicht, wurde eine Flechte. Die Monade entwickelte sich durch ungeheure Zeiten, ging durch verschiedene Pflanzenformen, machte viele Tierformen durch bis sie sich anschickte die Transformation zum Menschen zu vollziehen. Während dieses ganzen langwierigen Vorgangs nähert sich der Monade von oben ihre Mutter Scintilla, der Geistesfunke, immer mehr, so hatte es die erste Ursache gewollt.

„In ihrem fluidischen Gefängnis durchwandelt sie, in den verschiedenen Perioden der Schwangerschaft, sie entfernt nachahmend, die Stufen der Pflanze, des Reptils, Vogels und Säugetieres, bis sie endlich zum menschlichen Embryo wird.“ [S.303]

Es ist nun ein schöpferisches Licht in den Stoff eingezogen und hat ihn von innen her so ergriffen, dass er von der Monade durchdrungen, erfüllt und verwandelt, zum Selbstgestalter wird, dass die lichtvolle gestaltende Kraft nicht mehr nur von außen auf den dunklen Stoff wirken muss, sondern dass der ursprünglich intelligenzlose Stoff Intelligenz entfaltet.

„Bei der Geburt des zukünftigen Menschen wird die Monade, strahlend in all dem Glanze ihrer unsterblichen Mutter, die über sie von der siebenten Sphäre aus wacht, besinnungslos; sie verliert alle Erinnerungen an die Vergangenheit und kehrt, doch nur allmählich, in den bewussten Zustand zurück, wenn der Instinkt der Kindheit der Vernunft und Intelligenz weicht.“ [S.303]

Das ist im Großen und Ganzen der Zustand des heutigen Menschen. Sein Leib reagiert auf den leisesten Wink seiner Seele und seines Geistes. Der Funke hat sich die Naturreiche untertan gemach, hat sie einverleibt – und ruht darauf in voller Bewusstheit.

Darüber hinaus führt es nur, wenn dasjenige höhere Ich, das nicht in den Leib eingetaucht war, sich dem Leib immer mehr und mehr nähert und als Geistselbst in der moralischen Intuition im Leib verwirklicht:

„Nachdem die Trennung zwischen dem Lebensprinzip (Astralgeist) und dem Körper stattgefunden, vereinigt die befreite Seelenmonade frohlockend den Mutter- und Vatergeist zum glänzenden Augoeides“ – zur glänzenden Lichtform[13] „und diese beiden, ineinander verschmolzen, bilden zusammen für immer mit einem Glanze, der der Reinheit des vergangenen Erdenlebens[14] entspricht, den Adam, der den Kreis der Notwendigkeit beschließt und von dem die letzte Spur seiner physischen Einkerkerung verschwunden ist. Fortan höher wachsend und heller und heller strahlend bei jedem Schritt seines Aufstieges, schreitet er den hell umschienenen Pfad hinan, der bei dem Punkte endigt, von dem aus er den Durchlauf des Großen Zyklus begann.“ [S.303]

Das ist nun ein Vorblick auf die Schaffung von Lebensgeist und Geistesmensch, die dazu führt, dass der Auferstehungsleib den reinen Leib des Adam auf höherer Stufe wiederherstellt. Diese nach H.P.B. „esoterische Erklärung“ des eigentlichen Sinnes des Wiederverkörperungsbildes führt ihren Grundgedanken, dass die Verkörperungen „Transmigrationen“ sind, Übergänge von einer Sphäre der geistigen Welt in eine andere geistige Sphäre, vor Augen.[15] Der Große Zyklus ist dann beendet, wenn der Mensch aus seinem Sturz wieder aufgerichtet ist.

Diese ganze Geschichte, führt sie weiter aus, sei im 1.Buch Mose angedeutet, das bekanntlich zwei Schöpfungsgeschichten enthalte. Der erste Adam sei zweigeschlechtlich gewesen, „männlich und weiblich“. Der Adam der zweiten Erzählung sei „aus Erdenstaub gebildet“ worden und zu einer lebendigen Seele geworden. Dieser Zweite war ein männliches Wesen. Und in Vers 20 wird uns gesagt, „keine Gehilfin wurde für ihn gefunden.“ [S.304] Zwei weitere Menschenarten erwähnt die Bibel: „die Söhne Gottes und die „Riesen“.

