Die drei Weisen aus dem Morgenland bis zum Jahr 1000.

Wer waren die sogenannten 'Heiligen Drei Könige'? Viel ist darüber geschrieben worden und noch viel mehr wird künftig darüber geschrieben werden. Das Rätsel dieser Erzählung des Neuen Testamentes ist viel größer als man zunächst glaubt, zumal wenn man die Evangelien Ernst nimmt und nicht nur für poetische Erfindung, politische Zweckerzählung oder für die bloße Darstellung mystischer Vorgänge hält, die zwar eine spirituelle Wahrheit befördern aber keine physische Realität wiedergeben will.

 

Nach zwei Richtungen werden die Evangelien ja misverstanden. Sie gäben nur äußere Vorgänge wieder, ist das eine Vorurteil. In diese Sicht passen die übersinnlichen mystischen Ereignisse nicht hinein. Die Erzählungen müssen dann entmythologisiert werden. 

Sie gäben nur innere Seelenvorgänge wieder, die sich in jeder Seele ereignen können und schon immer ereignet haben. Die so sprechen, nehmen scheinbar die spirituellen Ereignisse ernst, müssen aber deren physische Realität leugnen. Eine Entrealisierung ist die notwendige Folge.

 

Das Leben Christi zeigt aber gerade, dass der Geist so mächtig ist, dass er den physischen Leib voll und ganz durchdringen und ergreifen kann. Dadurch wird das geistig-seelische Innenleben des Christus zugleich sein physisches Außenleben. Das Christentum ist eine mystische Tatsache. Jeder beschriebene Akt ist zugleich physisch und zugleich mystisch.

 

Damit ein Menschenleib entstehen konnte, in dem die Wesenheit des Christus ihre geistige Potenz auslebern konnte, waren offensichtlich umfangreiche Prozesse nötig.   

Die Magier, Könige oder Weisen aus dem Morgenlande in Darstellungen der mittelalterlichen Kunst bis zum Jahr 1000

M 1 Die Drei Magier. 200-220. Fresko. Zeichnung Ehrenfried Kluckert. S.30-31. Domitilla Katakombe. Rom.

Die früheste mir bekanntgewordene Darstellung ist in Rom, in der Domitilla Katakombe zu sehen. Sie weicht noch erheblich von der späteren Norm ab. Maria thront mit dem Kind auf dem Schoß in einem prächtigen Saal, der durch die im Hintergrund drapierten Stoffe angedeutet ist, und empfängt die durch ihre Mütze und wohl auch Gewänder als persische Magier gekennzeichneten Verehrer ihres Kindes. Aber es sind vier Perser, die ganz gleichberechtigt von beiden Seiten an sie herantreten, nicht drei. Das Bild ist deutlich an spätrömischen Darstellungen der Herrscherverehrung orientiert.

Doch schon fünfzig Jahre später tritt die erste kanonische Darstellung auf. Es handelt sich um eine plastische Darstellung aus der Priscilla-Katakombe, ebenfalls in Rom:

M 2 Drei Magier. 200-300. Epitaph der Serva. Aus der Priscilla-Katacombe. Rom, Vatikanische Museen. Nachzeichnung von Kluckert, S.78

Das Zeugnis der Kunstgeschichte

Die Art und Weise, in der wir uns während des Kurses an der Kunstakademie mit Hilfe von Abbildungen einen Überblick über den Bestand der künstlerischen Darstellungen der ‚Weisen aus dem Morgenlande' verschafft haben, lässt sich nicht ohne weiteres in einer Manuskriptveröffentlichung nachmachen. An Stelle dessen wird eine größere Anzahl von Darstellungen im Verlauf des Textes abgebildet, die zwar nicht streng chronologisch angeordnet sind, aber doch den Gang der Entwicklung repräsentieren können. Die selteneren Darstellungen der ersten Jahrhunderte sind vielleicht überrepräsentiert. Doch rechtfertigt die Aussagekraft dieser Bilder ihre umfassende Dokumentation. Von den Darstellungen der Magier habe ich eine Liste (M1, M2, ...)  angefertigt, die bisher 26 Nummern enthält. Die Darstellungen der Magier umfassen einen Zeitraum vom 3. bis in das 11.Jahrhundert hinein, also 800 Jahre. Die Darstellung der Könige tritt am Ende des 10.Jahrhunderts in einem Fuldaer Sakramentar von 970 und im Egbert-Codex von 980 erstmalig auf. Die beiden letzten Darstellung der Magier in Bernward von Hildesheims Kostbarem Evangeliar und i einem Fries im Roussillon von ~ 1005 liegt etwa dreißig bis achtzig Jahre hinter der ersten Dreikönigsdarstellung. Es gibt also kaum eine Überschneidungszeit.

