Responsio Fratris R.C. 1616

Die Annahme, dass es drei und nicht mehr Rosenkreuzerschriften gäbe, beruht nicht auf einer Erkenntnis sondern auf Konvention. Es gibt eine größere Zahl "echter" Rosenkreuzerschriften. Unter "Echtheit" verstehe ich, dass Inhalt und Form dieser Schriften den Leser in imaginativer Bildsprache an die Schwelle der geistigen Welt heranführen. Diese Beschaffenheit kann man nicht logisch ableiten. Vielmehr tritt der kritischen Analyse das feinere Erleben der Wirkung einer solchen Schrift auf die Seele zur Seite.
Ich stieß auf diese Schrift in einem westdeutschen Antiquariatskatalog, in dem sie als "Bekehrungsgeschichte" eines Bruders R.C. zu einem sehr günstigen Preis angeboten wurde. "R.C." machte mich stutzig....

Responsio Fratris R.C. oder "Antwort des Bruders R.C." von 1616.

Responsio Fr.R.C.

 

Ein jeder begert von Natur / güldene unnd silberne Schätze / Edlgestein und Reichthumb / und für der Welt groß und hoch zu seyn / Gott hat auch alles dieses drumb geschaffen / dass es der Mensch gebrauchen soll / ein Herr drüber seyn / seine göttliche Güte und Allmacht dabey zuerkennen / ihne dafür loben / ehren / unnd ihme dancken soll / es will aber ein jeder dieselben bey guten Tägen / unnd mit [2.] weniger Mühe / Gefahr unnd Arbeit zusammen bringen / unnd erlangen / und dahin sie Gott gelegt hat / und gesucht habe / auch geben will / niemand nachgraben / suchen und finden / darumb dass zum theil von langer zeit her / der Ort und Weg dazu unbekant / und dem meisten Hauffen  verborgen worden / denn daß dazu zu kommen / schwer und mühsam / dazu gefährlich ist / aber doch zu erlangen möglich / Wenn aber Gott von seinem grossen Hauffen nichts verborgen haben will / sondern in diesem letzten seculo, und ehe das endliche Gericht anbricht / den Würdigen offenbaret werden muß / wie Christus selbst redet / jedoch sehr dunckel / damit es die Unwürdigen nicht verstehen mögen / da er spricht: Es muß nichts verborgen bleiben. [3.] So seind wir von dem Geist Gottes angetrieben / diesen deß HErrn Willen inn der Welt zuverkündigen / wie denn auch in unterschiedlichen Sprachen solches von uns außgangen und publiciert / Aber es wird von dem grossen Hauffen / entweder übel auffgenommen / oder ja verachtet / und ohne Gott bey uns gesucht und begert / inn deme sie vermeinen / man solle sie die Kunst / das Golt / auff Alchimistische weiß zu kochen / lernen / oder ihnen ja bald mit grossen Schätzen / wie hoch sie die zu ihrem Pracht/ Hoffart / Krieg / Wucher / Fressen / Sauffen / Unzucht / oder andern Sünden begeren / entgegen lauffen / unnd von dem unsern mittheilen / da sie doch an den zehen Jungfrawen / dass die fünff Thörichten / von den fünff Klugen [4.] Oel fordern / ein Exempel haben / dass es viel auff einen andern Weg / unnd durch eines jeden selbst Bemühung /  durch und in Gott muß erlanget werden : wie wir solcher Gesellen Gemüt / auß sonderlicher göttlicher reuelation, auch auß iren Schrifften bald erkennen / unsere Ohrẽ: gleich wie mit einer Wolcken / für ihrem blecken unnd schreyen / allein nach vergänglichem Golt / bedecken / unnd sie vergebenst ruffen und verlassen / daher dann viel schändens und schmähens / davon nicht zu melden: wider uns gehört / Gott aber zu seiner zeit richten wird.