Nun geht sie über zur Hierarchieenlehre [S.310-15]. Einleitend zitiert sie Robert Fludd, der ein sehr ähnliches Argument für die Fülle der verschiedensten Wesenheiten in den Himmelreichen hat, wie sie es formuliert hatte. [S.310] Sie ordnet die übersinnlichen Wesen dann auf einer Stufenleiter an, deren unterste Stufe die Elementarwesen heißen. Bei ihnen gibt es drei Klassen. Die erste, das sind die an Intelligenz höchsten Wesen, nennt sie „terrestrische Spirits“, d.h. etwa erdgebundene Geister. Es sind die Schatten jener verstorbenen Menschen, die im irdischen Materialismus sich gefangen haben und so hinübergingen „tief versunken im Sumpfe der Materie“.

Die zweite Klasse sind jene Wesen, die sich zur Geburt anschicken; unsichtbare Urbilder (‚antitypes‘) nennt sie sie. Diese Wesen versetzt sie „in das unsichtbare Gemüt des großen Architekten des Universums“. „Diese Modelle, bis jetzt noch bar unsterblicher Geister, sind Elementarwesen (‚elementals‘), richtig gesprochen psychische Embryos, die, wenn ihre Zeit kommt, in der unsichtbaren Welt sterben und in dieser sichtbaren als Menschenkinder geboren werden. Bei diesem Übergang empfangen sie jenen göttlichen Hauch, Geist genannt, der es zum vollständigen Menschen ergänzt.“ [S.311] Man kann mit ihnen nicht wie mit der ersten Gruppe verkehren.

Die dritte Klasse der Elementarwesen sind die eigentlichen Naturgeister (‚elementals‘). Sie besitzen nur eines bzw. zwei der menschlichen Attribute und werden nie Mensch. Ihnen fehlen der Geist und der physische Leib. Sie sind in der Hauptsache astrale Formen, haben aber auch Anteil an ätherischen Substanzen oder Zumindest Zugriff auf diese. Teils sind sie unveränderlich, teils wechseln sie ihre Gestalt und Substanz. Manche dieser Wesen tauchen in den spiritistischen Sitzungen auf: „Sie können den Äther so stark kondensieren, dass sie sich greifbare Leiber schaffen, die sie durch ihre proteusartigen Gewalten jede beliebige Ähnlichkeit annehmen lassen, indem sie zu ihren Modellen die, im Gedächtnis der anwesenden Personen aufgestapelten Bilder verwenden.“ [S.312] Diese Bereiche schildert sie so, dass man den Eindruck gewinnt, sie spricht aus eigener Erfahrung. Sie schildert hier auch übersinnliche Beobachtungen, die sie während spiritistischer Sitzungen gemacht hat.

Den Bereich der höheren Hierarchien behandelt sie hier sehr kurz und im Anschluss an Proklos und Aristoteles: „Nach der Lehre des Proklos sind die obersten Regionen vom Zenith des Universums bis zum Mond den Göttern oder Planetengeistern zugeteilt nach ihren Hierarchien und Klassen. Die höchsten unter ihnen werden die zwölf hyper-ouranoi  oder überhimmlische Götter genannt, denen ganze Legionen untergeordneter Dämonen zu Befehl stehen. Ihnen folgen an Rang und Macht zunächst die egkosmioi, die interkosmischen Götter, von denen jeder über eine große Zahl von Dämonen herrscht, denen sie ihre Macht mitteilen und sie vom einem zum andern nach Belieben ändern. Das sind offenbar die personifizierten Naturkräfte in ihrer gegenseitigen Korrelation, wobei letztere durch die dritte Klasse oder die „Elementarwesen“ dargestellt werden, die wir eben beschrieben haben.“ [S.312]

Vermittelt durch Proklos erfahren wir noch, „dass die niederen Sphären ihre Unterabteilungen und Klassen von Wesen so wie die obern, himmlischen haben, indem die niederen stets den höheren untergeordnet sind.“ [S.312] Und sie fügt Aristoteles Gedanken hinzu, „dass das Universum eine Fülle sei, und dass es keine Leere in der Natur gäbe“. [S.313] Näheres erfahren wir nicht. Weder die im Alten Testament genannten, noch die uns geläufigen griechischen und lateinischen Namen tauchen hier auf. Die Beziehung ihrer sehr im allgemeinen verbleibenden Beschreibung zu den uns namentlich bekannten Hierarchien bleibt so ganz im Dunkel.