M 3 Drei Magier. Römischer Sarkophag in Rom 325-350
M 4 Drei Magier. 300-400. Sarkophagfragment aus Marmor. Aus Rom. 29cm. Berlin, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst.
M 5 Drei Magier. 300-400. Unbekannter Sarkophag.

   Im Januar 2010 habe ich mit einer Gruppe von Studenten der Kunstakademie Hamburg das kunsthistorische Motiv der „Heiligen Drei Könige“ untersucht. Die Studenten haben Darstellungen gesammelt, geordnet und im Postkartenformat an eine große Wand geheftet. Es waren knapp hundert Darstellungen. Als Grundstock diente eine Postkartensammlung; für die Suche nach weiteren Abbildungen standen die Bücher in der Bibliothek der Kunstakademie zur Verfügung sowie das Internet.

    Ein Zeitpfeil in der Mitte ermöglichte die nötige rasche und unkomplizierte Orientierung. So konnte leicht ein erster Überblick gewonnen werden. Die Anordnung der Abbildungen oberhalb und unterhalb einer etwa vier Meter langen Zeitachse hätte noch verfeinert werden können, indem wir oberhalb der Achse z.B. nur Abbildungen aus dem Bereich nördlich der Alpen, also z.B. aus England, Holland, Deutschland, Böhmen, Polen und Russland angebracht hätten, unterhalb nur solche aus dem südeuropäischen Reich, also von der iberischen Halbinsel, aus Italien und von der Balkanhalbinsel. Auf diese Weise hätte man leicht auch etwas über die geographische Verteilung der Werke erfahren können. Das ist unterblieben, könnte aber bei einer Wiederholung an einem anderen Motif so gemacht werden. Es sind natürlich auch Verfeinerungen anderer Art denkbar, z.B. eine Anordnung nach Kunstgattungen, u.s.w.   

   Die Studenten haben auch die literarischen Quellen, zunächst vor allem die Bibel, dann aber auch mittelalterliche Quellen wie Johannes von Hildesheim zum Vergleich herangezogen, sowie kunsthistorische, theologische und anthroposophische Kommentare zu dem Geschehen und dessen künstlerischer Wiedergabe zu Rate gezogen.

   Dabei war die Darstellung von Hella Krause-Zimmer „Der Stern von Betlehem“ von besonderem Wert, weil diese anthroposophische Kunstkennerin eine Fülle von alten und neuen Quellen anführt und so einen ersten Einblick in die Forschungssituation der neueren Zeit ermöglicht.

   Die Ergebnisse waren überraschend und bewegend. Das Geschehen erwies sich als rätselhaft, dessen sich wandelnde Darstellungsweise als sehr zeitbedingt und wohl auch interessengeleitet.

   Meine Zusammenfassung stützt sich auf einen nochmals erweiterten Bestand an Darstellungen des Motivs und geht in einzelnen Punkten auch über das gemeinsam Erarbeitete hinaus. Im Wesentlichen aber gebe ich nur das wieder, was auch in den Tagen der gemeinsamen Arbeit  besprochen oder zumindest angesprochen worden ist.

 

Hamburg, 5.10.2015,   Rolf Speckner.

M 6 Drei Magier. 365-400. Sarkophag in Mailand.
M 6 Die drei Magier. 365-400. Sarkophag in Mailand (Ausschnitt links)

Durch unbefangene Betrachtungen und Überlegungen ergaben sich präzise Fragen zur Bildbetrachtung:

Wie verändert sich die Körperhaltung der drei Könige im Laufe der Jahrhunderte?