      Demnach wir aber ewrer beyder fleiß und ernst / den ihr in rechtem  Erkenntnuß Gottes / unnd in lesung der heiligen Biblia anwendet / vorlangst /[5.] wiewol vor euch verborgen / wol gewusst / auch auß ewrem scripto solches erkennt / so haben wir euch vor vil tausent auch einer antwort würdigen müssen / unnd vermelden euch darauff diß / auff Göttliches zulassen / und deß heiligen Geistes ermahnen.

    Es ligt in Medio Terrae oder im Centro der Welt ein Berg / der ist klein und groß / er ist lind und weiche / und auch überaus felsicht unnd hart / er ist einem jeden nahe unnd weit / aber auß göttlichem Raht unsichtbar / inn deme ligen die grösten Schätze / so die gantze Welt nicht zu zehlen vermag / verborgen / er ist aber auß des Teufels Neid / so allwegen Gottes Ehr / unnd deß Menschen Glückseligkeit hindert / mit vielen grimmigen Thieren / und räuberischen Vögeln umbringet [6.] unnd verwahret / welche den Weg / der sehr schwer / gefährlich machen / unnd derowegen bißhero / und weil auch die zeit noch nit vorhanden gewesen / derselbe weder gesucht noch gefunden werden können / unnd doch nunmehr von den Würdigen / jedoch durch eines jeden selbsteigene mühe unnd fleiß gefunden werden muß / Zu diesem Berg gehet ihr in einer Nacht / wann die am längsten unnd dunckelsten ist/ unnd machet euch dazu durch ein andächtigs Gebet von Hertzen geschickt und fertig / und fraget nach dem Weg/ wo der Berg zu finden oder anzutreffen sey/ keinen Menschen/ sondern folget getrost dem Ductori , so sich bey euch befindet/ und under wegs zu euch stossen wird/ aber ihr nit kennen werdet/ der wird euch umb Mitternacht/ [7.] und wann alles still und finster ist/ dazu bringen / aber jr müsset euch mit einem helden und mannlichen Mut gefast machen/ damit ihr für deme / das euch begegnet / nicht erschrecket / unnd zurückweychet / jedoch dörfft ihr dazu keines leiblichen Schwerts / oder anderer Waffen / sondern betet allein stäts unnd andächtig zu Gott / unnd sprecht die Wort stäts nach/ so er euch vorsaget. Wann ihr den Berg nun ersehet/ ist das erste Wunderzeichen/ so vorgehen wird/ ein gewaltiger grosser Wind/ so den Berg sehr zerreissen/ und die Felsen zerbrechen wird/ es werden auch Löwen/ Drachen/ und andere abschewliche Thier sich gegen euch grausam unnd wütend stellen/ aber, förchtet euch nicht/ stehet vest/ begert und stehet auch nit zu rück/ dann ewer [8] Weiser der euch dahin geführet/ wird euch kein Leid widerfahren lassen/ aber der Schatz ist noch nit entdecket/ ob er zwar gar nahe ist /  Bald auff den Wind wird folgen ein grosses Erdbiden / das vollend das / so durch den Wind übergelassen ist / eben machen wird/ aber stehet ja nit zu rück: Nach dem Erdbeben wird folgen ein hefftiges Fewer/ so alle irrdische Materien vollends verzehren / unnd den Schatz entblösen wird / ihr werdet ihn aber nit sehen können/ aber auff diß alles unnd nahe gegen dem Morgen / wird es gar still unnd lieblich werden/ unnd ihr werdet bald den Morgenstern in die Höhe steigen / unnd die Morgenröte anbrechen sehen / und deß großen Schatzes gewar werden / dabey das fürnembste unnd höchste ist: Ein sehr hohe Tinctur [9] /damit die gantze Welt /  wanns nützlich und Gott gefällig/ sie es auch würdig wäre/ könnte tingirt/ und in das höchste Golt köndte verwandelt werden: Diese Tinctur stäts gebraucht/ wie es euch der Wegweiser lernē wird/ machet euch wider gesund unnd jung/ also dass ihr an keinem Gliedmaß einige Kranckheit empfindet: Bey dieser Tinctur findet ihr alle Edelgesteine/ so auff der Welt zu erdencken/ aber jr sollet gleichwol davon selbst nichts nehmen / sondern mit dem zu frieden seyn/ was euch ewer Wegweiser mittheilet/ jhr müsset aber allweg hertzlich danck dafür sagen/ unnd grossen fleiß haben/ dass ihr damit vor der Welt nit pranget/ noch zu solchem anwendet/ so gar zu wider/ sondern es wol gebrauchet/ und also besitzet/ als hettet jrs nit/ [10] euch mässig un eingezogen haltet/ und für allen sündē auffs höchste möglich hütet/ sonsten wird ewer Bruder unnd Glaytsmann sich von euch wenden/ und ihr dieser Glückseligkeit wider beraubet werden/ Dann diß wisset zur guten nachrichtung/ wer dieses missbrauchet/ und für der Welt nit exemplarisch unnd für Gott rein lebet, der verleurt es/ unnd hat wenig hoffnung es wider zuerlangen/ Wann ihr euch nun zu diesem Werck gefast machet/ und einen starken Trieb dazu befindet/ so machet euch auff/ und verziehet es nit/ und es wird sich der/ so euch zu führen/ von uns erbeten/ und zugeordnet werden sol/ underwegs zu euch finden/ dem müsset ihr eine Angelübdniß thun/ wie er euch lehren wird/ bey der Fraternitet euch zu verhalten/ und vest [11] zu verharren / dieselbe gegen keinem Unwürdigen ohne ewres Ductoris verwilligung zu entdecken/ unnd ihme in allweg trewlich nach zu folgen/ und das zu thun/ so er euch leret und saget/ und weder zur Lincken noch zur Rechten außweichet/ sondern euch in allem nach ihme richtet/ das sollet und müsset jr versuchen/ dann ewer gebet und hertzlichs verlangen zu Gott ist erhöret/ und dieser Schätze Theilhafftigkeit / seyt jr und ewers gleichen gewürdigt / Seyt frewdig/ getrost/ unnd ja sorgfältig/ verlasset euch nit auff euch selbst/ sondern auff ewren Führer/ und haltet euch unsträfflich gegen ihme/ dann er ist eine würdige Person/ unnd thut nichts ohne ihne und sein wissen.