Stattdessen beschreibt sie nochmals genauer die Aufgaben, die die Elementarwesen zu erfüllen haben: „Die Dämonen der Erde, der Luft, des Feuers und des Wassers sind von elastischer, ätherischer, halbkörperlicher Essenz. Diese Klassen sind es, die als Zwischen-Agenten zwischen den Menschen und Göttern fungieren. Obgleich niedriger an Intelligenz als die sechste Ordnung der höhern Dämonen herrschen diese Wesen unmittelbar über die Elemente und über organisches Leben. Sie leiten das Wachstum, das Blühen, die Eigenheiten und mannigfachen Veränderungen, die mit den Pflanzen vor sich gehen. Sie sind die personifizierten Ideen oder Kräfte, die aus dem himmlischen υ͑λε in die organische Materie strömen. Und da das Pflanzenreich eine Stufe höher steht als das Steinreich, nehmen diese Emanationen aus den himmlischen Göttern Formen und Dasein in der Pflanze an, sie werden deren Seele. Dies ist es, was Aristoteles in seiner Lehre die Form nennt…: ein unsichtbares, aber doch, in einem ontologischen Wortsinne, ein substantielles Wesen, von eigentlicher Materie durchauzs verschieden. So muss es in einem Tiere außer Knochen, Fleisch, Nerven, Gehirn und Blut, in einer Pflanze außer Mark, Gewebe, Adern und Saft – wo Blut und Saft infolge Zirkulation durch die Venen und Arterien alle Teile des Tier und Pflanzenkörpers ernährt – ausser den tierischen Geistern, die die Prinzipien der Bewegung sind, ausser der chemischen Energie, die im grüne Blatt zu vitaler Kraft umgebildet ist, eine substantielle Form geben, die Aristoteles beim Pferde die Seele des Pferdes, Proklos den Dämon eines jeden Minerals, einer jeden Pflanze, eines jeden Tieres, und die mittelalterlichen Philosophen die Elementargeister der vier Naturreiche nannte.“ [S.313]  

 

[1] Über den britischen Zoologen Alfred Russel Wallace (1823-1913) schreibt die Brockhaus Enzyklopädie (17.Aufl.) u.a.: „Wallace teilte die Erde in tiergeographische Regionen ein (Wallacelinie). 1858 stellte er seine Lehre der natürlichen Zuchtwahl durch Auslese im Kampf ums Dasein auf, woraufhin Charles Darwin seine eigenen Forschungen veröffentlichte.“ Im Artikel über Darwin heißt es ferner: „1858 erhielt Darwin von A.R. Wallace ein kurzes Manuskript, das unabhängig von ihm die Selektionstheorie entwickelte. Es wurde ebenso wie eine vorläufige Mitteilung Darwins am 1.7.1858 in der Londoner Linneischen Gesellschaft verlesen.“ Beide Forscher stehen also ganz am Anfang der heute nach Darwin benannten Entwicklungslehre. Wallace hat 1889 in seinem Werk „Darwinism, an Exposition oft the Theory of natural selection“ Darwins Entdeckerrecht bestätigt. 1875 war Wallace aber durch sein Werk „Beiträge zur Theorie der natürlichen Zuchtwahl“ (1870) als der führende Vertreter der biologistischen und reduktionistischen Entwicklungslehre bekannt und stand im Mittelpunkt der geistigen Auseinandersetzungen darüber. 

[2] Gary Lachman hat darauf hingewiesen, dass Helena Blavatsky die erste nichtkirchliche Autorin war, die Darwin dafür kritisiert hat, dass er den Geist völlig außerhalb seiner Betrachtung gelassen hat. Daher gibt es bei ihm keine präadamitische Vorgeschichte der Menschheit und keine Rückkehr zu einer vergleichbaren Beschaffenheit der Menschheit am Ziel. Siehe: Gary Lachman. Madame Blavatsky. The Mother of Modern Spirituality. A Biography. New York. 2012. S.159-160.

[3] Edward Bulwer-Lytton (1803-1873) veröffentlichte 1871 den Roman „The Coming Race“, zu deutsch: „Das kommende Geschlecht“. Darin beschreibt er eine Menschenrasse, die unter der Erdoberfläche in Höhlen lebt, aber die Fähigkeit hat, mittels uns noch unbekannter Naturkräfte (Vril) magisch tätig zu sein und so zu überleben.

[4] Hier beruft sie sich auf arabische mittelalterliche Reisebeschreibungen.Sieben Kammern, die etwa gar zur Spitze hinaufführen, lassen sich in den Pyramiden nicht entdecken. Vgl. I.E.S. Edwards. Die Ägyptischen Pyramiden. Wiesbaden 1967. Ob es nur eine schöne Erfindung der arabischen Gewährsleute H.P.B.s ist, oder ob zu den Kammern in der Pyramide auch diejenigen des Taltempels und des Totentempels hinzugerechnet werden müssen, ist völlig ungewiss.

[5] Siehe z.B. Meister Bertram Altar. 1390. Hamburger Kunsthalle.