Welche Farben haben die Personen, ihre Kleidung und Umgebung?

Wohin geht der Blick des Jesusknaben?

Wie war die Kopfbedeckung der Könige?

Wie ist die Umgebung gestaltet?

Kommen die Könige aus unterschiedlichen Richtungen?

Mit welchem Reisemittel kommen sie?

Wie wird der Stern dargestellt?

 

Die Mehrzahl der Darstellungen, die wir gefunden haben, ist in dem Zeitraum zwischen 1100 und 1500 entstanden. Doch haben sich bereits vor 1100 bedeutende Entwicklungen abgespielt.

Die Körperhaltung der drei Gestalten ist zwar auf den verschiedenen Kunstwerken nicht die gleiche, doch auf jeder einzelnen Darstellung sind die drei Personen bis etwa zur Mitte des  zehnten Jahrhunderts alle drei nahezu in der gleichen Körperhaltung gezeigt. Es sind keine individuellen Körperhaltungen dargestellt worden. Aus dieser frühen Zeit liegen folgende Denkmäler vor:

M 7 Die drei Magier. 380-400. Sarkophag in Mailand.
M 7 Die drei Magier. 380-400. Sarkophag in Mailand. Oberes Register (Ausschnitt rechts Ankunft der Magier)

M 1  Fresko 200-220. Domitilla-Katakombe, Rom. Zeichnung von

       E. Kluckert. S.30-31. 

M 2  Epitaph der Serva. 200-300. Aus der Priscilla-Katacombe. 

        Vatikanische Museen, Rom. Kluckert, S.78.

M 3  Römischer Sarkophag. 325-350. In Rom.

M 4  Römischer Sarkophag. 300-400. Fragment aus Marmor. 29cm. 

        Museum für Byzantinische Kunst, Berlin.

M 5  Römischer Sarkophag. 300-400. Unbekannter Ort.

M 6  Römischer Sarkophag. 365-400. In Mailand.

M 7  Römischer Sarkophag. 380-400. In Mailand.

M 8  Siegel oder Medaille aus Mesopotamien. 300-400. Aus: Alfred

        Jeremias. Babylonisches im Neuen Testament. Leipzig. 1905.

M 9   Fresko. xxxx Rom, Domitilla-Katakombe.

M 10  Mosaik. 432-40. Rom, Triumphbogen in Santa Maria Maggiore,

        Zeichnung nach Kluckert. S.84.

M 11 Mosaik. 432-40. Drei Magier bei Herodes. Triumphbogen in Santa

        Maria Maggiore, Rom.

M 12 Elfenbeinrelief. 480-550. Fünfteiliges Diptychon. Mailand,

        Kathedralschatz.

M 13 Frühbyzantinisches Elfenbeinrelief. 500-550. Aus einem

        thessalischen Kloster. 21,7x12,4cm. London, British Museum.

M 14 Mosaik. Um 550. Sant' Apollinare Nuovo in Ravenna.

M 15 Elfenbeinbuchdeckel. 500-600. Etchmiadzin-Evangeliar. Eriwan.

        Matenadaran. Ms.2374

M 16 Mosaik auf der Eingangsfassade. Vor 600. Nazareth. Geburtskirche. Ist

         nur literarisch überliefert. "Im Jahr 614 eroberten die Perser das

         Heilige Land und brandschatzten viele Kirchen. In der Geburtskirche

         von Betlehem aber hielten sie erstaunt inne, nachdem sie die

         Mosaiken auf der Eingangsfassade erblickt hatten. Es war die

         Anbetung der Magier dargestellt, und sie erkannten voller Erstaunen

         ihre Landsleute: 'Aus Achtung und Zuneigung für ihre Vorfahren, die

         sie verehrten, als ob sie lebendig seien, verschonten sie die Kirche.' "

M 17 Runenkästchen von Auzon. 600-620. Nach anderen: 700. London, 

        British Museum.