  Dann er wird euch / wann jhrs begert / zur seyten seyn/ und nit verlassen/[12] unnd wo unser Convent anzutreffen/ trewlich berichten/ auch von unserer ordnung und Articuln/ so euch zu halten gebürn/ underricht geben/ auch begleiten/ biß die zeit alles völlig offenbarn/ der Löw das Reich einnemē/ und den Lauf der Welt verändern wird/ O glückselige/ würdige unnd geliebte Brüder: In unserem einigen/ Ein:

    Dancket Gott Tag und Nacht für seine Gewalt/ seyet nit sicher/ und ehret ewren Ductorem und Ductatorem, , folget ihme was er euch lehren wird / und wir nicht schreiben können/ und bedenckt wazu ihr kommet/ dass er nit betrübt werde/ sich von euch wende/ und uns ein böß Geschley von euch zu bringe/ Gott erhalte euch.

 

E. D. F. O. C. R. Sen.

Erste Seite der Responsio Fr. R.C., das heißt: der Antwort des Bruders R.C.1617.
Eine wenig bekannte Rosenkreuzerschrift aus dem Jahr 1616.
Der Verfasser dieser kleinen Schrift nennt sich auf der letzten Seite E. D. F. O. C. R. sen. Die drei letzten Buchstaben werden den Orden der Rosenkreuzer bezeichnen O.C.R.). Sein Name ist also E.D.F.
Der namenlose Autor beschreibt einen Initiationsweg mit verschiedenen Erfahrungen. An der Schwelle wird er von einem "Dux", einem Führerwesen abgeholt.
Eine wenig bekannte Rosenkreuzerschrift.[...]
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© Rolf Speckner