[6] Vgl. Rudolf Steiner. Aus der Akasha-Chronik. 4.Aufl. Dornach 1969. Kapitel ‚Die Trennung in Geschlechter’, S.74ff. „Solange die Stoffe noch nicht verfestigt waren, konnte die Seele diese Stoffe unter ihre eigenen Gesetze zwingen. Sie machte den Leib zu einem Abdruck ihres eigenen Wesens. Als aber der Stoff dicht geworden war, musste sich die Seele den Gesetzen fügen, welche diesem Stoffe von der äußeren Erdennatur aufgeprägt wurden. Solange die Seele noch über den Stoff herrschen konnte, gestaltete sie ihren Leib weder männlich noch weiblich, sondern gab ihm Eigenschaften, die beides zugleich waren. Denn die Seele ist männlich und weiblich zugleich. Sie trägt in sich diese beiden Naturen. Ihr männliches Element ist dem verwandt, was man Willen nennt, ihr weibliches dem, was als Vorstellung bezeichnet wird. – Die äußere Erdenbildung hat dazu geführt, dass der Leib eine einseitige Bildung angenommen hat.“ (S.74-75)  Steiner schreibt aber auch, dass die Verfestigung der Erde und die des menschlichen Denkvermögens eng zusammenhängen: „Eine ziemlich feste Form hat dieser physische Menschenleib eigentlich erst mit der Entwicklung der Verstandeskraft erhalten und mit der damit zusammen hängenden Verfestigung der Gesteins-, Mineral- und Metallbildungen der Erde.“ (S.70) Aus anthroposophischer Sicht ist der Mensch das treibende Wesen der Evolution – und damit zumindest mitverantwortlich für die Verfestigung der Erde.

[7] Warum in der deutschen Ausgabe der ‚Isis‘ aus dem „Kumbum“ der englischen ein  „Kounboum“ wird, ist unklar. In der Originalausgabe findet sich an dieser Stelle der Hinweis auf Abbè Huc. Travels in Tartary etc. Bd. II., ii. Deutsche Ausgabe: Régis Évariste Huc. Wanderungen durch die Mongolei nach Tibet 1844-1846.

[8] Marylin. M. Rhie & Robert A.F. Thurmann. Weisheit und Liebe. 1000 Jahre Kunst des tibetischen Buddhismus. Ausstellungskatalog Bonn 1996. S.54-57.

[9] Das Bemalen und Bedrucken von Blättern ist in der tibetischen Buchherstellung normal. Derartige Blätter werden immer wieder über Ebay angeboten. Deshalb liegt wohl das Gewicht der Aussage darauf, dass man die Blätter eines Baumes verwandt hat, der als heilig galt und dass der Druck in der Lamaserie oder im Kloster Kumbum selbst geschah, dessen Druckerei für wichtige alte Drucke berühmt ist. – Auch die alten Ägypter schrieben Papyrus, d.h. auf Blättern der Papyrus-Staude. Bis ca. 600 n-Chr. Versorgten sie ganz Südeuropa, Gallien und Britannien mit ihren Blättern. 

[10] Horst E. Miers. Lexikon des Geheimwissens. München. 1993. S.621, Stichwort „Tibet“.

[11] Helena Blavatsky könnte vom Herbst 1868 -bis Ende 1870 gut zwei Jahre dort verbracht haben. Siehe dazu Jean Overton Fuller. Blavatsky and her Teachers. An investigative Biography. London – The Hague. 0.D., S.27.

[12] Gemeint ist der vom Mesmerschen Fluidum erfüllte Raum.

[13] Augoeides heißt lichtförmig

[14] Sie spricht nur von einem Erdenleben.

[15] Hier stellt sich die Frage, ob nicht auch die sog. Inkarnation im Fleische, insofern dieses als Maya angesehen wird, ein Übergang aus einer Sphäre der geistigen Welt in eine andere, also eine Transmigration, ist?  

Der Text wird bei Fertigstellung der Zusammenfassungen weiterer einzelner Kapitel jeweils ergänzt.

Isis Entschleiert. Zusammenfassung und Kommentar von Rolf Speckner
Die Datei enthält die Zusammenfassung der ersten 9 Kapitel des zweibändigen Werkes "Isis unveiled' von von 1877. Das heißt, es sind die 40 Seiten ihres eigenen Vorwortes sowie 313 Seiten des ersten Bandes, insgesamt also etwa 1/4 des zweibändigen Werks. Stellenweise habe ich Kommentare und Anmerkungen eingefügt, die dem Verständnis dienen sollen. Um einen wissenschaftlichen Kommentar im engeren Sinne handelt es sich nicht. Der Text umfasst zur Zeit (6.6.2021) etwa 50 Druckseiten.. .
Blavatzky. Isis Entschleiert zusammengef[...]
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