M 18 Wandmalereifragment. 600-625. Castelseprio, Santa

        Maria foris Portas. Zeichnung nach Kluckert, S.82.

M 19 600-700. Etchmiadzin-Evangeliar. Eriwan.

        Matenadaran. Ms.2374, fol.229.

M 20 Steinrelief. 734-37. Am Pemmo Altar. In Cividale del Friuli.

M 21 Elfenbeinrelief. ~800. Lateinisches Lektionar aus Aachen für Chelles.

        Oxford, Bodleian Library, MS.Douce 176.

M 22 Miniatur. 800-10. Im westfranzösischen sog. ‚Stuttgarter Psalter‘

        Württ. Landesbibliothek, Stuttgart. bibl. fol. 23. Abb.

M 23 Elfenbeinbuchdeckel. 810~ Buchdeckel des Lorscher Evangeliars.

        Stich 1758 von Antonio Francesco Gori.

M 24 Elfenbeinbuchdeckel . ~810. Drei Könige bei Herodes. Rechts 

         Anbetung. Lorscher Evangeliar. Rom. Vatikan

M 25 'Bernward-Evangeliar'. 1000-15. 28x20cm. Hildesheim, Domschatz

         Nr.18, fol.18r.

M 26 Portalfries. 1050-80. Über dem Portal der Kirche Sainte Marie in Le  

         Boulou im Roussillon.  Vom anonymen Meister von Cabestany

         (~1030-80).

M 8 Drei Magier. Medaille aus dem Morgenland. 300-400. Aus: Alfred Jeremias. Babylonisches im Neuen Testament. Leipzig. 1905

Die vorliegenden Darstellungen der frühen Zeit unterscheiden sich auffallend von den späteren. Vor allem tragen die ‚Könige‘ auf ihnen keine Kronen, sondern die Phrygische Mütze. Aber auch ihre gesamte Kleidung kennzeichnet sie als Persische Magier. Während andere handelnde Personen auf den römischen Sarkophagen mit der Toga, dem fußlangen römischen Gewand, oder durch kurze Waffen-röcke und nackte Beine gekennzeichnet werden, fallen die drei ‚Magier‘ durch ihre persische Kleidung  auf. Die Gewänder fallen bis auf den Oberschenkel, darunter kommen Hosenbeine hervor, die – wenn man die schrägen Falten so verstehen darf – vielleicht auch gewickelt sind.

Durch die Verbreitung des Mithraskultes wurde die 'Phrygische Mütze' als Kopfbedeckung persischer Priester im ganzen römischen Reich bekannt, wie es der persische Begleiter des Mithras aus Lönigshofen bei Straßburg, der unten abgebildet ist, demonstriert.

Mithrasrelief von Königshofen (bei Strassburg). 100-200 n.Chr. Dadophor. Strassburg, Musee Archeologique.

Derartige Kleidung ist aber typisch für die Bevölkerung östlich des            

heiligen Landes. In Palmyra, in Hatra, in Babylon trug der vornehme Parther und Perser, wie an Plastiken wie der unten abgebildeten zu sehen ist, zur Zeit der Zeitenwende und in den folgenden Jahrhunderten Hosen sowie ein Obergewand, das auf die Oberschenkel fiel, sie manchmal nur teilweise bedeckte, oft bis ans Knie reichte.

Statue eines Mannes. 200-240n.Chr. Hatra.
M 9 Drei Magier. xxxx. Fresko. Rom, Domitilla-Katakombe.

Frühe Darstellungen der drei Weisen oder Magier sind weit verbreitet. Erhalten sind nicht nur römische und griechische Darstellungen, sondern auch solche aus Mesopotamien (M 7), aus dem Kaukasus (M 14) und aus dem keltisch-germanischen Kulturraum (M 15). Es würde sich vermutlich lohnen die frühe georgische, koptische und äthiopische Kunst auf weitere Darstellungen hin zu durchsuchen.

M 10 Die drei Magier. 432-440. Mosaik. Triumphbogen in der Kirche Santa Maria Maggiore, Rom. Zeichnung aus Ehrenfried Kluckert. Die heiligen Drei Könige und ihr Weg nach Rom. Augsburg 2010. S.84.
M 10 Das thronende Jesuskind mit dem Stern. Daneben Engel. Mosaik. Nach 432-440. Triumphbogen in der Kirche Santa Maria Maggiore, Rom.

Erst nach 700-800 Jahren, am Ende des 10.Jahrhunderts, werden die Weisen auf den Darstellungen der Kunst als Könige gekennzeichnet. Um denselben Zeitpunkt herum findet auch ein Zunehmen individueller Züge statt. Die beiden frühesten Darstellungen der Weisen mit Kronen sind wohl das Bild im Egbert-Codex von ca. 980, den der Trierer Erzbischof Egbert auf der Reichenau in Auftrag  gegeben hat, sowie das Bild in einem Fuldaer Sakramentar von ca. 970, das in Göttingen aufbewahrt wird.

M 13 Drei Magier. 500-550. Frühbyzantinisches Elfenbeinrelief. Aus einem thessalischen Kloster. 21,7x12,4cm. London, British Museum.
M 14 Drei Magier. 550~ Mosaik in San Apollinare Nuovo, Ravenna.
M 15 Drei Könige. 500-600. Etchmiadzin-Evangeliar Buchdeckel. Elfenbein. Eriwan. Matenadaran. Ms.2374
M 17 Drei Magier. ~ 610. Runenkästchen aus Auzon, geschnitzt aus Walbein. 'Franks Caskett'. (Paul Williamson datiert: um 700). London, British Museum.
M 17 Drei Magier. ~ 610. Runenkästchen aus Auzon (Detail).
M 18 Drei Magier. 600-625. Wandmalerei (Fragm.). Castelseprio, Santa Maria foris Portas. Zeichnung nach Kluckert, S.82
M 19 Drei Magier. 600-700. Etchmiadzin-Evangeliar. Eriwan. Matenadaran. Ms.2374, fol.229
M 20 Steinrelief. 734-37. Am Pemmo Altar. In Cividale del Friuli.

Die ottonische Buchmalerei um 1000 zeigt dann schon ausnahmslos diesen Typus, so z.B. das Evangeliar Ottos III. (München. Staatsbibliothek. Codex Clm 4453 fol.29r) , das Perikopenbuch Heinrich II. von 1012 und das um das Jahr 1000 entstandene Limburger Evangeliar. Diese Darstellungsweise bildete sich neu heraus: einige der ottonischen Königsbilder tragen noch die alte Gewandung, andere sind nun ihrer ihrer neuen Würde gemäß mit fußlangen Gewändern gekennzeichnet wie im Perkopenbuch Heinrich II.  

Franz J.Ronig schreibt in einer Untersuchung des Egbert-Codex zu dieser Darstellungsweise: „Die Magier der biblischen Erzählung und der frühchristlichen Kunst sind nun schon zu Königen geworden: sie tragen Kronen. Und auch ihre Tracht ist nicht mehr die der Orientalen mit engen

Beinkleidern und phrygischen Mützen.“[1]

Dies entspricht genau unserer Beobachtung. Nur wüssten wir gerne

etwas über die Gründe dieser gewichtigen Veränderung in der Auffassung und Darstellung der Weisen aus dem Morgenland. Darüber lässt uns Ronig aber im Ungewissen.

Er äußert lediglich die Vermutung:

Die ikonographische Herleitung kann (z.T.) aus byzantinischen Quellen gelingen“, macht aber nicht einmal einen Versuch, das zu bewerkstelligen.[2] Lediglich auf eine Einzelheit weist er hin: Der Zug der drei Könige oben links im Bild zeigt die Könige in Halbfigur. Sie tragen Lanzen statt Zepter. Der vorderste zeigt mit der Hand auf den Stern und dreht den Kopf zu den beiden hinter ihm ziehenden, als wolle er sie auf den Stern aufmerksam machen. Über diese Szene sagt Ronig an derselben Stelle:

Daß die Könige als Halbfiguren dargestellt sind, mag sich aus byzantinischen Bildvorstellungen herleiten, wo die Könige (Magier) oft so dargestellt sind, daß sie wie hinter Hügeln, halbüberschnitten, hervorkommen.“

Auch hier äußert Ronig lediglich eine Vermutung.

   Es ist aber jedenfalls ganz unwahrscheinlich, dass ausgerechnet die byzantinische Kirche, für die die Magier eine viel größere Bedeutung haben als für uns, die Umwandlung der Magier in Könige angeregt haben soll.   

   Da wir mit diesen Darstellungen an die Zeit des mittelalterlichen Streites zwischen Kaiser und Papst heran reichen, kann wohl auch dieser Streit ein

Anlass gewesen sein, Könige statt der Magier vor Maria und dem Kind knien zu lassen.

 

[1] Codex Egberti. Teilfaksimile-Ausgabe des Ms.24 der Stadtbibliothek Trier. Von Günter Franz und Franz J.Ronig. Wiesbaden 1983. S.68-69.

[2] Ronig weist auf ein wichtiges Vergleichsstück hin, auf eine Miniatur in der „Schwesterhandschrift“, dem Poussay-Evangeliar Paris, B.N., lat.10514, fol.18v.

M 21 Drei Magier. 800~ Elfenbeintafel. Lateinisches Lektionar aus Aachen für Chelles. Oxford, Bodleian Library, MS.Douce 176.
M 22 Drei Magier. 800-810. Sog. Stuttgarter Psalter. Württ. Landesbibliothek, Stuttgart. bibl. fol. 23

Die Magier bei Herodes

Einige Darstellungen zeigen außer der Verehrungsszene auch den Besuch der Magier bei Herodes. Das karolingische Elfenbein des Lorscher Evangeliars stellt die beiden Besuche pointiert einander gegenüber. Beide - Herodes und Maria - sitzen erhöht auf einem Thron. Wird damit nicht auch schon die misverstandene Konkurrenz des neugeborenen 'Königs' angedeutet?

M 23 Drei Magier bei Herodes. 810~ Rechts Anbetung. Elfenbeinbuchdeckel des Lorscher Evangeliars. Rom. Vatikan
M 23 Drei Magier. 810~ Buchdeckel des Lorscher Evangeliars. Stich 1758 von Antonio Francesco Gori.

In den Mosaiken von Santa Maria Maggiore in Rom aus dem frühen fünften Jahrhundert werden die Magier ebenfalls vor König Herodes geführt. Neben Herodes sind bewaffnete Wachen und durch ihre weißen Kleider als zwei priesterliche Ratgeber gekennzeichnete Männer dargestellt. Die Magier erghalten also einen 'großen Empfang'. Da Herodes ein König war, wäre es hier besonders wichtig gewesen, ihre Gleichrangigkeit durch eine Krone zum Ausdruck zu bringen. Doch auch in diesen beiden Darstellungen, dem Mosaik in Santa Maggiore (M11) von ca. 430 und dem Lorscher Evangeliar (M22) von etwa 810, tragen die Magier nur ihre phrygischen Mützen.

M 11 Die Drei Magier bei Herodes. 432-440. Triumphbogen in der Kirche Santa Maria Maggiore. Rom.

Es fällt auf, dass drei von den 21 Darstellungen in Mailand entstanden sind oder zumindest seit sehr langer Zeit dort aufbewahrt werden: M5, M6, M11.

Ein kleines Rätsel

M 12 Drei Magier. 480-550. Fünfteiliges Diptychon. Mailand, Kathedralschatz.

Das fünfteilige Diptychon M12 aus dem Mailänder Kathedralschatz zeigt die drei Weisen in der üblichen Verehrungsgeste vor einer thronenden Madonna. Der Knabe sitzt auf dem Schoß der Maria und greift nach dem Geschenk des ersten Königs. Einen Stern kann ich nicht mit Sicherheit erkennen.

Zu dem gleichen fünfteiligen Diptychon gehören aber zwei Darstellungen einer Verkündigung von einem Engel an eine junge Frau. Die eine junge Frau steht hier hinter dem Engel, der sie zu einem Tempel geführt hat, zu dem sieben Stufen hinauf führen. Sie trägt keine Haube, ist also unverheiratet. Es handelt sich also nicht um Elisabeth. Über dem Tempel steht ein Stern. Der Engel weist mit lebhafter Gebärde auif den Stern. Im Eingang des Tempels hängt oder erscheint etwas, das ich nicht erkennen kann.

Der Engel weist auf den Stern, nicht auf den Tempel. Er zeigt also Maria - wenn es sich um sie handelt - nicht den Tempel, in dem sie als Tempeljungfrau erzogen werden und dienen soll. Es kann sich nur um den Stern des Kindes handeln. Da dieser Stern schon am Anfang ihrer Schwangerschaft über dem Tempel steht, handelt es sich nach dieser Auffassung nicht um einen äußerlich sichtbaren Stern, sondern um den geistigen Stern des angekündigten Wesens, das zu ihr - in den Tempel des Leibes - will.   

Verkündigung. 480~550. Der Engel weist auf einen Stern. Der Flügel ist hinter dem Leib der Frau sichtbar. Fünfteiliges Diptychon. Mailand, Kathedralschatz

Die zweite Darstellung zeigt eine junge knieende Frau, an die ein Engel von hinten herantritt. Seine erhobene Hand heischt ihre Aufmerksamkeit. Sein Flügel berührt ihr Haupt zumindest mit der Luftbewegung, die er verursacht. Sie wendet ihren Kopf und blickt ihn an. Ihr Bauch scheint sich etwas zu wölben, was als eine Andeutung des kommenden Kindes verstanden werden kann. Sie hat ihre Rechte erhoben, als hätte sie das Herantreten des Engels erschreckt. Mit der Linken trägt sie  wie mir scheint einen Krug, den sie im Begriff ist in ein fliessendes Wasser zu tauchen. Auch sie trägt keine Haube, darf also nicht als Elisabeth verstanden werden.

Verkündigung. 480~550. Fünfteiliges Diptychon. Mailand, Kathedralschatz

Zusammenfassung

Alles spricht dafür, dass die ersten tausend Jahre des Christentums keine 'Heiligen drei Könige' gekannt haben. Die Leichtigkeit, mit der manche Autoren über diese Tatsache hinweggehen, ist erschütternd: "In den ersten frühchristlichen Jahrhunderten waren die Heiligen drei Könige noch nicht im Gespräch, so dass die Künstler der frühen Katakombenmalereien sich noch streng an das Wort des Evangelisten und der Kirchenlehrer gehalten haben"[1], schreibt zum Beispiel Ehrenfried Kluckert 2010. Nach den Aussagen der Evangelien und nach dem Zeugnis der ersten tausend Jahre des Christentums liegen in Köln keine Könige, sondern persische "Magoi", Anhänger des Zarathustra. Kluckert gibt das mit derselben nonchalance zu: "Die Weisen mußten den 'Magoi', einer medo-persischen Priesterkaste entstammen, die in dem von den Parthern unabhängigen und mit Rom verbündeten Medien lebten. Darin waren sich übrigens auch die frühen Kirchenlehrer wie Klemens, Basilius oder Diodorus einig. Sie berichteten sogar darüber, dass die Magier Anhänger des Religionsstifters Zoroaster waren, der eine entschieden monotheistische Religion predigte und, dem christlichen Glauben verwandt, die Dualität zwischen Gut und Böse und den Sieg des Guten am Tag des Jüngsten Gerichts zur Grundlage seiner Lehre machte."[2] Man wußte demnach recht genau von den Priesterweisen aus Persien als man im 10. und 11. Jarhundert die Magier in Könige umdeutete. Damit hat man aber den Blick von dem übersinnlichen Wissen der persischen Zarathustraschüler abgelenkt auf weltliche Machtfragen: alle Könige beugen sich vor dem 'König der Könige'. 


[1] Ehrenfried Kluckert. Die Heiligen Drei Könige und ihr Weg nach Köln. Sankt Ulrich Verlag, Augsburg. 2010. S.29.

[2] Dito S.28-29.

 

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